WER HAT ANGST VORM SCHWULEN MANN?
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ESQUIRE: Met de navel naar de hemel

NRC: Topsport met olijfolie en kebab

VOLKSKRANT: Glibberen op theaterpodium

RAINBOW: Hormonen opeens in alarmfase 1

AKTUEEL: De Olie-giganten zijn onder ons!

PAROOL: Spijkerbroeken volstrekt kansloos

HIGHLIFE: Glibberende en gespierde gladiatoren

ALLOCHTONE KRANT: EK-olieworstelen breekt alle records

AMSTERDAMS STADSBLAD: Leernicht en olieworstelaar

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  Alper Yazoglu, den Verbandsvorsitzenden der traditionellen Kirkpinar-Kämpfe

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Sie werden wie Helden verehrt. Gilt doch der traditionelle türkische Ölringkampf Kirkpinar als eine der härtesten Sportarten. Und doch scheinen sich die starken Männer von Edirne zu fürchten.

Alper Yazoglu, den Verbandsvorsitzenden der traditionellen Kirkpinar-Kämpfe, treibt derzeit eine wichtige Aufgabe. Man werde versuchen, den angekündigten Besuch einer homosexuellen Gruppe bei den diesjährigen Meisterschaften mit allen Mitteln zu verhindern. Um welche Mittel es sich dabei handelt, wird schnell klar. Die Nachrichtenagentur REUTERS zitiert den Funktionär mit den Worten: "Wir werden diese Angelegenheit an das Innen- und das Außenministerium weiterleiten, um dieses geschmacklose Geschäft zu verhindern."

Das "geschmacklose Geschäft" ist nichts anderes als ein harmloser Pauschal-Trip, den die Schwulengruppe "VUF! - Türkische Bären" im Internet ankündigt: ein viertägiger Aufenthalt bei den 639. Kirkpinar-Meisterschaften in Edirne, "Wein, Käse und eine Hamam-Party" inklusive. Wo sich starke Männer mit Olivenöl einreiben und unter freiem Himmel in Lederhosen ringen, scheint man Angst vor einer Handvoll schwuler Zuschauer zu haben. "Wir sind nicht erwünscht, aber wir werden da sein!" verkünden die Mitglieder von VUF! dann auch trotzig auf ihrer Webpage.

Keine Angst vor Schwulen hat man offenbar in den Niederlanden. Hier finden im Juni die westeuropäischen Kirkpinar-Meisterschaften statt. "Wie will denn Herr Alper schwule Besucher aussortieren?" fragt Murat Kirbacoglu, Teilnehmer der Amsterdamer Kirkpinar-Meisterschaften. "Hat er tatsächlich gesagt, daß er all diese Ministerien einschalten will, um Schwule aus Edirne zu verbannen? Oder hat ihn vielleicht ein Reporter zu einer solchen Aussage provoziert?" Um Schadensbegrenzung ist dann auch Veyis Güngör, Vorsitzender von Türkevi und Organisator der niederländischen Veranstaltung, bemüht: "So ein Quatsch. Lassen Sie mich klarstellen, daß jeder bei den Amsterdam-Kirkpinar willkommen ist." Daß man dabei jede Menge halbnackter Körper sieht, ist für Güngör kein Problem: "Das widerspricht nicht den muslimischen Regeln."

Amsterdam und Edirne scheinen also nicht nur geografisch weit voneinander entfernt zu sein. Es ist eben noch ein langer Weg nach Europa. Auch für türkische Verbandsfunktionäre.

Aus: PINS - THE MAG


DIE ÖL-RINGER VON KIRKPINAR
Öl, Schweiss und Muskeln

In Edirne stellen sich Jahr für Jahr Hunderte von Männern zum Zweikampf - bekleidet nur mit Lederhosen und von Kopf bis Fuß eingerieben mit Olivenöl. Aus allen Ecken und Enden des Landes reisen die besten Ringer an die türkisch-bulgarische Grenze. Das rutschige Rangeln, seit Jahrhunderten Nationalsport der Türken, ist Volksfest und rituelles Schauspiel zugleich und endet mit der Kür der Meister in Kirkpinar. Der große Ringertreff am Rande Europas zieht immer mehr Besucher aus der ganzen Welt in seinen Bann.

Die Dame im Istanbuler Reisebüro konnte uns nicht helfen. Nein, es würde nun wirklich kein Bus mehr nach Edirne fahren. Stattdessen reichte sie uns einen Hotelprospekt: "Vier Sterne mit Swimming Pool, direkt am Schwarzen Meer." Nun wollten wir aber nicht an's Schwarze Meer sondern die eingeölten Ringkämpfer von Edirne sehen. Zum Glück schaltete sich noch rechtzeitig ihr Kollege ein. Er hätte einen Schwager, der würde morgen früh mit seinem Laster nach Edirne fahren. Wenn wir wollten, könnten wir bestimmt mitfahren. Über den Preis werde man sich schon einigen.

Und so schaukelten wir also am darauffolgenden Tag die 250 Kilometer staubige Landstraße in einem mit Steinen beladenen Vorkriegsmodell in Richtung türkisch-bulgarische Grenze. Ayhan, unser Fahrer, kramte eine vom Türkischen Ministerium für Kultur und Tourismus herausgegebene Broschüre hervor. "Das Ölringen ist der Nationalsport der Türken. Die Meisterschaften in dieser Disziplin werden alljährlich im Juli, außerhalb von Edirne, in Kirkpinar ausgetragen. Der Wettkampf wird dadurch erschwert, daß sich die Ringer mit Olivenöl einreiben." Na toll, so viel wußten wir auch schon vorher. Ayhan bemerkte, daß das alles Unsinn wäre. Der wahre Nationalsport der Türkei wäre nämlich Fußball. Und was das Ringen im allgemeinen angehe und die Wettkämpfe von Edirne-Kirkpinar im besonderen, so mache er sich da seine eigenen Gedanken. Ganz gewiß hätte jeder Türke das Ringen im Blut, so fuhr er fort, aber in Edirne gäbe es zu viel nationalistisches Gequassel drumherum.

Natürlich machten sie in Edirne oft genug auch erstklassigen Sport, daneben aber auch jede Menge Show und Schiebung, und vor einigen Jahren hätten sie's so schlimm getrieben, daß die Wettkämpfe abgebrochen werden mußten! Auf dem Land, in der Provinz, ja da sei die Sache noch echt, und da könne es zum Beispiel passieren, daß sich zwei Dörfer um eine neue Schule bewerben, und Geld ist nur für eine Schule da. Was tun sie, die Dörfler? Sie veranstalten einen Ölringkampf, und das Dorf, das den Sieger gestellt hat, kriegt die Schule! Übrigens gebe es in vielen Gegenden der Türkei keine Hochzeit ohne Ölringer. Trotzdem: "Das Mittelalter ist vorbei", sagt Ayhan, "Europa spielt Fußball, das ist die sportliche Zukunft der Türkei!"

Einige Kilometer vor unserem Reiseziel kündigte sich die Stadt Edirne aus der Ferne mit einem atemberaubenden optischen Fanfarenstoß an: mit dem 400 Jahre alten Wunderbau der Moschee Sultan Selims II, eines wohl recht unerfreulichen Herrschers und Trunkenbolds. Um es vorwegzunehmen: Edirne hielt, was es aus der Ferne versprochen hatte, und drei Tage lang, nahm uns die Stadt und nahm uns das Wettkampfgeschehen gefangen.

Die Stadt wimmelte: Wimmelte von Menschen aus allen Winkeln der asiatischen und der europäischen Türkei. Gelegentlich zeigten sich sogar nationale Größen, und auf den Ehrenplätzen im Stadion saß die Lokal-Prominenz und gab eine Dauervorstellung im Sich-Huldigen-Lassen.

Überhaupt, die Ringer mochten der Anlaß des ungeheuren Trubels sein, sein Zentrum waren sie nicht, und als sich am letzten Tag des Turniers ein wahrhaft homerischer Kampf zwischen zwei der ganz großen entspann und über vier (!) Stunden hinzog, da waren Ringer und Ringerfreaks - von der unvermeintlichen Prominenz einmal abgesehen - im Stadion so ziemlich unter sich, und die Tausende in den Jahrmarksstraßen, auf den Picknickplätzen und im Vergnügungspark taten, als ginge sie das ganze heroische Theater nichts an.

Sie waren sympathisch, die Ölringer, und sie hatten mindestens so viel Würde wie die die Leute auf den Ehrensitzen, und sie liebten das Ritual. Man spürte das beim pesrev, bei der Kampfeinleitung, die darin besteht, daß die Wettkampfteilnehmer dreimal das Stadion mit wuchtigen Sprungschritten durchmessen, wobei ein ausgesprochen schuhplattlerisches Element ins Spiel kommt, wenn sich die Männer lederbehost wie sie sind, auf die Beine schlagen und dann in die Hände klatschen. Womit die prächtige Show aber noch nicht vorbei ist, denn dem ersten Part folgt das Küssen des Grasbodens, das als Zuschauerbegrüßung gedeutet wird und schließlich gibt's noch das helallasma, das Händereichen unter den Kämpfern, das mit einer Demutsgeste verbunden wird, die man auch im türkischen Alltag oft beobachten kann: Man führt die Hand des anderen zuerst an den Mund und dann an die Stirn.

Die Ausscheidungskämpfe in Edirne finden in acht Klassen statt, die nicht etwa Gewichts-, sondern vielmehr Qualifikationsgruppierungen darstellen. Trotzdem, so wurden wir belehrt, kann in diesem Sport keiner je Champion werden, der nicht wenigstens 90 oder 100 Kilo auf die Waage bringt. Daran wird auch die Tatsache nichts ändern, daß die Ölringer in den letzten Jahren immer gewandter und geschmeidiger geworden sind und die bloße Kraft nicht mehr alles ist.

Siegen kann der Ölringer auf dreierlei Art: indem er seinen Gegner vom Boden hebt und drei Schritte vor sich her trägt; indem er ihn auf dem Grasboden einmal ganz herumrollt oder ihn aus der Stand eine Rolle vorwärts machen läßt; und drittens, aber das gilt nur für Kämpfer der obersten Klasse, indem der Gegner so geworfen wird, daß - so der bildhafte Ausdruck - sein Bauch den Himmel sieht (was nicht bedeutet, daß der unterlegene mit beiden Schultern den Boden berührt).

Und schließlich gibt es noch eine Art zu siegen: Man zerreiße dem Gegner die Hose! Was gar nicht so leicht ist, denn die Hosen sind aus Leder. Falls man es nicht darauf anlegt, die gegnerische Hose zu zerfetzen, dieses Kleidungsstück aber trotzdem und sozusagen zufällig zerstört, kann man, wenn man ein netter Kerl ist, seinem Gegner gestatten, sich eine neue Bedeckung für seine Blöße zu beschaffen, und der Kampf geht dann weiter.

Klar, daß solches Hosenmißgeschick gar nicht so selten vorkommt, denn es gehört zu den erlaubten Griffen, mit der einen Hand in den gegnerischen Hosenbund einzudringen und mit der anderen den Gegenüber in ein Hosenbein zu fassen. Schafft man's auf diese Weise, den Gegner in die Höhe zu heben, dann darf dieser ausnahmsweise, was er sonst unter keinen Umständen darf: Er darf würgen. Läßt der Opponent daraufhin das Hosenbein los, muß die Würgerei aufhören. Tabu sind grundsätzlich Augen, Ohren und die Geschlechtsteile, auch Ohrfeigen sind nicht drin, ebensowenig wie Stöße mit dem Kopf.

Was nun aber die Feinheiten der Kampftechnik angeht, so sind sie für einen krassen Neuling nicht ohne weiteres zu fassen; wir jedenfalls haben zwei Tage gebraucht, ehe wir einen formidablen Griff namens "Schweinefalle" (domuz kapani) von einem "Hundeschwanz (köpek kuyrugu) zu unterscheiden vermochten. Und worin das Wesen des "Pappelpflanzens" (kavak dikme) besteht, haben wir auch heute noch nicht ganz begriffen.

Absolut einzigartig ist, daß die Ölringer offensichtlich nur funktionieren, wenn sie Musik hören. Es gibt keinen Kampf ohne das Dröhnen der großen Trommeln, der "davul" und ohne das wahnwitzige Jammern der Oboen, die hier "zurna" heißen. Diese Musik hatten wir noch tagelang im Ohr, als wir schon wieder zu Hause waren und die Bilder von keuchenden braunen Leibern, die von Öl und Schweiß triefen, mischen sich mit der Erinnerung an jene penetranten Klänge.

Unter den Freaks im Stadion war auch ein feingekleideter Herr, Textilfabrikant, dessen Schnurrbart mindestens ebenso gewaltig war wie sein Rechtsdrall. Und von dem erfuhren wir, wie es zu Edirne-Kirkpinar-Wettkämpfen gekommen war. Da hatten nämlich vor gut 637 Jahren 40 "pehlivanlar" gegen ebenso viele Bulgaren gekämpft. Und so sehr sie sich auch wehrten, die 40 türkischen Champions, so mußten sie doch ins Gras beißen. Aus der Wiese aber, die sie mit Blut gerötet hatten, entsprangen 40 kleine Quellen, für jeden der Tapferen eine. Und darum heißt die Stätte "Kirkpinar", denn das bedeutet "Vierzig Quellen". Zum Andenken an jene verblichenen Helden aber, so belehrte uns der Geschniegelte, würden hier bis auf diesen Tag Ringkämpfe ausgetragen.

Von einer anderen Variante der Geschichte wußte Fikret zu berichten. Gebürtig aus Istanbul stammend, war es bereits die fünfte Kirkpinar-Veranstaltung für den Neunzehnjährigen. So einer muß einfach Bescheid wissen. Nach seiner Version zog um 1360 eine Gruppe von 40 türkische Soldaten unter dem General Süleyman Pasa durch Thrakien. Bei jeder abendlichen Rast vertrieben sich die Krieger ihre Zeit mit Ringkämpfen. Eines Tages erreichten sie Edirne und begannen ihre Ringkämpfe wie jeden Abend. Bei Sonnenuntergang waren noch nur zwei Ringer übrig; doch keiner schaffte es, den anderen zu besiegen und so rangen sie die ganze Nacht hindurch, bis sie schließlich am nächsten Morgen vor Erschöpfung tot umfielen. Ihre Kameraden begruben sie an eben diesem Ort und kurz darauf sprudelten 40 kristallklare Quellen aus dem Boden.

Erst an unserem letzten Abend in Edirne stießen wir auf Baris Endemir, einen Mann mit Durchblick, weil Gymnasialprofessor im Ruhestand. "Dieses sogenannte Kirkpinar-Turnier", sagte unser neuer Freund, während er den vierten Raki, jenen wundersamen Anisschnaps leerte, "existiert seit 64 Jahren, und die traurige Geschichte von den 40 Helden, von der es übrigens ein Dutzend verschiedener Fassungen gibt, ist keinen Tag älter. Aber weil in der Türkei alle Geschichten unheimlich schnell Patina ansetzen, glauben alle Leute, die Sache sei uralt." Tatsächlich hatten die Ölringer im ausgehenden 19. Jahrhundert ziemlich abgewirtschaftet. Nach dem Ersten Weltkrieg kam dann die große nationale Erneuerung der Türkei mit jeder Menge Chauvinismus und Kraftmeiertum. Und vielleicht paßte das Ölringen den Kraftmeiern und Chauvinisten irgendwie in den Kram - jedenfalls gibt es anno 1925 plötzlich ein neues Forum für die Ölringer, eben die Edirne-Kirkpinar-Wettkämpfe.

Ein bißchen rätselhaft bleibt, warum die Gründerväter dieser Institution ihrem Kind den Namen "Kirkpinar-Festival" gaben. Haben sie, wie manche meinen, die Tradition einer für ihre Ringkämpfe berühmten Ortschaft namens Kirkpinar auf die Stadt Edirne übertragen wollen? Und wenn ja, wo ist dieses Kirkpinar? Auf heute griechischem Territorium? Oder in Bulgarien? Auf der Landkarte jedenfalls hat es noch keiner gefunden. Herr Endemir, der Mann für den Durchblick, ist fest davon überzeugt, Kirkpinar sei nichts anderes als eine Erfindung der Festival-Gründer. Inzwischen hat natürlich auch die Legende kräftig weitergearbeitet, und heute kann man sogar in offiziellen Publikationen lesen, Kirkpinar sei eh und je eine Wiese gleich außerhalb von Edirne gewesen.

Doch wen kümmert das? Ein Sport ist ein Sport und lebt, gerade in der Türkei, von Traditionen. Wie stark die sind, wurde erst im Vorfeld der 2000er Kirkpinar-Wettkämpfe deutlich, als Alper Yazoglu, der amtierende Verbandsvorsitzende der Kirkpinar-Kämpfe, einer schwulen Besuchergruppe, die eine Reise nach Edirne organisierte, die Einreise in die Türkei verbieten lassen wollte (siehe: "Wer hat Angst vorm schwulen Mann?").

Nun ja, wir jedenfalls sind dabei gewesen und haben drei spannende und beeindruckende Tage und Nächte mit wahrhaft herzlicher Gastfreundschaft erlebt und konnten, dank Fikret, am eigenen Leib erfahren, wie anstrengend aber gleichzeitig auch aufregend so ein Öl-Ringkampf unter freiem Himmel sein kann.

Murat Cengiz und Julian Sacher in The Pin


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