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| In Michael
Gaismair, der auf der Grundlage der Bibel das Land reformieren und eine
demokratische und christliche Bauernrepublik errichten wollte, begegnet
uns eine der faszinierendsten (und umstrittensten) Gestalten derTiroler
Geschichte.
Der Bauernführer wurde urn 1490 in Tschofs bei Sterzing geboren. In Sterzings Lateinschule durfte er schon früh mit Reformgedanken des Humanisten Kardinal Cusanus bekannt geworden sein. Durch den Dienst beim Landeshauptmann Leonhard von Vols lernte er die Sorgen der einfachen Leute kennen, gaIt doch der Graf als Ausbeuter und Bauernschlnder. 1524 avanciert er als Sekretär des Brixner Fürstbischofs Sprenz und sieht sich mit der unterdrückerischen Kirchenpolitik Brixens und Neustifts konfrontiert. Dagegen opponierend, läßt er sich schon bald zum Anführer der aufständischen Bauern wählen. Es gärte schon lange in Tirol. Die Steuerpolitik war erpresserisch, der Regierungsstil arrogant und feudal, der Hochmut der Beamten tat sein übriges. An die Kirche waren überhohe Steuerleistungen zu erbringen. Den ländlichen Bevölkerungsschichten ging es alles andere als gut, wenngleich die Zustände in Tirol auf Grund alter Rechte noch besser als in Deutschland waren. Hunger, Pest und Hochwasser suchten zwischen 1500 und 1525 gerade die ämeren Schichten heim. Die Venezianerkriege und die ständigen Truppendurchzüge hatten die Kassen geleert und die Mißstimmung vergrößert. Das Handelshaus Fugger förderte die Not im Lande durch große Finanzspekulationen. Sächsische Knappen
brachten die neue Lehre Luthers, welche die unteren Schichten aufrichtete,
nach Tirol. Ferdinand I. mißtraute den Bauern. Er war in Spanien
erzogen worden, begann die deutsche Sprache erst 1523 zu lernen und war
den Ratgebern ausgeliefert. Die Aktionen der Bauern wurden von ihnen als
eine gegen den Landesfürsten gerichtete Bewegung hingestellt. Gaismair
wollte indes die Besitztümer des Landesherrn nicht antasten, vielmehr
Vermehrer des Gutes Seiner Fiirstlichen Durchlaucht sein und lediglich
die Besitzverhältnisse des Landes ändern.
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Ein lutherischer Knappe im Gespräch mit einem Mönch |
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| Anfängliche
Zugeständnisse des Landesherrn entpuppten sich als Tricks, um die
Unruhen zu dämpfen. DieHauptgefahr kam für die Bauern von den
allmächtigen Bank- und Handelshäusern, wie den Fuggern, die den
Landesherrn in finanzieller Abhängigkeit hielten. Als "Katholik" brachte
Ferdinand den Lehren Luthers zudem nur Haß entgegen. Ferdinand war
ein Meister von Versprechungen und im Ausspielen der Standesinteressen
seiner Bürger, Zugeständnisse verwirklichte er nur halb. Die
Tiroler hatten in der Tat schon aufrichtigere und volksverbundenere Fürsten
erlebt.
So begannen die Bauern sich selbst zu helfen, indem sie Steuerabgaben verweigerten. Als das bischöfliche Gericht in kurzer Zeit 47 Bauern köpfen ließ, Folter- und Strafexpeditionen zunahmen, rüsteten sich Tirols Bauern 1525 - durch die Erfolge des Deutschen Bauernkrieges ermutigt - zu einem Aufstand. Ferdinand erwies sich als gewiegter Taktiker und begann die Bauern gegen die ebenfalls unzufriedenen Schwazer Bergknappen auszuspielen, urn eine gemeinsame Front zu unterlaufen. Er spekulierte bei einem Innsbrucker Teillandtag auch mit den Vorurteilen der reichen Bauern gegen die Masse der armen Landbevolkerung. Dies, die Beruhigung der Knappen und viele Versprechungen ließen die Volksbewegung in Nordtirol ersticken. In Südtirol aber begann eine wahre Volksrevolution. Brixen wurde mit rund 5000 Anhängem besetzt, urn einen "Ketzer" namens Paßler zu retten, den das bischöfliche Gericht zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt hatte. In vielen Tälern, auch Welschtirols, gingen nun Amtsstuben, Kloster und Widumsgebaude in Flammen auf. Franz Kranewitter läßt die "Paßlerin" in seinem dramatischen Stuck über Michael Gaismair ausrufen: "Weil er auftret'n ist geg'n den Graf'n und seine HeIfer, nun hab'n s' ihn g'fangeng'setzt, prozessiert und verurteilt und morg'n solI er verbrannt werd'n in Brix'n. Zur Wittib solI i wer'n und zur Walse das Kind'I . . . Ein endlich nach Innsbruck einberufener Landtag sollte ein Punkteprogramm verwirklichen. Die unteren Stände forderten in Erweiterung der 62 Meraner Artikel zu 96 Innsbrucker Artikeln u. a.: Gleichheit vor dem Gesetz, Erstellung eines Gesetzbuches, Wahl der Richter und ein Besoldungsschema, urn sie vor Strafeinnahmen unabhängig zu machen; Abschaffung der weltlichen Macht der Kirche, Aufhebung vieler Kloster, Wahl der Pfarrer durch das Volk, Abgaben an die Kirche nur für soziale Einrichtungen, Privilegienabbau der Adeligen. Die Wünsche waren mit lauteren Motiven verbunden, der Kampfesgeist der Bauern spiegelte ihre Verzweiflung wider. Der Landtag endete mit einem ehrbaren Kompromiß, doch dle Versprechungen wurden von Ferdinand größtenteils gebrochen. Gaismair übernahm die Leitung des bischöflichen Territoriums Bozen (der ehemalige Brixner Blschof Melchior war mlt 70 Prozent am Vermögen der Fugger beteiligt gewesen). Den größten Widerstand leisteten jene, die ohnedies nichts zu verlieren hatten. Trotzdem breitete sich ein Gefuhl der Resignation aus, die Spitze der Revolution war gebrochen, die reicheren Bauern und Bürger Brixens begannen abzuspringen. Gaismair nahm ein Verhandlungsangebot nach Innsbruck an, erschien und war in eine Falle geraten. Er wurde eingesperrt, und ein furchterliches Strafgericht brach über seine Anhänger herein. Auch an seiner Verwandtschaft wurde Rache geübt. Gaismair konnte fliehen und sammelte in der Schweiz Getreue urn sich. In seiner "Landesordnung" verkündete er nun ein soziales und christliches Staatsprogramm auf der Grundlage der Reformation. Demnach sollten in einem demokratischen Tirol mit wiedererstarkten Gemeinden und Brixen als Hauptstadt die Anliegen der Bergpredigt verwirklicht werden. Das Programm sah die Verstaatlichung von Handwerk, Handel und Bergbau vor. Die Bergwerke der Bankhäuser wollte er verstaatlichen, denn durch Wucher und unsoziale Gehälter hatten sich die Kaufmanns- und Handelsfamilien Fugger, Paumgartner, Hochstetter und Stockl eine Weiterführung verwirkt. Bergwerkseinnahmen sollten für soziale Zwecke verwendet werden. Weinberge und Ackerboden sollten dem Bewirtschafter gehören. Neben einer Zollreform plante er eine soziale Preispolitik, eine Gewinnumverteilung, die Errichtung sozialer Wohnbauten und die Bestellung eines Sozialreferenten in der Regierung. Meßfeiern wollte er ohne "Philisterei und Juristerei". Bilder sollten aus der Kirche entfernt, Klöster in Spitäler umgewidmet, Gold- und Silbergeräte der Kirche für Münzherstellungen verwendet werden. Desgleichen sollten die Burgen geschleift werden, Adels- und Kirchenbesitz der Gemeinde zufallen. In Brixen plante er eine Hochschule fur das Studium der Hl. Schrift. Diese Landesordnung stellt das bedeutendste Programm der Bauernkriege und nach Expertenmeinung eine der beeindruckendsten Staatsutopien dar. Seine Ideen wurden oft als Phantastereien abgetan. Als es Gaismair mit einer rund 650 Mann starken Truppe nicht gelang, eine neue Volksbewegungzu organisieren, zog er nach Venedig und bot seine Dienste als Soldnerfuhreran. Doch für seine Pläne konnte er weder beim Dogen noch in Frankreich oder in der Schweiz Unterstützung finden. Von Ferdinand gekaufte Spione und Mörder begannen eine Jagd auf Gaismair, galt es doch, eine hohe Kopfprämie von 1000 Gulden ( ca. 1 Million Schilling) zu gewinnen. Ein habsburgischer Steckbrief beschreibt Gaismair 1526: "Ein langer, aufgeschossener, hagerer, dünner Mann, im Alter ungefähr 34 oder 35 Jahre, hat einen schwarzbraunfarbenen dünnen Bart, ein schönes, kleines Gesicht, kurze Haare, geht mit geneigtem Kopf oder etwas bucklig und ist sehr beredt." Zahlreiche Spione sollten helfen, den "Anarchisten", "Protestanten" und " Vaterlandsverräter" ausfindig zu machen. 1532 wurde Gaismair von einem gedungenen Roßhändler in Padua durch 42 Dolchstiche ermordet. Zahlreiche Mordanschläge hatte Gaismair vorher überstanden. Aus einem Schreiben Ferdinands vom 10.Juli 1533 geht hervor, daß zwei gedungene Mordhelfer aus dem kaiserlichen Heer in Neapel stammten. Die Mörder Gaismairs wurden urn ihren Lohn geprellt.Trotz fürstlicher Fürbitte urn Ausbezahlung wollte die Landesregierung "endlich" mit dem Sparen anfangen, außerdem habe das Mordkommando doch nicht aus "V aterlandsliebe", sondern nur aus Geldgier gehandelt. Die Geistlichkeit Paduas verweigerte dem "Ketzer« ein Begräbnis. Erst ein Protest aus dem Hof des Dogen bewirkte ein würdiges Begräbnis. Gaismair,der anfangs die Rechte des Fürsten keineswegs beschneiden wollte, verteidigte auf eine konsequente Art den Freiheitswillen des einfachen Tirolers. Zu einem Revolutionär wurde Gaismair erst durch die Verachtung, die Arroganz und den Wortbruch des Landesfürsten den "kleinen" und meist rechtlosen Menschen gegenüber. Die 1525 in Innsbruck mühsam ausgehandelten und doch nicht eingehaltenen Versprechungen an die Bauern wurden zum größten Teil rückgangig gemacht, lediglich die letzten Reste der Leibeigenschaft blieben auch weiterhin für nichtig erklärt. Viele Forderungen Gaismairs wurden erst sehr viel später, durch Josef II., manche erst in unserem Jahrhundert, u. a. durch das von Johannes XXIII. einberufene II. Vatikanum erfüllt (z. B. Meßfeier in der Landessprache). Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich baten um Auslieferung des beschlagnahmten Besitzes Gaismairs andessen Sohn. Innsbruck lehnte ab, sei doch Gaismair ein "offener Feinddes Vaterlandes" gewesen. Gaismair versuchte Tirol aus der Habsburgerherrschaft herauszureigen, um eine unabhängige demokratische Bewegung zu errichten. Dadurch versprach er sich eine Lösung schwerer sozialer Ungerechtigkeitenund krasser kirchlicher Mißstände. Letztlich scheiterte Gaismair an der konzentrierten Machtfülle des Hauses Habsburg und an dem mangelnden Gemeinschaftssinnder Gegner Ferdinands. Die ldeen und Verdienste Gaismairs wurden langeZeit "vergessen". Er stand nie auf der Seite der Mächtigen, der Habsburger, und verkörperte einen revolutionären und tiefgläubigen Menschen, der sichmit den Geknechteten solidarisch wußte. |
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