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| Das Verhältnis
der Volksgruppen untereinander ist auch nach 80 Jahren Zugehörigkeit
zu Italien immer noch gestört, die Wunden der Annexion nicht verheilt.
Vor allem die Elterngeneration nährt weiterhin Vorurteile gegenüber Italienern. Immer noch gehen Mädchen und junge Frauen Freundschaften mit "richtigen Italienern" (so die gängige Bozener Sprachregelung) aus dem Weg, weil sie zu Hause Sanktionen fürchten. Kein Wunder, dass sich laut einer Jugendstudie des Landesinstituts für Statistik 41 Prozent der deutschsprachigen, aber nur 18 Prozent der italienischen Jugendlichen mit ihrer Heimat Südtirol identifizieren; jeder zweite Italiener fühlt sich am meisten mit "Italia" verbunden. Das getrenntsprachige Schulsystem und die alle zehn Jahre einzureichende "Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung" helfen mit, die Barriere zwischen den Volksgruppen aufrechtzuerhalten. Der Kulturkampf um die Sprache nimmt bisweilen bizarre Züge an. Am Bozener Bahnhof kam es vor, dass ein italienischer Beamter nur dem eine Fahrkarte verkaufte, der den Südtiroler Zielbahnhof auf Italienisch nennen konnte. Ein deutschsprachiger Landesbediensteter wurde wegen Amtsmissbrauchs zu umgerechnet 700 Mark Buße verurteilt, weil er einem Italiener Auskünfte nur auf Deutsch erteilen wollte. Das 1972 eingeführte Autonomiestatut brachte deutliche Besserung, inzwischen sind eher die Deutschsprachigen privilegiert. Deutschsprachige (65,3 Prozent der 460 000 Südtiroler) und die Minderheit der Ladiner (4,2 Prozent) eint der Wille, mit Italienern möglichst wenig zu tun zu haben. In 112 von 116 Kommunen haben die Deutschen das Sagen. Die Italiener wiederum registrierten missmutig, wie ihre einstigen Privilegien bei der Umsetzung der Autonomie dahinschwanden. Früher schanzten sie sich 90 Prozent der Stellen im Öffentlichen Dienst zu, heute stehen ihnen nach dem Proporz von 10 Arbeitsplätzen in der Verwaltung statistisch nur noch 2,7 zu. Das Zusammenleben
der beiden Bevölkerungsgruppen, tröstet sich Landeshauptmann
Durnwalder, "funktioniert wie in einer
Ganz Südtirol müsse schuften, damit Italiens unterentwickelter Süden ernährt werden könne, lautet ein verbreitetes Vorurteil. Landeshauptmann Durnwalder weiß es besser: Der römische Staatsapparat überweist, einmalig in Italien, 90 Prozent der Steuereinnahmen aus Südtirol wieder in die Provinz zurück. Zwischen Brenner und Salurner Klause hat sich ein Wohlfahrtsstaat etabliert. Die Landeskasse ist so gut gefüllt, dass neue Ämter, Schulen, Museen, Krankenhäuser und Straßen gebaut werden können. Die Arbeitslosenquote liegt bei zwei Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt wächst beharrlich um fast drei Prozent, und in der italienischen Rangliste der Ersparnisse pro Familie liegt die Provinz Südtirol mit durchschnittlich rund 32 000 Mark auf Platz eins. Als einzige Provinz garantiert der "Alto Adige" bedürftigen Einheimischen und auch Ausländern ein Lebensminimum von umgerechnet 860 Mark; überdies gibt es eine von der Landesregierung finanzierte staatliche Zusatzrente und eine im Süden unübliche Extra-Rente für Invaliden. Lehrer verdienen fast doppelt so viel wie Pädagogen im übrigen Italien. Eigentlich gebe es, so Durnwalder, "keinen Grund, den Status quo zu verändern", solange in Rom nicht die rechte Alleanza Nazionale regiere und die Südtiroler Autonomie in Frage stelle. Die Möglichkeit, den Wunsch nach einem Anschluss an Österreich wie früher mit Anschlägen zu untermauern, wäre seiner Meinung nach "das Schlimmste, was uns passieren könnte". Deswegen, warnt Durnwalder, trete die Landesregierung "jedem entschieden entgegen, der von außen versucht, das Klima hier zu vergiften". nach: CARSTEN
HOLM (DER SPIEGEL 46/1999)
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