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2. Theoretische Grundlagen |
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2.1 Definition Carving
Stammt vom englischen "to carve" ab, was soviel bedeutet wie: schneiden, ritzen, schnitzen.
Geschnittene Schwünge in starker Kurvenlage mit minimaler oder ohne Rutschphase fahren und dabei die Selbststeuerung der taillierten Ski nutzen. (1)
Mit obenstehender Definition soll die Verwendung des Begriffs Carving für die vorliegende Arbeit geklärt werden, da oft nicht klar ist, was Carving genau ist.
2.2 Stand der Wissenschaft
Wie in der Einleitung bereits erwähnt wurde, ist es schwierig Literatur und Studien zum Thema Carving zu finden. In Österreich setzt sich Werner Nachbauer vom Institut für Sportwissenschaften an der Universität Innsbruck sehr intensiv mit Carving auseinander. Von ihm stammen Studien zu verschiedenen Themen, welche mit Carving zusammenhängen. Unter anderem untersuchte er Zusammenhänge zwischen Standhöhe und Kniebelastungen (7) oder Verletzungsmuster bei Skifahrern mit Carving- und Normalski (2).
Genau bei solchen Untersuchungen über die Verletzungen ist es schwierig herauszufinden, welcher Skifahrer nun nach obenstehender Definition gecarvt ist. In der Studie von Nachbauer et al. (2) werden alle Verunfallten, welche mit Carvingskis unterwegs waren, als Carver deklariert. Wenn man sich aber auf den Pisten umschaut, nützt nur ein geringer Prozentsatz der Personen mit Carvingskis die Möglichkeiten ihres Sportgeräts wirklich aus. Sehr viele Skifahrer rutschen auch mit Carvingskis in den Kurven. Wenn sich nun ein solcher Fahrer verletzt, zählt er zu den Carvern, obwohl er nicht gecarvt hat. Diese Ungenauigkeiten verfälschen die Resultate der Studien. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb es betreffend Verletzungsmuster so gegensätzliche Aussagen gibt.
Mit ihrer Studie über die Zusammenhänge zwischen Standhöhe und Kniebelastungen im alpinen Skilauf belegen Nachbauer et al. (7), dass die Belastung im Kniegelenk durch Erhöhung der Standhöhe zunimmt. (Die Standhöhe wird durch eine Platte vergrössert, welche zwischen Ski und Bindung montiert wird.) Sie konnten aber nicht nachweisen, "dass durch diese Belastungszunahme die Beanspruchungsgrenzen der Kniegelenksstrukturen überschritten werden" (7).
Ein Problem der Forschung ist es, dass der Trend des Carving relativ jung ist, und immer mehr verschiedene Carving-Typen auf den Markt kommen. War es in der Saison 1995/96 der "Cyber" von der Firma Head, ein mittelmässig taillierter Allroundcarver, welcher den Boom des Carving eingeleitet hat, so wird heute zwischen Funcarver, Easycarver, Racecarver, Freeride- und Freestyleskis unterschieden.
Durch die Vielzahl der verschiedenen Geräte gibt es auch verschiedene Fahrstile. In der Folge werden drei weitverbreitete Stile theoretisch beschrieben. Das Ziel dieser Arbeit ist es, diese drei Typen auch praktisch miteinander zu vergleichen, Vor- und Nachteile hervorzuheben und allenfalls auf verschiedene Verletzungsrisiken zu schliessen.
2.3 Carving ist nicht gleich Carving
Wie oben bereits beschrieben, gibt es mittlerweile einige verschiedene Typen von Carvingskis. Es gibt aber auch verschiedene Fahrstile. Diese entstehen zum einen durch verschiedene Könnensstufen, zum anderen durch unterschiedliche Interessen der Skifahrer. Ein Gelegenheitsskifahrer fährt so, dass er Spass hat und sich einige Tage im Winter auf den Brettern vergnügen kann. Unser Testfahrer hingegen, ein Skilehrer, welcher jeden Tag auf den Skis steht, möchte auch seinen Spass haben. Für ihn ist Carving ein Spiel an der Grenze zwischen Gleichgewicht und Ungleichgewicht. Nach eigenen Aussagen ist er ständig "auf der Suche nach dem Ungleichgewicht". Um so fahren zu können, braucht es einiges an Können, Kraft und Mut. In diesem Punkt sieht er den grossen Nachteil für jene Carver, welche nicht regelmässig auf den Skis stehen und trainieren.
In der Folge wollen wir Carving zuerst allgemein, wie es im Lehrmittel Ski Schweiz steht, und anschliessend die drei verschiedenen Fahrstile, welche wir in den Testfahrten betrachtet haben, definieren.
2.3.1 Carving allgemein
Technische Hinweise:
Durch Beugen und/oder Strecken der Beine sowie Orientieren-Drehen des Körpers im Schwungsinn kippt der Körper, dabei werden die Ski entlastet, umgekantet und beginnen dank ihrer Taillierung zu drehen.
Von den nun aufgekanteten und bereits schneidenden Ski kippt der Körper über das sich beugende Innenbein weiter in Richtung Schwungzentrum. Gleichzeitig wird die eingeleitete Drehbewegung in beabsichtigtem Schwungsinn fortgeführt.
Um das Aufkanten der Ski zu verstärken und den Schwung stärker zu schneiden, wird das Innenbein bei gleichzeitigem Strecken des Aussenbeins, anhaltend gebeugt und der Körper dabei sehr stark in die Kurve gelegt (kippen). Um die Fahrposition zu stabilisieren und das Verengen des Schwungradius weiter zu begünstigen, können die Ski durch Knicken in Hüften und Knien zusätzlich aufgekantet, sowie durch Orientieren-Drehen des Körpers oder Teile davon in Orientierungsrichtung weitergedreht werden. (10)

Abb. 2.1: Der Carveschwung (10)
2.3.1.1 Radien
Da bei den meisten Ski, welche heute im Handel sind, beide Kanten den selben Radius aufweisen gibt es in den Kurven Probleme, falls beide Ski gleich stark belastet werden. Die Spur der beiden Ski müsste sich schneiden. (Abb. 2.2)
Optimaler sind Ski, welche asymmetrische Kanten aufweisen. Die Aussenkante weist jeweils einen kleineren Radius auf, damit Aussen- und Innenski zwei parallele Kreise beschreiben (Abb. 2.3). Ganz optimal ist auch diese Lösung nicht, da nicht jeder Skifahrer gleich breit fährt. Denn je weiter die Ski auseinander sind, desto grösser müsste der Unterschied der Radien sein.
Abb. 2.2: Spur bei symmetrischem Radius
Abb. 2.3: Spur bei asymmetrischem Radius
2.3.1.2 Dynamisches Gleichgewicht (9)
Beim Carven wirken in jedem Moment der Bewegung mehrere Kräfte auf den Skifahrer ein. Die Wirkung aller angreifenden Kräfte muss so geregelt werden, dass die resultierende Kraft R durch die Unterstützungsfläche U verläuft. Man spricht vom dynamischen Gleichgewichtsverhalten. Die Unterstützungsfläche U ist die Fläche zwischen den äussersten Auflagelinien der Ski. Im Extremfall wird sie durch die Auflagefläche einer Skikante gebildet. Verläuft R nicht durch die Unterstützungsfläche, stürzt der Skifahrer.
Abb. 2.4: R verläuft durch U
2.3.1.3 Standhöhe
Die Standhöhe des Skifahrers ist ein Problem, welches häufig diskutiert wird. Studien wie die von Nachbauer et al. (7) zeigen auf, dass durch eine grössere Standhöhe die Belastungen auf das Knie zunehmen, was zu Verletzungen führen kann.
Auf der anderen Seite haben die Fahrer mit geringerer Standhöhe Probleme, wenn sie sich stark in die Kurve legen. Wenn sie zu stark aufkanten, kann es vorkommen, dass der Skischuh in den Schnee kommt, die Kante des Skis keinen Griff mehr hat und der Skifahrer deshalb stürzt. Je grösser die Standhöhe ist, desto extremer kann sich der Fahrer in die Kurve legen.
"Die für das Aufkanten erforderliche Momenteinleitung erfolgt durch eine Kipp- oder Knickbewegung. Aufgrund des veränderten Breiten- Höhenverhältnisses ist beim Ski mit Platte ein kleinerer Aufkantwinkel ( 2 > 1) notwendig, um die Normalkraft an den Rand der Unterstützungsfläche wandern zu lassen (Abb. 2.5)." (1)
Abb. 2.5: Aufkanten mit und ohne Bindungsplatte (1)
2.3.1.4 Geschwindigkeit
Bei vielen Leute herrscht die Meinung, dass beim Carving höhere Geschwindigkeiten auftreten als beim konventionellen Skifahren. Dies hängt sicher damit zusammen, dass beim Carving die Kurve auf der Kante gefahren und nicht gerutscht wird. Das Rutschen des konventionellen Fahrstils hat zur Folge, dass der Fahrer bei jedem Schwung etwas gebremst wird. Aber auch der Carver kann seine Geschwindigkeit durch seine Technik regulieren: Der Carver fährt seinen Schwung so weit, bis er gegen den Berg fährt und so gebremst wird. Dadurch sieht beim Carving die Spur anders aus als beim konventionellen Skifahren.
Abb. 2.6: Carvingschwung
Abb. 2.7: Konventioneller Schwung
Auf den Abbildungen 2.6 und 2.7 sieht man auch klar einen Konflikt, der sich zwischen Carvern und "Normalskifahrer" ergeben muss. Während der Skifahrer mit dem konventionellen Ski primär in der Falllinie fährt, beansprucht der Carver die gesamte Pistenbreite, um seine Schwünge auszufahren. In diesem Konflikt lauert eine grosse Unfallgefahr durch Zusammenstösse.
Wie schon erwähnt, gibt es verschiedene Carvingski-Typen. Die Typen unterscheiden sich vor allem in ihrem Radius. Je grösser dieser ist, desto mehr Platz braucht der Fahrer um seine Spur in den Schnee zu ziehen, so dass sich auch die Carver gegenseitig in die Quere kommen können. Je grösser der Radius des Skis ist, desto länger fährt der Skifahrer in der Falllinie und desto schneller wird er.
2.3.2 Spezifische Fahrstile
Wie in der Einleitung gesagt wurde, werden in dieser Arbeit drei verschiedene Carvingstile untersucht. Die ersten beiden Fahrstile, das breite und geschlossene Carving wurden mit einem Funcarver gefahren. Der dritte Stil sollte etwas stärker gerutscht werden. Um dies zu erreichen, musste der Testfahrer mit einem Racecarver denselben Radius fahren, welchen er mit dem Funcarver sauber auf der Kante fuhr. Dieser Stil trifft am ehesten für die Skifahrer zu, welche nur ab und zu auf den Ski stehen. Die Fahrten mit dem Racecarver wurden mit Stöcken gefahren.
2.3.2.1 Breites Carving
Abb. 2.8: Skizze eines Fahrers mit breitem Carving
Dieser Stil wird vor allem Anfängern vermittelt. Der grosse Vorteil besteht darin, dass durch den breiten Stand die Unterstützungsfläche gross wird und es für den Skifahrer einfacher ist, im Gleichgewicht zu bleiben. Es braucht auch weniger Mut, da der Aufkantwinkel durch das Verkürzen des Innenbeines, einen Hüft- und Knieknick, reguliert werden kann.
Um so breit stehen zu können muss das Knie des Innenbeins stark flektiert werden, was laut Freudiger und Friederich zu starken Belastungen auf das Kreuzband führen kann (3). Problematisch wird es, wenn der Quadriceps angespannt ist und dadurch die Antagonisten gehemmt werden.
Beim breiten Carving ist zu erwarten, dass der Aussenski wesentlich stärker belastet wird als der Innenski. Wie oben beschrieben, müssten sich die Spuren der beiden Ski kreuzen wenn beide gleich belastet würden. Hinzu kommt, dass der Innenski nicht so stark aufgekantet werden kann und oft relativ flach geführt wird.
Der Fahrer des breiten Stils braucht auch keine sehr hohe Platte um seine Standhöhe zu vergrössern, weil er sich nicht extrem in die Kurve legt. Hinzu kommt, dass er sich mit dem Innenski auffangen kann, falls er mit dem Skischuh des Aussenskis, welchen er stärker aufkantet, in den Schnee kommt und wegrutscht.
2.3.2.2 Geschlossenes Carving
Abb. 2.9: Skizze eines Fahrers mit geschlossenem Carving
Dieser Stil eignet sich vor allem für Fortgeschrittene und Könner. Die Ski werden ziemlich geschlossen, das heisst ca. 30 cm breit geführt. Der Vorteil ist, dass beide Beine ziemlich gestreckt bleiben.
Dadurch, dass die Ski nahe zusammen sind, sind auch ihre Spuren sehr ähnlich und die Gefahr des Kreuzens ist geringer. Dies lässt erwarten, dass die Gewichtsverteilung ausgeglichen ist. Laut Aussagen von Carvingspezialisten beträgt die Verteilung etwa 50% zu 50%. Zum Teil wird der Innenski sogar stärker belastet als der Aussenski.
Da durch das enge Führen der Ski die Unterstützungsfläche kleiner wird, ist es schwieriger diesen Stil zu fahren. Um die Resultierende der Kräfte durch die Unterstützungsfläche zu bringen, muss der Fahrer eine stärkere Kurvenlage einnehmen, was wiederum mehr Mut erfordert. Für die Spezialisten ist dies genau der Reiz am Carving: Das ständige Spiel an der Grenze zwischen Gleichgewicht und Ungleichgewicht.
Die extreme Kurvenlage und der damit verbundene grosse Aufkantwinkel verlangen eine grössere Standhöhe. Wenn der Fahrer bei diesem Stil mit einem Schuh in den Schnee kommt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er stürzt, sehr gross. Der Carver ist bei diesem Stil im Konflikt zwischen der Verletzungsgefahr durch die Standhöhe und der Verletzungsgefahr durch einen Sturz, wenn die Standhöhe zu gering ist.
2.3.2.3 Racecarver
Abb. 2.10: Skizze eines Fahrers mit dem Racecarver und Skistöcken.
Mit dem Racecarver kann sowohl geschlossen als auch breit gefahren werden. Der Hauptunterschied liegt in der weniger starken Taillierung der Ski. Dadurch muss der Fahrer einen grösseren Radius fahren, wenn er die ganze Zeit auf der Kante stehen will. Die Folge des grösseren Radius ist, dass der Fahrer länger in der Falllinie ist und deshalb schneller wird. Um den grossen Radius auf der Kante auszufahren und die Geschwindigkeit zu regulieren, indem gegen den Berg gefahren wird, wird ein viel grösserer Teil der Piste benötigt als mit einem Funcarver.
Werden die Kurven nicht ausgefahren, so ist es gut möglich, dass das Schwungbild aussieht wie beim konventionellen Skifahren. Das Problem hierbei ist, dass man die Kurven fahren kann, ohne zu rutschen, und dass somit die Bremsphase fehlt. Die Folge ist, dass der Fahrer immer schneller wird, was sehr gefährlich werden kann, wenn der Fahrer nicht sicher auf den Brettern steht.
Fährt aber der Skifahrer mit dem Racecarver den gleichen Radius wie mit einem Funcarver, wie bei folgenden Messungen, so wird er gezwungen in der Kurve stärker zu rutschen. Durch die Rutschphase ist zu erwarten, dass der Fahrer langsamer fährt als mit Funcarvern.
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