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die 98er-Kurzgeschichten und die 97er-Sammlung
Liebe Frreunde des Grroschenrromans,
warum ist diese Seite so leer? - Es ist nicht so, daß ich den ganzen
Januar und Februar über nichts geschrieben hätte, ganz im Gegenteil...
nur... inzwischen schreibe ich Sachen, die ich unmöglich hier ins Netz
stellen kann *grins*. Nee nee, zu früh gefreut, kein besonderer Schweinkram
(ICH doch nicht *lach*) - aber eben ein paar ganz private Geschichten, die
nicht für die Ohren der Welt bestimmt sind. Aber keine Panik, ich hab
auch schon wieder ein paar 'öffentliche' Projektchen im Kopf, es wird
nur noch ne ganze Weile dauern, bis ich dafür wieder Zeit habe
:-))
die Geschichte vom kleinen feuerroten Zauberteufelchen
die elende Sache mit dem Traummann
die 97er-Sammlung
- Auszüge aus 'Ariane'
- die Kurzgeschichten: 'Harry - ein Weihnachtsmärchen', 'die
Haarfarbengeschichte' und 'herrenlos'
- 'A tribute to John Irving', jedenfalls der Anfang davon
"Ich hab' dich gleich wiedererkannt", sagt die Schwuchtel vom letzten Sonntag
zu mir. Pfui, Ratzmann, was schreibst'en da! 'Schwuchtel' ist kein sehr nettes
Wort, und außerdem halte ich nichts von der Diskriminierung unserer
gleichgeschlechtlich orientierten Mitbürger, ganz im Gegenteil - seit
man mich mal als Kampflesbe tituliert hat, fühle ich mich erst recht
solidarisch. Aber dieser Typ da muß wirklich gerade einem Ralf
König-Comic entsprungen sein, so ultraschwul, daß es schwuler
schon gar nicht mehr geht. Allerdings nicht die superschöne, sondern
die softe Lack-und-Leder-Variante. Glatze, Hornbrille, struppiges
Hitlerbärtchen, gemixt mit weichlichen, fast schon aufgedunsenen
Gesichtszügen und der entsprechend formlosen Figur. Dazu diese Klamotten,
die man Anfang der 80er getragen hat und die leider in manchen
Fitneßstudios überleben konnten: weite bis unter die Schulter
reichende Karottenhose, in der Taille zusammengezogen und knöchellang,
aus irgendeinem weichen Stoff, dazu irgendein Sweatshirt und diese einfach
wahnsinnig scheußlichen Turnschuhe. Stiefeletten in konsequentem
Schwarz-Weiß-Gestreift, so als ob der Adidas-Designer sich ein paarmal
verzählt hätte. So scheußlich, daß es einfach Absicht
sein muß, und die Schuhe an sich sind eigentlich schon lustig, nur
bestimmt nicht so gemeint. Phantastisch, dieser Typ, vom Leben stilisiert,
und, wie gesagt, eine Schwuchtel wie aus dem Buch. Sascha und ich waren uns
da sofort einig, und Sascha muß es wissen, denn der hat schließlich
lange genug in einer Schwulendisco gekellnert, und außerdem kennt der
sich da sowieso besser aus als ich. Womit ich jetzt nix andeuten will.
"Die waren aber sicher schweineteuer", sage ich zu Sascha und meine die
Turnschuhe.
"Und sehen total billig aus", meint der.
"Stimmt", sage ich. Verrückt. Manchmal interessiert mich schon, wo die
Leute ihre Klamotten herhaben.
"Frag ihn", sagt Sascha.
"Was?"
Später hat mich dieser auf den ersten Blick zurückhaltend wirkende
Mensch angesprochen, mir ein Kompliment wegen meiner schönen Bewegungen
gemacht und sich dann unaufdringlich wieder verdrückt. Auch die Formulierung
paßte genau ins Bild, 'schöne Bewegungen'. Ein seltenes
Phänomen, keine Gesprächseröffnung sondern einfach ein offenbar
ehrlich gemeintes Kompliment. Eigentlich genau das, was ich immer propagiere:
daß man anderen Leuten auch dann mal was Nettes sagen soll, wenn es
ausnahmsweise selbstlos motiviert ist.
"Ist doch klar", meint Sascha "Was soll der auch von Dir wollen!"
"Dich vielleicht" überlege ich. Oder eben gar nix.
Aber Sascha ist heute gar nicht dabei, weiß der Teufel, wo der sich
wieder rumtreibt.
"An deinen Bewegungen", sagt jetzt der, der mich sofort wiedererkannt hat.
Ich grinse ihn an. Schließlich ist er keine Gefahr, und gefallen tut
er mir auch nicht.
"Klar", sage ich, weil ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll.
"Du tanzt wie ein Kerl", meint er anerkennend. 'Ich bin aber keiner', denke
ich, überlege, ob ich eher beleidigt oder geschmeichelt sein soll und
entscheide mich dann für Letzteres.
"Das hat was Gewalttätiges, deine Bewegungen", läßt er mich
mit spürbar wachsender Begeisterung wissen und mir wird etwas mulmig.
Ich stelle mich auf doof und lache.
"Ich bin aber nicht gewalttätig", strahle ich ihn an. Himmel, und ich
tanze doch auch nicht gewalttätig. Das hat jetzt also wirklich noch
keiner behauptet. Naja, okay, ich hab manchmal ein bißchen wilde und
vielleicht kraftvolle Bewegungen, wenn genügend Platz ist, vielleicht
meint er das. Und außerdem bin ich schon 3,7 km geschwommen heute,
und körperliche Erschöpfung geht mitunter auf Kosten der Grobmotorik.
Ich gebe alles zu.
"Ja das ist so ein ganz innerer Ausdruck von Gefühlen, so ein Ausleben,
ein Öffnen...", beginnt er zu filosofieren. Den Rest versteht man schlecht,
wegen der lauten Musik. Ich glotze ihn an, als würde ich das zum erstenmal
hören.
"Ich denk da gar nicht so drüber nach - ich hops halt einfach rum",
gebe ich dann mit schlichtem Gesichtsausdruck zu Protokoll. Was natürlich
glatt gelogen ist, aber auf die Aufdröselung meiner gewalttätigen
Anteile durch fremde Männer habe ich momentan echt keine Lust.
"Doch doch", sagt er, und erklärt mir, daß jeder Mensch ein Innenleben
habe, und...
"Nee aber die Schlappen sind echt geil", lenke ich ab. "Wo hast' die denn
her?"
"Ausm Hertie glaub ich", meint er frustriert ob so viel Ignoranz. Ist es
zu fassen. Die Hertie-Design-Kollektion. Das muß ich Sascha erzählen.
Ich kichere.
"Würden gut zu meinem Oberteil passen, wie?" witzle ich, damit er nicht
wieder von meiner Gewaltbereitschaft anfängt. Heute trage ich nämlich
Zebra.
"Ich würde überhaupt ganz gut zu dir passen", platzt er heraus.
Jetzt aber! Ich unterdrücke einen Aufschrei 'Was, Du bist doch schwul'
und lache dramatisch.
"Mach dir da mal keine falschen Hoffnungen", sage ich dann und grinse freundlich.
Na hör mal, was glaubt den der! Wie kommt der dazu... Männer! Wie
sehe ich denn aus, daß so eine schlechtgestylte Type sich mit mir
gleichsetzt? HILFE! Sprachlos stehe ich neben ihm, bis das nächste Lied
anfängt und verabschiede mich dann mit einem freundlichen
"Der Berg ruft" auf die Tanzfläche. Ganz ganz weit nach hinten...
du wirst in eine fremde stadt kommen - du wirst in eine fremde bar gehen - du wirst eine fremde frau sehen - sie wird dir zulächeln - du wirst zurücklächeln - sie wird dich auf die tanzfläche ziehen - ihr werdet tanzen tanzen bis ihr raum und zeit vergeßt - bis eure körper ein tempel der ekstase werden - und du wirst sie küssen - und dann wirst du aufwachen und es ist 4 uhr morgens und es regnet draußen und du wirst dich fragen
"Warum ist nicht alles so gut wie ein Fürstenberg" brüllt es
plötzlich neben mir und ich sitze senkrecht im Bett, jäh und brutal
aus spannenden Träumen gerissen. Spinnt der jetzt?
"Was schreist du so?", frage ich Michael. Der zieht sich grinsend meine Decke
über die Ohren und macht sich an einem Knopf des Schlafanzugs zu schaffen,
den ich von Danielas Opa geerbt habe.
"Scheiß Werbung", sagt er.
'Scheiß Alltag', denke ich, und renke mir die Schulter aus, um den
Radiowecker abzustellen. Dort ist man inzwischen übrigens schon bei
Mobilfunk.
"Du wirst in eine fremde Stadt kommen", flüstere ich Michael unter der
Bettdecke ins Ohr, und der lacht. Verrückte Geschichte, das. Ein genialer
Schachzug der Fürstenberg-Agentur, ausgerechnet diesen Sendeplatz um
5:58 zu belegen, wenn mein Radiowecker zwei Minuten vor geht. Andererseits
vollkommen idiotisch, denn wen interessiert um sechs Uhr morgens ausgerechnet
Bierwerbung?
Michael und mich jedenfalls nicht - auch wenn der in eine fremde Stadt kam,
eine fremde Frau traf und tanzte bis... - nein. Im Unterschied zu dem aus
der Fürstenberg-Werbung ist unser kleiner Traum noch nicht zuende. Die
Freundin von Michael - der im weiteren Verlauf dieser Geschichte aus
nachvollziehbaren Gründen darauf besteht, 'Alexander' zu heißen
(Himmel, warum ausgerechnet so etwas Spießiges wie Alexander!) - hat
nämlich noch nix herausgekriegt.
Ich liebe diese Momentaufnahmen unfreiwilliger Situationskomik. Mein Leben ist voll davon, denke ich manchmal, aber das ist nicht wahr. Alles eine Frage des wachen Verstands, des geschärften Beobachtungssinns und der Fähigkeit zur Selbstironie - der drei Allerheilmittel gegen Gewohnheit, Langeweile und Wohlstandsdrepressionen. Gemixt mit der entsprechenden Lebensfreude und einem vollen Terminkalender die perfekten Voraussetzungen für ein glückliches, bewußtes und dennoch irgendwie entspanntes Leben. Wenn man mich fragt. Aber mich fragt ja keiner, und außerdem geht es auch mir nicht immer gut. Aber das soll jetzt nicht die Geschichte über meinen verwirrten Geisteszustand werden, sondern eine über - laß mal überlegen - na eben über diese kleinen Geschichten, die einem das Leben manchmal unbeabsichtigt zum Lachen vorwirft.
Peter zum Beispiel hat mir von diesem Mann erzählt (Peter behauptet,
das von einer Freundin unter dem Siegel der Verschwiegenheit erfahren zu
haben), der seine Hemden nach Banker-Manier sicherheitshalber in den Unterhosen
verstaut, damit sie nicht herausrutschen. Und das schon lange bevor ein gewisser
Mr. Klein sein Label auf die dehnbaren Bündchen geprintet hat, so daß
man Diesel Jeans jetzt nur noch mit dem offenen ersten Knopf und ohne
Gürtel tragen kann. Das allein war ja schon lustig. Aber was haben wir
nicht erst gelacht, als dann zufällig herauskam, daß ich diesen
Typen auch kenne, weil er nämlich der Mann einer Bekannten von mir ist
- die wiederum, wohlgemerkt, nicht diese Freundin von Peter ist.
Nicht daß ich mir jemals Gedanken über das Innenleben und die
Sortierung von Jörgs Maßanzügen gemacht hätte - aber
eben gerade daß ich das nie getan habe will so fantastisch gut zu den
jetzt gelieferten Enthüllungen passen und bestätigt mich in meinem
jahrelang gepflegten Pauschalurteil über diesen Typ Mann.
Wo wir gerade bei Peter sind: wer behauptet auszusehen wie Bruce Willis, sollte bei der ersten Verabredung nicht auch noch eine halbe Stunde zu spät kommen. Was aber in dem Fall relativ wenig ausgemacht hat, denn unter BW konnte ich mir sowieso wenig vorstellen und die Sache mit der Verspätung war ein Mißverständnis, das sich mit einer 300-Gramm-Milkatafel wieder aus der Welt schaffen ließ. Die wir dann übrigens gemeinsam aufgefressen haben, als wir eine halbe Nacht später in Ulm auf den Abschleppwagen warteten, denn auch nagelneue Turbo-Fiats sind anscheinend schon Fehlerhaft In Allen Teilen. Wie Peter mir später gestanden hat war er ziemlich froh, daß ich das auch morgens um vier noch witzig finden konnte - allerdings hat er glaube ich bis heute nicht geschnallt, daß ich mich weit mehr darüber amüsiert habe wie peinlich ihm das ganze war, als über die Tatsache, nachts bei Arscheskälte mit einem qualmenden Auto übermüdet mit irgendeinem fremden Mann in irgendeiner fremden Stadt festzusitzen. Aber das war vor diesem Zwischenfall mit Michael - pardon, mit Alexander.
Aber nicht nur die lieben Mitmenschen bieten genügend Stoff für solche Geschichten. Man erinnere sich nur mit einem breiten Grinsen an diese erste Nacht, in der Achim in meinem Bett schlief. Während der freundliche Dobermann seine Krallen an meinen heiligen Soffas wetzte und ich mich vor Angst aufgefressen zu werden zuerst nicht ins Bad und dann nicht mehr wieder heraus traute. Da ich das Bettzeug aber vorsichtshalber gleich dabei hatte, war das wirklich alles nur halb so schlimm. Achim und ich hätten sicher noch viel darüber gelacht, wäre der nicht insgesamt ein bißchen komisch gewesen.
... (der hier stehende Absatz kann wegen doch zu großer Peinlichkeit unmöglich ins Netz)
Bleibt mir noch die neueste Geschichte von C. zu Papier zu bringen, die sich einen Lover mit enormen Schweißfüßen zugelegt hat, den sie drum nur noch im Freien trifft. Oder die Variante von Paul, der vier verschiedenen Frauen versprochen hat, mit ihnen denselben Kinofilm anzuschauen, und jetzt die Logistik nicht mehr geregelt kriegt. Nicht zu vergessen Marc, der Tom und mir jeweils sein Seelenleben und sein Herz ausschüttet und uns zeitgleich zum ultimativen Vorbild abonniert, weil ja kein Mensch wissen kann, daß wir uns alle drei kennen. Klar, daß das irgendwann doch herauskommen mußte, und da der Informationsfluß zwischen Tom und mir etwas ungehemmter funktioniert, hat Marc jetzt nicht mehr viel zu lachen.
So geht das ewig weiter, deshalb hat diese Geschichte auch noch keinen Schluß
die Geschichte vom kleinen feuerroten Zauberteufelchen
(diese Geschichte habe ich vor 2 Jahren angefangen, und jetzt ist sie immer noch nicht richtig fertig... aber Ingo will mir vielleicht mal den Protagonisten dafür malen...)
Es war einmal ein rotzfreches kleines Teufelchen mit knallengen feuerroten Teufelshosen, feuerroten Sommersprossen und feuerroten Stoppelhaaren. Wie alle Teufel hatte es magische Kräfte und konnte verhexen, wen und was immer es wollte. Doch damit nicht genug, das kleine rote Teufelchen hatte noch eine ganz besondere Fähigkeit die es von den normalen Teufeln unterschied: es konnte die Menschen nicht nur verhexen, sondern auch regelrecht verzaubern... Dies tat es mit Hingabe und mittels verschiedenster jahrzehntelang ausgefeilter Tricks. Auch die anderen Teufel konnten sich dieser besonderen Fähigkeit nur mit großer Mühe und meistens sogar gar nicht entziehen. Deshalb war das kleine feuerrote Teufelchen nicht nur ein Teufelchen, sondern ein Zauberteufelchen.
Das Zauberteufelchen spielte gern mit dem Feuer. Weil es so klein war und so unheimlich lieb und unschuldig aussehen konnte mit seinen roten Sommersprossen, fiel beinahe jeder auf seine Spielereien herein. Dabei war das Teufelchen gar nicht mehr so unschuldig. Es war immerhin schon 286 Jahre alt, und damit kein Jungteufelchen mehr. Eigentlich war es sogar schon ein ausgewachsener Teufelsbraten.
Das Teufelchen war unheimlich begabt. Es hatte alle Hexer- und Zauberkurse im Schnellverfahren und mit Bravour abgelegt, und hatte auch an allen angebotenen Beschwörungs- und Verwünschungsseminaren teilgenommen. Die Kreativitäts-, Intuitions- und Kombinationsseminare hatte es einfach übersprungen. Für sein Alter war es enorm clever und hatte handwerklich die volle Palette eines erfahrenen und langjährig praktizierenden Teufels im Repertoire. Vor allem aber war es so clever, das niemandem zu verraten.
Es war bei verschiedenen namhaften Hexenmeistern in die Lehre gegangen und hatte in dieser Zeit sehr viel Nützliches erfahren. Neben all den handwerklichen Lehrstunden hatte es aber trotzdem noch die Zeit gefunden, eingehend das Leben zu studieren. Am liebsten tat es dies, indem es sich irgendwo im Höllengarten versteckte, und die anderen Teufel bei ihrem Treiben beobachtete.
Eines Tages war das kleine rote Zauberteufelchen wieder auf der Beobachtungslauer gelegen, als sich die fette alte Lieblingskatze des Großen Hexenmeisters am Piranhateich des Höllengartens sonnte. Der Große Hexenmeister war der Chef in der Hölle. Er war schon steinalt und kannte jeden Zaubertrick und jede Beschwörungsformel. Er hatte sich das Leben untertan gemacht, und ließ nur einen ganz besonders ausgewählten Teufelskreis in seine Nähe. Seine fette alte Katze allerdings liebte er über alles. Das kleine feuerrote Zauberteufelchen sah seine Chance gekommen. Es verzauberte die fette alte Katze des Großen Hexenmeisters, so daß die plötzlich freiwillig in den Teich sprang. Ein Aufschrei des Entsetzens ging durch die Reihen der spazierenden Teufel. Unter aller Augen sprang das kleine feuerrote Zauberteufelchen der fetten alten Katze des Großen Hexenmeisters hinterher, und rettete sie im allerletzen Augenblick von den gierigen Bissen der ausgehungerten Piranhas. Unnötig zu sagen, daß es sich dabei durch einen ganz ausgefallenen Zauber schützte, und sich so in keinerlei Gefahr begab.
Als dem Großen Hexenmeister die heldenhafte Tat hinterbracht wurde, wußte er sofort, was wirklich Sache war. Zuerst verspürte er einen diabolischen Zorn, da seine fette alte Lieblingskatze in Gefahr gebracht worden war, doch dann mußte er leise lächeln. Schließlich war er, vor vielen vielen Jahren, auch einmal jung und ehrgeizig gewesen, und das kleine feuerrote Zauberteufelchen hatte mit seiner Tat Ideenreichtum, Furchtlosigkeit und Frechheit bewiesen. Er bestellte es zu sich, und gab ihm fortan privaten Unterricht. Bereits nach wenigen Jahren kannte das kleine feuerrote Zauberteufelchen fast alle der geheimsten Zauberkünste des Großen Hexenmeisters.
Nur von einer Sache hatte es noch keine Ahnung. Das war die Sache mit der Liebe.
"Das kann ich dir nicht mehr beibringen", sagte der Große Hexenmeister. "Ich habe in meinem Leben so viele kleine Zauberlehrlinge und Teufelchen verführt und unterrichtet, daß ich jetzt zu müde für dich bin. Geh und such dir einen hübschen jungen kräftigen Hexenmeister, der wird dir ein besserer Lehrmeister sein als ich."
Das kleine feuerrote Zauberteufelchen war sehr traurig. Es konnte den Großen Hexenmeister nicht verstehen.
"Warum kann ich nicht bei dir bleiben?" fragte es. "Es macht mir nichts aus, wenn du müde bist. Was soll ich ohne dich tun?"
Der Große Hexenmeister runzelte die Stirn. Er mochte den kleinen Teufelsbraten sehr gern.
"Ein guter Teufel muß es auch alleine schaffen", sagte er nach einigem Nachdenken. "Geh in den Garten und denke darüber nach. Berichte mir beim nächsten Hexentanz von deinen Erfahrungen." Mit diesen Worten ließ er das kleine feuerrote Zauberteufelchen einfach stehen.
Zuerst war das kleine feuerrote Zauberteufelchen mächtig traurig gewesen, doch dann hatte es die Worte des alten Hexenmeisters begriffen. Es war eine Stunde im Höllengarten spazierengegangen, und hatte alsbald den ersten zarten Zauberlehrling in seinen Bann gezogen. Um die Grundlagen zu lernen, reichte nämlich tatsächlich ein Zauberlehrling, für die Hexenmeister war später noch genügend Zeit. Aus seinem Dachfenster im hölleneigenen Glockenturm beobachtete der Große Hexenmeister mit leichter Wehmut das anmutige Treiben seiner Schützlinge.
Das kleine feuerrote Zauberteufelchen wollte wie in allen Dingen seine Sache ganz besonders gut machen, und so gab es sich mit einem oder zweien der zarten Zauberlehrlinge nicht zufrieden. Bis der Tag des nächsten Hexentanzes herangekommen war, hatte es schon eine ganze Menge zu erzählen. Es lächelte mit einem ganz neuen Gesichtsausdruck in sich hinein. Der Große Hexenmeister würde Augen machen!
An jedem zweiten Freitag eines Monats fand in den sieben Kellern der Hölle der Hexentanz statt. Daran regelmäßig teilzunehmen, war jedes guten Teufels oberste Pflicht. Im ersten Keller wurden die Zauberlehrlinge, Novizen, und gelgentlich in besonderen Ausnahmefällen sogar einige menschliche Besucher von einem speziell ausgebildeten Vortanzteufel in die Grundelemente des Hexentanzes eingewiesen. Dort traf sich das kleine feuerrote Zauberteufelchen einen Glockenschlag vor Mitternacht mit seinem gerade bevorzugten Zauberlehrling.
Im ersten Keller ging es sehr streng und nach genau vorgeschriebenen Regeln zu. Wer die Grundlagen des Hexentanzes sicher beherrschte, durfte sich in Begleitung eines Mentorteufels in den zweiten Keller begeben. Das kleine feuerrote Zauberteufelchen wollte seinen Spaß haben, im ersten Keller war es aber überhaupt nicht lustig. Also zog es seinen Zauberlehrling an der schlanken Hand weiter in den zweiten Keller. Schon damals, als es selbst den Hexentanz hätte lernen sollen, hatte es sich nach der ersten halben Nacht davongeschlichen. Das kleine feuerrote Zauberteufelchen war mit dem Hexentanz im Blut geboren, was sollte es da noch nächtelang in Reih und Glied die Grundelemente üben!
Erst nach einigen Jahren harten Trainings im zweiten Keller konnte ein Teufel den Eintritt in den dritten Keller beantragen. Zauberlehrlinge allerdings waren im dritten Keller längst nich mehr zugelassen. Vom dritten Keller aus konnte ein bewährter Teufel - wiederum nach einigen Jahren des intensiven Studiums - mit etwas Glück und viel harter Arbeit zum vierten Keller zugelassen werden. Das kleine feuerrote Zauberteufelchen langweilte sich furchtbar im zweiten Keller. Gern wollte es seinem Zauberlehrling noch mehr vom Hexentanz zeigen. Nach einigem Überlegen fiel ihm ein geeigneter Zauber ein. Er verwandelte den Zauberlehrling in eine wunderschöne Hexenbraut. Hexenbräute, vor allem wenn sie schön waren, hatten es mit der Zutrittsberechtigung in die tieferen Keller einfacher. Schließlich waren sie nur zu Gast, da konnte man großzügiger sein.
Im vierten Keller tanzten hauptsächlich altgediente Teufel in den fortgeschrittenen Jahren. Auch einigen jüngeren Teufeln war der Zutritt gewährt worden, jedoch war dies eine sehr seltene Ehre. Wer vor seinem fünfhundertsten Lebensjahr die Zutrittsberechtigung zum vierten Keller erhielt, der konnte stolz darauf sein. Im vierten Keller war es heiß und laut, in der Mitte des Saales loderte ein Feuer. Wer nicht aufpaßte, konnte leicht hineingestoßen werden. Wer ganz besonders viel auf sich hielt, strebte die Aufnahme in den fünften Keller an, denn wer dort eingelassen wurde, erlangte gleichermaßen einen hohen Würdenstatus und ein ganz bestimmtes Ansehen. Wer im fünften Keller den Hexentanz tanzte, der hatte ihn jahrhundertelang hart trainiert.
Das kleine feuerrote Zauberteufelchen langweilte das alles furchtbar. Seitdem es die Katze des Großen Hexenmeisters verzaubert hatte und ihm dennoch nichts Böses geschehen war, hielt es sich überhaupt nicht mehr an Regeln. Hier, das muß man zugeben, hatten die Erziehungsmethoden des Großen Hexenmeisters versagt. Der Große Hexenmeister war ziemlich verliebt in das kleine feuerrote Zauberteufelchen, und am allerliebsten sah er ihm beim Hexentanz-Tanzen zu. Und da ein Großer Hexenmeister ja nicht ein kleines Teufelchen in irgendeinem untergeordneten Keller besuchen konnte, erhielt das kleine feuerrote Zauberteufelchen fortan die Erlaubnis, im siebenten Höllenkeller den Hexentanz mitzutanzen. Das war im Grunde absolut undenkbar, aber erstens fürchtete jeder den Großen Hexenmeister, und zweitens beherrchte das kleine Teufelchen bereits nach wenigen Nächten den Hexentanz besser als alle anderen Teufel zusammen. Dieser Sonderstatus trug ihm Bewunderung und Ansehen ein und stieg ihm mächtig zu Kopf. Der Große Hexenmeister überwachte das Geschehen mit einem gutmütigen Lächeln.
Bereits der sechste Keller war außerordentlich gefährlich. Dort wurde der Hexentanz sogar improvisiert, was sich nur eine ganz bestimmte Oberschicht erlauben durfte. Den festgeschriebenen Regeln des Hexentanzes wurden wüste Spiele beigemischt, nur sehr alte und abgebrühte Teufel hielten diesen seelischen Zerreißproben stand und hatten ihren diabolischen Spaß daran.
Im siebenten Keller tanzten nur die obersten und ältesten Hexenmeister und die ganz besonders bösen Teufel. Sie waren die Meister des Hexentanzes und hatten als einzige die Erlaubnis, immer wieder neue Elemente zu kreieren, die dann im sechsten und manchmal auch im fünften Keller gelehrt wurden. Der siebente Keller brodelte und brannte, die Luft kochte und von den jüngeren Teufeln wagte sich keiner auch nur in die Nähe. Was im Inneren des siebenten Kellers vor sich ging, wurde hinter vorgehaltener Hand angstvoll weitergeflüstert. Im siebenten Keller gab es Orgien, Wein und Drogen, und ab und an spielten dort auf Anweisung eines ganz besonders alten und bösen Teufels auch die Stones. Sie spielten mit verbundenen Augen, denn kein Mensch aus Fleisch und Blut war jemals tiefer vorgedrungen als bis zum dritten Keller.
In diesen siebenten Keller also schleppte das kleine feuerrote Zauberteufelchen seinen in eine wunderschöne Hexe verzauberten zarten Zauberlehrling, um ihn voller Stolz dem Großen Hexenmeister vorzustellen. Der Große Hexenmeister betrachtete einmal mehr das kleine feuerrote Zauberteufelchen, und dachte bei sicht, daß er mit seiner Wahl zufrieden sein konnte. Auch die wunderschöne Hexe gefiel ihm gut. An bestimmten Tagen der Mondphase wurden nämlich auch Hexen in den Kellern der Hölle zugelassen, die Verzauberung war also eine durchaus glaubwürdige Tarnung. Die jüngeren Teufel freuten sich immer ganz besonders auf die Tage der Mondphasen, und die unteren Höllenkeller waren meist zum Bersten voll. Die Hexen waren im allgemeinen gern gesehen, allerdings schafften nur wenige den Aufstieg in die höheren Keller. Diese waren dann entweder besonders ehrgeizig und begabt, oder auf die eine oder andere Art und Weise protegiert. In den siebten Keller gelangten nur die schönsten der Hexen mit den längsten und feuerrotesten Lockenmähnen. Aber auch die Oberhexe aller Hexen und ihre zwölf Kammerhexen waren dort regelmäßig zu Gast. Im Schutze seiner Verzauberung verlor der Zauberlehrling seine ganze Angst und zu dritt verbrachten sie einen wunderbar wilden Abend.
Reiferen Teufeln war es gestattet, Besucher mit in die Hölle zu bringen. So brachte der eine oder andere Teufel gelegentlich von seinen Streifzügen außerhalb der Hölle einen Menschen mit. Im wesentlichen handelte es sich dabei um bildschöne und bläßliche Jungfrauen, die sich in der Hölle sehr fürchten. Mit ihnen flanierten die Teufel dann artig im Höllengarten, wo sie von entgegenkommenden Spaziergängern unmerklich spöttisch mit gezogenem Hut gegrüßt wurden. Es gehörte zum guten Ton, den Jungfrauen nichts Böses anzutun, sondern sie am späten Nachmittag wieder ihn ihre Welt zurückzugeleiten.
Oft kamen auch einfach Neugierige und Furchtlose auf einen Besuch mit, die die Teufel bei ihren Ausflügen in die Menschenwelt kennengelernt hatten. Diese wurden dann von ihrem Begleitteufel durch die Hölle und manchmal sogar in die ersten Höllenkeller geführt, allerdings unter der strengen Auflage, alles Gesehene und Gehörte für sich zu behalten. Viele dieser Besucher waren von der Hölle so fasziniert, daß sie von diesem Tag an immer öfter am schmiedeeisernen Höllentor klopften und Einlaß begehrten. Es war auch schon vorgekommen, daß der eine oder andere dieser Besucher sich so sehr in seinen Begleitteufel verliebt hatte, daß er ganz in die Hölle umsiedeln wollte, und so eines Tages mit einem Köfferchen voll Habseeligkeiten Einlaß begehrte. Aus diesen gefallenen Menschen wurden oft die ernsthaftesten und am konzentriertesten arbeitenden Teufel, auch wenn sie mangels angeborener Fähigkeiten ein gewisses Niveau an Hexenkunst nicht überschreiten konnten. Viele dieser Menschen allerdings waren in der Hölle sehr viel glücklicher als in ihrer eigentlichen Welt.
Das kleine feuerrote Zauberteufelchen war ganz verrückt nach diesen Ausflügen in die Welt der Menschen. Es trieb außerhalb der Hölle sein Unwesen, ohne entdeckt zu werden. Beinahe von jedem Ausflug brachte es einen Menschen mit. Selten jedoch war es eine bezauberte Jungfrau, sich vor den anderen Teufeln mit einer schönen Begleiterin aufzuspielen, das war nicht so sehr sein Fall. Viel öfter brachte das kleine feuerrote Zauberteufelchen Hexen mit in die Hölle. Diese erzählten ihm dann von den Tagen, die die Menschen das Mittelalter genannt hatten. Damals waren Hexen gejagt und verbrannt worden, was die Menschen allerdings nicht gewußt hatten war, daß man eine Hexe gar nicht verbrennen konnte. Mit den Hexen verstand sich das kleine feuerrote Zauberteufelchen am allerbesten, denn ihnen waren jegliche Verstellungen fremd. Mit den Hexen konnte man seinen Spaß haben, ohne sich um Konventionen scheren zu müssen. Die Hexen lachten laut, wenn ihnen nach Lachen zumute war, stritten nach Herzenslust und taten überhaupt immer, was ihnen in den Sinn kam. Mit den Hexen im Piranhateich zu schwimmen und auf dem einen oder anderen Fisch eine Runde zu reiten, machte ganz besonderen Spaß.
Manchmal brachte das Teufelchen aber auch einen Menschen mit, der ihm zur unkonventionelles Verhalten aufgefallen war oder imponiert hatte. Es liebte die Diskussionen mit den Priestern der Menschen, und nicht selten gelang es ihm, einen dieser Priester zum Umsiedeln in die Hölle zu bewegen. Doch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen drang irgendwann nach außen, wie schön das Leben in der Hölle in Wirklichkeit war, und immer mehr und mehr Menschen klopften an das Höllentor. Eines Tages dann wurde die Hölle wegen Überfüllung geschlossen.
(12/95, 12/97)
Die elende Sache mit dem Traummann
(Da mir inzwischen von mehreren objektiven, neutralen und absolut unvoreingenommenen 'Lesern' bestätigt wurde, daß auf meinen Seiten auch wirklich KEIN Thema ausgelassen wird, und da diese Aussage einen gewissen Anspruch ausdrückt, muß ich eben zu dieser Ollen Geschichte auch noch meinen Senf abgeben)
Mit dem Traummann ist es so ähnlich wie mit dem Nikolaus und dem Osterhasen: man (oder sollte ich jetzt ausnahmsweise hier doch mal 'frau' schreiben?) hat ja schon gleich von Anfang an das ungute Gefühl, daß an dieser Sache ganz mächtig was faul sein muß ... warum grinsen die Erwachsenen denn sonst dauernd so dreckig! - Ich jedenfalls wurde als Kind das ganz bestimmte Gefühl nicht los, daß sie mich damit ganz gewaltig verarschen wollen - mit dem Osterhasen und dem Nikolaus meine ich. Über den Traummann hat meine Mom nie gesprochen, denn damit ist es bei uns zuhause irgendwie wie bei anderen Leuten mit dem Geld: was man hat, darüber redet man nicht. Naja, nicht ganz so pauschal, aber so ähnlich eben...
Also kein Thema, und ich hatte die unendliche Freiheit, mir diesen meinen Typen selbst zusammenzubasteln. Daß das stets und immer noch variable Endprodukt dieser Tüftelei meinem Dad dann doch jedesmal verteufelt ähnlich ist, war mir lange genug peinlich, heute steh ich dazu. Weil genau das in meinen Augen nämlich beweist, daß ich keinen Vaterkomplex hab. Wozu auch. Ich liebe ihn halt, meinen Paps, und was bitte soll daran nicht okay sein; schließlich liebe ich meine Mom auch, und da sagt kein Mensch was! Schade eigentlich, daß meine heißgeliebten Eltern so dermaßen hinter dem Mond leben, daß sie nicht mal einen Anrufbeantworter haben - geschweige denn ein Internet - und so werden sie das leider alles nie erfahren (vielleicht sollte ich es ihnen einfach mal sagen - wenn das nur nicht so verteufelt schwierig wäre).
Jedenfalls war mein Traummann immer schon was relativ Realistisches - zumindest wenn man es mal mit den größtenteils nicht gerade greifbaren Ikonen einiger meiner aus Scheidungsehen kommenden Freundinnen vergleicht. Wo die Mami Adriano Celentano in Lebensgröße im Schlafzimmer hängen hat, braucht man sich eigentlich nicht zu wundern, wenn bei der Tochter eben der gute alte Mick Jagger und die Jungs von Wham gepinnt sind - wobei ich Celentano in Lebensgröße sofort auch in mein Schlafzimmer hängen würde, was mir jetzt doch wieder zu denken gibt - und dann fällt mir noch ein, daß bei mir jahrelang der gute Bono an der Wand hing - aber das ist was gaaaanz anderes, denn schließlich fanden alle meine Freundinnen den furchtbar häßlich. Ich hatte halt schon immer einen ganz besonderen Geschmack. grins
Typen wie Mick Jagger (ich geb ja zu er ist geil, und ich werde vermutlich auch 98 wieder aufs Konzert rennen, aber wer wollte ihn schon wirklich haben!) sind vordefiniert und nicht variabel, auch wenn man bei günstiger Beleuchtung alle positiven Eigenschaften dieser Welt und noch mehr in sie interpretieren kann. Aber es gibt halt nur einen davon, und es ist äußerst bequem, genau den zu wollen, und zudem völlig gefahrlos. Entscheidung getroffen - zurücklehnen - warten - leiden - fertig.
Nikoläuse und auch Osterhasen dagegen gibt es jede Menge (wer mir das nicht glaubt, soll nur mal zwischen Januar und April oder August und Dezember in ein Kaufhaus latschen!) - Frösche übrigens auch - und frau hat dann immer noch das Problem, daß sie dann doch noch einen vernünftigen erwischen muß, was doppelt so schwer ist, weil sie ja alle uni aussehen. Und küssen können übrigens auch die wenigsten! Daraus habe ich aber trotzdem folgendes gelernt: es kann einfach nicht nur den Einen geben! - auch wenn ich das zugegebenermaßen schon des öfteren mal gemeint hab - aber ist diese Tatsache an sich nicht auch schon ein Beweis dafür? Jedenfalls - so selten sie auch sind, die Traummänner, es gibt mehr als nur einen davon! Frau muß ihm nur über den Weg laufen, und ihn dann auch noch erkennen - Life's what you make it!
Aber werden wir mal konkret: das Fabelwesen identifiziert sich quasi über zwei Hauptkomponenten: sein Aussehen und seinen Charakter. Wobei ich das Aussehen ganz bewußt und provokativ an erste Stelle setze, denn faktisch betrachtet werde ich ihn zuerst sehen und dann erst kennenlernen, und wenn er mir optisch nicht unter die Haut geht, dann wird er einen verdammt schweren Job haben, bis er mich rumkriegt (und wenn er auf mich nicht total abfährt, dann bin ich sowieso beleidigt). Außerdem ist ein Aussehen viel leichter zu definieren: es besteht aus Wunschvorstellungen und vielleicht noch extremen Abneigungen. Mit dem Charakter ist das genau andersrum: Dinge, die er auf jeden Fall haben muss setzte ich quasi als Grundbedingungen voraus. Selektiert wird dann anhand von KO-Kriterien, nämlich den Eigenschaften, die er auf keinen Fall haben darf. Das mit dem Aussehen beurteilt der Bauch, über die Sache mit dem Charakter urteilt der Kopf. Im Idealfall wenigstens.
Eigentlich ist das ja alles verdammt logisch, aber das Verteufelte an der Sache ist halt, Liebe schert sich einen Dreck um Logik. Nicht alles im Leben ist planbar, so gescheit bin ich nach 30 Jahren auch schon. Ich bin also gespannt, welches unberechenbare Wesen mir als nächstes den Boden unter meinen kleinen Füßen wegzuziehen versucht - und ich freue mich höllisch darauf.
Und so nüchtern ich die ganze Sache sehe, natürlich hab ich auch ne Menge Illusionen. Wer keinen Mut zum Träumen hat, der hat auch keine Kraft zum Kämpfen, heißt es doch so schön. Nur, kämpfen werde ich nicht mehr, weder um einen Mann, noch gegen einen, noch gegen irgendwelche Frauen oder sonstetwas. Es paßt, oder es paßt nicht - wenn es paßt, dann sowieso, und wenn nicht, dann ist alles andere Energieverschwendung. Was um Himmels Willen nicht heißen soll, daß ich mich nicht mehr anstrengen werde, im Gegenteil, ich werde mich noch viel mehr anstrengen, aber eben nur noch, wenn es einen Sinn hat.
Daß ich von der Jeansgröße bis zur Stimme und den Lachfalten ganz genau weiß, was ich will, ist selbstredend. Oder sollte ich etwa bar jeder Illusion mein Leben fristen und nehmen, was halt grad so des Weges kommt? Na! Da kennt man mich aber schlecht. Trotzdem ist dieses Bild optisch unendlich variabel. Und daß es natürlich etwas ganz Besonderes sein muß, das versteht sich von selbst. Schließlich bin ich auch was ganz Besonderes. Klar muß ich dann immer Sprüche hören wie "kannst Dir ja einen backen lassen" (sofort, wenn ich wüßte, wer mir das macht), oder "soviele Ansprüche darf man nicht haben" (kein Kommentar) - und letztlich hat mich sogar ein abgewiesener Anwärter als "Kampflesbe" betitelt, was mich zu großen Begeisterungsstürmen hingerissen hat. Fantastisch einfach... Sind es nicht genau diese Erlebnisse, die das Leben lebenswert machen? - Außerdem: ich verlange und erwarte nichts, was ich nicht selbst auch zu bieten hätte, jedenfalls was die grundlegenden Eigenschaften angeht. Das ist doch schon ne realistische Einstellung, oder? Ich sag ja auch nicht, daß er wirklich rote Haare haben muß, und die 184 sind zwar Optimalmaß, aber wie die Statistik beweist, auch nicht grad repräsentativ... und er muß auch nicht unbedingt ein Schwimmer sein, ich nehm zur Not auch nen Leichtathleten oder nen Triathleten - und ich habe sogar inzwischen eingesehen, daß es Berufe abseits der sogenannten 'kreativen Szene' gibt, die nach intelligenten Leistungen verlagen (davon abgesehen ist die Szene sowieso nicht, worüber sie spricht - das weiß ich, seitdem ich die Fachausdrücke verstehe) - undsoweiter...
Nur in einem Punkt mache ich keinen Kompromiß: er muß sich jeden Tag ganz bewußt dazu gratulieren, daß er sonen dicken Fisch wie mich an der Angel hat.
(12/97)