Ratzmann schreibt (97)


Diese 97er-Seite war auch mal schön bunt, ist aber inzwischen dem 98er-Design zum Opfer gefallen. Aber weil ich manche meiner Geschichten einfach immer noch zeitlos blöd  und schön und schön blöd finde, müssen sie hier einfach stehenbleiben. Wer sie schon kennt, geht am besten gleich zurück zur 98er !!!


Der Tag ist lang... Papier ist geduldig... Manchmal geht meine Fantasie mit mir durch. Und ab und zu passieren mir mehr oder minder schrille Geschichten - nicht immer, aber immer öfter. In der mir angeborenen natürlichen Bescheidenheit warte ich natürlich darauf, daß mein Talent entdeckt wird, und nehme Angebote, Lob, Beschwerden und Kommentare aller Art jederzeit gern entgegen: hier!

Vielleicht sollte ich mich an dieser Stelle auch schonmal bei all meinen Opfern entschuldigen, deren Balz- und sonstiges Fehlverhalten mir Stoff für einige der hier zu lesenden Geschichtchen und zahlreiche Lach- und Lästerrunden mit meinen lieben Freundinnen gab. Sollte... vielleicht... Aber ich muß ehrlich sagen, wer hier durch die Brühe gezogen wird, hat es garantiert auch verdient!

Ich habe mich übrigens erkundigt: es ist NICHT so, daß mir hier die Pressefreiheit was nützt, denn die bezieht sich nur Druckerzeugnisse, die der Meinungs- und/oder politischen Willensbildung dienen. Leider. Sondern dies hier ist Unterhaltungsliteratur - und somit KUNST! Und laut Artikel 5 III Grundgesetz - der nämlich die Kunstfreiheit betrifft - äh - lassen wir das. Jedenfalls gibt es dann noch das sogenannte Allgemeine Persönlichkeitsrecht des Einzelnen, das es zu schützen gilt (Ich frag mich nur - wer hat denn MICH geschützt, vor dem, was ich da so alles erlebt hab). Also, Ihr lieben Freunde und Feinde, verklagt mich, wenn Ihr den Mut habt...

Übrigens braucht nicht jeder oder jede, der/die auf welche Art auch immer mit mir in Kontakt tritt von nun ab in der ständigen Angst zu leben, sich hier alsbald hier in Form einer Geschichte verarbeitet zu finden. Erstens hab ich soviel Zeit gar nicht, und zweitens bin ich mitunter gelegentlich doch noch das, was man einen anständigen Menschen nennt.


zum Inhalt dieser Seite:

Ariane
oder: "die verwegenen Liebschaften der Ariane Ratzmann" - Auszüge aus meinem ersten Buch, anno 95/96

Kurzgeschichten 97
Harry, die Haarfarbengeschichte, herrenlos...

A Tribute to John Irving
Iris und ich wollten unserem Lieblingsschriftsteller was Bleibendes schaffen. Ne tolle Idee, wäre da nicht...


Ariane
oder: "die verwegenen Liebschaften der Ariane Ratzmann" - Auszüge aus meinem ersten Buch, anno 95/96

Walter / Isabella / Wanda / Rocknacht / Paulchen / Norah / Briefe / Ruprecht / Olaf / anderes

Heute war schon Donnerstag, und ich würde mich gleich mit diesem Walter treffen, den ich gar nicht kannte. Norah lege telefonisch die Stirn in Falten und mimte einen resignierten Unterton:
"Ich habe es ja gewußt, daß du die Finger nicht davon lassen kannst", und Ines hatte - postwendend, versteht sich - per e-mail angefragt:
'wie machst du das bloss?' (Ines war nämlich zu faul für Großbuchstaben, und e-mail kannte noch keine Umlaute).
Ich kugelte mich, wie immer, wenn sich jemand unbewußt Sprüche aus der Werbung einverleibt. Obwohl ich natürlich den Satz richtig verstand, er sollte nämlich heißen:
'was machst du denn jetzt schon wieder!'
Ich konnte mir meine beiden ältesten Freundinnen prima vorstellen. Der arme Walter. Der Mann tat mir jetzt schon leid. Dabei machte er eigentlich einen ganz netten Eindruck so aus der Ferne. Ich hatte ihn geschäftlich kennengelernt, beziehungsweise ich kannte ihn eigentlich nur vom Telefon, und nachdem wir eine Woche lang heftigst per e-mail korrespondiert hatten (woran Ines - per Blind-Kopie beteiligt - wieder mal fast mehr Spaß hatte als ich), hatte er es geschafft, mich von der Notwendigkeit einer Verabredung zu überzeugen. Beziehungsweise, Ines hatte mich überredet, weil sie ihre Neugier fast umbrachte. Mich hinzuschicken und es sich nachher erzählen zu lassen war mindestens ebensogut wie Kino.
Ich warf mich auf die verstopfte Autobahn. Das Radio sagte mir, daß aus der Walter-Richtung mächtig Stau war. Ich konnte mir also Zeit lassen. Mit einer großzügigen Viertelstunde Verspätung betrat ich den Ort des Duells. Natürlich noch kein Walter weit und breit. Ich bestellte mir einen Tomatensaft, schäkerte ein bißchen mit der vermutlich minderjährigen Bedienung herum und las nochmal Silkes Brief, der heute in der Post gewesen war. Silke hat mich erst vor ein paar Tagen per Postkarte informiert, daß sie geheiratet hatte.
'ÜBERRASCHUNG' hatte in dicken fetten Buchstaben auf der Rückseite jener Karte gestanden. Kein Mensch hat etwas davon gewußt. Das fand ich witzig. Schade, daß ich ihren Auserwählten noch nicht kannte.
Ich hatte sofort ein Protestbulletin verfaßt und mich übermäßig beschwert. Silke und ich kannten uns von einem sogenannten Abendstudium und mochten uns ganz gern, waren aber nicht sonderlich eng befreundet. Umsomehr freute ich mich jetzt über ihren Brief.
'Silke anrufen'. kritzelte ich dann wichtig in meinen Kalender. Wer schon allein in einer Kneipe rumhockte, mußte wenigstens so tun, als sei er furchtbar wichtig. Danach las ich den Spiegel und dachte, daß der Walter eigentlich in seinem Stau ganz gut aufgehoben war. Kurz nach halb neun kam er dann angeschlappt, mit nur mäßig schlechtem Gewissen. Wie erwartet war er überhaupt nicht mein Fall. Auch Ines hätte er nicht vom Hocker gerissen, dessen war ich mir sicher. Ihr Bedarf an Biederkeit in diesem Leben sei gedeckt, hatte sie mich neulich erst per e-mail informiert, natürlich in Kleinbuchstaben. Beim ersten Date zu spät zu kommen, zeigte eine gewisse Art von Gleichgültigkeit, und dagegen war ich gerade ganz besonders allergisch.
"Hallo Ariane", sagte Walter zu mir, obwohl noch eine andere Frau am vereinbarten Thekentreffpunkt saß. Das war wieder typisch Mann: die andere war ziemlich öko und sah bei aller Bescheidenheit schlechter aus als ich.
"Bist Du Walter?" fragte ich demonstrativ und klappte meinen Spiegel zu. Walter sah überhaupt nicht aus wie das Bild, das er mir per e-mail geschickt hatte. Er war ungefähr fünf Jahre älter und gut zehn Kilo schwerer. Auf dem Bild hatte er auch noch ein paar Haare mehr gehabt und ein freches Grinsen, wegen dem ich bereit gewesen war, ihn zu treffen. Gegen einen harmlosen kleinen Flirt wäre ja nichts einzuwenden. Walter live lud allerdings nicht gerade dazu ein. Er kam aus einer Kreisstadt im Schwarzwald und arbeitete bei uns in der Finanzabteilung - genauso sah er auch aus. Die Vorzüge, die mir das sogenannte Single-Dasein angeblich bot, sah ich in ihm nicht gerade verkörpert.
Mein erster Gedanke war Flucht. Ein heftiger Migräneanfall, eine spontan erstgebärende und fortan alleinerziehende Freundin, der Überraschungsbesuch aus Timbuktu, ein Anruf meines Börsenmaklers, mir fielen genug unauffällige Situtationen aus dem täglichen Leben ein. Walter war sicher nett, aber mindestens genauso gnadenlos langweilig. Ich bemühte mich eine Weile, ein Gespräch in Gang zu bringen. In einem Rhetorik-Seminar hatte ich gelernt, daß man in einem solchen Fall ein Thema finden muß, mit dem der Gesprächspartner sich identifizieren kann.
"Na, was macht das Renovieren?" heuchelte ich also Interesse für bereits Bekanntes.
"Oh, heute habe ich fünfzig Meter Stromkabel verlegt!" Walter war plötzlich hellwach. "Zuerst im Keller, von links unten, die Wand entlang nach rechts oben, dann den Flur entlang und ..."
Das durfte ja nicht wahr sein! Ein Hauch von Loriot wehte durch den Saal. Ich schaltete den geistigen Autopiloten ein und begann einen Plan zu entwerfen, wie ich mich am besten absetzen könnte.
Mit einem unverwechselbaren Röhren fuhr draußen ein hellgrüner VW-Bus vor, aus dessen Dach ein halber Käfer ragte. Das war meine Rettung: Jan!
"Schaumal, die komische Karre da..." unterbrach Walter seine spannungsgeladene Kellerausbaustory.
"Das ist ein hellgrüner VW-Bus mit einem Loch im Dach, auf das ein Käfer geschweißt ist." sagte ich vielleicht etwas zu genervt. "Zur Stabilisierung geht eine siebeneinhalb Zentimeter dicke Eisenstange durch, an der macht Jan morgens Klimmzüge und im Urlaub hängt er seine Klamotten dran auf", erklärte ich dann noch versöhnlich.
"Du kennst diesen Typen" schlußfolgerte Walter. Der Mann war vielleicht doch nicht so ganz doof.
Jan stieß die gläserne Schwingtür auf in der Art, wie sonst nur John Wayne einen Saloon betritt. Von seinen Kumpels war keiner da.
"Hi Rocket, Baby!" rief er und kam an unseren Tisch. Jan machte heute also mal wieder einen auf Mick Jagger. "Guten Tag, der Herr", sagte er äußerst artig zu Walter.
Jan trägt seit Jahr und Tag die Haare wie Bon Jovi (nur daß der nicht rotblond war) und besitzt ein unglaubliches Sammelsurium an durchgewetzten Jeans und angegammelten Lederjacken. Seine Freizeit verbringt er unter dem VW-Bus, in seiner Werkstatt und auf irgendwelchen Ramba-Zamba-Feten oder Stones-Konzerten. Im richtigen Leben ist Jan selbständiger EDV-Berater und verdient ein Schweinegeld. Zu seinen Kunden geht er dank meiner kostenlosen Farb- und Stilberatung übrigens nicht mehr in der Fransenjacke. Ines behauptet, Jan führt ein Doppelleben, was aber nicht stimmt.
"Darf ich vorstellen: Jan ... Walter..." ich schöpfte Hoffnung.
Jan musterte Walter unverholen. Dann sah er mich an. Um seine Mundwinkel zuckte es gefährlich.
"Setz Dich doch ein bißchen her, Alter." sagte ich hilfesuchend und trat ihm unauffällig ans Schienbein.
"Oooch, ich will mal nicht weiter stören!" sagte er scheinheilig. Ich haßte ihn.
"Ich muß nur mal kurz telefonieren und dann gleich wieder weg." Jan verschwand in die Küche. Zwei Minuten später war er wieder da und grinste, als hätte er etwas ausgefressen. Mir konnte er nichts vormachen.
"Ich hasse Anrufbeantworter." sagte er. Schadenfroh stellte ich fest, daß seine Freunde auch nicht gerade zuhause auf seine Anrufe zu warten schienen.
Ich suchte angestrengt nach einem neuen Thema für Walter und beschloß, ein bißchen über uns zu reden. Auf meine unvorsichtige Frage, wie er sich mich denn vorgestellt habe, antwortete er mit einem äußerst aussagekräftigen
"Weiß nich'." Viel mehr war nicht aus ihm herauszubekommen. Ich schien also nicht gerade seine Traumfrau zu sein, das beruhigte mich. Er war in seine vermutlich übliche Lethargie zurückverfallen. Walter saß in einer Kneipe und trank ein Bierchen, sonst nichts. Ich wurde das Gefühl nicht los, daß er vor mir saß wie vor seinem Fernseher. Schlimm genug, daß ich mit diesem Langweiler hier wertvolle Stunden meines kurzen Lebens verödete. Ich, Ariane, die Rakete. Rocket-Baby, um es mit den Worten von Mick Jagger zu sagen. Ich bekam eine Wut auf mich selbst. Warum hatte ich mich auf diesen langweiligen Abend überhaupt nur eingelassen? Ines war daran schuld, eindeutig!
"Du, entschuldige, aber ich bin furchtbar müde", sagte ich bei der erstbesten Gelegenheit. Walter war auch müde. Fünfzig Meter Stromkabel verlegen, das haute schließlich selbst den stärksten Mann um. Wir hatten fast den gleichen Weg zum Auto, aber er machte keine Anstalten, mich die letzten hundert Meter noch zu begleiten. Ein Mann, der mich nicht einmal beschützen wollte - auch das noch!
"Wir telefonieren", rief ich gutgelaunt. Immerhin hatte Walter mich eingeladen und mir einen Tomatensaft und ein Perrier bezahlt.
Das ist ja grad nochmal gutgegangen, dachte ich. Ein Verehrer mit der Walter'schen Feurigkeit hätte mein aufgewühltes Ego nicht besänftigen können.
Mein Frustrationspegel stand erst auf halber Höhe und sank spürbar, als Walter vorne um die Ecke fuhr. Ich war frei.

Es trommelte gegen die Tür. Ich schaute durch den Spion und sah nichts, denn Isabella hielt wie immer von außen den Finger darauf. Ich machte mein Sonntagsgesicht und riß die Tür auf.
"Hier ist die verlorene Tochter!" schrie sie. "Und das hier ist Carlos, mein Retter!" Sie umarmte mich stürmisch. "Halt ja die Klappe!" zischte sie mir ins Ohr.
Von einem Retter wußte ich zwar nichts, aber man durfte gespannt sein.
"Hallo Carlos", sagte ich, "ich bin Ariane."
"Ariane wie die Rakete!" rief Bella und hieb mir auf den Rücken. Armer Carlos. Er bekam es ganz bestimmt mit der Angst angesichts soviel Frauenfreundschaft.
"Kommt rein", sagte ich und gab Carlos die Hand.
Mit einem ihrer weltberühmten Zwinkern drückte mir Isabella eine Flasche von unserem Gemeinschaftswein in die Hand.
"Hier, ich dachte, ich probier mal einen neuen!" sagte sie scheinheilig.
Ich versteckte mich hinter einem Hustenanfall.
"Oh, ein guter Jahrgang..." zitierte ich den doofen Knacker, der uns vor zwei Jahren hundert Flaschen davon hatte anliefern lassen, weil ihm Isabellas schönes Lächeln so gefallen hatte. Allerdings leider umsonst, betriebswirtschaftlich analysiert eine klassische Fehlinvestition. Diese Story war ist echtes Highlight in unserer Freundschaft, auch wenn sie komplett Isabellas zweifelhaften Charme zu verdanken ist und ich darin nur eine unbedeutende Nebenrolle spiele. Aber das gehört jetzt nicht hierher.
Carlos nahm Isabella den Mantel ab und dabei konnte ich ihn mir in Ruhe anschauen. Er sah eigentlich ganz nett aus, und unterschied sich auf wohltuende Weise von Isabellas sonstigen Eroberungen. Sie stand auf südländische Typen, ganz im Gegensatz zu mir (Gitta behauptet immer, ich stünde eher auf den Typ 'Blonder Spargel', was so aber auch nicht stimmte). Carlos schien eine ganz hübsche Figur zu haben, nicht so aufgeblasen jedenfalls wie dieser Luca selig. Er trug eine Lederjacke, Cordhemd, Jeans und einigermaßen dezente Cowboystiefel (Ein Mann mußte einfach Cowboystiefel tragen, um bei Isabella eine Chance zu haben). Dazu ein fast annehmbarer Kurzhaarschnitt - sicher hatte Bella schon in Gedanken ausgerechnet, wie lange sie durchhalten müßte, bis die Haarpracht auf Schulterlänge gewachsen wäre.
Isabella steckte in pfirsichfarbenen Samtleggins und einem langen schwarzen Glitzerpulli mit einem beträchtlichen V-Ausschnitt, aus dem unübersehbar der durchaus vorzeigbare Träger eines wie ich wußte ebenfalls durchaus vorzeigbaren BHs hervorblinkte. Zu ihren Leggins trug sie zum ersten mal im Leben flache Schuhe anstatt der üblichen Pumps, allerdings hatten die einen schwarzen Fellkragen.
"Hast du den Pudel von gegenüber überfahren?" fragte ich interessiert.
Sie klimperte nur gewollt doof mit ihren langen Wimpern und grinste. Überhaupt hatte sie wieder mindestens fünf neue Farben im Gesicht, die ich noch nicht an ihr kannte. An ihrer Halskette zappelte der goldene Harlekin, den ich so affenscheußlich fand. Eine Woge von 'Opium' drang vergewaltigend in meine Nase, als Isabella ihre frisch ultraschwarz gefärbte und gürtellange Löwenmähne zurechtschüttelte. Isabella und ich waren der beste Beweis für die Theorie, daß Gegensätze sich anziehen. Ich trage am liebsten schwarze Rollkragenpullis, abgewetzte Jeans und prinzipiell nur Silberschmuck.
Carlos war mir ganz sympathisch. So als Mann war er nicht ganz mein Fall, aber das war ja auch nicht zu erwarten gewesen. Isabella schien gerade mal wieder auf einem ihrer bräveren Trips zu sein. Der Abend versprach also doch noch ganz nett zu werden.
***
Auf dem Treppenabsatz vor meiner Wohnungstür hockte Isabella, stadtfein aufgebrezelt in einem grauenvollen Minirock mit Zottelfransen und paffte eine.
"Die Haustür war offen und dein Auto steht draußen" sagte sie "da dachte ich mir schon, daß du nur im Keller bist."
"Komm rein, ich mach uns einen Kaffee" sagte ich und folgte ihr in meinen Badelatschen.
...
"Jedenfalls gehe ich nachher wieder mit Carlos essen, und danach wollen wir noch ins 'Los Torros'", sagte Bella aufgedreht. "Ich wußte wieder absolut nicht, was ich anziehen soll!"
"Offensichtlich hast du das Problem ja aber gelöst", grinste ich mißbilligend. Ihr Aufzug war wie immer unmöglich, aber man mußte ihr lassen, daß sie sich gekonnt in Szene setzte. Der Rock war mindestens fünf Zentimeter zu kurz für ihren etwas breiten Hintern, aber das fiel irgendwie nicht weiter auf. Und diese hohen Schnürstiefel paßten prima dazu, auch wenn ich den Fransenbesatz daran genauso grauenhaft fand wie den am Rock.
"Ich weiß gar nicht, was ich tun soll!" jammerte sie. "Carlos ist furchtbar nett zu mir, aber er macht einfach keinerlei Anstalten! Meinst Du, er will vielleicht gar nichts von mir?"
Ich überlegte.
"Vielleicht ist er schwul?" fragte ich ernsthaft.
Isabella fiel ausnahmsweise glatt darauf rein.
"Meinst Du etwa?" sie riß entsetzt die Augen auf.
"Laß ihm halt ein bißchen Zeit" sagte ich. "Vielleicht ist er schüchtern.."
"Ääääh, schüchtern", machte Bella gelangweilt wie eine Diva. "Was will ich mit einem Muttersöhnchen?" Isabella kannte wirklich nur Männer von Lucas Kaliber, das war nicht gut.
"Jetzt wart's halt ab. Es ist ja nicht jeder so schnell wie du!"
"Außer dir, stimmt's?" sagte Bella, und ich warf ein Sofakissen nach ihr. Bräver als ich zur Zeit war, konnte der Mensch gar nicht sein. Höchstens noch in Gedanken.
"Lieber Himmel, ich bin eben schon wieder total verknallt!" Isabella lachte über sich selbst.
"Ich bin ganz froh, daß es diesmal ein bißchen länger dauert" sagte ich "von diesen Hau-Ruck-Aktionen hast du jetzt wirklich schon genug erlebt."
"Meinst du, das ist ein gutes Zeichen?" fragte Bella. "Ich halte es einfach nicht länger aus!"
"Mußt Du aber. Ich nehme an, daß Carlos es sozusagen wert ist. Der Mann macht mir nicht den Eindruck, als würde er nach einer oberflächlichen Beziehung suchen."
"Ach ja..." seufzte Bella.
"Ach ja..." stöhnte ich.
Als Isabella in ihren Schnürstiefeln das Treppenhaus hinunterklapperte hatte ich das unbestimmte Gefühl, daß meine jahrelangen Erziehungsversuche jetzt endlich Erfolg haben würden. Mir war ein wenig mulmig.
***
Es war schon hell, als es an meiner Tür Sturm klingelte. In Sekundenbruchteilen saß ich aufrecht im Bett. Es war zehn Uhr siebzehn. Wenn das der Briefträger war, würde ich ihn umbringen. Es klingelte schon wieder.
"Ja bitte!" rief ich unwirsch in die Sprechanlage.
"Ich bin's, mach auf!" Isabella trommelte gegen die Wohnungstür. Wahrscheinlich hatten die Assköpfe aus dem zweiten Stock wieder die Haustür offengelassen.
"Was-en-los", fragte ich verschlafen und schloß auf. Wir hatten uns nicht mehr gesehen, seitdem Carlos abgereist war, und auch an Weihnachten nur mal kurz telefoniert.
"Dieses Riesenarschloch!" Sie fiel mir heulend um den Hals.
Das hatte etwas Bedrohliches. Wenn Isabella mit ihren Einmeterachtundsiebzig und ihren fünfundsiebzig Kilo auf mir hängt, bekomme ich es immer mit der Angst zu tun. Eines Tages werde ich in ihrer schwarzgefärbten Lockenmähne ersticken, das weiß ich. Ein Heulkrampf schüttelte sie.
"Hey, Kleines, was ist denn los?" fragte ich und versuchte, mich aus ihrer Umklammerung zu befreien. Ich begriff gar nichts.
"Carlos - der Brief - ich versteh es nicht, so ein Arsch!" heulte sie verzweifelt. Aha. Das Riesenarschloch war also Carlos. Das hatte ich mir ja fast schon denken können.
"Hat Carlos dir einen Brief geschrieben?" fragte ich vorsichtig.
"Hier..." sie zog einen zerknitterten Umschlag aus der Tasche und fuchtelte damit herum. "So ein Feigling!"
"Jetzt zieh erst mal die Jacke aus", sagte ich und holte ihr ein Taschentuch. Isabella gehorchte und setzte sich auf ein Soffa.
"Ich mach uns einen Kaffee. Hast du schon gefrühstückt?" wie üblich hatte ich nichts im Haus.
"Nein." Isabella schniefte vor sich hin. Sie trug eine Jogginghose und ein schlabbriges Sweatshirt, war nicht geschminkt und ihre Afro-Mähne hing ihr zottelig ins Gesicht. Daß sie so das Haus verließ, bedeutete mindestens Alarmstufe fünf. Ich holte ihr ein Paar meiner berühmten Wollsocken. Der Kaffee war auch fast durch.
"Jetzt erzähl mal in Ruhe", sagte ich.
"Der Briefträger hat mich rausgeklingelt, weil du wieder die Briefmarke vergessen hast", sagte sie. Meine Weihnachtspost war also angekommen. "Und dann war dieser Brief hier von Carlos dabei. Er hat ihn am Flughafen eingeworfen, ich stand noch daneben, aber hab natürlich nicht gesehen, daß er für mich war! Ich habe mich zuerst riesig gefreut - und dann das!"
"Ja was steht denn nun überhaupt drin in dem Brief?" Ich vergesse öfters die Briefmarken, Isabella ist das zum Glück wurscht.
"Hier, lies ihn!" sie hielt ihn mir hin.
"Willst du es mir nicht lieber sagen?" fremde Briefe zu lesen ist nicht so mein Ding.
"Nein. Darauf kommts auch nicht mehr an" sie schniefte in das nächste Taschentuch.
"Okay", sagte ich. Der Umschlag war aus Umweltpapier der billigsten Sorte, Carlos hatte mit einem schlechten Kuli geschrieben. 'I. Schreber' stand darauf. Sogar den Nachnamen hatte er falsch geschrieben. Ich sah sofort, daß das kein Liebesbrief war. Ich faltete ein Blatt auf, einen Freßzettel von einem dieser karierten Schreibblocks und ziemlich schlampig abgerissen.
'Hallo Isabella', las ich. Hallo. Wie schön. 'Es gibt da noch etwas, das ich Dir sagen muß, bevor ich nach Spanien zurückfliege.' Warum schrieb er es dann, und sagte es nicht einfach, wo sie doch eh die ganze Zeit zusammenhingen? Isabella hatte doch gesagt, er hätte den Brief in ihrer Gegenwart eingeworfen. In der Tat war er am Flughafen abgestempelt. Ich las weiter.
'Ich glaube, ich hätte es Dir schon früher sagen sollen, aber ich wollte Dir nicht unnötig wehtun.' Au wei. Wenn Männer feige sind, dann sagen sie immer, sie wollen einem nicht weh tun. 'Ich habe eine Freundin in Madrid, die ich über alles in der Welt liebe.' Ach, wie edel. Das hatte er schön gesagt. Und so sensibel!
"Scheiße" entfuhr es mir "So ein Sack, so ein dummer" ich vergaß meine gute Erziehung.
"Ich bin ja so blöd!" schniefte Isabella
"Warte, ich bin noch nicht fertig."
'Ich mag Dich wirklich sehr gern, aber ich will mich nicht wegen Dir von meiner Freundin trennen. Außerdem sind wir seit zwei Jahren verlobt und wollen nächstes Jahr heiraten. Ich war so einsam in Deutschland, und ich möchte Dir danken für alles, was Du für mich getan hast. Es wäre schön, wenn wir weiterhin gute Freunde bleiben könnten. Bis bald, Feliz Anno Nuevo, Carlos.'
Ich knallte den Brief auf den Tisch. Es war einfach unglaublich. Carlos hatte Bella in seiner ersten Woche hier kennengelernt. So eine Frechheit, jetzt einen auf die große Einsamkeit zu machen. So beschissen konnte sich nur ein Mann verhalten. Hinter Carlos hätte ich das nicht unbedingt vermutet. Es gab nichts, was ich Isabella zum Trost hätte sagen können.
"Dieser Arsch", sagte ich.
"Was heißt 'Feliz'?" fragte sie.
"Glücklich."
Sie schniefte.
"Er hat geschrieben 'Bis bald', er glaubt im Ernst, er könne einfach aus dem Urlaub zurückkommen als sei nichts gewesen. Nachdem wir eine ganze Woche praktisch nur im Bett verbracht haben, und er mich behandelt hat als sei ich die einzige Frau auf der Welt."
"Isabella", sagte ich "du bist hier der Urlaub!"
"Ja. Du hast recht" meine arme Isabella hatte es auch schon begriffen.
"Vielleicht ist es das, was er unter 'gute Freunde' versteht? Weißt du was, den Bruder lassen wir hochgehen, daß es kracht!" sagte ich wuterfüllt. Isabella lachte immerhin ein bißchen unter ihren Tränen.
"Wie willst du das denn machen!"
"Keine Ahnung, aber willst du ihn etwa davonkommen lassen?"
"Nein."
"Na also. Ich überleg mir was, versprochen!" . Sie heulte noch ein bißchen weiter.
"Wir machen ein paar hübsche Bilder von Euch, die wir seiner Conchita schicken. Irgend sowas, da fällt uns schon was ein."
Isabella wurde von einem neuen Heulanfall geschüttelt. Mit Aufheitern war es wohl noch nix. Jedenfalls aber war sie schon soweit, die Schuld bei ihm und nicht bei sich zu suchen. Mit der Zeit stumpft man gegen Liebeskummer ab, habe ich so das Gefühl. Und diesen blöden Carlos würden wir es schon noch zeigen.
"Ach laß mal, das hat doch eh keinen Sinn mehr", sagte sie enttäuscht. Was würde passieren wenn Carlos aus Spanien zurückkommt und wieder an ihrer Haustür klingelt? Bis dahin mußte ich sie soweit bringen, daß sie ihn nicht mehr hereinlassen würde. Doch dazu war jetzt eher nicht der richtige Zeitpunkt.
"Soll ich zum Bäcker fahren und uns Brötchen holen?" fragte ich. "Ich hab' nicht viel Zeit, aber für ein gemütliches Frühstück reichts grad noch."
"Wie spät ist es, ich hab' um elf einen Friseurtermin", fiel Bella ein. Es war bereits zehn Minuten nach elf.
"Willst du da jetzt wirklich hingehen?"
"Ja. Jetzt erst recht!" sagte sie zum Kampf entschlossen. "Und zwar genau in diesen Klamotten." Ich verstand die Welt nicht mehr. Isabella ging in der Jogginghose zum Friseur!
"Wart's ab!" sagte sie theatralisch "Diesen blöden Männern zeigen wir's!"
***
Ich goß gerade die Spaghetti ab, als es Sturm klingelte.
"Schaust du mal nach, wer das ist?", bat ich Jan. Der lehnte sich aus dem Fenster und pfiff durch die Zähne.
"Jonas! Baby, schau Dir das an!", sagte er anerkennend.
"Was gibts?" ich kämpfte mit der Sahnesoße. Immer muß irgendwer bei mir klingeln, wenn ich am Kochen bin.
"Da unten steht eine Frau mit einem knallroten Pagenkopf", meldete er. "Wer ist das?"
"Keine Ahnung. Sicher von der Heilsarmee oder den Zeugen Jehova."
"Quatsch nich. Die sieht ja total scharf aus", sagte Jan. "Hallo!?", rief er nach unten. "Wollen Sie zu mir?"
"Hallo Jan", hörte ich Isabella von unten schreien. "Läßt Du mich rein, oder was?" Die Rothaarige mußte also irgendein Anhang von Isabella sein.
"Himmel, woher kennt mich dieses Feuerweib? Kann ich sie reinlassen?", Jan war schon auf dem Weg zur Tür. Ich hantierte immer noch im Nebel. Dann mußten die Spaghetti eben für vier reichen. Ich hatte schließlich Isabella schon ewig und drei Tage nicht mehr gesehen.
"Himmel! Isabella!", hörte ich Jan an der Tür sagen. "Das schaut ja vielleicht mal scharf aus, Kompliment!"
Was meinte er? Ich befürchtete das Schlimmste, Telefonschonbezug in Giftgrün oder so - vermutlich war Isabella mal wieder einkaufen gewesen. Aber noch mehr interessierte mich, wen sie mir da angeschleppt hatte. Ich kenne keine Freundin von Isabella, die feuerrote Haare hat. Ich stellte den Topf weg. Gerade noch rechtzeitig, bevor sie zur Küche hereinstürmte. Mich traf fast der Schlag. Das war also die Überraschung, die sie mir nicht verraten wollen hatte. Isabella war das Feuerweib, Jan hatte sie von oben nur nicht gleich erkannt. Ihre Haare waren in einem extrem kräftigen Henna gefärbt und bis ans Kinn abgeschnitten. Keine einzige Afrolocke war mehr zu sehen. Ich war platt.
"Kind, siehst du sagenhaft gut aus!", mußte ich zugeben. "Wo sind deine Zottelhaare!"
"Wech!", sagte Isabella, meinen Freund Holger nachäffend, und lachte. "Ich habe mein Image geändert."
Au wei. Von grundlegenden Wandlungen halte ich im allgemeinen nicht viel.
"Bist du irgendwie krank? Fehlt dir was?", fragte ich vorsichtig.
"Seh ich so aus?" Nein, sie sah nicht so aus. Sogar normale Klamotten hatte sie an, eine Jeans und einen stinknormalen schwarzen Kittel. Die Cowboystiefel waren noch die alten, ganz so schlimm konnte es also nicht um sie stehen.
"War bloß Spaß, das mit dem Image", beruhigte sie mich. "Ich konnte diese Afrozotteln einfach nicht mehr sehen!"
"Nehmen Sie Platz, schöne Frau, meine Köchin hat schon das Mahl für uns bereitet", baggerte Jan großzügig und schob Isabella bestimmt Richtung Tisch. Sie sah mich fragend an.
"Deine Köchin brät Dir gleich eins über, mein Herr. Setz dich, holdes Weib, du störst überhaupt nicht", sagte ich wahrheitsgemäß. Bei Jan und mir gibt es nichts zu stören.

Ich rief Anton an, und wir trafen uns 'für ein Stündchen' in der Stadt.
"Stell dir vor, ich habe mich verliebt!", verriet er mir strahlend, kaum daß wir am Tisch saßen. Immer das gleiche. Alle verliebten sich, alle außer mir. Ich war platt. So schnell konnte es also gehen.
"Und? Wer ist die Glückliche?" Ich gönnte es Anton, er machte einen absolut ausgeglichenen Eindruck.
"Sie heißt Wanda", sagte er grinsend.
"Wanda? Ein Fisch namens Wanda?", prustete ich, "Das kann nicht dein Ernst sein!"
"Doch. Sie ist Amerikanerin, darum. Eine schwarze Schönheit. Mann, was für eine Frau! Und eine Figur hat sie vielleicht!" Anton war fix und alle. Ich auch irgendwie.
"Los, erzähl schon, wo hast du sie kennengelernt?", bohrte ich.
"Sie stand einfach so vor meiner Tür und sagte 'Hello, isch binn Wonda', und das war's", strahlte Anton. Ich starrte ihn ungläubig an. "Verarschst du mich?"
"Sie hat sich bei mir vorgestellt, zum Arbeiten, ich hab doch die Stellenanzeige aufgegeben", erklärte er.
"Du hast sie doch nicht etwa eingestellt?" fragte ich entsetzt. Liebe im Büro, davon hielt ich dank gewisser Erfahrungen nicht mehr viel. Liebe im Labor war sicher auch nicht anders.
"Nö." Anton zwirbelte hinterhältig an einer Tischtuchfranse. "Jedenfalls nicht im Labor..."
"Du Schweinebacke!", schimpfte ich. Innerlich war ich froh für ihn.
"Warum?", fragte er unschuldig.
"Ach Anton," sagte ich, "hoffentlich wird es wenigstens bei dir was." Ich würde es ihm wirklich gönnen.
"Was glaubst du, warum ich heute nur 'ein Stündchen' für dich Zeit habe!" Anton strahlte glücklich.
"An deiner Stelle hätte ich wahrscheinlich nicht mal mehr fünf Minuten Zeit", gab ich zu. Anton war schon eine Nummer für sich. Als ich nach Hause fuhr, war ich einerseits glücklich, weil ich mich so für Anton freute, andererseits aber auch furchtbar deprimiert. Warum stand nicht vor meiner Tür auch mal einer, der einfach sagte 'hello, isch binn Tarzan', oder irgendsowas? Wahrscheinlich mußte man für soviel Glück erstmal erwachsen werden.
***
Gitta hatte sich in der Zwischenzeit in ein immer heftigeres Techtelmechtel mit Knecht Ruprecht gestürzt. Ich verstand zwar nicht, was sie jetzt plötzlich an ihm fand, aber die Geschichte schien ihr irgendwie gutzutun. Sie war blendender Laune.
"Roopie sagt, wir müssen unbedingt auf die Herz-Schmerz-Party nächsten Donnerstag", kicherte sie, als wir telefonierten.
"Na wenn Roopie das sagt?" Roopie. Jetzt drehten sie wohl alle durch! "Dann müssen wir wohl hin, oder?". Wenigstens kam ich dann wieder unter Leute.
"Stimmt!" sagte Gitta. "Frag doch Anton, ob er auch mitgeht."
Ich erzählte Gitta von Antons neuer Flamme Wanda, und überlegte, daß das wohl eine gute Gelegenheit wäre, die Dame mal zu Gesicht zu bekommen.
"Lad' sie doch vorher zum Essen ein" schlug Gitta vor. Das war eine gute Idee.
"Du kannst gern auch kommen und Roopie mitbringen, wenn es klappt"
"Schaumermal", sagte Gitta, womit wir das Gespräch beendeten.
Ich rief Anton an, der gleich begeistert war.
"Hey, es geht mir ja sowas von genial!" schrie er ins Rohr. "Du glaubst ja gar nicht, wie schön Verliebtsein sein kann."
***
Gitta und Roopie zogen es vor, nicht bei mir zu speisen.
Es klingelte.
"Jetzt bin ich ja mal gespannt auf deinen Anton und seine Wanda", sagte Ines.
"Und ich erst!" Ich öffnete die Tür und hörte die beiden das Treppenhaus heraufklappern.
"Hier, meine Verehrung, Blumen für die Tulpe" witzelte Anton und drückte mir einen Strauß gelber Tulpen in die Hand. "Komplementärkontrast zum Soffa und so." Meine Lieblingsblumen im Winter, aber das konnte er nicht wissen.
"Äh - ja, danke." Ich stand da und starrte. Das war also Wanda! Was Anton bescheiden als 'extrem gutaussehend' angekündigt hatte war ein Wesen, das Miss Africa die Show gestohlen hätte. Die Dame Wanda war vielleicht fünfundzwanzig, was Ines und mich keineswegs beruhigte.
Sie hatte eine Haut wie Milchkaffee. Solche Frauen haben nichtmal Lachfältchen, geschweige denn einen einzigen Mitesser. Peinlich berührt dachte ich an die Tube Selbstbräuner in meinem Bedezimmerschrank.
Auf Wandas Kopf thronte ein riesenhafter tiefschwarzer Drahthaar-Knoten, der achtlos mit einer Silberspange hingesteckt zu sein schien. Mit Aus-dem-Modejournal-tiefblau-lackierten- Finger- nägeln fummelte sie an einem Hermes-Halstuch, das sie mit einer Lässigkeit trug wie andere Leute eine Baseballkappe. Zum einfachen weißen Schlabber-T-Shirt trug Frau Wanda ein strumpfhosenenges Latexhöschen im five-pocket-Schnitt, schwarz mit silbernen Nähten. Was darinsteckte, war perfekt.
"Ojemineeh" stöhnte Ines, als Wanda ins Bad verschwand, um routinemäßig ihr Makeup zu kontrollieren.
"Jesses-Marie-Tod-und-Teufel" , bestätigte ich.
"Was ist los?", fragte Anton scheinheilig.
"Anton, ist dir klar, daß das keine Frau aus Fleisch und Blut ist, sondern ein Traumwesen aus Tausend-und-einer-Nacht?", sagte ich vorwurfsvoll und vollkommen erschlagen von soviel Schönheit.
"Ach, sie ist ganz schön aus Fleisch und Blut", grinste Anton fies.
"Auch das noch! Wanda Wonder - das Erotikpaket aus dem Märchenland", seufzte Ines frustriert. "Ohne Wonderbra." Dem gab es eigentlich nichts hinzuzufügen.
"Kann sie kochen?" fragte ich Anton hilflos.
"Wozu?" war die eindeutige Antwort. Scheiße nochmal.
"Ines, wir werden keine Komplexe entwickeln, hast du gehört! Sie ist ein Mensch wie du und ich!" versuchte ich unser Rest-Selbstbeußtsein zu retten.
"Mensch seid ihr doof!", sagte Anton "Es kommt doch nicht nur aufs Aussehen an!"
"Achneeh!", sagte Ines.
"Das sagt genau der Richtige!", setzte ich noch eins drauf.
Wanda Wonder hatte außer "Hello" noch keinen Ton gesagt, und uns dennoch völlig in ihren Bann gezogen. Nie wieder würde ich einen meiner Freunde mit seiner neuen Flamme zum Essen einladen, das schwor ich mir für alle Zeiten.
Wanda kam aus dem Bad und setzte sich einen halben Millimeter neben Anton auf mein 3-Mann-Soffa.
"Anton-Schaaatz, hast du cigarettes dabei?" fragte sie mit einer Stimme, die aus einem riesigen Hohlkörper zu kommen schien.
"Ja, aber bei Ariane darf man erst nach dem Essen die Bude verqualmen", erklärte Anton entschieden. Das war zwar nicht wahr, aber ich nickte trotzdem und grinste verkrampft-freundlich. Was ging hier vor?
Roopie hatte für die FH-Party angeordnet, daß wir uns alle eine Nummer aussuchen sollten. Ich hatte das Land&Leute bereits quergelesen und nichts auch nur annähernd Interessantes gefunden. Ines und Wanda lümmelten auf dem Soffa und studierten lautstark den Kleinanzeigenteil, während ich mit Anton in der Küche Kaffee brühte.
"Hey, deine Wanda ist ja wirkich ein scharfes Teil", sagte ich vorsichtig.
Anton blähte sich vor Besitzerstolz
"Logo. Ehre, wem Ehre gebührt", meinte er. Ich lachte.
***
Anton verschüttete gerade den Kaffee über Wandas Latexhöschen, was von der mit heftigem Gekreische kommentiert wurde.
"Anton, du biss so furrchbaah" schimpfte sie "dieseh Mann macht misch escht krranck!"
"Ganz cool Baby", gab Anton gelassen zurück. Etwas zu gelassen für meinen Geschmack, fast schon genervt.
"Ich brauch nicht abcoolen" zischte Wanda und stob ins Bad. Dort blieb sie eine geschlagene halbe Stunde, um sich u-Boot-mäßig aufzustylen. Dann schleppte sie ihren Anton und uns von dannen. Hoffentlich kämen wir mit dieser Farbstoffbombe überhaupt rein ins Schlappi.
***
Anton und Wanda Wonder standen an der Bar und knutschten heftig. Ines, Norah und ich spannten fasziniert.
"Herrschaft-Zeiten", sagte Ines "Glaubste, was ich seh?!"
"Hm" gab Norah mit einer bedenklichen Stirnfalte Auskunft, dann platzte ihr ein riesiger Lacher heraus.
"Ihr steht hier rum wie die alten Jungfern", stichelte sie.
"Selber alte Jungfer!" gab Ines zurück, bevor mir etwas Besseres einfiel.
"Komm wir gehen", sagte ich und zerrte Ines auf die Tanzfläche. Norah schlappte zu Tim zurück, der sich aber mehr für sein Bierglas als für das rote Plastikherz auf Norahs wahrhaft knallengem T-Shirt interessierte.
"Tim ist süüüüß", sagte Ines.
"Tim ist sturzbesoffen", sagte ich. Anton knutschte immer noch mit Wanda an der Bar. Ich wußte eigentlich gar nicht, warum mich das so nervte.
"Irgendwas an dieser Wanda gefällt mir nicht", sagte Ines, als wir im Klo vor dem Spiegel standen.
"Wie meinst Du das?" fragte ich. "Es war doch ganz lustig beim Abendessen."
"Ja", sagte Ines, "aber nur, weil ihr dauernd eure blöden Witze gerissen habt, Anton und du. Ist dir aufgefallen, daß sie nur Belanglosigkeiten von sich gegeben hat die ganze Zeit?" Da war allerdings was dran.
"Ich find sie ganz nett", log ich. Eigentlich ging mir dieses Wesen total auf die Nerven, aber das kam wahrscheinlich nur daher, daß sie so wahnsinnig gut aussah. Ines sah mich durch den Spiegel oberstreng an.
"Ariane!", setzte sie an, und ich wußte, jetzt würde ein längerer Ines-mit-dem-analytischen-Spitzenverstand-Monolog kommen. "Du bist eifersüchtig!"
"Was bin ich? Ich glaube du spinnst!"
Ines grinste
"Okay, okay, aber nur ein bißchen", gab ich zu.
"Die Frau ist nicht echt" , gab Ines von sich. "Dein armer Anton wird furchtbar auf die Nase fallen hab ich so das Gefühl."
Ich dachte ein bißchen über meinen armen Anton nach, während Ines mit dem Konturenstift fuhrwerkte.
"Mein armer Anton steht draußen an der Bar und knutscht mit einer afrikanischen Gazelle, daß es einem schon vom Zuschauen schiergar das Hirn wegbläst!" konstatierte ich. "Ich weiß nicht, was mir daran leid tun soll, ehrlich!"
***
Vor Antons Haus stand ein riesenhafter abgewrackter Amischlitten in einer undefinierbaren grünlichen Farbe, Modell Disco-Army.
"Ach herrjeh, Wanda hat wieder Besuch mitgebracht", sagte Anton resigniert.
"Ich wußte gar nicht, daß sie schon bei Dir wohnt?", fragte ich leicht irritiert. Das hatte er mir nicht erzählt.
"Tut sie auch nicht, aber seit ich ihr den Schlüssel gegeben habe, geht sie ein und aus wie es ihr paßt." Anton schien das nicht so toll zu finden. Ich sah ihn fragend von der Seite an. Besonders fit sah er heute nicht gerade aus.
"Sag mal", setzte ich an "Ist bei Euch auch alles in Ordnung? Ich mein, das klingt ja nicht grad so begeistert!" Er zuckte unwillig mit den Schultern.
"Ach weißt Du, es ist alles relativ", sagte Ritter Anton und steckte den Schlüssel ins Schloß. "Ok, am Anfang war's schon besser", gab er zu, als er die Haustür öffnete.
Schon im Treppenhaus hörte man Hiphop dröhnen. Der Lärm wurde unbeschreiblich, als Anton die Wohnungstür öffnete.
"Himmel, nach was riecht's denn hier?" fragte ich entsetzt. Was die Kids heutzutage bloß so alles rauchten? Es roch irgendwie 'echt natürlich'.
"Das ist ja schlimmer als Krankenhaus!"
"Fichtennadelschaumbad", sagte Anton trocken "Wanda ist ganz geil drauf." Ach so. Alles klar.
"Wo ist sie überhaupt?"
"In der Badewanne, oder im Bett, wie immer"', schrie Anton, als er pflichtbewußt unsere Kittel im Flur aufhängte.
Ich ging vor ins Wohnzimmer. Dort hatte offensichtlich eine Bombe eingeschlagen. Ich traute meine Augen nicht. Anton der Ordentliche. Auf dem Tisch stand eine Batterie leerer Gläser und Flaschen, nur vom Feinsten, wie ich neidvoll feststellte. Wanda hatte ein gutes Leben bei Anton. Richtung Bad zog sich eine wilde Spur mehr oder weniger offizieller Kleidungsstücke. Antons Liebesleben schien also doch noch in Ordnung zu sein. Ich fischte einen petrolfarbenen Herrentanga aus Samt heraus und wedelte damit in Antons Richtung.
"Hey, was trägst denn du für Unterwäsche!? Das hätte ich ja nicht von Dir gedacht!" brüllte ich gegen den Lärm an.
"Schießer Doppelripp, warum?" gab Anton ungerührt Auskunft. Offenbar hatte er das als Frage mißverstanden.
"Mein Gott Anton!", krisch ich entzückt, dann überkam mich die Erkenntnis.
Anton schwieg. Er lehnte völlig ratlos in seiner Wohnungstür und starrte auf den Tanga in meiner Hand. Ich glaube wir waren im falschen Film.
"Ariane. Ich glaub ich dreh durch", sagte er matt.
Ich drehte die ohrenbetäubende Musik ab. Aus Richtung Badezimmer hörte man Kreischen und lautes Lachen, das wohl eher vom Besitzer des Petrolfarbenen als von Wanda stammte. Du lieber Himmel.. Wanda zog mit irgendwem eine Badewannenparty ab, und hatte wahrscheinlich nicht so schnell mit Anton gerechnet.
"Was machen wir jetzt?" fragte ich ihn ratlos.
"Ich weiß auch nicht", sagte er. "Kannst Du hierbleiben?"
"Klar. Komm, laß uns mal nachsehen, vielleicht ist alles ja ganz harmlos", schlug ich wenig überzeugend vor.
"Ja, da müssen wir durch", sagte Anton und setzte sich Richtung Bad in Bewegung. Vorsichtig klopfte er an die geschlossene Badezimmertür, hinter der ein mittleres Gelage im Gang zu sein schien. Ich riß die Tür auf.
Antons zweietagige Luxusbadewanne war randvoll und lief gerade über. Wanda, züchtig mit einem klatschnassen und hauteng an ihr klebenden rosa T-Shirt bekleidet, saß auf dem Schoß eines schönen dunkelhäutigen Knaben und setzte gerade zu einem großen Schluck Metaxa aus der Flasche an. Der Jüngling zur Rechten war splitternackt und pfriemelte konzentriert einen Joint zusammen, das Wesen zur Linken trug Antons Bademantel und darüber eine schwarze Lederweste und starrte uns entrückt an, als der Fichtennadelnebel abzog.
Träumte ich?
"Okay", hörte ich Anton sagen "In genau zwei Minuten seid Ihr allesamt hier draußen, sonst vergesse ich mich." Er stellte das Wasser ab. Wandas Finger krallten sich in seinen Arm
"Hey Darling, wharum kommst du nicht hierein und haben ein bisschen Fun with us?"
"Nein, danke", sagte Anton einigermaßen beherrscht und machte sich los. "Zwei Minuten, keine Sekunde länger!" brüllte er plötzlich. Na endlich. Soviel Beherrschung wäre ja wohl nicht normal. Ich zerrte ihn zurück ins Wohnzimmer. und zwang ihn, aufs Sofa zu sitzen. Anton starrte mich verstört an.
"Kannst Du mir erklären, was hier gerade läuft?" fragte er verzweifelt. "Hab' ich das vieleicht verdient?"
"Nein", sagte ich.
Wanda in ihrem Bo-Derek-Shirt kam aus dem Bad und schwankte auf uns zu. Herausfordernd baute sie sich vor Anton auf.
"Honey, ihr versteht uberhaupt keine Spaß', quängelte sie, dann zog sie sich mit einem Ruck den nassen Fetzen über den Kopf und stand nackt vor uns. Das war zuviel für mich. Ich scheuerte ihr eine, die sich gewaschen hatte.
"So. Und jetzt rein in deine Klamotten und raus hier und auf nimmer Wiedersehen" brüllte ich sie an. Ich raffte den Klamottenhaufen auf dem Fußboden zusammen und warf ihn in hohem Bogen in den Hausgang. Wanda trabte verängstigt hinterher, das Bo-Derek-Outfit am Arm hängend.
"Der Bademantel bleibt hier!" befahl Anton, als die drei Herren vom Partyservice sich verabschieden wollten.
"Und der Metaxa auch", bekräftigte ich ihn.
"Und deine blode Hausschlussel kannst du auch haben zuruck" kam es trotzig aus dem Hausflur. Ich hörte es klirren. Gottseidank. Den Schlüssel konnten wir morgen suchen.
Nach einer Weile hörte man die vier auf der Straße herumschreien, dann fuhr der Amischlitten von hinnen.
"Hoffentlich passiert nichts" sagte Anton. Das war wieder mal typisch.
"Ich brauch einen Schnaps", sagte ich.

Am Freitag war Rocknacht im Gartenpark. Der Gartenpark ist einer dieser Pseudo-Nobelschuppen, denen man besser fernbleibt. Aber jeden ersten Freitag im Monat ist Rocknacht, und man wird auch ohne landeiermäßges Outfit hineingelassen.
Gitta kam mit dem Strickzeug bewaffnet bei mir vorbei, um vor dem großen Feldzug noch eine Runde synchronzustricken.
...
"Mach jetzt aber endlich einen Menschen aus dir, damit wir gehen können", befahl Gitta. "Dieter wartet bestimmt schon."
"Ich bin quasi schon fertig, ich muß nur noch Schuhe anziehen", sagte ich und verschwand ins Bad.
Gitta schaute mir ungläubig nach. Ich trug meinen versifften froschgrünen Hausputz-Pullover und eine Schlabberjeans. Ich schmiß mich in meine Lederhose und einen der üblichen schwarzen Rollis, knallte mir etwas Farbe ins Gesicht und war mit mir und der Welt zufrieden. Bereits wenige Stunden später konnten wir gehen.
Im Gartenpark dröhnten schon alle Bässe. Gitta und ich stürmten das Podium, wo sich sonst keiner hintraut.
"Das ist der einzige Platz, an dem Menschen unter Einmetersechzig beim Tanzen nicht totgetrampelt werden." schrie ich Dieter zu, der bereits eine halbe Ewigkeit am Eingang auf uns gewartet hatte und jetzt ungläubig starrte. Es wurde ein total genialer Abend. Ich war in allerbester Tanzlaune und hopste auf dem Podium herum bis morgens um drei. Gitta und Dieter machten früher schlapp und amüsierten sich an der Bar - auch über mich, aber das war mir wurscht.
"Das war ja fast wie in alten Zeiten!" krächzte ich begeistert, als wir mit Dieter zum Auto rannten. Meine Stimme war völlig hinüber, ich hatte wohl mal wieder alles mitgesungen. Gitta lachte. Dann fragte sie
"Meinst du, wir werden jemals erwachsen? Ich meine, ist dir auch aufgefallen, daß wir mit Abstand die ältesten waren?"
Dieter hustete verlegen, soviel ich weiß ist er zweiunddreißig.
"Und warum bitte soll man als Grufti nicht auch mal seinen Spaß haben?" witzelte ich herum, aber Gitta hatte recht. Vor ein paar Jahren noch war das nahezu nächtliche Abzappeln in einem landeshauptstädtischen Tanztempel ein nicht zu vernachlässigender Lebensinhalt gewesen. Aber in dem Alter war das auch okay gewesen. Schließlich hatten wir damals von Mutter und Vater gelebt, und sowieso schon alles vom Leben gewußt.
"Tanzen ist ein banaler Urtrieb." sagte ich zu Gitta. "Übermorgen hocke ich wieder im Kostümchen auf einer Pressekonferenz und beobachte braungebrannte Minister und blasse Fraktionsvertreter. Und Du schreibst ein dreißigseitiges Angebot für irgendeine sagenhafte Wahnsinns-Verpackungsmaschine, die dann doch keiner kauft. Auf die Mischung kommt es an, und die finde ich grad in Ordnung." Ich hopste um einen Laternenpfahl, Dieter schaute mir etwas entgeistert dabei zu. Gitta nickte skeptisch, aber an meiner Logik war einfach nichts auszusetzen.
***
"Mann sieht das geil aus", brüllte Gitta mir ins Ohr und hopste hinter mir auf unser Podium. Sie meinte den schwarzen Spitzenbody, den ich zu meiner alten Gammeljeans aus dem Schrank gefischt hatte, und der zweifelsfrei eines meiner schärfsten Kleidungsstücke ist. Ich fand mich darin heute auch unwiderstehlich. Das Gerät ist regelrecht männermordend, weshalb ich es auch meistens nur dann anzieh, wenn ich nicht gerade alleine unterwegs bin.
Gitta und ich zogen wieder unsere Selbstdarstellungs-Show ab. Ich jedenfalls kam mir so vor, Gitta war eigentlich nur ganz gut drauf. Neben uns auf dem Podium rockte ein Typ Marke Ost-Alb, den ich eigentlich nur zur Kenntnis nahm, weil er mir dauernd seinen Ellbogen ins Kreuz knallte. Weiter hinten, in unserem sogenannten Publikum, erkannte ich einen unserer erfolgreichen, seriösen und immer perfekt gestylten Vertriebsbeauftragten, diesmal im farbigen Jeanshemd und mit Hosenträgern, die ihm überhaupt nicht standen. Er hatte eine ausgesprochen durchschnittliche Frau dabei und schien sich über mein Auftreten an exponierter Stelle nicht schlecht zu wundern. Jedenfalls glotze er die ganze Zeit.
Der Mann an der Technik hatte gute Laune und fuhr das Podium mitsamt der neu gegründeten Tanzformation Gitta-Ost-Alb-und- Ariane bis auf mindestens drei Meter fünfzig. Mir wurde spei-elend.
"Mach die Augen auf", brüllte ich und schüttelte Gitta, die auch meistens mit geschlossenen Augen tanzt. Ich hatte mächtig Angst, daß sie mir abstürzt.
"Ich will runter", schrie Gitta zurück. "Ich hab Schiß."
"Ich auch, da müssen wir durch!" brüllte ich sie an. Wann bekommt man schonmal die Chance, in drei Meter fünfzig Höhe vor der halben City eine Show abzuziehen.
"Das ist wieder typisch du und unmöglich!" brüllte Gitta zurück und grinste. Dann kamen die ersten Töne von 'Smoke on the water', und sie vergaß, daß unser Leben in Gefahr war. "We all came out from Montreal..." johlte sie mit.
'Montreux', dachte ich zufrieden klugscheißerisch, es heißt 'Montreux', nicht 'Montreal', schließlich war in der nächsten Strophe vom Genfer See die Rede - auf dem nämlich der Rauch war, und zwar der von dem abbrennenden Montreuxer Casino. Die Geschichte war nämlich zufällig wahr. Ach, es war wurscht, das Leben war sooo schön. Ich johlte auch mit.
Ost-Alb rockte unverdrossen weiter. Bei seinem Tanzstil bestand keine Absturzgefahr, er zappelte eigentlich nur mit dem Oberkörper. Gitta und ich rückten enger in die Mitte, was er fälschlicherweise zu seinen Gunsten deutete. Sein schmachtendes Lächeln war uns ab diesem Augenblick sicher. Ich schätzte ihn auf bestenfalls fünfundzwanzig, der Kumpel, den er dabeihatte sah sogar noch jünger aus. Au wei, das konnte nervig werden. Schade, daß Horstle-Marc nicht gekommen war, der war mit seinen fünfundzwanzig vermutlich ein anderes Kaliber.
Ost-Alb und sein Kumpel waren wirklich hartnäckig, sie verfolgten uns den ganzen Abend, egal wo wir uns auch hinstellten. Allerdings waren sie so freundlich und harmlos, daß wir nichts gegen sie in der Hand hatten. Ost-Alb hieß Peter und war dreiunddreißig, sein Kumpel hieß Michael und war einunddreißig.
"Nein, wir kommen nächsten Freitag nicht auf die Single-Party", hörte ich Gitta gerade dem Michael erklären, als Ost-Alb-Peter mir darlegte, warum ihm kleine Frauen viel lieber seien als große. Nämlich, weil man die so schön in den Arm nehmen könne, was er mir dann auch prompt am lebenden Beispiel demonstrieren mußte, nein wie raffiniert! Ich schüttelte ihn ab. Das ging mir dann doch etwas zu weit.
"Äh, das war jetzt nicht persönlich gemeint", versicherte er mir sofort. "Ich will Dich nicht anbaggern oder so." Nein wie niedlich. Zwei richtig nette Kinder.
"Kommst Du aus dem Rems-Murr-Kreis?", fragte mich Ost-Alb-Peter noch, als wir uns verabschiedeten. Rems-Murr-Kreis, wo zum Teufel war denn das?
"Nein", prustete ich heraus. Gitta neben mir brach unter einem Hustenanfall zusammen, sie hatte sich im Griff.
"Tschüß dann", riefen wir einträchtig. Was war es nicht schön, das Alleinsein!

Gegen später stand ich ein bißchen an der Tanzfläche herum und sinnierte vor mich hin.
"Wer bist du denn überhaupt?", rempelte es mich unsanft von der Seite an. Ich drehte mich um. Neben mir stand einer, den ich auch seit hundert Schlappi-Jahren vom Sehen kenn. Gitta gefiel der ziemlich. Er trug immer schwarze Rollkragenpullover, so wie ich. Irgendwann hatte ich ihn mal auf der Königstraße eine ziemlich gut gemachte Performance veranstalten sehen, irgendwas mit brennenden Fackeln und einem Zirkusfahrrädchen. Das hatte mich damals ziemlich überrascht, denn so sah er eigentlich nicht aus. Interessant, was die Leute so für Hobbies hatten. Ich mochte ihn, hatte mir aber nie die Mühe gemacht, ihn irgendwie zu beeindrucken. Famous first words, mal wieder etwas besonders Gelungenes für meine Sammlung.
"Hey, was ist denn das für ein blöder Spruch! Kannst Du mir mal sagen, was ich darauf antworten soll?" Auf blöde Sprüche sage ich in letzter Zeit immer genau das, was ich denke. Ich grinste ihn an.
"Hast recht", er grinste auch. "Ich bin gerade dabei, das Stammpersonal hier kennenzulernen."
Aha. Stammpersonal. Zählte er mich etwa dazu? Er lachte nett, also sagte ich, meinen neuen Freund Anton, das linke Rindvieh, zitierend
"Gestatten - Ariane."
Er schüttelte mir formvollendet die Hand
"Paul. Sehr erfreut."
Na bitte. Sollte meine Mutter nochmal sagen, die Männer von heute hätten keine Manieren mehr. Wir kamen recht schnell ins Gespräch. Er fragte mich, was ich denn im 'richtigen Leben' so machen würde. Ich prahlte mit meinem neuen Werbung-und-Marketing-Job, ein wahrhaft erhabenes Gefühl. Er lächelte anstandshalber bis interessiert.
"Du bist ja eine richtig gute Partie", sagte er.
"Klar, aber nicht deshalb!" schlagfertig war ich sogar auch noch. Heute war mein Tag. Edgar und Torsten zum Trotz.
"Der war gut!" lobte Paul auch gleich.
"Klaro!" gab ich selbstgefällig zurück. Ach, was war das Leben schön. Ich mochte Paul, der schien ganz okay zu sein.
"Und dich hab ich glaub ich mal auf der Königstraße Kunststückchen machen sehen, kann das sein?" ich war mir plötzlich gar nicht mehr ganz sicher. Paul nickte selbstbewußt.
"Ist das alles, was du machst?"
"Alles? Hey, ich bin Straßenkünstler! Das ist bißchen anders, als du dir das vorstellst." Oh wei, da hatte ich das Fettnäpfchen ja wohl voll erwischt. Paul machte weder einen abgefahrenen noch einen sonderlich vergammelten Eindruck, ganz im Gegenteil. Blonde Stoppelhaare, eher teure Klamotten und eine sehr aufrechte Körperhaltung. Dazu ein unerschütterlich direkter Blick aus intelligenten wasserblauen Augen. Mir fiel Norahs Freund Arndt wieder ein, der ist von Beruf Zauberer, und auch alles andere als ein Looser. Das würde ja interessant werden.
Innerhalb von zehn Minuten hatte Paul mich überredet, gleich morgen mit ihm Essen zu gehen. Beziehungsweise, er würde mich zum Essen einladen, und zwar in seine WG. Da würde auch seine Exfreundin wohnen, das sei ungefährlich. Aha. Und von was träumst Du nachts, dachte ich. Das ließ sich ja gut an.
"Gehst du immer so ran?" fragte ich belustigt.
"Klar!", sagte er. "Nicht oft, aber wenn, dann immer so." Nicht oft. Und das sollte einer glauben. Soviel Frechheit hätte ich ihm wirklich nicht zugetraut. Ariane, dachte ich mir, jetzt nicht kneifen. Wo ich doch immer behauptete, daß Männer zu langsam für mich seien. Paul machte mir Spaß. Der sagte wenigstens direkt, was er wollte. Vorsichtshalber verzichtete ich darauf, ihn nach Einzelheiten zu fragen. Neulich hatte ich in der Zeitung das Bild des berüchtigten Heide-Killers gesehen, der letztes Jahr in Norddeutschland sein Unwesen getrieben hatte. Auf dem Bild hatte er nicht schlecht ausgesehen. Gitta und ich waren uns einig gewesen, daß wir dem auch auf den Leim gegangen wären. Ich verdrängte, daß ich mir das zur Warnung hatte merken wollen.
"Also entweder du bist der totale Aufreißer, oder du bist einfach nur lässig", sagte ich zu ihm.
Er grinste selbstzufrieden in sich hinein und hatte es nicht nötig, sich zu rechtfertigen. Das gefiel mir enorm. Kein verlogenes 'ich bin eigentlich total sensibel' oder 'das ist alles nur wegen dir, ich kenne mich so eigentlich gar nicht', oder womit sich Männer sonst immer zum Opferlamm machen. Siehe Torsten, der nie Frauen in der Disco ansprach. Na schön, wenn er mir so kam, konnte ich es drauf ankommrn lassen. Wie sagte Isabella so schön, man mußte flexibel sein. Paul hatte handfeste Formen, auch wenn er ein bißchen klein war. Und dumm war er ganz sicher nicht. Alles Wichtige war besprochen. Ich ließ ihn eine Weile stehen und tanzte in Ruhe meinen Höhenflug zu Ende. Bevor ich ging, gab ich ihm noch meine Geschäftsnummer, und er versprach, mich zwecks Wegbeschreibung anzurufen. Ich war mal gespannt, ob er es tun würde.
***
Ich rief Paul zurück, und ließ mir den Weg erklären. Plötzlich klang alles wieder ganz harmlos. Wahrscheinlich würde es einfach ein netter Abend werden, und er dachte sich gar nicht viel dabei. Vielleicht war ich ja doch ein bißchen fixiert. Ich beschloß, 'flexibel' zu sein, so wie Isabella empfahl, was immer das auch heißen mochte.
Im Treppenhaus lehnte Pauls Zirkusfahrrädchen. Die Wände in der Wohnung waren lila und rosa gestrichen, das sei Andrea gewesen, besagte Exfreundin, entschuldigte er sich. Paul stand in Jeans und Wollsocken und einem schwarzen Pulli in der Küche und schnibbelte allerlei Grünzeug in eine Schüssel. Herzallerliebst. Und rote Haare hatte er, das war mir im Schlappi noch gar nicht aufgefallen. Das gleiche Rotblond wie Jan, ich war hingerissen. Anstandshalber fragte ich, ob ich ihm etwas helfen könne.
"Gäste werden verwöhnt", sagte Paulchen und grinste dominant. Wir unterhielten uns prima. Paulchen hatte sein Leben im Griff, und war trotzdem unberechenbar. Ich gab mir keine Mühe, ihn zu beeindrucken, er war interessant genug, ihn den Abend reden zu lassen. Paulchen strotzte geradezu vor Selbstbewußtsein und Lebensfreude. Ich genoß es. Endlich ein Mann, der es mit mir aufnehmen konnte, der mich nicht langweilte. Kochen konnte er auch. Ich trank viel zu viel Wein, hörte ihm zu und hing meinen Gedanken hinterher. Torsten fiel mir wieder ein, dieser Idiot. Bei Paulchen fühlte ich mich wohler, schließlich war ich in den aber auch nicht verliebt.
Ich hatte es satt, liebesblinde Kälber durch den Großstadtdschungel zu zerren. Oder mich neben dankbaren Kinogängern im Halbdunkel wiederzufinden, die nur darauf warteten, daß mein müder Kopf an ihre eher weniger breite Schulter fiele. Ich wollte einen Mann, der mich angrub, der mir auf den Kopf zusagte, was er von mir wollte, und der meinen ach so zarten Händen und meinen ach so harmlosen Gedanken alles weitere abnahm. Der mir verbot, Spielchen mit ihm zu spielen. Einen Hexenmeister.
"Magst du einen Kaffee zum Nüchternwerden?" fragte er. So spät konnte es noch gar nicht sein. Paulchen hantierte in der Küche herum. Auf einmal stand er hinter mir und massierte mir die Schultern. Gehörte das auch zum Gäste-werden- verwöhnt-Repertoire? Gab es etwas, was der Mann nicht beherrschte? Wieder mal war ich dankbar für jede Minute meines Lebens, die ich mich im Schwimmbad gequält hatte. Was Paulchen gerade testete, hielt jeder noch so kritischen Prüfung stand. Bevor ich auf die Idee kommen konnte, ihm unsittliche Anträge zu machen, war zum Glück der Kaffee fertig. Ich lehnte mich entspannt zurück.
"Wie wärs mit einer richtigen Massage?", schlug Paulchen vor und zog mich in sein Zimmer. Also doch Sturmangriff. Paulchen war ein Mann, in dessen Hände man durchaus fallen könnte. Es paßte alles so schön zusammen. Alles war so selbstverständlich und so leicht.
"Ich bin für klare Verhältnisse", sagte er und küßte mich freundschaftlich. Es klang anders als bei Torsten.
"Ich bin auch für ein klares Verhältnis", sagte ich und wir gackerten und Paulchen schleppte noch eine Flasche Sekt an. Offenbar waren derartige Verhältnisse ohne Alkohol schwieriger zu bewältigen. Paulchen hatte eine Menge Zeit und konnte einfach alles genießen. Wir lachten viel. Er zeigte mir, wie sehr er das Zusammensein mit mir genoß. Es wurde eine wundervolle Nacht.
***
Bevor es kompliziert werden konnte, ging Paulchen dann aber lieber längere Zeit Urlaub machen. Kaum war er zurück, rief er wieder bei mir an.
"Sehen wir uns am Sonntag im Schlappi?", fragte er im dritten Satz, nach dem üblichen mühsamen 'bist-du-auch-schon- wieder-da'-Geplänkel.
"Logo", sagte ich lässig. Wie würden wohl Matthias und Paulchen aufeinander reagieren? Eigentlich mußten sich die beiden ja auch kennen.
"Kannst dir ja ein paar Klamotten mitbringen, und bei mir übernachten", sagte Paulchen routiniert, und der Tonfall irritierte mich. Hatte hier schon die Selbstverständlichkeit Einzug gehalten oder wie?
"Bring doch du ein paar Klamotten mit", schlug ich gerissen vor.
"Hm. Mal sehen. Eher nicht", war die erschöpfende Auskunft. Paulchen liebte es anscheinend bequem. Er enttäuschte mich.
"Ja, schaumermal", sagte ich. So nicht, mein Lieber.
"Yo, bis Sonntag dann!" Wir legten auf. Das Gespräch hatte keine fünf Minuten gedauert. Aber was hatten wir einander auch schon zu sagen. Die Lust auf Paulchen war nur vergangen, bevor die Sache ein primitives Niveau erreichen konnte.

Montag abend, zwanzig Uhr dreißig. Norah plumpste auf eins meiner blauen Designersoffas. Sie kam direkt von der Arbeit und war noch businessmäßig mit irgendeinem bodenlangen Schlauchrock in anthrazit und dem dazu passenden Oberteil gestylt. Bei Edel-Kaufhausens durfte man nämlich nur in schwarzweiß erscheinen, auch dann, wenn man in der Verwaltung arbeitet.
"Gib mir ein Glas Wasser, sonst fall ich auf der Stelle tot um", begrüßte sie mich.
Das liebe ich an Norah, diese Art, einfach die Tatsache zu ignorieren, daß wir uns wieder wochenlang nicht gesehen haben. Im Vergleich zu Isabella und ihren überschwenglichem Getue wirkt Norah auf mich wie eine Insel der Ruhe und der Gelassenheit. Manchmal jedenfalls. Gelegentlich wirkt sie auch wie ein Eisbrocken.
Norah und ich haben uns am Tag der Einschulung kennengelernt und uns gleich prima leiden gekonnt. Schon am zweiten Tag haben wir uns in der Pause gedroschen, und das wegen einem gleichaltrigen Mann, der nach heutiger Zeitrechnung seit fünf Jahren verheiratet ist und eine Glatze hat. Dieses Schlüsselerlebnis war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Ich robbte auf dem Boden herum und pinselte an einem Seidenschal. Norah gefiel er. Das war verdächtig, denn der Schal war eindeutig als eines meiner Machwerke zu identifizieren. Norah liebte mittlerweile sogar meine dicken bunten selbergestrickten Wollsocken, was Ines mir allerdings nicht glauben wollte.
"Wie geht es Dir?" fragte sie nach einer Weile. Meine Trennung von Edgar war noch nicht einmal zwei Wochen alt.
"Naja", sagte ich, "es ging mir schonmal besser, aber es geht mir nicht so schlecht wie ich gedacht hätte."
"Das sehe ich", sagte sie. "Du siehst ganz ordentlich aus", womit sie wahrscheinlich nicht meine Malklamotten meinte.
"Scheiß Männer", sagte ich.
"Alle Männer sind Schweine", sagte Norah pauschal und wir lachten.
Dann erzählte ich ihr blutrünstige Details aus meinen jüngst beendeten Liebesleben.

Im Briefkasten war ein dicker Umschlag vom 'Land&Leute'. Vom Anrufbeantworter johlte Gitta, daß ich sie unbedingt sofort zurückrufen solle.
"Ich bin gerade bei Brief Nummer vier von siebzehn, es ist zum Brüllen!"
Was? Gitta hatte siebzehn Briefe bekommen? Ich riß den Umschlag auf und zählte. Nur sechzehn. Aber einer von Gitta's Briefen war schließlich von mir, der galt nicht.
Bei Gitta war belegt. Wahrscheinlich las sie gerade ihrer Busenfreundin Ulrike die gesammelten Werke vor. Genüßlich ließ ich mich auf dem Boden nieder und sortierte die Umschläge nach Schriften. Ein Stapel mit ansprechenden Handschriften, ein Stapel mit Computergedrucktem und ein Stapel mit Handschriften, deren Besitzer sich quasi selbst disqualifizierten.
Den ersten Brief kapierte ich nicht. Er war mit Schreibmaschine geschrieben, obwohl der Mann namens Hermann eine Eins-A Schrift hatte. Er ging total auf meinen schlappen Anzeigentext ein. Ich hatte eigentlich nur aufgezählt, welche bescheidenen Eigenschaften und Besitztümer Mann angeblich haben müsse, nämlich ein gesundes Selbstvertrauen und eine positive Lebenseinstellung und Sport und Freunde und eine Portion Selbstironie und einen interessanten Job und gute Ideen und dann behauptet, diese alle selber auch zu besitzen. Fairerweise hatte ich zur Abschreckung noch etwas von einem Dickschädel erwähnt. Um das ganze etwas verbindlicher aber nicht zu verbindlich zu gestalten, hatte ich noch ein 'meinst Du, wir könnten uns mögen?' dahintergesetzt, was mir in gedruckter Form dann aber am meisten von allem mißfiel. Statt der anzeigenüblichen (28/159/50) hatte ich mir ein schlichtes (28) erlaubt. Ich dachte nicht im Traum daran, die vorgegebenen Standard-fünf-Zeilen zu überschreiten. Gittas Text war ähnlich gelagert, aber dennoch inhaltlich ganz anders. Wir hoben uns ziemlich von den anderen Anzeigen ab, denn viele Frauen waren 'einsam', hatten 'das Single-Dasein satt', oder 'suchten' nach irgendwelchen Eigenschaften, die der Traummann 'Bitte-mit-Bild' zu erbringen habe. Dennoch schienen sich hinter neunzig Prozent aller Anzeigen völlig normale Menschen zu verbergen.
Hermann schrieb also, er wünsche mir noch viele Zuschriften mit den genannten Eigenschaften, listete diese dann akribisch auf und setzte darunter ein 'Ich denke, daß Du das ganze bestimmt auch so unkompliziert angehst, und freue mich auf Deinen Anruf. Hermann' Telefon soundso, bis dreiundzwanzig Uhr. Was war daran unkompliziert? Weg damit.
Der nächste Brief war von Olaf, wie die perfekt geschnörkelte Unterschrift verriet. Der Brief war eine ganze computergedruckte Seite lang, und eigentlich richtig toll. Tiefsinnig, intelligent, selbstbewußt, sensibel, ansprechend. Olaf hatte klasse Ansichten und konnte gut schreiben. Ich begriff nicht, was mir daran nicht gefiel. Doch. Es war zu perfekt, es lag zuviel Hoffnung darin. Wer eine Anzeige so ernst nahm, der nahm auch sein Leben auf beängstigende Weise ernst. Adresse und Telefonnummer waren angegeben, aber hier war Vorsicht geboten. Außerdem war Olaf 'wieder' Student, das mußte ja nicht sein. Er hatte noch zwei Anzeigentexte mitgeschickt, die er sich 'mal überlegt' hatte, auch die waren furchtbar interessant und perfekt. Im ersten Entwurf war er siebenundzwanzig, im zweiten 'fast dreißig'. Nee, auf dem Trip war ich gerade überhaupt nicht. Trotzdem würde ich ihm mal einen Brief schreiben, bei meinem nächsten depressiven Anfall vielleicht. Langweilig war der Knabe wahrscheinlich nicht.
Die Handschrift auf dem nächsten Brief gefiel mir ganz besonders gut. Sie war eindeutig männlich und ein bißchen hingeschlampt, die Chiffre-Nummer war quer übers Eck geschrieben. Eine stinknormale Briefmarke, ein stinknormaler Umschlag, ein normales weißes Blatt von Hand mit schwarzem Filzstift beschrieben. Der Gesamteindruck erhielt die Note 'Sehr Gut'. Ziemlich rechts oben im Eck stand das Datum, mit Längsstrichen getrennt, wie ich das auch immer mache, und 'Stuttgart' stand ohne Komma davor. Es sind die Feinheiten, die mein Herz berühren.
'Hey' las ich erfreut. Nicht 'Liebe Inserentin' oder so einen Quatsch. 'Hey' hatte doch was unheimlich Dynamisches, nicht wahr?
'hier schreibt Dir Klaus, und jetzt kannst Du die anderen Briefe weglegen.' Mannomann. Der ging ja mal ran! Paß auf, was Du sprichst, liebes Kind. Ich grinste fett in mich hinein. 'Lies meinen, und Du siehst, daß wir uns mögen können.' Aha. Jetzt wurde es sicher gleich wieder langweilig. 'Laß uns vielleicht aber doch erstmal treffen; mich würde Dein 'Dickschädel' interessieren, auch von außen.' Hier fehlte irgendwie ein 'uns', grammatikalisch, aber ich wußte auch nicht recht, wo ich es hingesetzt hätte, folglich konnte ich es geltenlassen. Aber was, der Mann zweifelte schon im ersten Abschnitt an meinem blendenden Aussehen?
'Also ich kann natürlich alles besser und schneller wie die anderen, das ist ja klar. Ich sehe besser aus, bin netter, usw...' Das durfte ja gar nicht wahr sein! Der traf ja mit jeden Satz mehr und mehr ins Epizentrum meines Gelächters.
'Lies weiter, aber ich sage Dir, das was mich von den anderen unterscheidet ist das nicht, denn das schreiben Dir die auch.' Aha? Das begriff ich irgendwie nicht so ganz, kam jetzt etwa eine Aufzählung von haarsträubenden Freizeitaktivitäten der ausgefallen Art? Krokodiljadg und Vollwertkochkurs? Selbsterfahrung und Mountain-Bike?
'Wenn ich gerade 'normal' bin, mache ich auch all die normalen Freizeitbeschäftigungen (Kino, Kneipe, Konzert, Essen gehen ...). Und auch ich hab' meinen Sport und meine Freunde, also alles Wichtige geklärt.' Was meinte er mit 'normal'? Hatte er irgendwelche mentalen Aussetzer? Oder meinte er es so, wie ich es verstand? War er vielleicht doch auf eine gewisse menschliche Art durchschnittlich?
'So, wenn Du Dich meldest, dann schlage ruhig was vor für unser Blind Date, ich trau mich überall hin.' Sehr schön, ich mich auch.
'Wir können gleich umtreiben, oder auch nur was trinken.' Mir war spontan danach, diesen Klaus sofort im Schlappi auf die Tanzfläche zu zerren und zu schauen, ob er sich bewegen konnte. Oder was meinte der mit 'umtreiben'?
'Mich kannst Du erreichen', stand da, dann folgte die Adresse ohne Telefonnummer. Mann wollte also nicht angerufen werden, sondern einen Brief bekommen. Hatte er Angst, seine Mutter könne ans Telefon gehen? Oder wollte er sehen, ob ich selbständig und ohne Anleitung dazu in der Lage war, über die Auskunft seine Telefonnummer zu eruieren? Oder hatte er eigentlich gar keine Lust, jemanden über eine Anzeige kennenzulernen, so wie ich? (Bloß, wer würde mir das jetzt noch abnehmen?)
'Mit einem Lebenszeichen von Dir rechne ich natürlich, und ich bin mal gespannt, was Du zurückschreibsch. Also trau Dich. Ciao, Klaus' 'Natürlich' rechnete er mit einem Lebenszeichen von mir, das klang herrlich arrogant. Daß ich mich trauen soll, hätte er sich sparen können, aber wenn er meinte? Dafür gab das hübsche verschwäbelte 'sch' im 'zurückschreibsch' der angedeuteten Selbstgefälligkeit einen richtig netten Beiklang. Um ehrlich zu sein, das hätte von mir sein können. Der ganze Brief hätte von mir sein können, fand ich. Dieser Klaus mußte besichtigt werden, unbedingt.
Zwischenzeitlich war auch Gittas Telefonleitung wieder frei geworden. Ich wollte ihr den Brief vorlesen, der mit 'der heutige Tag könnte für uns ein entscheidendes Datum sein, da Ihr Intersat mich sehr ansprach' begann, aber den kannte sie schon, denn sie hatte ihn auch bekommen. Auch mit dem Marokkaner vom Studentenwohnheim konnte ich sie nicht mehr beeindrucken, und das Rundschreiben von Eddy 'Hallo liebe Intserentin, danke für Ihr nettes Inserat' und so weiter, hatte sie auch schon gelesen. Auch die Computergrafik der schielenden unförmigen Frau im schwarzen Cocktailkleid, die mit Sektflasche und zwei Gläsern drohte, war ihr nicht neu. Der kreativ Begabte war nach eigenen Angaben 'ein Prinz von zweiunddreißig Jahren, einssiebenundsiebzig groß, schlank, sportlich und blauäugig' undsoweiter, der ein 'Dornröschen' suchte. Dafür bot er seine 'ganze Liebe, sowie Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen und Zärtlichkeit'. Ein 'Märchenschloß' sei auch vorhanden. Ob das wohl schon abbezahlt war, das Märchenschloß? Wir sollten ihn anrufen, damit er uns verzaubern könne. Die kleinkrickelige Unterschrift lud dazu nicht unbedingt ein. Der Apotheker mit Handy 'am Körper', dessen Brief stark nach Spülkastenstein duftete, hatte mir noch ein Foto mitgeschickt, das bei Gitta fehlte. Selten so gelacht. Diese zwanzig Mark hatten wir gut angelegt, da waren wir uns wieder mal einig.
Gitta hatte noch einen Brief von einem Tigerbändiger bekommen, der gerne den Urwald bereiste und aber ansonsten einen recht vernünftigen Eindruck machte. Hier konnte man die Kontaktaufnahme in Erwägung ziehen.
***
Ein Christian hatte von seinen Erfahrungen auf der Herz-Schmerz-Party geschrieben. So wie es sich las, war er extra hingefahren, um mich dort zu treffen. Er war mit meiner Nummer rumgelaufen und hatte darauf gewartet, daß ich ihn ansprach. 'Warst Du da? Hast Du mich gesehen? Hast Du gedacht, der nicht? Wer bist Du? Schreib mal oder ruf an!' endete der Brief. Ich hatte keinen Dunst, wie das mit der Nummer ging, und plötzlich interessierte mich das brennend. Also rief ich an. Der Mann wohnte in Tübingen, also mußte er Student sein, und Studenten konnte man bedenkenlos einfach mal anrufen, Studenten waren schließlich lässig drauf, hieß es doch immer. Christian meldete sich am Telefon und machte den Eindruck, als sitze er gerade in Filzpantoffeln beim Kartoffelschälen.
"Hallo, hier ist Ariane. Ich bin die Frau mit der Nummer vierundzwanzig.", sagte ich. Es dauerte unheimlich lang, bis er sich an etwas erinnerte. Ich bereute schon nach dem ersten Satz, ihn angerufen zu haben, er war ein bißchen sehr schlapp und unverbindlich. Immerhin aber erklärte er mir die Sache mit der Nummer: Mann konnte sich auf der Flammende-Herzen-Party einen Button mit der entsprechenden Kennzahl der auserwählten Anzeige geben lassen, und darauf warten, angesprochen zu werden. Er sagte, er habe viele Männer mit meiner Nummer gesehen, und am Schluß verzweifelt einige davon befragt, ob sie mich nicht gesehen hätten. Hatte aber keiner. Kein Wunder, wo ich doch zuhause gehockt war. Schade, daß ich das nicht früher gewußt hatte. Inkognito und mit Gitta wäre das sicher ein Spaß gewesen. Christian erwartete jetzt offensichtlich ein Verabredungsangebot von mir. Au Backe. Ich bekam noch mit Mühe heraus, daß er Lehrer war, irgend etwas noch nebenbei studierte, Psychologie oder Pädagogik, und 'um die vierzig' war. Himmel. Lehrer. Pädagogik. Das war alles nichts für mich, und über vierzig, das war auch eindeutig zu alt. Einfach auflegen ging nicht. Ich versprach ihm, mich bei Gelegenheit mal wieder zu melden, einen Teufel würde ich tun. Eventuell eine Karte schreiben, mehr aber ganz bestimmt nicht.
Wieder hatte ich mir die Reihenfolge der Briefe nach Gefallen der Handschrift ausgesucht, und siehe da, es funktionierte auch diesesmal. Ich mag großzügige Handschriften, die nach rechts geneigt, und deren Buchstaben nicht allzu perfekt gesetzt sind. So ein Fall war auch Jörn. Jörn hatte sogar ein Foto mitgeschickt, und er war nicht mal häßlich, ganz im Gegenteil. Vor allem schien er eine gnadenlos durchtrainierte Figur zu haben. Ein bißchen schüchtern sah er vielleicht aus, aber nachdem ich den Brief gelesen hatte, war mir das nur recht. Der Inhalt sprach für sich. Jörn begann seinen Brief damit, daß er meine Anzeige 'echt witzig' gefunden hätte. Andere hatten Attribute wie 'toll', 'tiefsinnig', 'wahnsinnig interessant' und 'intelligent' verwendet. 'Witzig' klang wenigstens natürlich. Das erste, was Jörn von sich berichtete, war, daß er ein 'unheilbarer Optimist' sei. Ob ihm der Gegensatz in dieser Formulierung wohl bewußt war? Ich las den Brief richtig gern. Jörn hatte zwei Seiten vorne und hinten vollgeschrieben, in einem angenehmen Erzählstil, der nicht sonderlich angestrengt wirkte. Dabei hatte er sich nicht zurückgehalten, etwas von sich selbst zu schreiben. Der Gesamteindruck war rund. Der Mann gefiel mir unheimlich gut. Sportmäßig hatte Jörn '(nacheinander, nicht gleichzeitig)' leistungsmäßiges 'Schwimmen, Leichtathletik, Triathlon und Gewichtheben' vorzuweisen. Von Beruf war er Gartenbauingenieur und hatte wohl sehr viel mit Grünzeug aller Art zu tun. Genaueres konnte ich mir darunter nicht vorstellen.
Der Mann hatte was. Norah, der ich das Bild bei ihrem nächsten Besuch zeigte, sah natürlich wieder nur das verwaschene olivgrüne Sweatshirt, das er auf dem Foto trug und das zugegebenermaßen gräuslich war, wohingegen mein geschulter Röntgenblick wie gesagt sofort das Wesentliche ausmachte. Ja, doch, alles Wichtige war dran. Ich schrieb Jörn einen ebensonetten Brief zurück. Mal sehen, was er damit anfangen würde.
Gitta hatte von einem Briefeschreiber zwei Freikarten für ein Heavy-Metal-Konzert im Landeskriminalamt bekommen, und revanchierte sich damit bei mir für die Oldie-Nacht im Park. Der infrage kommende Mann sei der Bassist, hatte er geschrieben. Endlich konnte ich mal wieder meine Lederhose aus dem Schrank lassen.
***
Zuhause im Briefkasten war der dritte und hoffentlich letzte Umschlag vom Land&Leute. Diesmal nur noch zwei Briefe, einer davon sogar wirklich brauchbar. Ein einunddreißigjähriger Frank mit einer ansprechenden Schrift, der nur seine Telefonnummer angegeben hatte. Gitta hatte auch zwei Briefe bekommen.
"Den einen ruf ich noch an", sagte sie gutgelaunt, "der macht einen total netten Eindruck. Frank heißt er, und hat nur seine Telefonnummer geschrieben."
"Ist er einunddreißig?", fragte ich. Gitta lachte. Wir lasen uns die Briefe gegenseitig vor, und fanden sie immer noch nett. Es waren keine Serienbriefe. Tja, Künstlerpech. Gitta warf eine Münze und behauptete, ich hätte verloren.
"Hallo, hier ist die Ariane. Ich hab deinen Brief bekommen, vielen Dank." Frank war gerade dabei, Spaghetti aufzuwärmen (oder sagte er das nur, um Mitleid zu erwecken?) Er klang ganz nett.
"Schöne Grüße auch von Gitta", sagte ich, "Sie fand deinen Brief auch sehr nett."
"Da schau hin", sagte dieser Frank mit leicht badischem Akzent und lachte. "Aber ich scheine wohl noch nicht ganz untendurch zu sein, wie?" Das war in Ordnung.
"Nein", sagte ich. "Künstlerpech. Wir können uns dann ja mal zu dritt verabreden."
"Klar, warum auch nicht," meinte er. Das war auch okay, Test bestanden. So langsam bekam ich eine gewisse Routine. Wir quasselten eine gute halbe Stunde. Am Schluß verabredeten wir uns eher unverbindlich für den Mittwoch im Landeskriminalamt, für die Veranstaltung zu der Gitta Freikarten von diesem Baßmann bekommen hatte. Frank wollte noch einen Freund mitbringen. Mir war das gleich recht. Ich war dankbar um jede Geschichte, die sich irgendwo ins Harmlose umbiegen ließ, und er schien wirklich nett zu sein. Gitta fand das auch okay.

Ich holte Gitta ab, und wir fuhren ins Landeskriminalamt, um ihren Baßmann mit den Freikarten zu besichtigen. Ruprecht hieß der Knabe.
"Weißt du wenigstens, wie er aussieht?", fragte ich.
"Na, der mit der Gitarre halt. Schulterlange Haare hat er, hat er behauptet." Das war ja klar. Schließlich gingen wir zu einem Rockkonzert. 'Beast of Prey' hieß die Gruppe, das hörte sich nicht gerade nach altdeutschem Liedgut an.
"Und welches ist die Baßgitarre?" Meine Zeiten als Anstands-Groupie unserer Schülerband lagen schon ein paar Jahre im Dunkel.
"Er hat gesagt, es gibt nur eine. Ziemlich arrogant der Typ, so nach dem Motto, Frauen sind sowieso zu blöd um was von Musik zu verstehen."
"Hm." Ich dachte eine Weile nach, dann kam ich auf des Rätsels Lösung. "Du, Gitta - es muß eine Baßgitarre und eine normale Gitarre geben, sonst wird das nix. Irgendwie kann man die auch auseinanderhalten, aber frag mich nicht, wie."
"Ach so?" Gitta schaute mich von der Seite an. "Wir nehmen einfach den Hübscheren!", entschied sie.
"Oder den Schlagzeuger!", sagte ich. Meistens sind nämlich sowieso die Schlagzeuger die hübschesten.
"Oder Vier alle", sagte Gitta. Wir grölten. Wenn das so weiterging, würden wir dort nicht besonders auffallen.
Vor dem Landeskriminalamt parkten schon jede Menge Autos. Innen verlief sich die Masse aber ziemlich. 'Beast of Prey' standen schon auf der Bühne und gaben sich mit aller Gewalt dem sogenannten Soundcheck hin.
"Guten Abend", sprach der Sänger testweise ins Mikrofon.
"Tach Jungs", sagte Gitta in Richtung Bühne, aber natürlich hörte das keiner.
"Am Mike der Heinz", wurde er uns nachher vom Schlagzeuger vorgestellt.
"Am wo?" fragte ich Gitta.
"Am Mike. Am Mi-kro-fon!" Was waren die nicht cool. Wir grinsten uns eins.
"Bitte noch ein bißchen mehr Stoff auf meinen Monitor", sprach der Schlagzeuger in Richtung Mischpult.
"Und bitte noch ein bißchen mehr Bier auf meinen Monitor", proletete der Sänger hinterher.
"Hö-hö", machte Gitta. Ihr Date war ihr irgendwie nicht fein genug. Es gab zwei unauffälligere Typen mit Gitarren, einer davon sah ganz nett aus. Ich amüsierte mich. Der Sänger trug eine Hose, die nur aus Löchern bestand, und zwar an den verwegensten Stellen.
"Der hat sich wohl zu oft aufregen müssen", grinste Gitta. Die großzügig gewährten Einblicke waren wenig lohnenswert. Überhaupt gab die ganze Band optisch wenig her. Alles langhaarige Zotteltypen, ziemlich schlecht auf Vorstadt-Rockstar gestylt. Gitta steht noch weniger auf langhaarig als ich.
"Sag mal, kannst du mir sagen, welches da vorne die Baßgitarre ist?" fragte ich einen Typen, der neben uns stand.
"Da." erklärte er und deutete vage in alle Richtungen.
"Aha. Danke." So konnte das nichts werden.
"Der mit dem weißen T-Shirt", sagte er dann noch. "Warum?"
"Nur so. Danke."
Jetzt wußten wir es. Wenigstens war Gittas potentieller Verehrer das kleinste von all den Übeln dort oben auf der Bühne. Er sah eigentlich mehr aus wie Mamas Liebling und ich hätte jede Wette gehalten, daß sein Sweatshirt nach Aprilfrische roch.
Ohne Vorwarnung begann das Konzert in dreiviertels-Lautstärke mit einem alten Iron Maiden-Song aus unseren Kindertagen. Oder war es Motörhead? Norah hätte das gewußt. Überhaupt vermißte ich Norah ungeheuerlich an diesem Abend. Was nichts mit Gitta zu tun hatte, aber Heavy Metal und Norah und ich, das gehört einfach zusammen. Gitta hatte ihre Heavy Metal-Phase mit anderen Leuten durchgemacht, damals hatten wir uns noch gar nicht gekannt. Der Sänger Heinz strippte sich gerade das T-Shirt herunter, was er besser gelassen hätte. Wir amüsierten uns gnadenlos. Gittas Baßmann Ruprecht froggte unterdessen frohen Mutes über die Bühne und hatte sichtlich seinen Spaß. Er lachte die ganze Zeit, während die anderen um unglaubliche Coolness bemüht waren. Irgendwie mochte ich Knecht Ruprecht. Und die Musik war auch nicht schlecht.
Vor der Bühne standen eine Handvoll Leute herum, als Sänger Heinz mitsamt seinem 'Mike' ins Publikum jettete.
"Hoffentlich langt dem sein Kabel nicht bis zu uns!" meinte Gitta.
"Das ist wie bei diesen Fiffis", sagte ich. "Diese Hundeleinen, die man auf Knopfdruck wieder einrollen kann."
"Wie beim Staubsauger" johlte Gitta. Es war einfach klasse.
Knecht Ruprecht hatte uns mittlerweile auch entdeckt. Gitta hatte ihm erzählt, daß sie kurze blonde Haare hatte. Jetzt hatte er die freie Wahl. Wir grinsten ihn freundlich an, um ihn noch ein bißchen zu verwirren.
Das ganze war einfach nur eine große Gaudi. Nach dem Auftritt verschwand Knecht Ruprecht in den Backstage-Bereich.
"Da lauf ich jetzt aber nicht hinterher", sagte Gitta und setzte sich in Bewegung.
"Du bleibst hier!", befahl ich. "Der wird schon wieder rauskommen."
Die nächste Band war eine herzerfrischende Abiturienten-Formation, die die gesamte gymnasiale Oberstufe von Sachsenheim dabeihatte. Das Landeskriminalamt verwandelte sich in Nullkommanichts in einen Pausenhof. Zwei der Darsteller trugen diese wollenen Eierkopfmützen, die Kinder zur Zeit so gerne aufhaben. Der Sänger, ein spindeldürres Männchen und höchstens 19, zog eine überraschende Show ab. Eindeutig hatte der vor dem Home-Video unseren Freund Mick studiert. Er machte ihn nicht mal schlecht nach, das mußte man ihm lassen, vor allem die Sprünge hatten es gewaltig in sich. Ansonsten machte das ganze einen etwas zappeligen Eindruck, auf Dauer nervte es.
"Komm, wir gehen", sagte ich nach einiger Zeit zu Gitta. Just in diesem Augenblick kroch Knecht Ruprecht wieder aus seinem Verschlag.
"Ich geb' mich mal zu erkennen", sagte Gitta und versuchte, ganz cool hinzuschlappen. Vielleicht war das mit Gitta und der Kontaktanzeige doch keine so gute Idee gewesen. Nicht, daß sie das zu wörtlich nahm? Sie begrüßten sich und sofort zerrte er sie in ein dunkles Eck, ich hoffte, daß es nur wegen der Lautstärke war. Ich entfernte mich diskret und versuchte es mit Schielen. Man muß ja nicht überall dabeigewesen sein. Nach fünf Minuten kamen sie aus dem Eck wieder heraus und suchten mich. Wir hockten dann mit Knecht Ruprecht noch ein Stündchen an einem Tisch herum und betrieben Konversation. Ruprecht hatte einen Fotoapparat dabei, und wollte ein Foto vom ersten Blind Date seines Lebens haben. Na bitte. Wieder so ein Verbrecherbild, mit dem man Gitta erpressen konnte. Dann bestand er darauf, auch noch ein Bild von Gitta und mir zu machen.
Knecht Ruprecht war eigentlich ein wackeres Kerlchen. Die Ausrede, er hätte nur auf Gittas Anzeige geschrieben, weil er ganz zufällig auf der Herz-Schmerz-Party gelandet sei, klang zwar glaubwürdig, war es aber nicht. Naja. Was konnten wir daran schon aussetzen, wir, zwei Anzeigenschreiberinnen. Ich nahm ihn ein bißchen auseinander, spaßeshalber. Gitta hatte in ihrem Anzeigentext etwas davon geschrieben, daß sich in ihrem Bekanntenkreis die vorherrschenden Themenkomplexe um Eigentumswohnungen und Kindererziehung drehten, und daß ihr nach Menschen sei, die sich auch noch über was anderes unterhalten könnten. Daß das sehrwohl ein Seitenhieb auf meine Eigentumswohnung gewesen war, war mir auch klar, aber wenn sie es nötig hatte, ließ ich ihr den Spaß.
"Und du hast also keine Eigentumswohnung und willst demnächst auch keine Kinder?", fragte ich Ruprecht charmant. Doch, ähm, also, eine Wohnung hätte er nicht, aber Kinder würde er dann später doch schon irgendwann wollen, gab er zu. 'Später mal' fand ich klasse. Immerhin war Ruprecht ja erst zweiunddreißig und studierte auch erst im sechzehnten Semester. Da brauchte man sich über seine Zukunft schließlich noch keine Gedanken zu machen Er sagte das im gleichen Tonfall, den mein Freund Holger mit vierundzwanzig drauf gehabt hatte.
"Ohne Eigentumswohnung läuft bei uns gar nichts!" stieg Gitta darauf ein. "Besser noch ein Haus!"
"Genau", sagte ich "Uns gibt es nämlich nur im Doppelpack!" Wahrscheinlich brach dem armen Ruprecht an dieser Stelle der kalte Angstschweiß aus, aber Gitta und mir gefiel das Spielchen. So nach und nach kam heraus, daß es Ruprecht auf der Herz-Schmerz-Party so gut gefallen hatte, daß er beim nächstenmal gleich wieder hingehen würde. Wir lenkten das Thema elegant um auf die Rocknacht im Gartenpark. Im Gartenpark sei er nur auf der Single-Party gewesen, sagte Ruprecht. Irgendwer hätte dort allerdings etwas an seiner Kleidung zu bemängeln gehabt. Das verstanden wir ja nun überhaupt nicht, trug er doch Turnschuhe, alte Jeans und mittlerweile ein ungebügeltes Hemd (er hatte sich doch wohl nicht extra für uns umgezogen?). Ruprecht war zwar bestimmt sauber geschrubbt, aber eben den sogenannten Ansprüchen des Gartenparks doch nicht gerecht. Altrocker waren dort nicht gern gesehen. Auch nicht an der Rocknacht, aber da hatte man eben keine Argumente gegen sie.
"Das mit der Single-Party scheint Dir ja dann aber mächtig imponiert zu haben, wenn Du schon wieder hingehst", sagte ich nett. Gitta, die mir mittlerweile gegenübersaß, und deren Gesicht er gerade nicht sehen konnte, verdrehte hilflos die Augen einmal im Kreis und mimte einen Hustenanfall. Darin war sie spitzenklasse, es fiel überhaupt nicht auf. Ich konnte mir das Grinsen auch nicht ganz verkneifen. Ruprecht gab zu, er habe die Stimmung auf der Fete einfach klasse gefunden. Ich bekam so langsam den Eindruck, er sehnte sich ungeheuerlich nach einer Frau, einer Eigentumswohnung, einem Kind und einem spießigen Mittelklasse- wagen. Ruprecht war wirklich nett. Schade, daß Gitta und ich nicht auch nett waren. Wir verabschiedeten uns.

"'Philosoph, Schönling, Sportler, Tänzer'", grölte Ines aus dem Wohnzimmer "'sucht Philosophin, Schönheit, Sportlerin, Tänzerin'. - Ariane, das ist der Mann für Dich." Wir waren gerade im Begriff, auf die Herz-Schmerz-Party im Schlappi zu gehen, und Ines las noch einmal das Angebot vor.
"Den Text kenn ich irgendwoher" rief ich zurück.
"Echt, woher?"
Ich überlegte. Olaf hatte mir in seinem ersten Brief zwei Anzeigenentwürfe mitgeschickt, die er 'vielleicht mal aufgeben' wollte. Das war es.
"Olaf", sagte ich und stellte Anton die Kaffeetassen auf mein Schneidbrett, das er weltmännisch als Serviertablett bereithielt. Er hatte sich meine Kuhschürze umgebunden und jonglierte gefährlich mit der vollen Kaffeekanne. Ein Bild für die Götter.
"Wer is' Olaf? Den hast Du mir unterschlagen!", beschwerte sich Ines.
"Der Filosof", sagte ich
"Achso, der. Er hat FH Nummer 123, merk dir das!"
"Den find ich auch ohne die Nummer", sagte ich. Ich wußte zwar nicht wie, weil man auf dem Foto, das er geschickt hatte, nicht allzuviel erkannte, aber irgendwie hatte ich das im Gefühl.
Gleich am Eingang wurden die Buttons mit den Nummern der heimlichen Herzensträume ausgestellt. Die Buttons waren CD-groß und weithin leuchtend. Damit auch unsere blinden Mitbürger merkten, wenn sie angebaggert wurden.
"Ach deshalb hast du die Brille im Auto gelassen", stichelte Ines und wir beschlossen ganz spontan, daß wir doch lieber keinen Button wollten. 'Roopie' würde damit leben müssen.
Drinnen war die Party bereits in vollem Gange. So gut besucht hatte ich die Baggi noch nie gesehen. Es war einfach grauenvoll!
"Ojemineeh" sagte Ines, "und das soll nun der Tempel sein, in dem du dich immer aufhältst?"
Ich entdeckte Matthias, der mit zufriedenem Gesichtsausdruck auf der Tanzfläche eingeklemmt vor sich hintanzte. Matthias ignorierte einfach, daß es hier brechend voll war. Der Mann war einfach nicht von dieser Welt. Ich kämpfte mich zu ihm durch.
"Hey, ich dachte schon, meine Herzdame hat der Mut verlassen" sagte er und umarmte mich. Wir tanzten eine Weile so zusammen
"Jetzt mußt du mich aber wieder loslassen, sonst hast du ja gar keine Chancen mehr bei den anderen Frauen", sagte ich zu ihm, wobei ich eher an Olaf dachte.
"Stimmt", sagte Matthias. "Danke für den selbstlosen Tip". Wir lachten.
***
"Komm, laß uns gehen", sagte ich "Ich wollte doch noch diesen Filosofen-Olaf finden!"
"Uija, den mit den Krücken", sagte Ines, die über Olafs vielzitierten Sportunfall bereits bestens im Bilde war. Wir schoben uns auf die total überfüllte Tanzfläche.
"Ich kann mir nicht vorstellen, daß man hier heute überhaupt jemanden findet", sagte ich. "Wir hätten ja fast nicht mal Norah gesehen"
"Und die kennen wir!", Ines hatte es erfaßt. "Schau doch wenigstens mal!", sagte sie.
"Ich sehe nichts ohne Brille und außerdem hab ich Platzangst", log ich. Ines zog einen glaubs-selber-Flunsch, also scannte ich pflichtbewußt die Umgebung ab. Fünf Meter von uns weg tanzte ein Typ mit langen schwarzen Haaren, das heißt, was davon eben noch übrig war, zu einem Zopf gebunden. Er trug eine schwarze Jeans, ein schwarzes Jackett, einen schwarzen Rolli und - oh Graus - schwarze Ballett-Schläppchen dazu. Er war ziemlich groß und tanzte mehr als auffällig. Exaltiert, um genau zu sein.
"Das ist er", schrie ich Ines ins Ohr. Ich war ganz sicher.
"Wieso grad' der?"
"Kann ich Dir auch nicht sagen. Er ist es einfach. Ich spüre es!"
"Du lügst. Du hast gesagt, er hätte dir ein Foto geschickt", behauptete Ines.
"Nein. Das heißt ja, er hat mir ein Foto geschickt, aber auf dem sieht er total anders aus." Ines schrie etwas, das ich nicht verstand. Olaf grinste schon die ganze Zeit zu mir herüber. Ich grinste mal vorsichtshalber zurück.
"Wie findste ihn?", wollte Ines wissen.
"Gräuslich, wenn ich ehrlich sein soll. Fürch-ter-lich!"
"Willste ihn nicht ansprechen?"
"Nö, in spätestens drei Minuten haben wir den sowieso am Hals, schaumal wie der die ganze Zeit schon rübergiert."
"Stimmt", sagte Ines. Alle Frauen waren Schweine. Die Stimmung war gerettet.
In der Tat näherte sich Olaf innerhalb kürzester Zeit mit dem höchst originellen Spruch von wegen gute Bewegungen und so. Famous first words. Ich widerstand nur mühsam der Versuchung ihn wissen zu lassen, daß ich aufgrund seiner Briefe etwas mehr Einfallsreichtum von ihm erwartet hätte.
"Danke. Wie heißt du?", sagte ich stattdessen.
"Olaf. Und du?" Volltreffer. Er war es also tatsächlich. Olafs gibt es schließlich nicht so viele.
"Caro", sagte ich, ohne nachzudenken. Arianes gibt es schließlich auch nur ganz wenige. Ich hatte einfach keine Lust, mich jetzt schon zu outen. Wir plauderten eine Weile. Olaf erzählte im wesentlichen das gleiche, was er schon in seinen Briefen geschrieben hatte, wie langweilig! Ich nickte immer nur. Einmal wäre mir beinahe ein 'jaja, ich weiß' herausgerutscht. Olaf laberte mir beide Ohren ab. Himmel, war der Typ gesprächig. Und einen Sportunfall hatte er gehabt, soso... Wo waren Ines und Norah? Anton kam vorbei mit Wanda im Schlepp, und warf mir einen fragenden Blick zu. Dann hieß es, man solle die Tanzfläche für die nächste Vorführung räumen. Gottseidank.
"Ich muß mal nach meinen Freunden suchen, wir sehen uns später...", sagte ich schnell, bevor Olaf mich an die Bar schleppen konnte, und verschwand. Ines, Norah und Tim hockten an exponierter Stelle. Tim pennte mit dem Bierglas in der Hand.
"Uuuhnd?", fragten Norah und Ines im Dütt, als ich bei ihnen ankam.
"Was uuuhnd...", sagte ich pseudo-gelangweilt.
"Isser-es? Und wie isser?", Ines war schon ganz aufgeregt.
"Klar isser-es, sag ich doch. Quatscht bißchen viel." Alles lachte, man schien uns beobachtet zu haben.
"Vorsicht, er kommt", zischte Norah gerade noch rechtzeitig. Olaf schlich um uns herum und postierte sich äußerst unauffällig in Blickrichtung. Ich lächelte mal eben unverbindlich rüber. Er fiel fast vornüber beim Zurücklächeln.
"Himmel schmachtet der dich an", sagte Norah.
"Wer schmachtet wen an?", wollte Anton wissen, der uns mittlerweile auch gefunden hatte.
"Der Typ da drüben. Arianes neue Flamme!", sagte Ines. "Frisch aufgerissen!"
"Quatsch nich", befahl ich. "Das ist der Olaf mit den langen Briefen, du weißt schon", erklärte ich Anton. Wanda fummelte gelangweilt an ihrem Halsband.
"Schick ihn zum Zahnarzt, bevor du was mit ihm anfängst", riet Anton fachmännisch. Damit schien der Fall für ihn erledigt.
"Und? Wie gefällt ihm die Frau mit den schönen Briefen live?", wollte Ines wissen. Darauf hatte ich gewartet.
"Ich muß euch was sagen", setzte ich vorsichtig an. "Ich hab ihm gesagt, ich heiße Caro. Er weiß nicht, wer ich bin."
"Das ist nicht wahr", krisch Norah begeistert.
"Das dachte ich mir", seufzte Ines.
"Um was geht's hier eigentlich?", fragte Tim, der gerade zu sich gekommen war und einen lichten Moment hatte. Olaf in Sichtweite hub gerade wieder zu einem schmachtenden Lächeln an. Wir grölten. Er tat mir richtig leid. Ich hatte schon den halben Brief im Kopf, wie ich mich outen und ihm alles erklären würde. Eigentlich war er ja recht nett.
"Du mußt es ihm sagen", sagte Norah.
"Und du bist sensationsgeil. Ich muß gar nichts."
Für den Rest des Abends hatte ich Olaf am Hacken. Er ließ nicht nach. Als ich mich verabschiedete, wollte er unbedingt meine Telefonnummer haben und mich unbedingt wiedersehen.
"Am Sonntag bin ich hier", sagte ich. Wenn die anderen nicht dabeiwären, würde ich die Bombe platzen lassen.
"Also dann bis Sonntag", Olaf verbeugte sich mit einem angedeuteten Handkuß. Ach-du-liebes-Bißchen.
***nunja, der gute Olaf kommt in dieser Geschichte ziemlich schlecht weg, was eigentlich gemein ist. Vor allem, weil er in der nie geschriebenen 'Fortsetzung', der 'Enthüllung' meiner wahren Identität wirklich professionell cool und auf eine beneidenswert natürliche Art nicht beleidigt sondern belustigt reagiert hat. Per Zufall haben wir uns neulich mal in Tübingen beim Tanzen getroffen, und ich hab mich wirklich gefreut ihn zu sehen und mich gern mit ihm unterhalten (ob er dasselbe auch von mir sagt, da bin ich mir gar nicht sicher, grins). Olaf ist auch wirklich überhaupt nicht so trottelig, wie er in der Geschichte wegkommt, sondern sogar ziemlich selbstbewußt und ein komplett eigenständiger Charakter, wenn ich das richtig beurteilen kann. Aber die Geschichte ist halt einfach trotzdem so witzig, daß ich sie hier stehenlassen muß - also Olaf, wenn Du per Zufall hier drüberstolperst (man weiß, das Netz ist klein) - nix für ungut, ich find Dich trotzdem klasse.
***

"Komm, wir gehen uns Männerschuhe angucken" hatte ich zu ihr am Telefon gesagt, und schon war sie überredet. Gitta schaute bei Männern als erstes auf Socken und Schuhe und dann nach dem Ehering. Oder umgekehrt, da bin ich mir nicht ganz sicher.
Es gab nichts Besonderes, bis Gitta Friedbert entdeckte. Sie war hingerissen. War ich auch gewesen, als ich ihn kennengelernt hatte im letzten Frühjahr. Friedbert hatte damals durch eigenes Verschulden und vermutliche Kurzsichtigkeit bei unserem ersten Date im Freibad (als ich eingeschlafen war und er mich nicht finden konnte) nur knapp den Kampf um meine Gunst verloren. Seither grüßten wir uns nur noch freundlich, mehr nicht. Ich warnte Gitta, bevor sie mentalen Schaden nehmen konnte.
"Das ist der Knacker vom Schwimmbad, du weißt schon, der die blöden Faxe schreibt!"
"Ach der", machte Gitta enttäuscht und wollte es nicht so recht glauben. Er sah in der Tat aus wie das personifizierte Sahnetörtchen. Außerdem war er zweifelsfrei einer der besten Tänzer, die das Schlappi jemals gesehen hatte.
Friedbert baggerte gerade schwungvoll das nächste Opfer an, als ich Gitta an einen Menschen im Ringel-T-Shirt verlor.
"Wir sind an der Bar", brüllte sie noch.
Kurz darauf lief die mitternachts übliche Walzerrunde, und ein äußerst hübscher Knabe mit Stoppelhaaren forderte mich auf, bevor ich vom Platz fliehen konnte. Standardtänze sind nicht so mein Ding.
"Äh, ja gern" stammelte ich äußerst uncool und klammerte mich hilflos an ihn. Ich hoffte, daß Gitta mich nicht sah. Gitta ist die selbsternannte Meisterin der Standardtänze, und sie behaupte gern, daß ich ein hoffnungsloser Fall bin. Allerdings habe ich dennoch einen entscheidenden Vorteil: den meisten Männern gefällt es, wenn eine Frau hilflos in ihren Armen hängt, und wer mit mir tanzt, kann sich dieser Illusion hingeben. Außerdem geht es sowieso in den wenigsten Fällen um die richtige Schrittkombination.
Ich krallte mich in einen wundervoll durchtrainierten Oberarm und genoß, wie es mir langsam schwindlig wurde. Die paarmal als wir uns anlächelten knallten wir jedesmal sofort in ein gegnerisches Paar. Das hatte etwas Woody-Allen-Mäßiges, und ich wertete es eindeutig als ein Zeichen von oben. Mein Tänzer hatte die Sache dann allerdings immer recht schnell wieder im Griff. Der Mann gefiel mir. Er hatte unbestreitbar genau die Art von animalisch-erotischer Ausstrahlung, die mich aus den Latschen kippt. Ich mußte ihn sofort loswerden, bevor mir wieder ein Unglück passieren konnte. Als der Tanz zuende war, sah ich Gitta hilfesuchend von der Bar aus winken. Der blau-weiß Geringelte war wohl etwas aufdringlich.
Ich rettete mich fluchtartig an die Bar. Der Geringelte war sichtlich enttäuscht, als ich auftauchte und ihm Gitta abzog. Wir verließen die Lokalität. Mein Selbstverleugnungs-Ich saß mir wie ein Frosch im Genick und verhöhnte mich den gesamten Heimweg über. Scheiß gute Vorsätze, ich mußte sie wohl doch noch einmal in aller Ruhe überdenken.


Kurzgeschichten 97

Harry - ein Weihnachtsmärchen / die Haarfarbengeschichte / herrenlos (eine dieser Geschichten, die mich auf Seite 2 bereits selber langweilt)

Harry - ein Weihnachtsmärchen
Möglicherweisewar ich ja mal wieder zu kritisch, aber wer solche Karten schrieb, der hatte sowieso schon verloren. Ein Huhn mit Sonnenbrille, das mit einer Cola im Greifer und Hängeschultern auf einem pseudomodernen Gartenstuhl sitzt und nach zwei Einschußlöchern in der Wand glotzt. Und das zu Weihnachten. Ich drehte das Machwerk um. 'Sitting Duck' von Michael Sowieso, Graphique de France, Boston, USA, Paris, France, 100 % chlorfrei, las ich. Landeskunde und chlorfrei, wie hübsch. Das war ja noch schlimmer als dieser lila Mäuserich, den Gitta immer verschickte. Harry aus Rechberghausen "bei Göppingen" hatte da leider voll danebengelangt.
Und woher hatte der überhaupt meine Adresse, schließlich hatte ich ihm nur die Telefonnummer gegeben, weil - nein, dafür muß ich mich jetzt nicht rechtfertigen. Zum Anbeißen ausgesehen hatte er ja, so bei Nacht und ohne Brille. Die falsche Hausnummer auf dem Umschlag ließ Rückschlüsse auf D-Info zu, wo ich noch mit der alten Adresse gespeichert bin. Die Göppinger, pardon, Rechberghausener Landeier dringen also schon unaufgefordert in die Privatsphäre meines Briefkastens vor. Die Karte war doppelseitig eng beschrieben, von Harry, der nicht ganz sicher war, ob ich mich noch an ihn erinnerte. 'Letzten Freitag' war erst vier Tage her, und die Klamotten die ich angehabt hatte, lagen immer noch in meinem Schlafzimmer auf dem Boden herum. Was aber nichts mit Harry zu tun hatte, sondern mehr mit meiner Schlamperei. Hielt der mich vielleicht für arterienverkalkt?
Harry schrieb von seinem ungeheuer aufregenden Wochenende. Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt und Fitneßstudio bis zum Abwinken. Das schrieb er sicher nur, weil ich ihm die zwei Buben aus meinem Schwimmverein vorgestellt hatte, mit denen Ines und ich unterwegs gewesen waren. Da mußte Mann von Welt natürlich mithalten. Auf der zweiten Seite ging es dann endlich um mich. Wie nett es gewesen sei, mit mir zu tanzen, zu reden und zu flirten. Sehr schön, das lief runter wie Öl. Und von meiner guten Laune, die so ansteckend sei. Das mußte ich meiner Mutter zeigen, die würde mir das nicht glauben. Und daß er mich unheimlich gern wiedersehen wollte, leider aber im Moment mit Weihnachten und danach mit "Sport extrem mit Guido" ausgebucht sei. Aber er würde sich dann melden, und es würde ihn freuen, wenn ich am Wochenende für ihn Zeit hätte. Das wußte ich im Moment noch nicht genau, mal sehen, wie langweilig mir bis dahin war. Und was bitte war 'Sport extrem'? Joggen? Eine Runde Squash auf dem Rechberghausener Court? Egal, ich würde es erfahren.
In Gedanken malte ich ein Schildchen mit der Aufschrift "Harry aus Rechberghausen bei Göppingen, 31 einhalb Jahre alt, erlegt im Dezember 96". Dann nagelte ich Harrys Geweih zu den anderen und fuhr einkaufen.

die Haarfarbengeschichte
Linda hat einen neuen Typen aufgerissen, der sie echt vom Hocker haut, "Wenn er nur nicht  so BLOND wäre!", stöhnt sie. Norah findet das vollkommen logisch und gibt zu Protokoll, daß Jason auch blond ist, sich aber ihr zuliebe seit 8 Jahren die Haare färbt. Das wiederum haut jetzt mich vom Hocker, denn a) ist Jason nicht der Typ Mann der sich groß um seine Haare kümmert und b) ist mir das die letzten 8 Jahre nicht aufgefallen - wahrscheinlich, weil Jason und ich uns nur immer bei Nacht begegnen, wenn überhaupt, und das wird auch besser sein so. Aber Linda und Norah sind sich vollkommen einig: "Blond flasht total ab!" - "Blond WAS ab?" frage ich. "Fläscht", sagt Norah, Linda nickt. Ich ergebe mich. Ich grinse und denke an Frank, der ja wirklich mindestens so blond war wie Heino - das hab ich aber nur ein einziges mal zu ihm gesagt, denn komischerweise hat er darauf furchtbar allergisch reagiert. Ich weiß nicht, ob ich jetzt noch groß erwähnen muß, daß Frank und Heino außer der Haarfarbe und den dicken Brillengläsern nix gemeinsam hatten, denn sonst hätte ich mich ja schließlich nicht in ihn verliebt, in Frank meine ich - wobei, Heino ist so übel nicht wie sein Ruf, nur halt eben nicht als Mann und vor allem nicht für mich. Davon abgesehen - der tät sich auch bedanken... Jedenfalls habe ich zu Frank nur EINMAL gesagt, daß er aussieht wie Heino, und danach hatten wir 3 Tage Streit. Aber Frank war ja eh komisch. "Frank zum Beispiel" sagt Norah gerade zu Linda "Frank zum Beispiel hätte mit schwarzen Haaren total geil ausgesehen". Linda kennt Frank nicht und ich empfehle Norah, daß sie Frank meinetwegen jetzt gern färben kann, und daß das Thema damit erledigt ist. "Wie ist denn nun dieser Klaus?" will ich von Linda wissen. "Na BLOND eben", sagt sie frustriert. "Ja und sonst?" Linda zieht ein Gesicht "Na hörmal, als ob das nicht schon reicht!" Da ist nichts zu machen, ich seh schon. "Nee, aber Frank war wirklich ätzend blond", sagt Norah - ich verzweifle. Kann die nicht endlich von Frank aufhören, schließlich ist das schon 2 Jahre her. "Ja", sage ich, "mir hats aber gefallen.". "Klar", sagt Norah, "sieht Dir ähnlich. Außerdem warst Du bei Frank eh blind." - "Er ruhe in Frieden", sage ich. Linda sagt "Nicht nur bei Frank". Meine Freundinnen. Dabei war Frank wirklich hübsch. Sah halt ein bißchen aus wie ein Mädchen, aber das hab ich erst hinterher gemerkt. "Hat er wenigstens einen hübschen Arsch?" frage ich Linda - "und breite Schultern" äfft Norah prophylaktisch. "Keine Ahnung", Linda guckt irritiert "ist das wichtig?" - "Ria schon", sagt Norah und zeichnet einen übertriebenen Schwimmer in die Luft. "Echt?", sagt Linda. "Himmel", sage ich. "Ist Dir ehrlich wurscht, welche Haarfarbe Dein Typ hat?", fragt mich Linda vollkommen geschockt. "Klar", sage ich und grinse. "Und die Augenfarbe auch, stell Dir vor", setze ich noch einen drauf. Norah zählt gerade etwas an den Fingern ab. Bei größer 10 kommt sie durcheinander. "Stimmt nicht," sagt sie "die meisten Deiner Typen waren braunhaarig. "Die meisten, die Du gesehen hast", sage ich, um sie zu ärgern. "Ratte" sagt Norah. "Wen haben wir nicht gesehen?" fragt sie dann. "Jörg. Und der war Blond" sage ich. "Aber ein Jörg macht keine Mehrheit", sagt Norah. "Und Ralf" sagt Linda. "Ralf habe ich auch nie gesehen." - "Hast auch nix verpaßt", sage ich. "Ach?", sagt Linda. "Ralf war rothaarig, eine Granate im Bett und sonst zu nix zu gebrauchen", erläutert Norah. "Norah!", sage ich. "Ria!" sagt Linda. "Ich kann nix dafür", sage ich zu Linda "das war mit 22". Ralf ist mir heute noch peinlich irgendwie. "Und den Unterschied hat sie erst bemerkt, als sie dann mit dem nächsten zusammen war, der zu nix zu gebrauchen war", grölt Norah - "Und der war dann blond", stellt Linda fest. "Nein, rot", kreischt Norah. "Schönes Wetter draußen", sage ich.

herrenlos
- eine dieser Geschichten, die mich auf Seite 2 bereits selber langweilt :-)

"Hello, Sweet", schleimt eine aufdringliche Stimme, die sich hintermeinem Rücken vorbei an den Strand pirscht. Ich bin vorsichtshalber taub. "Hello, Sweet", kommt es noch einmal, jetzt von der Seite, aber zum Glück ist der Schatten noch nicht stehengeblieben. Ich bin noch viel tauber und lese weiter. Durch meine verspiegelte Sonnenbrille - wie praktisch - riskiere ich einen kurzen Kontrollblick, den der Schatten natürlich weder sehen kann noch soll. So aufdringlich wie das "Hello, Sweet" geklungen hat, könnte es ja auch einer dieser Strandverkäufer gewesen sein, der darauf aufmerksam macht, daß er irgendwelche "Sweets" verkaufen will, und gegen eine Dose Mineralwasser hätte ich im Moment wirklich nichts einzuwenden. Doch der Schatten gehört einem schwarz behaarten Gorilla, der sich jetzt lässig schlenkernd fünf Meter weiter unter einen Sonnenschirm setzt. Dort flätzt schon der Liegestuhlverleiher eine extrem schmierige Type, aber zugegebenermaßen mit einer hübschen Figur. Den Kerl hasse ich. Die beiden reden jetzt offensichtlich über mich und starren immer wieder aufdringlich rüber. Das hat mir gerade noch gefehlt. Ich bin jetzt taub und blind. Aber dummerweise bin ich an diesem winzigen Stückchen Strand auch die einzige unbewachte Frau, abgesehen von ein paar dicklichen einheimischen Muttis fortgeschrittenen Alters und ein paar von den Eltern super behüteten antilopenartigen Teenies.
Ich mache ein strenges und unnahbares Gesicht, obwohl ich eigentlich gute Laune habe und nichts dagegen, ein bißchen nett zu flirten. Mit Betonung auf nett. Nur auf billige Anmache am Strand habe ich weder jetzt noch irgendwann anders Lust, und wer einen schon von hinten mit "Hello, Sweet" anquakt, von dem ist mehr sowieso nicht zu erwarten. Ich lese weiter und es gelingt mir, den Schatten und seinen Kumpan wieder zu vergessen, als plötzlich etwas neben mir im Sand kniet. "Do you speak English?", fragt mich der Kotzbrocken. Es ist der Liegestuhlverleiher mit einem schäbigen Grinsen. "Yes", sage ich tonlos und desinteressiert, denn vermutlich versucht er es sonst noch mit ein paar anderen Sprachen. Das Prinzip heißt, ihn so schnell als möglich abblitzen zu lassen, ohne dabei unnötig viele Worte zu verschwenden. Denn dieser Schlag Mann ist so dumm und arrogant und von sich überzuegt, daß er jede Form der Kommunikation als Bestätigung und Ermunterung begreift.
Der Kerl hat eine ätzende straßenköterfarbene Dauerwelle und ein ekelhaftes Gesicht und trägt viel zu kurz abgerissene Jeans. "Do you like a bed", fragt er jetzt und ich zucke doch noch zusammen. Doch bevor ich ihm eine klatschen kann, zeigt er auch schon auf seinen Liegestuhl neben dem Gorilla. Liegestuhl heißt hier offentsichtlich Bett. "No thanks, I am very fine here", sage ich langsam und betone jedes einzelne Wort und sehe ihn dabei kaum an. "But it is free" sagt er. "I don't care", sage ich. "I like the sand", füge ich noch hinzu, aber das war mein Fehler. Abgesehen davon stimmt das, einen Liegestuhl habe ich schließlich den ganzen Sommer zuhause auf dem Balkon. Der glaubt doch wohl nicht im Ernst, ich würde mich zu ihm und seinem Affen auf den Liegestuhl setzen und mir stundenlang ihre 3 Brocken Anmache-Englisch anhören.
"I try to be friendly", sagt er jetzt beleidigt, macht aber keine Anstalten zu gehen. "You try to get a cheap fick!" würde Irving jetzt sagen, aber erstens bin ich nicht Irving und zweitens traue ich mich nicht. Außerdem sind wir nicht in Deutschland, wo man so etwas vielleicht noch sagen könnte, und ich kenne die hiesige Mentalität und Verhaltensmuster zu wenig. Und er hat mir ja faktisch wirklich nur einen Liegestuhl angeboten, daraus braucht man theoretisch noch keine Staatsaffäre zu machen.
"Okay" sage ich mega-genervt und nehme die Sonnenbrille ab "You are friendly. I am not interested, and I want to read a book. Good bye". Damit setze ich die Sonnenbrille wieder auf und schlage demonstrativ das Buch wieder auf. Er geht nicht. "Are you from Germany?" fragt er. "No." sage ich barsch. Unter großem Machogehabe und beleidigtem Gegosche, wie man ihn denn behandelt, wo er doch nur "friendly" sei, zieht er endlich ab. Jede Wette, daß das kein endgültiger Abgang ist.
Diesen Sommer verbringe ich ohne männliche Dauerbegleitung, sozusagen "herrenlos". Die Assoziation mit einem herrenlosen Hund fällt übrigens gleich flach, da meine Beziehungen noch nie durch derartige soziale Muster geprägt waren, und es ganz bestimmt auch nie sein werden.
Auch wenn Ines jetzt vielleicht wieder psychologisch an meinem Titel heruminterpretieren würde, wie so gern, um mir zu unterstellen - natürlich ohne es wirklich auszusprechen - daß ich Männern nachlaufe, aber mittlerweile weiß ich, daß das nur ihr eigener Komplex ist, weil die Männer ihr nicht nachlaufen, und es kratzt mich einen feuchten Kehrricht. Meine Mutter würde sagen, daß Männer im Leben nicht so wichtig sein könnten, daß man ihnen bereits einen Titel widmen dürfe, womit sie möglicherweise nicht mal ganz unrecht hat. Wobei sie mit meinem Vater natürlich unverschämtes Glück gehabt hat, wie er immer gern behauptet, und wie sie heimlich zugibt, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.
Drei Uhr mittags, ich sitze an einem Strand von Zypern und habe gerade noch einen Irving zu Ende gelesen.
Wie nicht anders zu erwarten, hat er seine chaotischen Geschichten auf eine Art abgeschlossen, die keine Fragen läßt; diesmal, indem er sich ausspinnt, auf welche teils verrückten Arten sämtliche noch verbliebene Personen Jahre nach dem Ende der eigentlichen Handlung den Tod finden. Besonders ansprechend fand ich natürlich den Tod der Langstreckenschwimmerin, die die Strömung falsch berechnet. Aber so etwas muß ein Unglück sein, man kann es nicht planen - oder etwa doch? Nicht daß ich mich etwa mit Selbstmordgedanken trage oder je getragen hätte, aber schließlich muß jeder mal sterben, also kann man sich auch rechtzeitig aussuchen, wie. So ist am Schluß doch noch alles aufgeräumt, wie immer in seinen Büchern. Irving muß ein schwer ordentlicher Mensch sein, obwohl er auf den ersten Blick nicht unbedingt diesen Eindruck macht. Vor allem bestätigt er mich aber darin, daß ich schreiben will. Viele seiner Charaktere schreiben und produzieren am Fließband, oft auch nur viel Mist, der aber gelegentlich sogar veröffentlicht wird, und ungeahnte Verkaufsergebnisse erzielt, zum Teil weil er von irgendwelchen Interpretierwütigen total ins Gegenteil interpretiert wird. Und da ich diesen Sommer durch ein größeres Mißgeschick bereits eine meiner beiden einzigen Leserinnen unrettbar verloren habe, werde ich wohl - rein ökonomisch betrachtet - ab jetzt eine Veröffentlichung in Erwägung ziehen müssen. Vielleicht sollte ich also doch schnell ein paar Liebhaber konstruieren, dennn wer liest schon gern ein herrenloses Buch.
Meinen Beruf auf dem Hotelformular habe ich wie immer mit "Schriftsteller" angegeben - leider habe ich diesmal niemanden dabei, um gemeinsam darüber zu lachen. "Ich reise allein" pflege ich hochtrabend zu verkünden, wo nötig.
Norah wird mich entsetzt fragen "Lieber Himmel, Du wirst doch nicht etwa eine Tiergeschichte geschreiben haben, die ich lesen muß?", dann wird ihr aber auffallen, daß das gar nicht sein kann. Ich will nur sagen, das wird vermutlich keine Liebesgeschichte, denn wir haben den 23. August, und der Sommer ist somit fast vorbei, ohne daß ich mich nennenswert und mit größeren Ergebnissen verliebt hätte, und wenn ich bei der Wahrheit bleibe, dann sieht es schlecht aus für unsere Romantiker. Aber ich verspreche, dies wird auch kein Versuch werden, irgend etwas zu verarbeiten, ich bin soweit mit mir im Reinen. Mein Leben ist herrenlos, aber es ist kraftvoll und gut und selbstbewußt - auch wenn Ines das Gegenteil behauptet - und ich genieße es in vollen Zügen, selbst wenn mir gelegentlich doch etwas fehlt.


A Tribute to John Irving

Iris und ich wollten unserem Lieblingsschriftsteller was Bleibendes schaffen. Wäre da nicht...

Erst muß ich etwas erklären: wie gesagt, das ist etwas, das wir tun WOLLTEN. Es hat auch tierischen Spaß gemacht - uns beiden - nur leider ist das Ende weder besonders spaßig noch besonders rühmlich - im Gegenteil, das Leben ist eben oft wenig prosaisch - hält dafür aber die eine oder andere Überraschung bereit. Diesmal bestand die Überraschung darin, daß mir meine liebe Freundin Iris (zumindest dachte ich bislang, sie sei eine liebe Freundin) nach einem gemeinsamen und etwas sehr verunglückten Urlaub die Freundschaft gekündigt hat - wenn ich das richtig verstanden habe. Nein, sagen wir, es war unmißverständlich. Jedenfalls - damit hat sich dann das Projekt mit dem gemeinsamen Buch wohl erledigt. Schade auf der einen Seite, sicherlich, aber andererseits habe ich in den letzten 30 Jahren mitbekommen, daß solche Veränderungen rückblickend doch meistens ihr Gutes hatten, und so wird es auch diesmal sein.

Trotzdem. Ich lasse den Anfang unseres Buches hier stehen, weil es einfach schade darum wäre. Die Teile davon, ich ich geschrieben habe, werden sich ganz sicher an einer anderen Stelle verwenden lassen...

A Tribute to John Irving
Eva und ich haben beschlossen, gemeinsam etwas zu schreiben. Was hier zu lesen ist, ist nicht etwa das Ergebnis dieses Beschlusses, sondern die Entstehung des Ergebnisses. Ich wage noch nicht, es "Buch" zu nennen, denn möglicherweise scheitern wir bereits an einer Kurzgeschichte. Aber das macht dann auch nichts.

Vorwort:
Ich bin Ariane Ratzmann und 30 Jahre alt. Gestern abend habe ich mir beim Joggen den Knöchel verstaucht, weil ich beim Flirten mit einer Katze ein Loch übersehen habe und hineingetreten bin. Sowas passiert mir gelegentlich. Was das mit einem "Tribute to John Irving" zu tun hat, ist schnell erklärt: nämlich nichts.
Irving ist der Lieblingsautor von Eva, die sich hier gleich auch zu Wort melden wird, und mir - aber das ist kein besonderer Zufall, sondern sie hat ihn mir empfohlen, und ich war sofort begeistert.
Eva und ich schreiben beide sehr gern und uns gegenseitig sehr oft. Und wir lesen beide gern, was die andere so schreibt. Was wir jetzt zusammen schreiben wollen, soll eigentlich eher was Lustiges und nur mittelmäßig Moralisches werden - aber wie ich uns kenne, werden wir auch unsere geballte berüchtigte Lebensweisheit mit einfließen lassen. Eine richtige Handlung auszudenken, dazu haben wir im Moment nicht den Nerv. Wir fangen einfach mal an.
Sache ist aber, daß wir uns am Irvingschen Stil orientieren wollen - ob uns das gelingt werden wir dann ja sehen. Viel
leicht leihen wir uns auch ein paar seiner Darsteller aus. Möglich ist auch, daß wir uns andere Personen ausleihen werden, die dem einen oder anderen Leser schonmal irgendwo begegnet sind. Mehr will ich im Moment nicht verraten.
***
Mein Name ist Eva, mein Nachname tut im Moment noch nichts zur Sache.
Ein Tribute to John Irving ist sowieso längst überfällig. Ich meine, jede Liebe muß gestanden werden, sonst ist es eine leere Liebe. Tot sozusagen. Ok, gestanden habe ich längst und man könnte argumentieren, daß die Welt damit genug gestraft ist, auch ohne daß ich jetzt noch dieses Pamphlet von mir gebe. Aber was soll ich machen, mit allen meinen Irvingschen Ideen im Hirn? Mit meinen sich vor Verwirrtheit windenden Helden mit ihren schrillen Fantasien?
Kommt dazu, daß ich eine Frau bin. Die Frauen sind immer das fremde, seltsame Element in Irvings Geschichten, und damit muß endlich Schluß sein!

Kapitel 1: Amerika
Mir geht immer schon die Luft aus, wenn ich diese Steigung nur sehe, und das muß irgendwie psychosomatisch bedingt sein, denn die sechseinhalb Kilometer davor laufe ich einigermaßen locker durch. Meinen 'Angstberg' nenne ich das, was doppelt lächerlich ist, einerseits weil es selbst von unten betrachtet nicht einmal ein Hügel ist und andererseits, weil ich ja sonst auch so gern damit prahle, vor nichts und niemandem Angst zu haben. Warum also ausgerechnet vor einer popligen selbsternannten 98%-Steigung, pah! Der Schweiß rinnt, der Walkman eiert, in der linken Socke reibt mir eine winzige Falte eine riesige Wasserblase zurecht - alles ist wie immer. Ich habe doch nicht etwa wirklich im Ernst erwartet, daß der Angstberg diesmal flacher ist?
Mit der Anmut eines altersschwachen Nilpferds schleppe ich mich auch heute hinauf, und oben flimmert die Luft über dem Teer, was von der Anstrengung kommt, nicht von der Hitze, denn es ist kühl. Dieser Sommer ist nämlich keiner. Ich trage häßlich orangefarbene Sonderangebots-Radlerhosen und einen alten Badeanzug darüber, der so ausgeleiert ist, daß ich ihn zum Schwimmen nicht mehr anziehen kann. Meine Turnschuhe sind verschlammt und meine Socken verfärbt. Die Haare kleben am Kopf und die Wimperntusche unter den Augen. Aber hier draußen auf den Feldern interessiert das keinen. Außer Bauern auf dem Heimweg begegnet einem in der Regel hier kein Mensch. Die Bauern schauen mich immer mit halb geringschätzigen und halb mitleidigen Blicken an, als wollten sie mir sagen, meine Gesundheit könnte ich mir auch durch eine sinnvollere Beschäftigung wie zum Beispiel Kartoffeln ernten erhalten. Doch es ist schön, hier einfach nur zu laufen und sonst keine Verpflichtungen zu haben. Das ganze Grün, die frische Luft, der Blick auf die Stadt - und die Befriedigung zu sehen, wie weit ich schon hinausgerannt bin - das leise Surren der Überlandleitungen und weiter hinten der Highway. Nein, wir sind nicht in Amerika, wir sind in der Nähe von Stuttgart. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum hier niemand joggt. Außer mir, und ich war noch nie in Amerika.
Nach dem Angstberg kommt zum Glück ein ebenes Stück, und ich finde röchelnd in meinen Rhythmus zurück. Weiter unten, wo die Felder beginnen, parkt gerade ein schwarzer Jeep. Ein größerer Köter springt heraus, danach ein Typ. Ich mag keine Hunde. Vor allem dann nicht, wenn sie mit mir joggen wollen. Ich muß an den beiden vorbei, denn sie laufen jetzt in meine Richtung los. Hund und Herrchen sind gleichermaßen gepflegt, letzterer trägt einen modischen Jogginganzug und ich weiß jetzt schon, daß seine Schlappen nicht so verschlammt sind wie meine, auch nicht, wenn er zurückkommt. Mitte 30, schätze ich, etwa einsachtzig, kurze Haare. Angenehmes Gesamtbild, abgesehen davon, daß ich Jogginganzüge immer leicht affig finde. Ich reiße mich zusammen und beschleunige in eine etwas dynamischere Gangart. Bis ich dort vorbei bin, werde ich das durchhalten. Er grüßt mich freundlich. Ausgesprochen nettes Lächeln. Der Köter buddelt inzwischen schon weiter rechts das Feld um. Der Mann wird nicht viel zum Laufen kommen. Angenommen, der Hund hätte mich gebissen, dann wären wir ins Gespräch gekommen. Die restlichen 2 Kilometer kann ich mir überlegen, wie es am besten anzustellen ist, daß einen wildfremde Hunde beißen. Vielleicht ein bißchen Katzenessenz auf die Waden reiben?
Zuhause ist natürlich wieder mal der Kühlschrank leer, dafür der Korb mit der Bügelwäsche randvoll. Ich könnte endlich mal die Girlanden von meiner Geburtstagsfete abhängen, aber dazu müßte ich dann erst wieder den Stuhl im Schlafzimmer freischaufeln. Intensive Nachforschungen ergeben dann doch noch eine halbe Pizza im Tiefkühlfach, ich schiebe sie in den Ofen und lasse mich vor der Glotze nieder. 'Verbotene Liebe' und 'Marienhof' habe ich jetzt leider verpaßt, und seit 'Herzblatt' von Hera Lind moderiert wird, habe ich darauf auch keine Lust mehr.
Ich habe Eva versprochen, sie gegen 11 Uhr abzuholen. Wir wollen in den 'Park', dort ist heute Tekknofreie Zone. Eigentlich bin ich jetzt schon müde, aber das vergeht vielleicht wieder.

Kapitel 2: Daniel und Herby
Ariane tanzt selbstvergessen und breit grinsend auf der kleinen Bühne. Komisch eigentlich, daß sie so gut drauf ist, obwohl sie erst vor wenigen Tagen ein schwerer Schicksalsschlag getroffen hat: sie ist dreißig geworden. Kein Grund zur Beunruhigung eigentlich, aber Tatsache ist, daß mir bei dem Gedanken an meinen eigenen in einem dreiviertel Jahr bevorstehenden Dreißigsten total speiübel wird. Ein dreiviertel Jahr nur noch? Doch, normalerweise ist mein Geburtstag ein dreiviertel Jahr nach Arianes. Neun Monate, fast auf den Tag genau. Ausgerechnet. Das hätte mir jetzt nicht einfallen dürfen.
Neun Monate. Absolut noch Zeit genug, um zu erreichen, was ich mir eigentlich schon im Kindergarten vorgenommen habe, nämlich den lebenslangen Frieden im Mutterglück zu finden. Nicht, daß ich mich seither nicht weiterentwickelt hätte, ich habe damals sicher gedacht, daß ich mit spätestens 24 vier Kinder haben werde, und so ist es denn ja nicht gekommen, aber irgendwie hängt man wahrscheinlich immer an seinen Kindheitsträumen. Nur gut, daß ich nie Lokomotivführer werden wollte!
Ariane hat zwei ihrer Kumpels mitgeschleppt, von denen jedoch momentan nichts zu sehen ist. Aber wenn mich nicht alles täuscht, hat sie sich auch schon zwei neue Exemplare angelacht. Gestreifte Hemden. Ihhhh. So tief würde ich nichtmal in meiner Geburtstags-Depression fallen. Obwohl es nicht schaden könnte, wenn diese Typen wenigstens so tun würden, als bemerkten sie, daß Ariane nicht allein sondern mit mir hier ist. Komisch, daß ich es nicht ertragen kann, wenn Männer - egal wie gräßlich - meine Freundin mehr beachten als mich! Vermutlich steh' ich aber nicht allein da, mit diesem Problem.
Habe ich nicht vorher da hinten ein ganz nettes Gesicht gesehen? Wenn 9 Monate reichen sollen, dann muß sofort etwas passieren! Eigentlich habe ich ja noch nie in einer Disco jemanden kennengelernt - wenn man mal von einer ganzen Horde Franzosen und Amis absieht, die mich im Urlaub mal dabei erwischt hatten, wie ich Kerstins Corsage trug. Wir waren 18, und Kerstin hatte diese - wie ich fand - affenscharfe Corsage, was damals der letzte Schrei war. Sie ist ein wirklich hübsches Mädel, aber mit meiner Oberweite konnte sie es nichtmal entfernt aufnehmen. Heute würde ich sagen, daß ihre Corsage es nicht mit meiner Oberweite aufnehmen konnte, aber für solche Einsichten fehlte mir damals noch die geistige und moralische Reife. Jedenfalls endete der Abend recht früh, weil meine Freundinnen beschlossen, daß man mich besser irgendwo einsperren sollte.
Was läßt sich aus dieser Erfahrung im Moment machen? Scheiße, mit dem T-shirt, das ich heute trage, kann ich beim besten Willen keinen Vamp aus mir zaubern. Die Überlegung, daß ein Baumwoll T-shirt ein geeignetes Kleidungsstück ist, um sich in einer stickigen, schwülen Disco zu aufzuhalten, ist ja an sich schon bestechend. Vor allem wenn man bedenkt, daß ich mitunter schonmal anderthalb Liter rausgeschwitzt hab, an solchen Abenden... also zumindest damals auf den Schwoofs im Jugendhaus, da war das so - meinem momentanen Vorhaben dient es aber irgendwie weniger...
Ariane trägt bauchfrei - öhm nein, nichts für mich. Es muß eine andere Lösung geben, weil ich nie die Zeit und den Nerv aufbring, ins Sonnenstudio zu gehn oder mich stundenlang deshalb auf den Balkon zu legen. Und ein käseweißer Bauch kommt in der Discobeleuchtung bestimmt noch schlechter als sonstwo.
Ha, da ist er wieder, der Knabe mit dem interessanten Lächeln. Aber dabei wirds natürlich wieder mal bleiben. Schmachtendes Grinsen von ferne, kenn ich alles schon. Aber wehe, wehe, ich grins mal zurück, dann verziehen sie sich sofort. Vielleicht liegt es an meinem Grinsen? Gesichtskontrolle. Tatsächlich. Vor lauter Ärger hab ich wieder mal den bösesten Blick aller Zeiten drauf. Mein 'Mensch-Du-Arsch,-sprich-mich-schon-an'-Blick hat eh noch nie funktioniert, ich sollte irgendwie eine nettere Botschaft in mein Gesicht kriegen. Vielleicht hilft Tanzen.
Der eroberte Platz auf der Tanzfläche ist vielleicht doch nicht der Hit, weil hier grad ein Alt-Rocker mit Megafahne seinen Rausch austorkelt. Aber ich will schließlich in der Blickrichtung des lächelnden Knaben bleiben, also muß ich da jetzt durch. Zum Glück ist sonst eh fast nirgends Platz, also fällt es nicht auf, daß ich mich aus rein strategischen Gründen dieser Pein aussetze. Und mein Lächeln wird auch schon freundlicher, ich merks ganz deutlich, muß nur aufpassen, daß ich's nicht aus Versehen an den Alt-Rocker verschwende, sonst krieg ich ein echtes Problem. Tanzen ist eigentlich eh genial, es hebt meine Laune fast immer. Vorausgesetzt, die Musik ist gut, und im Moment ist die Musik sogar ziemlich gut!
Ich tanze immer schön mit der Seite oder dem Rücken zum angestrebten Ziel, das gibt so ein tolles Kribbeln zwischen den Schulterblättern, weil ich mir einbilde, da guckt er dann immer hin. Ab und zu bei der Drehung kontrollieren, ob er noch da ist. Ein kleiner Blick ab und zu kann auch nicht schaden... Huch, wo ist er hin? und was ist das? Hilfe, mein auserkorenes Opfer tanzt plötzlich genau einen Meter vor mir. Ein absolut knieerweichendes Lächeln schwebt herüber. Fragt sich echt, wer hier überhaupt das Opfer ist!
Welche Mega-Frau steht hinter mir, die das ausgelöst hat? In solchen Fällen hilft mein sogenanntes Notstromaggregat. Die Hirnsäfte setzen aus, dafür senden sie schnelle rasche Botschaften: 'Nicht umdrehn! - Nicht umdrehn!' - 'Zurücklächeln und weitertanzen!!' - 'Langsam wegdrehn!' - 'Schräger Blick von unten in seine Richtung!' - 'Tief durchatmen!' Uff. Erstmal überlebt. Falls es tatsächlich die Frau hinter mir gab, dann ist nix aufgefallen, falls nicht, dann hab ich auch richtig reagiert. Über irgendein Thema kommuniziert er jetzt mit mir. Diese vielsagenden Blicke machen sich über etwas lustig, und ich bin der Komplize. Was geht hier vor?? Leider bin ich im Moment nicht in der Lage, solche komplexen Zusammenhänge zu kapieren. Der Torkelnde stört meine Koordination zusätzlich, aber das macht nix, Männer können meistens eh nicht beurteilen, ob jemand im Takt tanzt oder nicht. Inzwischen tauschen wir diese Blicke schon ganz regelmäßig aus, und langsam kapiere ich, daß wir uns auf diese Weise über den Torkelnden lustig machen. Achso. Das ist eigentlich echt eine ganz nette Anmache. Trotzdem muß ich aufpassen, weil irgendwie kommt der Torkler gefährlich in meine Nähe, und gleich muß ich diesen ach-so-strategischen Platz aufgeben, oder mich von ihm anrempeln lassen. "Ich glaube wir sollten uns hier langsam zurückziehn, hast du Lust auf einen Drink an der Bar?", erretet mich in diesem Moment der Auserwählte. Es ist natürlich typisch: Männer stehen eben auf hilflose Frauen, aber das wissen wir schon lang.
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Was wollte eigentlich dieser Blaugestreifte da die ganze Zeit von mir! Es geht mir auf die Nerven, wenn mich irgendwelche Leute unkoordiniert über einen längeren Zeitraum hinweg anstarren, und wenn sie noch so nett aussehen. Und aus Prinzip schon spreche ich keine fremden Männer an - es sei denn, es gibt einen wirklich triftigen Grund dafür, und den gibt es äußerst selten. Der Blaugestreifte war vielleicht nichtmal so übel, aber wenn er sich nicht hertraute, konnte er mir gestohlen bleiben. Sein Kumpel, grüngestreift, spannte auch schon. Im Auftrag, versteht sich. Männer können ja mitunter ungemein konspirativ sein.
Ich glaube, ich sollte mal nach Eva schauen, die habe ich doch vorher neben diesem angesoffenen Typen tanzen sehen, das hat mir gleich nicht gefallen. Sie ist weg, Mist. Der Typ ist auch weg, das muß aber Zufall sein. Eva traue ich zwar vieles zu, aber dann doch nicht eine solche Geschmacksverirrung. Eher könnte ich mir vorstellen, daß sie den gar nicht wahrgenommen hat, sondern auf etwas ganz anderes fixiert war. Ich hopste von der Bühne und hielt nach ihr Ausschau. Nichts. Von meinen beiden Kumpels war auch schon seit einiger Zeit nix mehr zu sehen.
Oh Hilfe, hier kommt Mister Blaugestreift im zielstrebigen Anmarsch. Zu spät.
"Na, schon müde?", lautet seine originelle Anmache.
"Nö", sage ich. "Hast Du meine Freundin gesehen?"
"Vielleicht ist sie an der Bar?", schlägt er vor. Gute Idee. Ich latsche los. Gucken, ob Eva an der Bar ist. Mister Blaugestreift latscht mit. Beziehungsweise, hinterher.
"Wie wärs mit nem Kaffee?", fragt er.
"Ja", sage ich mechanisch und klettere auf einen Hocker. Mist, zu spät. Ich habe mal wieder gepennt.
"Was möchtest Du trinken?" fragt er, als die Bedienung kommt - Himmel, ein ganz Pedantischer, ich dachte, die Sache mit dem Kaffee sei schon längst geklärt!
"Ein Tonic", erläutere ich der Bedienung.
"Ein Gin-Tonic", übersetzt er weltmännisch.
"Nein, bitte ohne Gin", sage ich der Bedienung. Schließlich trinke ich nicht, wenn ich tanze. Sie grinst. Mister Blaugestreift bleibt bei seinem Kaffee.
"Wie heißt Du?", frage ich. Jetzt wird es spaßig, sicher heißt er irgendwie komisch. Ich bin aufs Schlimmste gefaßt.
"Herby - äh - also eigentlich Herbert, aber alle sagen Herby". soso. prust. Ich wußte, daß er so einen Namen haben muß!
"Ich bin Ariane", erkläre ich freundlich, denn er ist gerade dabei, mein Getränk mit zu bezahlen. Das bedeutet auf der anderen Seite, ich bin ihm mindestens so lange ausgeliefert, bis ich ausgetrunken habe.
"Cheers", sagte er.
"Cheese", antwortete ich, aber nur Eva hätte darüber gelacht. Er hört es gar nicht, weil es zu laut ist. Au Mist, die hab ich ja total vergessen! Genau in diesem Moment kommt sie mit einem Knaben im Schlepp um die Ecke gebogen und schwingt sich schwungvoll und imposant auf einen Barhocker genau uns gegenüber.
***
An der Bar neben der Tanzfläche stehen wir uns zehn Minuten die Beine in den Bauch, ohne daß eine Bedienung von uns Notiz nimmt. Meine Eroberung schlägt vor, daß wir nach draußen gehen, an die andere Bar. Dort haben wir mehr Glück, denn es werden gerade zwei Plätze frei. Gegenüber, in ca. fünf Meter Luftlinie Entfernung sitzt Ariane mit dem Gestreiften und blinzelt verschwörerisch rüber.
Neben ihr tauchen gerade die beiden Jungs aus dem Schwimmverein auf, die wir mitgebracht haben, und denen es anscheinend langweilig geworden ist. Sie plazieren sich auf Arianes freier Seite, obwohl doch jeder Gentleman wissen müßte, daß man sich nicht dazusetzt, wenn eine Dame mit einem fremden Herrn... Nunja, Ariane macht nicht den Eindruck, als ob sie das stört, sie genießt die Situation offensichtlich. Dafür wirft der Gestreifte irritierte Blicke in Richtung Schwimmer-Schultern. Zu Recht, da kann er nicht mithalten. Offengestanden dieser Anblick irritiert auch mich ein wenig.
Allmählich scheine ich mich also von dem schockierenden Lächeln meiner Begleitung erholt zu haben, wenn ich schon wieder fremdgucken kann. Meine Herzfrequenz ist wieder irgendwo bei 'Normal'. Unter diesen Umständen fühle ich mich in der Lage, meine volle Aufmerksamkeit auf meinen Nebensitzer zu richten, ohne einen Infarkt zu riskieren. Ich erfahre spannende Dinge, zum Beispiel daß er Daniel Schmidt heißt. Schmidt ausgerechnet. Ich HASSE so Allerweltsnamen wie Meier, Müller, Schmidt oder Schmitz! Da er mich nicht nach meinem Namen fragt, halte ich den Mund.
Sein Lächeln hat immer noch genügend Wirkung, so daß ich nicht sofort aufstehen muß. Was ich dann außerdem noch erfahre, klingt hinreichend harmlos. Umso besser. Daniel ist Automechaniker und 33. Ich hatte schon befürchtet, er könne noch minderjährig sein. Er träumt nachts von seiner Hochzeit, und wacht dann immer schweißgebadet auf. Armer Daniel, das klingt absolut glaubwürdig und ich kann das wirklich nachfühlen.
"Wen mußt du denn heiraten?", frage ich.
"Niemanden Bestimmtes, das einzige was klar ist, ist daß ich der Dumme bin. Und Schuld bin ich auch. Und ich hab keine Ahnung wie das passieren konnte, und trau mich auch nicht, wegzugehn." Dieser Traum muß echt sein. Besser könnte nichtmal ich sowas erfinden. Wieso er mir das dann aber in den ersten fünf Minuten erzählt, finde ich ziemlich schleierhaft. Achgott, bin ich dumm. Klar, er hat Angst daß ich ihn heiraten will. Ich stelle mir vor, wie ich ihn nach zwei Schnäpsen aus der Disco zerre, und ihn, inzwischen in ähnlichem Zustand wie vorher der Altrocker, in die nächstbeste Kirche katapultiere:
"Herr Pfarrer, bitte schnell, bevor er wieder nüchtern wird, weil ich werde doch bald 30!!!"
Sicher hätte jeder Pfarrer sofort ein Einsehen, und Daniels kleine Träume würden wahr. Ich darf jetzt auf keinen Fall in Arianes Richtung gucken. Wenn sie die geringste Ahnung von meinen Gedanken hätte, dann würde sie vor Lachen sofort vom Barhocker fallen, und das Bild so grauenvoll ausstatten, daß ich Daniel nie wieder in die Augen gucken könnte, mit so einer Freundin, die vermutlich auch noch die Trauzeugin machen müßte.
Nach zwanzig Jahren Freundschaft funktioniert dieser Mechanismus so gut, daß er sozusagen telepathisch in Gang kommt. Ich brauche nur an Ariane zu denken, schon setzt sich in meinem Kopf ihre wirre Phantasie in Gang. Ich weiß ganz genau, wie sie mir die entsetzten Gesichtszüge des armen Daniels beschreiben würde, also versuch ich mich von dieser Vorstellung abzulenken und erzähle ihm was von meinen Ansichten zum Heiraten. Das ernüchtert mich bestimmt!
"Ich weiß genau was du meinst! Man fühlt sich wie gefangen, so als würde man nie wieder in seinem Leben frei atmen können, oder als ob einem der Partner auf der Brust säße!" Ein ganz unangemessenes Strahlen macht sich auf Daniels Gesicht breit
"JAAAHHH" schmachtet er, als könne er sich nichts Schöneres vorstellen. Hab ich mir etwa schonwieder einen Masochisten angelacht???
"Ich finds total toll, wie gut man sich mit dir unterhalten kann", findet er. Ich finde eigentlich, daß wir uns bisher noch fast gar nicht unterhalten haben, unterdrücke aber einen diesbezüglichen Kommentar. "Ist es nicht seltsam, wie vertraut wir sind, wo wir uns fast gar nicht kennen?" Falls er damit meint, daß er nicht jeder Frau nach 10 Minuten seine Alpträume erzählt, dann find ich das ja irgendwie beruhigend. Ansonsten finde ich bisher unsere Unterhaltung nicht sonderlich vertraut. Dafür hab ich ungeheure Lust ihn zu küssen, und das trau ich mich nicht. Also jedenfalls nicht, solang Ariane in Blickweite sitzt. Ihn kann ich damit glaub nicht erschrecken. Am besten wird sein, ich schleppe ihn wieder auf die Tanzfläche, Ariane scheint hier ja beschäftigt zu sein.
Als ich ihn lasziv vom Hocker zerre, fragt er offensichtlich irritiert:
"Wie heißt du eigentlich?". Ok, die Frage ist berechtigt. Also kriegt er was er will
"Eva", sage ich. Mal sehen, ob er sich zufriedengibt.
"Finde ich dich unter diesem Namen im Telefonbuch?" Jetzt muß ich doch lachen. Ziemlich sogar. Er kann ja sowieso nicht wissen, daß mir das Thema peinlich ist.
"Du kannst es ja mal unter meinem Nachnamen probieren. Aber ich bin nicht sicher, ob du damit mehr Glück hast. Ich heiße Schmitz!"
***
Eva hockt da drüben mit einem etwas bläßlichen Typen, und ich kann mich nicht so ganz entscheiden, ob ihre etwas gehemmten Gesten daher kommen, daß sie sich von mir beobachtet fühlt, oder daher, daß sie sich mit diesem Knilch langweilt. Egal was es ist, ich kann nichts dafür, denn Herby und ich saßen schließlich zuerst da.
Herby erzählt mir inzwischen schon irgendwelche furchterregenden Bankgeheimnisse, und meine beiden Jungs haben zum Glück gerade einen Trupp Mädels entdeckt, die sie jetzt in Angriff nehmen wollen. Herby ist nett, aber fremder Leute Finanzen haben mich noch nie sonderlich interessiert. Und Bänker eigentlich auch nicht.
"Los, laß uns noch ne Runde tanzen gehen, ja?", sage ich, denn ich kann ihn ja schlecht einfach sitzen lassen. Auf dem Weg zurück zur Tanzfläche kann ich ja noch unverbindlich bei Eva nachfragen, ob sie vielleicht nachkommen will, dann könnte sie bei Bedarf elegant flüchten. Aber offenbar ist das nicht nötig, denn ich sehe gerade noch, wie sie den Blassen in Richtung Tanzfläche abführt. Natürlich, ohne an mich zu denken, so sind sie, die lieben Freundinnen. Man sieht ihm schon 50 Meter gegen den Wind an, daß er angebissen hat. Na prima, wie ich Eva kenne, kann das noch ein langer Abend werden. Herby trifft zum Glück unterwegs seinen grüngestreiften Kumpel und muß dort kurz Smalltalk halten, ich rette mich schnell auf die Bühne, denn da traut er sich sicher nicht hin. Irgendwie haben wir uns unauffällig verloren, und das ist ok. Für ihn wohl auch.
Ich tanze mich fest und vergesse Eva und Mister Blaß. Die Tanzfläche ist immer noch voll, und erst bei der Engtanzrunde entdecke ich die beiden wieder - inzwischen sind sie heftig am Knutschen. Ich bin müde und würde gern nach Hause fahren, aber das bedeutet, daß Eva sich von ihrer Eroberung heimfahren lassen müßte, und das will mir irgendwie nicht gefallen, weil mir der ganze Typ nicht sonderlich sympathisch ist. Mein Erziehungsberechtigten-Syndrom schlägt durch.
Später, als die beiden an der kleinen Bar herumhängen, schlendere ich mal eben so vorbei und frage Eva leise, wie sie sich das gedacht hat, mit dem Nach-Hause-kommen.
"Wir können gern gehen, wenn Du willst", schreit sie eine Spur zu laut und springt sofort auf. Das verstehe ich nun überhaupt nicht.
"Ich geh dann schonmal vor", sage ich, damit sie sich in Ruhe verabschieden kann. Der Macker heißt Daniel und fährt uns noch zu meinem Auto, damit wir nicht überfallen werden, und damit er seinen neuen BMW zeigen kann.
"Das mußt Du mir erklären", sage ich, als wir in meiner Schrottmühle sitzen.
"Ich kann nicht, wenn Du mich beobachtest", gibt Eva zu.
"Ich habe Euch gar nicht beobachtet", versuche ich mich zu verteidigen.
"Ich weiß."
"Ich bin nicht schuld."
"Wir haben ein Date für Dienstag Abend", strahlt Eva.
"Zu mir oder zu Dir?"
"Weiß ich noch nicht, wir telefonieren", sagt sie.
"Jede Wette, er weiß schon, daß Du verheiratet bist", ärgere ich sie.
"Ach, laß mich jetzt damit in Ruhe." Eva ist leicht gereizt, wie immer bei diesem Thema. Wir reden über etwas anderes, aber nicht lange. Eva ist ganz  hingerissen von diesem Daniel. Naja, wir werden sehen, wo das wieder endet.
"Ich habe etwas mit ihm vor", sagt sie "aber ich verrate Dir noch nicht, was es ist."

Kapitel 3: Ein paar mehr oder weniger wertvolle Gedanken zum Leben
Manchmal ist mein Leben eine Seifenoper und nichts, was heute wirklich scheint, hat morgen noch einen Wert. Ausgenommen natürlich die paar fixen Komponenten wie Job, Wohnung, Sport und ein paar wenige wirklich alte und bewährte Freunde, auf die ich ja durchaus Einfluß habe, und die gewissermaßen berechenbar sind. Mein permanent unterernährter Kontostand zum Beispiel, oder die restliche magere Lebenserwartung meines Autos, oder die Tatsache, daß zwei Uhr morgens einfach zu spät ist. Ich führe ein sogenanntes geregeltes Leben mit geregelten Rahmenbedingungen, und vermutlich brauche ich die auch, um das restliche Chaos einzudämmen. Hier greift wieder meine Theorie der Gegensätze, poetisch ausgedrückt vom Wellenberg und Wellental. Vereinfacht, die Filosofie, daß die extremsten Gegensätze sich gegenseitig bedingen und auch voraussetzen. Daran glaube ich, und deshalb gibt es auch in meinem Leben die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen, und ich durchlebe sie im vollen Bewußtsein und aus freiem Willen.
Man muß das Leben ernst nehmen, aber nicht tragisch, hat mal einer gesagt. Da ist was dran. Ich versuche einen Mittelweg zu gehen zwischen den oberflächlichen Scheinmenschen und den depressiven Zweiflern, von denen  beiden es eh schon zu viele gibt. Es ist eine Gratwanderung, und gelegentlich rutsche ich auf die eine oder andere Seite ab, aber nie für besonders lange Zeit. Das alles ist besser als die Wohlstands-Langeweile, unter der so viele unserer Zeitgenossen sich leidend machen.
Was mein Leben trotzdem chaotisch macht, sind meine Beziehungen. Nicht nur die zu Männern, sondern meine Beziehungen allgemein. Ich scheue nicht davor zurück, falsche Freunde nach einer gewissen Zeit wieder abzustoßen, sie wieder aus meinem Leben zu entlassen. Je nach Anlaß halte ich es auch nicht unbedingt für meine Pflicht, diese Entscheidungen zu begründen oder gar zu rechtfertigen. Fakt ist, daß ich bisher noch kaum einen dieser Schlußstriche gern wieder ungeschehen gemacht hätte, und daß mein Leben durch solche Trennungen selten ärmer wird.
Manche dieser Schnitte fallen aber auch sehr schwer. Ich habe zum Beispiel im letzten Jahr meine wirklich langjährige Freundin Gitta aus meinem Leben entlassen, sanft aber bestimmt, denn sie hat mich betrogen. Sie hat mich nicht nur ausgenützt, das wäre nicht so schlimm gewesen, sondern sie hat mich vor sich selbst zum hassenswerten Gegenpol in ihrem Leben erklärt und versucht, mich unter dem Deckmantel der alten Freundschaft - die gewisse Freiheiten zuläßt, was Meinungsäußerung und Kritikberechtigung betrifft - zur moralischen Null zu degradieren. Pech für Gitta, daß sie nicht stark genug war, mich zu brechen.
Ich habe ihr geholfen, so wie sie mir früher auch geholfen hat, nur hat sie diese Hilfe als Nährboden für ihr weiteres Unglück mißbraucht, und damit ihr unbefriedigtes Gesamtkonzept untermauert. Ich habe versucht, ihr zu zeigen, daß es so etwas wie Lebensfreude  gibt, sie mit praktischen Angeboten und dem Kredit, jederzeit für sie da zu sein, auf dem Weg aus der Krise zu begleiten. Ich habe meine eigenen Bedürfnisse vernachlässigt und versucht, selbst ihre unmöglichsten Selbstzweifel und Depressionen zu verstehen. Mir war bewußt, daß ich ihr nicht wirklich bei der Lösung ihrer Probleme helfen kann, aber ich wollte ihr wenigstens dabei helfen, den Rahmen dafür angenehmer zu gestalten. Daß Gitta gar nicht wirklich bereit war, an sich zu arbeiten, sondern daß sie nur ein Forum für ihre Jammereien gebraucht hat, habe ich viel zu spät bemerkt und dann nicht verzeihen können. Positives Denken ist mitunter harte Arbeit, und Gitta hat mich dafür gehaßt, daß ich die Energie dafür aufbringe. Ich habe mich ihrem Terror entzogen, und es graust mich heute vor ihren selbstgestrickten Problemen und ihren halblebigen Wiederannäherungsversuchen - gleichzeitig kämpfe ich aber immer noch gegen mein restliches schlechtes Gewissen. Doch ich sage mir immer wieder, das was Gitta für mich empfindet, ist mit dem Schild "Freundschaft" eindeutig falsch beschriftet - auch wenn ihr selbst das wahrscheinlich nicht einmal klar ist. Ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben, und ich vermute, wenn das ihre anderen Freunde auch täten, wäre sie gezwungen, endlich auf die eigenen Füße zu fallen. Aber lassen wir das.
Daß es Männer gibt, macht mein Leben auch nicht gerade einfacher. Das letzte dreiviertel Jahr war so durchwachsen, daß ich nun richtiggehend froh bin, eine Weile allein zu sein. Klar ist das glattweg gelogen, ich will eigentlich gar nicht allein sein, aber jeder Tag mit mir selbst ist doch noch besser als das ganze Chaos, in das ich mich wieder gestürzt hatte. Ich weiß nicht, ob ich es "kein Glück" oder "zuviel Glück" nennen soll, was ich mit Männern habe, beides ist nicht richtig. Ich habe meistens wundervolle Zeiten mit wundervollen Männern, nur irgendwann scheitert es an irgendwas, egal ob das nun Beziehungsängste oder Beziehungsnarben sind.
Die angeblichen Pragmatiker und wahren Verdränger unter uns sagen, man soll den ganzen Beziehungskrempel nicht so wichtig nehmen. Was theoretisch sicher richtig ist, aber sich faktisch einfach nicht in die Tat umsetzen läßt. Liebe ist eines der letzten nicht mit Geld bezahlbaren Güter - und somit umso interessanter. Und umso unfähiger und fantasieloser wird unsere Gesellschaft, die es gewohnt ist, sich von Vorverdautem zu ernähren. Was haben Typen uns nicht schon Nerven gekostet, meine Freundinnen und mich. Nicht daß sie unbedingt den Sinn des Lebens in Frage stellen, aber darüber muß man sich zuerst einmal klarwerden. Gelegentlich geht das ziemlich an die Substanz, zumal die Sinnfrage immer noch nicht befriedigend beantwortet ist.
Jeder vernünftige Mensch wird mir sagen, daß mich niemand gezwungen hat, mich kopfüber vom einen Chaos direkt ins andere zu stürzen. Aber was kann ich schon dafür, daß ich mich so schnell verliebe. Die Wahrheit in vielen Dingen erfährt man nur, wenn man sie ausprobiert - so gesehen hat meine Ungeduld durchaus gewisse rationale Aspekte. Ein Kopfsprung in die Ungewißheit ist und bleibt für mich immer noch die kürzeste und treffsicherste Variante - von außen kann man nicht sehen, ob das Wasser zu lauwarm oder zu eisig ist.
Welchen Grund auf der Welt könnte es schon geben, daß man einen anderen Menschen außer sich selbst lieben müßte. Schließlich bin ich der einzige Mensch, den ich voll und ganz verstehe und dessen Handlungsmotive ich fast jederzeit nachvollziehen kann. Abgesehen von meinen besten Freundinnen und meinen Eltern vielleicht - wenn man mal von gewissen Ausnahmesituationen absieht - aber von dieser Art von Liebe rede ich im Moment nicht. Ich meine, welchen vernünftigen Grund gibt es, einen wildfremden Menschen mit derartigen Gefühlskrediten zu überschütten, nur weil er einen hübschen Hintern oder nette Augen hat? An diesem Punkt versagt jeglicher Verstand - ich habe die intelligentesten und kühlsten Menschen sich schon wie Idioten benehmen sehen, wenn die Hormone im Spiel waren. Wir stehen also mit diesem Problem nicht alleine da - diese Erkenntnis an sich beinhaltet schon eine gewisse beruhigende Rechtfertigung.
Meine Exfreundin Gitta, um noch ein letztes mal von ihr zu sprechen, glaubt - obwohl sie das natürlich nie im Leben zugeben würde - daß ihr Leben nur dann einen Sinn hat, wenn auch ein Mann, pardon, ein Traummann natürlich, darin einen festen Platz hat und gewissermaßen die Leitung übernimmt. Ihre innere Leere ließe sich so bequem füllen. Eine gute Ausrede, um sich moralisch für immer auf die faule Haut zu begeben. Aber das ist nicht der Kern der Sache. Ich brauche keinen anderen Menschen, um in ihn Gefühle und Bewunderung zu interpretieren, die ich mir selbst nicht entgegenbringe - im Gegenteil, meine Arroganz geht soweit, daß ich den Anspruch habe, daß der nächste Mensch in meinem Leben selbständig über solche Werte verfügt, die in meinem Leben ihren festen Platz haben. Ansprüche machen einsam, das ist klar.

Fragment 1: Irrungen und Wirrungen
Aquilin Schmitz war der absolute Hit unserer Klasse. Wir liebten ihn alle abgöttisch, und beispielsweise eine Klassenfahrt ohne Aquilin wäre eine absolut traurige Veranstaltung gewesen. Im Grunde könnte man sagen, er war der perfekte Hofnarr: er hatte eine riesige Nase und runde Augenbrauen, die er zu noch runderen Halbmonden hochziehen konnte, so daß jeder der ihn so sah, unwillkürlich lachen mußte. Er spielte Posaune und das manchmal sogar in der Fußgängerzone. Ich glaube nicht, daß ein einziger Passant ihm etwas wegen seiner Musik in den Hut warf, aber er verdiente nicht schlecht dabei. Hinterher saßen wir dann alle in der Kneipe, und es konnte passieren, daß Aquilin seine virtuelle Posaune auspackte und 'Ja, ja, so blau, blau, blau blüht der Enzian' spielte, um dabei peinlich tief in die Augen aktuellen Flamme zu sehen.
Ich habe gesagt, daß wir ihn alle abgöttisch liebten. Das heißt aber eigentlich vielmehr, daß wir ihn kollektiv liebten. Solange wir alle zusammen waren, grölten wir begeistert "wenn im blablabla, wir uns wiedersehn" - Texte waren nicht unsere Stärke - seine auserkorene Flamme jedoch litt Höllenqualen. Obwohl er im Laufe der Jahre in fast jedes Mädchen aus der Klasse mal verliebt war, hat ihn nie eine erhört. Sie hätte dann nämlich damit rechnen müssen, daß sie mit ihm alleine im Cafe gesessen hätte, und ohne den Schutz unserer grölenden Mitschüler in aller Öffentlichkeit ein zwar mimisch hochwertiges aber vom Blick her allzu tiefsinniges Ständchen bekommen hätte.
Ich muß zugeben, daß ich bei diesen Aussichten lieber gestorben wäre, als mich in ihn zu verlieben, obwohl ich mich sonst in seiner Gegenwart unheimlich wohl fühlte. Und so mußte der arme Aquilin, als die Reihe an mir war, leider erneut einen Korb hinnehmen. Ich war genauso nett aber bestimmt zu ihm wie meine Mitschülerinnen vor mir. Aquilin war an derartigen Kummer aber schon gewöhnt und ließ sich von meiner kühlen Freundlichkeit nicht abschrecken. Es hagelte kleine Briefchen, Einladungen und selbstgebastelte Geschenke. Wie die anderen vor mir versteckte ich diese so gut ich konnte, und als das nicht mehr möglich war, lachte ich darüber und machte mich, wenn er nicht da war, ein bißchen über ihn lustig. Er war ja wirklich süß, aber man konnte sowas doch nicht ernst nehmen, oder? Ich hätte es nie fertig gebracht, ihn wirklich vor den Kopf zu stoßen, also beantwortete ich seine Briefe brav, ging auf alle Einladungen ein, und freute mich über seine Basteleien. Natürlich immer mit einem dezenten Hinweis, wie etwa: "Aquilin, wir passen doch überhaupt nicht zusammen!" oder "Nein, Aquilin, ich möchte eigentlich nicht daß du mich umarmst", wobei letzteres schon die höchste Form der Ablehnung war, die ich fertigbrachte.
Eines Tages lud er mich zu sich nach Hause ein. Sie wohnten ziemlich weit draußen auf dem Dorf, so daß es eigentlich was Besonders war, wenn wir da hinfuhren. Die ganze Klasse zeltete mitunter im Schmitz'schen Garten oder traf sich dort, um zum Baggersee zu fahren. Es war aber nicht so, daß wir 'einfach mal so' dort vorbeigegangen wären. Allein war ich noch nie dort gewesen, obwohl es mir dort immer sehr gefallen hatte. Aquilin und seine fünf Brüder und zwei Schwestern waren buchstäblich schlimmer als ein Sack voll Flöhe und stellten pausenlos irgendetwas auf den Kopf. Der Familienclan war nicht zu brechen, und Spieleabende und familiäre Musiksessions wechselten sich ab mit gemeinsamen Unternehmungen in der spießigen örtlichen Kirchengemeinde oder auf den schrecklichen Feuerwehrfesten der Umgebung. Doch schon wenn sich zwei oder mehr Schmitz auf dem Schulhof trafen, bildete sich eine kleine Menschentraube drumherum, weil jeder wußte, daß es was zu Lachen geben würde.
Ich fuhr also dank meines neu erworbenen Führerscheins raus zu Schmitzens in die Pampa, doch zu meiner großen Enttäuschung waren nur drei Schmitz'sche Kinder da. Florian, Anne und eben Aquilin. Außerdem noch beide Eltern, und ich mußte schnell entdecken, daß die Kinder ihren Humor wohl kaum von denen geerbt haben konnten, denn das gemeinsame Essen verlief ziemlich steif. Ich fühlte mich, als sei ich unverschuldet in eine völlig fremde Welt geraten. Zu allem Übel gab es auch noch Krach, weil Anne mir zu Ehren ihre langen braunen Haare offen trug, was Vater Schmitz zutiefst erboste.
Mitten in diese Mißstimmung hinein hörten wir, wie die Haustür aufgerissen wurde, und dann pfiff jemand draußen im Flur in beeindruckender Lautstärke 'Summertime...' Es war Arthur, einer der älteren Brüder, der von allen gleichzeitig mit Fragen bestürmt wurde, kaum daß er die Küche betreten hatte. Es gab einen unglaublichen Tumult, und er hatte irgendwas wahnsinnig Aufregendes zu erzählen. Offensichtlich war es so aufregend, daß er meine Anwesenheit nicht bemerkte. Obwohl nur vier Schmitz-Kinder da waren, fühlte ich mich, als sei ich plötzlich in die Familie Walton geraten. Alle redeten gleichzeitig, und trotzdem verstand jeder, worum es ging. Nur ich nicht. Nicht einmal Aquilin fand es nötig, mich aufzuklären. Mit der Zeit jedoch ging Arthur auf, daß irgendwas nicht stimmte.
"Ach, wen haben wir denn da??" Ich konnte nicht annehmen, daß er sich an mich noch erinnerte, weil er unsere Schule schon vor einigen Jahren verlassen hatte. Ich kannte ihn natürlich noch. Es gehört regelrecht zu den Aufnahmeprüfungen unserer Schule, die Vornamen der Schmitz in der richtigen Reihenfolge aufsagen zu können. Es passierte sowieso nie etwas Aufregendes, an dem nicht wenigstens einer von ihnen beteiligt war, deshalb war es wichtig, die genauen Unterschiede zwischen ihnen zu kennen. Als ich sie zum ersten mal sah, waren sie verschieden groß, das erleichterte das Unterfangen einigermaßen. Zu dieser Zeit hätte ich damit allerdings schon größere Schwierigkeiten gehabt, es war das gleiche aussichtslose Unterfangen wie wenn man heute etwa die Kelleys auseinander halten müßte. Zwar hatte keiner von ihnen langes blondes Walle-Haar, aber dafür hatten sie alle, selbst der kleine Flori, große, krumme Nasen. Bei genauer Betrachtung stellte sich heraus, daß manche Nasen nach links, und manche nach rechts gebogen waren, und die beiden Schwestern hatten sogar keinerlei Krümmungen aufzuweisen, aber irgendwie fiel diese Tatsache nur sehr selten jemandem auf.
Aquilin stellte uns vor, und Arthur klärte mich auf, daß er heute ein Vorspiel für die Musikhochschule gehabt habe. Alles sei ganz gut gelaufen, und das müsse jetzt gefeiert werden! Schon war er verschwunden, um wenig später mit einer ersten Sektflasche wiederzukommen. Es wurde ein ziemlich feuchtfröhlicher Abend in dessen Verlauf die Eltern sich zum Glück recht bald verabschiedeten. Ich kann nicht mehr sagen, was wir taten, wovon wir redeten. Vielleicht haben wir die ganze Zeit nur gelacht. Irgendwann jedenfalls packten Arthur und Aquilin ihre Posaunen aus, und gemeinsam spielten sie Summertime. Aquilins Augenbrauen rundeten sich in ungeahnte Höhen und seine Augen versenkten sich tief in meine. Natürlich fiel mir bei dieser Gelegenheit meine alte Angst vom Ständchen am öffentlichen Ort wieder ein. Ich weiß nicht, woran es lag. Am Alkohol oder an der Musik, vielleicht an der allgemeinen guten Stimmung. Wahrscheinlich hatte ich eine Art von Lachrausch, jedenfalls hatte ich plötzlich den Gedanken, was sich eine Frau wohl mehr wünschen könnte, als täglich, egal wo oder wie ein solches Ständchen gespielt zu bekommen. Sein absolut treuer Blick brachte mich irgendwie aus der Fassung.
Der Zustand in den ich fiel, läßt sich am besten beschreiben, wenn ich sage mein Herz wurde starr vor Schreck. Das trifft den Sachverhalt natürlich nicht so ganz, weil es natürlich trotzdem weiter schlug. Aber eine schreckliche Angst bemächtigte sich meiner. Ich hatte große Angst davor, daß ich diesen Gedanken weiter oder gar zuende denken könnte. Ich war ganz sicher, daß es kein Zurück gäbe, wenn ich weiter dachte, und daß ich lieber nicht wissen wollte, was es bedeutete.
Obwohl ich wohl ziemlich viel getrunken hatte, und man mir ein Bett zum Übernachten in einem der leeren Zimmer des Hauses anbot, fuhr ich doch so schnell ich konnte nach Hause, und zwang mich, sofort und ohne Nachdenken ins Bett zu gehen und einzuschlafen. Seltsamerweise gelang mir das sogar. Meine Träume ließen sich jedoch nicht so ohne weiteres von mir beeinflussen, und ich weiß noch, daß ich schreckliche Wirren und Prüfungen zu bestehen hatte, bevor mir ein kleiner Weg auffiel, vor dem in Kniehöhe ein kleiner Stab war, so wie beim Ski-Abfahrtslauf am Start. Ich war sehr erleichtert, weil ich wußte ja aus dem Fernsehen, daß diese Dinger kein Problem waren, und ging hindurch. Für einen solchen Traum bräuchte wohl niemand eine Deutung. Mir machte er allerdings immernoch Angst.

Fragement 2: Evas sogenannte Ehe
Eva und ihre verdammte Ehrlichkeit, ich möchte wirklich nicht wissen, was sie sich damit schon alles versaut hat. Okay, ich gebe zu, die Situation ist nicht ganz einfach. So sehr wir das auch vor- und zurückdiskutieren, wir kommen zu keiner allgemeingültigen Formulierung. Fakt ist und bleibt, jedenfalls sieht es im Moment so aus, daß Eva seit ihrem achtzehnten Lebensjahr per Gesetz mit unserem Mitschüler Aquilin Schmitz verheiratet ist. Fakt ist aber genauso, daß es sich dabei lediglich um eine jugendhafte Verfehlung handelt, und daß man Aquilin, den werten Gatten, seit mehreren Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Die beiden haben sich quasi in Freundschaft getrennt und telefonieren ab und zu miteinander. Aber ich würde mich sehr wundern, wenn Aquilin jemals in Evas Leben wieder auftauchen oder gar eine Rolle spielen würde.
Mit 18 hatten wir dasselbe romantische Ideal wie alle Jugendlichen: einen Menschen zu finden, der einen verstand, der gleich fühlte und dachte wie man selber. Den man lieben konnte, weil er einen selbst widerspiegelte. Den Höhepunkt dieser Verklärtheit bildete die romantischen Vereinigung dieser gleichschlagenden Herzen. Blutsbrüderschaften hatten nicht lange gehalten, darum mußte jetzt etwas wirklich Endgültiges her. Mit der gesetzlichen Untermauerung, dachten wir, ließe sich dieser Zustand der Einigkeit praktisch für alle Zeiten konservieren. Daß danach der brutale Alltag zuschlagen würde, konnten wir damals noch nicht wissen.
Ich bin ein eher nüchterner Charakter, und hatte genau wie Eva mit Kirche und weißen Brautkleidern noch nie viel am Hut. Um so mehr war ich begeistert von der Idee, daß Eva und Aquilin klammheimlich heiraten wollten, ohne den ganzen Kitsch. Ich bestätigte die beiden noch in ihrem Wahnsinn. Aber meine Schuld ist relativ, denn Aquilin, von denselben Idealen durchdrungen und außerdem noch streng katholisch erzogen, wäre ebenfalls durch nichts in der Welt davon abzubringen gewesen. Der Druck seitens seiner Eltern wird ein Übriges dazu getan haben, und die waren so bigott und vernagelt, daß es ihnen am Ende lieber war, daß ihr Sohn heimlich anstatt gar nicht heiratete. Sie brauchten zwar einige Zeit, bis sie den Schock dieses Vertrauensbruchs überwunden hatten, aber dann entspannte sich das Verhältnis wieder. Seine Geschwister waren damals ebenfalls eingeweiht, und ich wundere mich noch heute, wie sie es geschafft haben, dichtzuhalten.
Eva sagte ihren Eltern nichts von ihrer Heirat, was genau so lange gutging, bis ihr klar wurde, daß sie ohne Bafög ihr Studium nicht bewerkstelligen konnte, und daß zu diesem Zweck ihre Eltern einen Antrag für Eva Schmitz unterschreiben mußten. Das folgende Drama ist und bleibt unbeschreiblich.
Auf heftiges Drängen und auf Initiative der entsetzten Familien wurde die 'offizielle', nämlich die kirchliche Hochzeit im darauffolgenden Sommer angesetzt. Bei 35 Grad im Schatten standen wir ein Jahr nach dem Abitur auf dem Kirchenvorplatz, der gleichzeitig auch der Vorplatz vom Haus von Evas Eltern war, in der sengenden Sonne. Das ganze war schon jetzt ein gräßlich bürgerliches Debakel von gerührt durcheinanderheulenden Müttern unserer in ihren Konfirmationsanzügen beklemmt herumstehenden ehemaligen Mitschüler. Wenig würdig, wenn man sich heute die von Vattern gedrehten Videos ansieht, aber für uns damals war die erste Hochzeit in unseren Reihen das Ereignis des Jahrhunderts. Ich schenkte Eva ein dunkellilanes Strumpfband und fand mich ungeheuerlich verwegen. Eva steckte ziemlich hilflos in ihrem Teepuppen-Brautkleid und war einem Hitzschlag und einem Nervenzusammenbruch nahe.
Der Höhepunkt der Veranstaltung - und so ist es leider immer - entging jedoch dem Kameraauge: kurz bevor der Zug sich Richtung Trauung in Bewegung setzen wollte, zerrte Eva mich ins Haus, unter dem Vorwand, sie müsse dringend nochmal, und ich solle ihr mit dem Kleid helfen. Kaum war die Tür hinter uns zu, schleuderte sie ihre Pumps in die Ecke, schnappte sich ihre ausgelatschten Adidas-Stiefel und rannte in Strümpfen durch die Balkontür in den Garten, der hinter dem Haus lag. Ich hinterher.
"In drei Minuten geht der Bus, jetzt komm schon", schrie sie, und dann türmten wir über den Gartenzaun. Keiner hatte etwas bemerkt. Ihre Erklärung war simpel:
"Ich kann das einfach nicht", sagte sie, als wir uns im Bus auf die letzte Bank fallen ließen. Ich konnte das verstehen.
"Warum wußtest Du so genau, wann der Bus fährt?", wollte ich wissen. Eva grinste schief
"Keine Ahnung."
Aquilin bekam von alledem nichts mit, denn er war vollauf damit beschäftigt, den Pflichten des Gastgebers formvollendet zu genügen. Meine Mutter hat mir hinterher erzählt, daß man unser Verschwinden erst nach zwanzig Minuten bemerkt hat, und welches Chaos danach ausgebrochen ist. Angeführt von Aquilins Eltern setzte sich ein nach Blut lechzender Hochzeitszug in Richtung Evas und Aquilins Wohnung in Bewegung, wo man uns natürlich umsonst vermutete. Nach etwa zwei Stunden hatte sich die Versammlung aufgelöst, und Aquilins Eltern hatten ihren verschmähten und verstörten Sohn gleich wieder mit nach Hause genommen. Norah kam dann auf die Idee, uns bei Isabella zu suchen, einer Freundin von mir, die kaum einer kannte, und die schon eine eigene Wohnung hatte. Von dort aus trommelten wir dann unsere Frauen zum Kriegsrat zusammen.
Schnell waren wir uns einig, daß der Zweck die Mittel heiligt, und daß Evas Flucht zwar nicht gerade die feine Art, aber immerhin die einzige noch bleibende Möglichkeit war, und mit dieser Erkenntnis wandelte sich unserer Hilflosigkeit in hysterische Ausgelassenheit. Die Veransammlung endete in einem wahnsinnigen Kollektivbesäufnis. Um drei Uhr morgens balancierte Eva nur in Unterwäsche und dem lila Strumpfband auf dem Fensterbrett im sechsten Stock und gab laut und falsch die Marseillaise zum Besten: "Allons Enfants de la Patrie, le Jour de Gloire est arrive!", das Brautkleid wie eine Fahne schwenkend. Wir waren alle zu betrunken, um daran etwas Gefährliches zu finden. Mit den dramatisch klar gesprochenen Worten "Bürger, seht den Fall Eurer Königin", schleuderte sie ihre weiße Fahne theatralisch aus dem Fenster. Das Kleid verfing sich am Geländer des darunterliegenden Balkons, und hing dort vorwurfsvoll vier Wochen lang, da Rösters gerade im Urlaub waren und niemand einen Schlüssel hatte. Eva warf sich mit einen Aufschrei auf Isabellas großes Stoff-Wildschwein, und verkündete
"Lieber hätte ich diese Wildsau heiraten sollen, als einen Mann, der mich in eine katholische Kirche zwingt!"
Das war aber noch nicht das Ende von Evas Ehe. Aquilin verzieh ihr recht schnell, und war anschließend nur noch deshalb beleidigt, weil wir ihn nicht mitgenommen hatten. Aber die Botschaft hatte er nicht verstanden. Weder er noch wir bemerkten zu diesem Zeitpunkt, daß sich Eva bereits von ihm gelöst hatte.
Die gemeinsame Wohnung mutierte schnell zum offiziellen Treffpunkt und zu einer Art chaotischer WG, denn es gab immer irgendjemanden, der sich mit dem sogenannten Establishment, im Klartext seinen Eltern, gerade mal wieder endgültig entzweit hatte, und wie selbstverständlich mehrwöchiges Asyl in Anspruch nahm. Fast nahtlos war der Übergang in die Zeit der ewigen Trennungen: Aquilin versah seinen Zivildienst irgendwo an der Nordsee, Eva zog zum Studium ins tiefe Bayern. Bei beiden setzte so etwas wie eine eigenständige Entwicklung ein, und die verlief nicht unbedingt in die gleiche Richtung. Aquilin studierte dann zwar in Stuttgart und wohnte wieder in der alten Wohnung, aber nun zusammen mit Evas Bruder. Die beiden sahen sich an manchen Wochenenden, aber auch das nur selten alleine. Unbemerkt wandelte sich die größte Liebe des Jahrhunderts in eine gemütliche Freundschaft. Dann bekam Aquilin ein Stipendium für die Musikhochschule in Perth/Australien und verschwand für ein Jahr. Eva hatte das Studium fertig und begann zu arbeiten, und dieser Kontrast erschlug den Rest der Beziehung. Aquilin beendete irgendwann sein Studium und zieht seither mit verschiedenen durchaus nahmhaften Orchestern um die Welt. Gelegentlich bekommen wir Postkarten, aber der Text auf meinen unterscheidet sich nicht mehr groß von dem auf Evas. Ganz selten telefonieren die beiden miteinander.
Die Sache wäre eigentlich in Ordnung, die Auseinanderentwicklung zweier verliebter Jugendlicher, nichts Besonderes, wenn da nicht dieser legale Widerhaken wäre. Ich habe jahrelang versucht, Eva zur Scheidung zu bewegen, doch irgendwie habe ich den Eindruck, sie scheut noch davor zurück, das Scheitern ihrer einstigen Heldentat offiziell und amtlich zu machen.
"Erst, wenn es einen wirklichen Grund gibt", pflegt sie zu sagen, was ich zwar nicht ganz nachvollziehen kann, aber akzeptiert habe. Eva ist mit der Sache im großen und ganzen im Reinen, wären da nicht diese doch etwas peinlichen Zwischenfälle, wenn das Thema bei neuen Bekanntschaften zur Sprache kommt. Das beginnt dann damit, daß Eva ihren angeheirateten Nachnamen schon immer gehaßt hat, und ihn deshalb nicht gerne zu Protokoll gibt. Spätestens wenn sie sagt "Eigentlich Schmitz", fragt jeder neue Bekannte mit verstörtem Gesichtsausdruck nach. Eva wundert sich dann immer, wenn irgendwelche vorab glühendst entflammten Verehrer sich plötzlich doch nicht mehr melden. Wenn ich sie bloß dazu bringen könnte, wenigstens an dieser unentscheidenden Stelle einmal zu lügen.

Fragement 4: Amerika II
"Da bist Du ja schon wieder, mein Schatz", sagt mein gutgebauter Ehegatte und küßt mich liebevoll auf die Nasenspitze, als ich von meiner morgendlichen Joggingrunde nach Hause komme. Ich lasse meine blitzsauberen Nikes vor der Haustür stehen und nehme das weichspülkonzentriert frischduftende Handtuch entgegen, das er mir reicht. Während er mir ein Glas Wasser bringt, schäle ich mich aus meinen Chiemsee-Einteiler und schlendere nackt und braungebrannt in unser geräumiges Badezimmer. Er liebt meine Sommersprossen. Auf dem Badewannenrand steht wie zufällig eine neue Flasche meines Lieblings-Duschgels mit einer kleinen Schleife und einer Rose daran.
Kaffeeduft strömt durch die kühlen Räume, und durchs Badfenster sehe ich den Mann meines Lebens gerade den Frühstückstisch in unserem wild verwachsenen Garten decken. "Ich habe Dir zwei Schoko-Croissants mitgebracht" ruft er und grinst breit. Ich stehe schon mit einem Bein unter der kühlen Dusche.
Entschuldigung, aber man wird ja wohl noch ein bißchen träumen dürfen: in meiner Dachwohnung herrschen wieder brütende 38 Grad, statt dem gutgebauten Gatten empfängt mich das gewohnte unaufgeräumte Chaos, der Kühlschrank ist leer, das Mineralwasser abgestanden, ich habe Sonnenbrand und ich trage immer noch die Klamotten aus Kapitel 1.
Aber das ist eigentlich auch nicht so schlecht...

- Ende Gelände -


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