Terezin - Theresienstadt

Der Name Theresienstadt wird heute fast nur noch mit den Greueln der Nazizeit in Verbindung gebracht, als die Stadt Ghetto und Gefängsnis der Prager Gestapo war. Dabei hat Theresienstadt oder Terezin, wie es seit 1945 heißt, durchaus eine eigenständige und interessante Geschichte. 
" ... Teresienstadt und Festung, die wir zur größerer Sicherheit unseres böhmischen Königreiches errichten!" ...
... so schrieb Kaiser Josef II von Österreich in seinem Dekret vom 9. Dezember 1782, mit dem die Garnisonsstadt Theresienstadt den Status einer freien Königsstadt erhielt. Mit dem Bau der Festung, welche er nach seiner Mutter, Kaiserin Maria Theresia, nannte, war schon im Frühling 1780 begonnen worden. 
Josef II. (1741-1790)
Maria Theresia (1717-1780)
Die Festung sollte als Schutz gegen die "preußische Ausbreitung" dienen. Bereits im Krieg um die bayrische Erbschaft bewahrheiteten sich diese Einbrüche der preußischen Truppen und so wurde entschieden, eine Festung im Norden der königlich-kaiserlichen Monarchie zu erbauen. Es ist notwenig zu erwähnen, daß die österreichischen Schutzsysteme, wie es z. B. eine Festung ist und die vor 1780 erbaut wurden, völlig veraltet waren.

Im Jahre 1781 machten sich 202 Maurergesellen aus Tirol und Österreich auf den Weg, um beim Bau der Festung Arbeit zu finden. Bis ins Jahr 1786 arbeiteten insgesamt 1330 Maurer aus dem ganzen böhmischen Gebiet. Über 20 Millionen Ziegel wurden verbaut. In der Umgebung von Theresienstadt entstanden fünf große Ziegeleien, in denen hauptsächlich Arbeiter aus Kroation arbeiteten. Die Baukosten beliefen sich auf über 20 Millionen Goldkronen.

Die gesamte Festung ist mit einem dichten unterirdischen Tunnelnetz versehen. Die Hauptgänge, Zwischen- und Nebentunnel sowie Abhörgänge haben eine Gesamtlänge von 28.776 Meter!

Wie ein Stern umschließen die gewaltigen Gräben die Feste Theresienstadt. Die Festung wurde durch ein ausgeklügeltes Wassergraben-System umgeben. Von Bohusovice hob man ein neues Flußbett aus und leitete das Wasser der Eger in die breiten Gräben, die die Theresienstadt und die "Kleine Festung" umgaben. So entstanden drei Teile: Die Hauptfestung (Stadt) entstand am linken Ufer der "neuen Eger", die Kleine Festung am rechten Ufer. Der Graben der oberen Einfassungsmauer bekam sein Wasser aus einer Verbindung zwischen beiden Egerflußläufen.

Die Erbauung eines Stauwerkes war notwendig, um die Ebenen auf eine Höhe zu bringen (23,25 m Höhenunterschied!). Auch nutzte man das Grundwasser, um eine Flucht aus der Kleinen Festung zu verhindern. Die Grundmauern waren so tief im Boden verankert, daß eine Untertunnelung zwangsläufig den Einbruch von Grundwasser in den Tunnel ergab und jedermann darin ertrinken musste.

Die Wälle von Theresienstadt
Dort, wo sich heute die Theresienstadt befindet, standen zwei kleine Dörfer: Travcice und Deutsch-Konopiste. Sie wurden dem Festungsbau geopfert...Im Gebiet des heutigen Theresienstadt befanden sich grosse Sümpfe, die für den Festungsbau ausgetrocknet werden mussten.

Tausende Arbeiter wurden dafür benötigt. Da die Arbeiten körperliche und gesundheitliche Risiken bargen, bot man den dort arbeitenden Leuten großzügige Bedingungen: Ihnen wurde Bauland und Baumaterial für ein Haus zugewiesen, für welches sie nur 6 Prozent Zinsen bezahlen mussten. Ausserdem wurden ihnen für mindestens 15 Jahre alle Handwerks- und andere Steuern erlassen. Sie wurden vom Kriegsdienst freigestellt.

Eine Straße in Theresienstadt - an ihrem Ende ist die Festungsmauer aus Ziegeln zu erkennen.
Theresienstadt wurde also nach neuen Erkenntnissen erbaut und galt bei seiner Fertigstellung als "uneinnehmbar". Schon im Jahre 1790 war die Festung verteidigungsfähig, ihr heutiges Aussehen bekam sie aber erst um 1830, als auf dem Nordplatz in der Stadt auch das Rathaus fertiggestellt wurde.
Der Nordplatz - das Gebäude mit dem Dachreiter ist das Rathaus.
Selbst wenn man die dunklen Jahre des Ghettos vergessen wollte, ist Theresienstadt kein besonders anheimelnder Ort. Obwohl die Straßen breit und hell sind und in der Stadt eigentlich sehr viel Grün ist, wurden die Gebäude doch in strenger klassizistischer Militärarchitektur errichtet, und praktisch von allen Punkten der Stadt aus kann man die starke Festungsmauer erkennen, die Theresienstadt umgibt.
Die Kirche von Theresienstadt
Trotz all ihrer exzellenten Verteidigungsanlagen und des strategisch gut gewählten Ortes erfüllte die Festung nie ihren ursprünglichen Zweck: Die "preußische Ausbreitung", Grund und Zweck der Erbauung dieser Festung, geriet gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch die französische Revolution in den Hintergrund, denn die ehemaligen Feinde Österreich und Preußen schlossen sich zu Verbündeten gegen Frankreich zusammen! Auch zur Zeit der napoleonischen Kriege war die Festung nie in Kämpfe verwickelt. Nach der Niederlage von Napoleon Bonaparte wurde anläßlich des "Wiener Kongresses" ein Friedensabkommen geschlossen. Preußische Truppen fielen zwar im Juni 1866 in Böhmen ein. Selbst da wurden die in der Festung stationierten Truppen nicht eingesetzt, denn die preußische Armee zog nicht durch die Leitmeritzer Gegend. Die Festung Theresienstadt - wie auch andere Festungen ihrer Art - verlor langsam an Bedeutung. Verbesserungen an Waffensystemen und Kommunikationssystemen machten solche Anlagen überflüssig. Im Jahre 1888 verlor die Stadt Theresienstadt ihren Festungsstatus und wurde eine zivile Wohnstadt.

Die "Kleine Festung" (Male Pevnost) blieb jedoch österreichisches Hochsicherheitsgefängnis. Sie war bereits seit der Regierungszeit Josef II. von Österreich eine Strafanstalt für Staatsfeinde aller Couleur.

Neben Angehörigen des Militärs durchliefen dieses Hochsicherheits-Gefängnis eine große Zahl Menschen, unter ihnen
  • Nationale Befreiungskämpfer aus Mittel- und Osteuropa
  • der Anführer des antitürkischen Widerstandes in Griechenland A. Ypsilanti,
  • ungarische und Prager Aufständische des Jahres 1848,
  • Beteiligte der Rumburger Rebellion und
  • die Attentäter von Sarajewo 1913 (Princip und Co.), die drei Mörder Ferdinands d'Este, des österreichischen Thronfolgers und seiner Gattin Sophie von Hohenberg (Tochter des tschechischen Reichsgrafen von Chotik aus Gross-Priessen, nur 12 km von Trebusin bei Leitmeritz entfernt!). Beide fielen am 28. Juni 1914 in Sarajewo einem Attentat zum Opfer, welches den 1. Weltkrieg heraufbeschwor.
Die vordere Tür führt in den Zellengang, in dem Gawrilo Princip einsaß und wo er 1918 an Knochentuberkulose starb.
Gedenktafel für Alexander Ypsilantis an der Wand des Zellenblockes, in dem er inhaftiert war.
In den Jahren der 1. Republik (ab 1918) unter Präsident Thomas Garrigues-Masaryk verblieb die Festungs und Stadt Theresienstadt jedoch eine Garnisonsstadt.
Der zynische Spruch, der über vielen Konzentrationslagern prangte - der Eingang zu Schreibstube und Kammer des Ghettos.
Am 10. Juni 1940 übernahm die Prager Gestapo die Theresien-Festung. 1941 zogen die ersten deutschen Truppen in ihre Kasernen. Als "Schutzmacht" des Protektorates Böhmen-Mähren" zogen sie ein, doch wurden sie schnell zur Besatzungsmacht! Am 24. November 1941brachte man die ersten Prager Juden nach Theresienstadt, um hier unter deutscher Bewachung zu leben. Bis Mitte des Jahre 1942 wurden alle Einwohner der Stadt zwangsumgesiedelt.Theresienstadt wurde zu einem jüdischen Ghetto
und Durchgangslager zur Weiterleitung an andere Konzentrationslager (Vernichtungslager)

Unterkunft

Die Häftlinge bewohnten sowohl die großen Gebäude der Kaserne als auch die übrigen Häuser der Stadt, samt den Dachböden, Kellern und Höfen.Männer, Frauen und Kinder lebten im Lager getrennt in großen Räumen, die nur die notwendigste Ausstattung 
hatten - Dreistockbetten, einen Tisch, Regale und Haken für persönliche Sachen. Die Leute entbehrten jeglichen Privatlebens. Nur die wenigsten prominenten Familien konnten zusammenleben. Die gemeinsamen Räume waren enorm überfüllt. In den Sälen der  Kasernen, wo die meisten Häftlinge untergebracht waren, drängten sich 100 - 400 Personen, für die neuen Ankömmlinge bleiben oft nur die Dachböden, die nicht beheizt werden konnten, es gab dort weder Wasser noch die notwendigsten hygienischen Einrichtungen. Die Häftlinge wurden von Läusen und Wanzen geplagt, gegen die ein ständiger Kampf geführt wurde.

Lagerordnung

Die Häftlinge in Theresienstadt mußten sich einer ganzen Reihe verschiedenster Verbote und Weisungen unterwerfen, von unbedeutenden zu solchen, die sie schwer einschränkten und schädigten. Schon nach ihrer Ankunft im Ghetto mußten sich zuerst alle an einer bestimmten Stelle - in der sogenannten Schleuse - versammeln und sich einer Kontrolle unterziehen, bei der SS-Männer und von ihnen beauftragte Personen verbotene Sachen suchten. Diese wurden den Häftlingen abgenommen. Gleich am Anfang wurde der Kontakt zwischen Männern und Frauen untersagt, es war verboten, den Gehsteig zu benutzen, sowie wertvolle Gegenstände, Musikinstrumente oder Fotoapparate zu besitzen. Es war angeordnet, jeden Uniformträger höflich zu grüßen. Während der ganzen Zeit galt auch das Verbot, Zigaretten, Feuerzeuge und "ziviles Geld" zu besitzen. In manchen Zeiten durfte man die Unterkünfte nicht verlassen, kein Licht machen, keine gemeinsamen Veranstaltungen abhalten, keine Korrespodenz abschicken oder empfangen. 

Anfang 1942 wurden auf Befehl der Kommandantur 16 Häftlinge gehenkt, die trotz des Verbots illegal Briefe aus Theresienstadt abgeschickt hatten. Zweck dieser Hinrichtungen war es, die übrigen Häftlinge abzuschrecken und im Ghetto eine Atmosphäre der Angst und der Resingnation hervorzurufen.

Die Hinrichtungsstätte zwischen den Wällen der kleinen Festung. Links der Erdhügel als Kugelfang für Erschießungen, rechts im Hintergrund der Galgen. Das kreuzförmige Ding im Vordergrund ist harmloser, als es aussieht - hier lagen die Schützen bei Schießübungen, als Theresienstadt noch eine normale Garnison war - da war das ganze ein gewöhnlicher Schießplatz.
Später wurden "Verstöße " gegen die Lageordnung nicht mehr so drastisch direkt auf dem Gebiet des Ghettos geahndet. Leichtere Vergehen (Diebstahl von Lebensmitteln, Verstoß gegen die Ausgangssperre usw.) bestrafte das Ghettogericht, das die Anzahl der Tage bestimmte, die der Angeklagte im Lagergefängnis zu verbringen hatte. Nachdem sie die Strafe vergebüßt hatten, wurden die Verurteilten in einen Transport nach Osten eingereiht (die sog. Weisung), d.h. in die Vernichtungslager. Öfter wurden die Schuldigen die Kleine Festung geschickt, die für die jüdischen Häftlinge einen Vernichtungslager gleich kam. oder sie wurden direkt in den nächsten Transport eingereiht.
Abtransport nach Osten

Verpflegung

In Theresienstadt mangelte es jederzeit an Essen. Die Lebensmittelrationen waren bei der schweren Arbeit, die hier zu verrichten war, ungenügend. Die eintönige und minderwertige Kost ohne notwendige Vitamine hatte zur Folge, daß die Häftlinge bis zu einem Drittel ihres Gewichtes verloren, matt und gegen die verschiedensten Krankheiten anfällig wurden. Am meisten litten die Alten, nicht arbeitenden Häftlinge, deren Essensrationen die kleinsten waren. Bei Essenausgaben und Küchen warteten sie, ob vielleicht nicht wenigstens eine Portion Suppe als Zulage übrig blieb, auf Abfallhaufen suchten sie nach Resten und nach verdorbenen und ungenießbaren Lebensmitteln. Glücklich war derjenige, der ein Paket erhalten konnte. Mit dem Fortschreiten des Krieges gab es davon aber immer weniger.
 

Die Opfer

Von über 160.000 Personen - darunter über 10.000 Deutsche, viele Italiener, Franzosen und Menschen vieler andere Nationalitäten - starben in Theresienstadt fast 35.000 Menschen an Hunger, Kälte und Epidemien. Die von hier in andere Vernichtungslager abtransportierten Menschen kamen dort fast alle um ...

Die Kleine Festung, in der sich heute die Gedenkstätte und ein Museum befinden und die wir besucht haben.

Hier wurden zwischen 1941 und 1945 ca. 30.000 Personen von der Gestapo inhaftiert. Viele wurden gefoltert. 22 Personen wurden hingerichtet. 2.600 Menschen starben in der Kleinen Festung.

Nach 1945
Befreite Häftlinge aus Buchenwald treffen ein
Am 8. Mai 1945 fuhren die ersten sowjetischen Panzer durch Theresienstadt und befreiten das KZ. Ärzte aus Prag und Roudnice sowie viele Bürger starteten eine Rettungsaktion für die ehemaligen Häftlinge. Entscheidend für das die Verhinderung von Seuchen waren die Hilfsmaßnahmen der sowjetischen Sanitäter. Theresienstadt wurde zunächst ein Auffanglager für die aus anderen Lagern zurückkehrenden tschechischen Häftlinge. Deren Repatrierung dauerte bis August 1945.

In den Jahren 1945 - 1948 wurde die "Kleine Festung" als Internierungslager für Deutsche aus dem "Protektorat" genutzt, deren Abschiebung nach Deutschland laut der Benes-Dekrete beschlossene Sache war. Das Blatt hatte sich gewendet, aus den ehemaligen deutschen "Schutztruppen" des Protektorates wurden jetzt Häftlinge der Tschechen (unter russischer Aufsicht) ...

Da Deutschland kapituliert hatte, gab es jetzt im umgekehrten Sinne Folter und Mißhandlungen der Inhaftierten - und es waren nicht alles Deutsche, sondern wiederum alle, die die Tschechen ausweisen wollten, darunter italienische Kriegsgefangene (unsere ehemaligen Verbündeten) und viele sogenannte "Prager Deutsche", d.h. deutsche Menschen, die schon lange vor der Nazizeit in der Tschechoslowakei gelebt hatten.

Auf Initiative ehemaliger Gefangener und Hinterbliebener beschloss die tschecheslowakische Regierung 1947, die "Kleine Festung" in eine Gedenkstätte umzuwandeln, die dazu berufen ist, an die vernichtenden Folgen der Unterdrückung von Freiheit und Demokratie und der Menschenrechte zu erinnern

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurde Theresienstadt wieder Garnison der tschechoslowakischen Armee. Seit dem Ende des Kalten Krieges und der Umstrukturierung der Streitkräfte haben jedoch die meisten Soldaten die Stadt verlassen, die Kasernen stehen fast alle leer. Mit dem Militär verschwanden auch viele Arbeitsplätze für Zivilisten. Heute wohnen noch ca. 2000 Menschen hier, von denen ca. 40% Rentner sind. Der tschechische Staat bemüht sich mit Erfolg, die historischen Gebäude und Anlagen zu restaurieren und zu erhalten.

Seit 1992 ein Nationales Tschechisches Mahnmal, erinnert der Ort an alle im Theresienstädter Ghetto verstorbenen bzw. in der "Kleinen Festung" zu Tode gequälten Menschen, und soll als Zeichen dafür dienen, daß folgendes erreicht wird:

  • Kriege mit aller Kraft zu verhindern
  • Menschenrechte zu achten und
  • Nationalen Extremismus im Keim zu ersticken!
Nie wieder Faschismus -
Nie wieder Krieg!
Haluk Tutar, Daniel Günter, Marcel Döscher, Benjamin Bente, André Hohe
Internet-Seite des Böhmischen Kulturklubs

Terezin Memorial
Einige Bilder auf unserer Seite
wurden dieser
Seite über Theresienstadt
entnommen (Englisch).
Eine Zusammenstellung von 
Links zu Theresienstadt (Englisch)
Böhmischer Kulturklub
Theresienstadt

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