Himmelblau


Version vom 4.11.97
Die Kapitel:

Vorwort
Amerika
mehr oder weniger
Amerika
Vollmond
Amerika

Ein Lover in Wien?
blaugestreift
Isabellas Hochzeit
wie ich Stefan kennengelernt habe
Lokaltest
Matthias die nächste
Stefan macht einen Fehler
La Fura dels Baus

Amerika
Jagger lost his baby
Die Haarfarbengeschichte
Wie ich Stefan losgeworden bin
noch ein Mann
Die leisen Töne


Vorwort
Ich bin Ariane Ratzmann und 30 Jahre alt. Gestern abend habe ich mir beim Joggen den Knöchel verstaucht, weil ich beim Flirten mit einer Katze ein Loch in der Straße übersehen habe. Sowas passiert mir gelegentlich, aber nicht immer öfter.

Amerika
"Da bist Du ja schon wieder, mein Schatz", sagt mein gutgebauter Gatte und küßt mich liebevoll auf die Nasenspitze, als ich von meiner morgendlichen Joggingrunde nach Hause komme. Ich lasse meine blitzsauberen Nikes vor der Haustür stehen und nehme freundlich lächelnd das weichspülkonzentriert frischduftende Handtuch entgegen, das er mir reicht. Während er mir ein Glas Wasser bringt, schäle ich mich aus meinen Chiemsee-Einteiler und schlendere nackt und braungebrannt in unser geräumiges Badezimmer. Er liebt meine Sommersprossen. Auf dem Badewannenrand steht wie zufällig eine neue Flasche meines Lieblings-Duschgels mit einer kleinen Schleife und einer Rose daran.

Kaffeeduft strömt durch die kühlen Räume, und durchs Badfenster sehe ich den Mann meines Lebens gerade den Frühstückstisch in unserem wild verwachsenen Garten decken. "Ich habe Dir zwei Schoko-Croissants mitgebracht" ruft er und grinst breit. Ich stehe schon mit einem Bein unter der kühlen Dusche.

Okay, okay, in meiner Dachwohnung herrschen brütende 38 Grad, statt dem gutgebauten Gatten empfängt mich das gewohnte unaufgeräumte Chaos, der Kühlschrank ist leer, das Mineralwasser abgestanden, ich habe Sonnenbrand und Chiemsee-Klamotten hätte ich schon immer gern gehabt. Aber alles in allem ist es mir so sogar lieber.

Es gibt schon ein Buch - was sage ich - einen BESTSELLER, der so ähnlich anfängt, aber jetzt, wo Lady Di tot ist, bekommt alles eine andere Dimension. Außerdem habe ich daran nicht gedacht - ich meine die Sache mit dem Bestseller - als ich diesen Abschnitt geschrieben habe, ich bin also voll rehabilitiert.

mehr und weniger
Manchmal ist mein Leben eine Seifenoper und nichts, was heute wirklich scheint, hat morgen noch einen Wert. Ausgenommen natürlich ein paar fixe Komponenten wie Job, Wohnung und Sport, auf die ich ja durchaus Einfluß habe, und die gewissermaßen berechenbar sind. Mein permanent unterernährter Kontostand zum Beispiel, oder die restliche Lebenserwartung meines Autos, oder die Tatsache, daß zwei Uhr morgens einfach zu spät ist. Ich führe ein sogenanntes geregeltes Leben mit geregelten Rahmenbedingungen, und vermutlich brauche ich die auch, um das restliche Chaos einzudämmen. Hier greift wieder meine Theorie der Gegensätze, von den Wellenbergen und Wellentälern. Vereinfacht, die Filosofie, daß die extremsten Gegensätze sich gegenseitig voraussetzen und begünstigen. Daran glaube ich, wenn ich auch sonst an nichts glaube, und deshalb gibt es auch in meinem Leben die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen, und ich durchlebe sie im vollen Bewußtsein und letztenendes freiwillig.

Man muß das Leben ernst nehmen, aber nicht tragisch, hat mal einer gesagt. Da ist was dran. Ich versuche einen Mittelweg zu gehen zwischen den oberflächlichen Scheinschleimern und den depressiven Zögerern, von denen beiden es eh schon zu viele gibt. Es ist eine Gratwanderung, und gelegentlich rutsche ich auf die eine oder andere Seite ab, aber nie für erwähnenswert lange Zeit. Das alles ist besser als die Wohlstands-Langeweile, unter der sich so viele leidend machen.

Was mein Leben vor allem chaotisch macht, sind meine Beziehungen. Nicht nur die zu Männern, sondern meine Beziehungen allgemein. Ich scheue nicht davor zurück, falsche Freunde nach einer gewissen Zeit wieder abzustoßen, sie wieder aus meinem Leben zu entlassen. Je nach Anlaß halte ich es auch nicht unbedingt für meine Pflicht, solche Entscheidungen zu begründen oder gar zu rechtfertigen. Fakt ist, daß ich bisher noch kaum einen dieser Schlußstriche gern wieder ungeschehen gemacht hätte, und daß mein Leben durch solche Trennungen selten ärmer wird, auch wenn es im ersten Moment anders aussieht.

Ich habe sogenannte Freunde aus meinem Leben entlassen, die mich zum hassenswerten Gegenpol in ihrem Leben erklärt haben, um damit ihr eigenes unbefriedigtes Gesamtkonzept zu untermauern. Die mich unter dem Deckmantel der alten Freundschaft, die gewisse Freiheiten zuläßt, was Meinungsäußerung und Kritikberechtigung betrifft, zur moralischen Null zu degradieren versucht haben. Die meine primär positive Einstellung zum Leben - was schließlich harte Arbeit bedeutet, zu der sie sich nicht aufraffen können - als Nährboden für ihr weiteres Unglück deklariert haben. Oft bin ich zum Forum für sinnlose Jammereien geworden, und diese Art von Betrug ist mir lästig. Pech, daß ich mir da kein schlechtes Gewissen machen lasse.

Daß es Männer gibt, macht mein Leben auch nicht gerade einfacher. Im Moment bin ich richtig froh, mich darum nicht kümmern zu müssen. Klar, das ist glattweg gelogen, ich will eigentlich gar nicht allein sein, aber jeder Tag mit mir selbst ist doch noch besser als das ganze Chaos, in das ich mich wieder gestürzt hatte. Ich weiß nicht, ob ich es "kein Glück" oder "zuviel Glück" nennen soll, was ich mit Männern hab. Ich habe meistens wundervolle Zeiten mit wundervollen Männern, nur irgendwann scheitert es an irgendwas, egal ob das nun Beziehungsängste oder Beziehungsnarben sind.

Die angeblichen Pragmatiker und wahren Verdränger unter uns sagen, man soll den ganzen Beziehungskrempel nicht so wichtig nehmen. Was theoretisch sicher richtig ist, aber sich faktisch einfach nicht in die Tat umsetzen läßt. Liebe ist eines der letzten nicht mit Geld bezahlbaren Güter - und somit umso interessanter. Und umso unfähiger und fantasieloser wird unsere Gesellschaft, die es gewohnt ist, sich von Vorverdautem zu ernähren. Was haben Typen uns nicht schon Nerven gekostet, meine Freundinnen und mich. Nicht daß sie unbedingt den Sinn des Lebens in Frage stellen, aber darüber muß man sich zuerst einmal klarwerden. Gelegentlich geht das ziemlich an die Substanz, zumal davon abgesehen die Sinnfrage immer noch nicht befriedigend beantwortet ist.

Jeder vernünftige Mensch wird mir sagen, daß mich niemand gezwungen hat, mich kopfüber vom einer Geschichte direkt in die nächste zu stürzen. Aber was kann ich schon dafür, daß ich mich so schnell verliebe. Die Wahrheit in vielen Dingen erfährt man nur, wenn man sie ausprobiert - so gesehen hat meine Ungeduld vorwiegend rationale Aspekte. Ein Kopfsprung in die Ungewißheit ist und bleibt für mich immer noch die kürzeste und treffsicherste Variante - von außen kann man nicht sehen, ob das Wasser zu lau oder zu eisig ist. Und von der Zehentauch-Methode halte ich eben nichts.

Welchen Grund auf der Welt könnte es schon geben, daß man einen anderen Menschen außer sich selbst lieben müßte. Abgesehen von meinen besten Freundinnen und meinen Eltern vielleicht - wenn man mal von gewissen Ausnahmesituationen absieht - aber von dieser Art von Liebe rede ich im Moment nicht. Schließlich bin ich der einzige Mensch, den ich voll und ganz verstehe und dessen Handlungsmotive ich wenigstens zum größten Teil nachvollziehen kann. Ich meine, welchen vernünftigen Grund gibt es, einen wildfremden Menschen mit derartigen Gefühlskrediten zu überschütten, nur weil er einen hübschen Hintern oder nette Augen hat? Aber an spätestens diesem Punkt versagt jeglicher Verstand - ich habe die intelligentesten und kühlsten Menschen sich schon wie Idioten benehmen sehen, wenn die Hormone im Spiel waren. Ich stehe also mit diesem Problem nicht alleine da - diese Erkenntnis an sich beruhigt ja schon irgendwie.

Meine Exfreundin Gitta, um noch ein letztes mal von ihr zu sprechen, glaubt - obwohl sie das natürlich nie im Leben zugeben würde - daß ihr Leben nur dann einen Sinn hat, wenn auch ein Mann, pardon, der Traummann natürlich, darin einen festen Platz hat und gewissermaßen die Leitung übernimmt. Ihre innere Leere ließe sich so bequem füllen. Eine gute Ausrede, um sich moralisch für immer auf die faule Haut zu begeben. Aber das ist nicht der Kern der Sache. Ich brauche keinen anderen Menschen, um in ihn Gefühle und Bewunderung zu interpretieren, die ich mir selbst nicht entgegenbringe - im Gegenteil, meine Arroganz geht soweit, daß ich den Anspruch habe, daß der nächste Mensch in meinem Leben selbständig über solche Werte verfügt, die in meinem Leben ihren festen Platz haben. Und solche Ansprüche machen einsam, das ist klar.

Amerika
Mir geht immer schon die Luft aus, wenn ich diese Steigung nur sehe, und das muß irgendwie psychosomatisch bedingt sein, denn die sechseinhalb Kilometer davor laufe ich einigermaßen locker durch. Meinen 'Angstberg' nenne ich das, was doppelt lächerlich ist, einerseits weil es selbst von unten betrachtet nicht einmal ein Hügel ist und andererseits, weil ich ja sonst auch so gern damit prahle, vor nichts und niemandem Angst zu haben. Warum also ausgerechnet vor einer popligen selbsternannten 98%-Steigung, pah! Der Schweiß rinnt, der Walkman eiert, in der linken Socke reibt mir eine winzige Falte eine riesige Wasserblase zurecht - alles ist wie immer. Ich habe doch nicht etwa wirklich im Ernst erwartet, daß der Angstberg diesmal flacher ist?

Mit der Anmut eines altersschwachen Nilpferds schleppe ich mich auch heute hinauf, und oben flimmert die Luft über dem Teer, was von der Anstrengung kommt, nicht von der Hitze, denn es ist kühl. Dieser Sommer ist nämlich keiner. Ich trage häßlich orangefarbene Sonderangebots-Radlerhosen und einen alten Badeanzug darüber, der so ausgeleiert ist, daß ich ihn zum Schwimmen nicht mehr anziehen kann. Meine Turnschuhe sind verschlammt und meine Socken verfärbt. Die Haare kleben am Kopf und die Wimperntusche unter den Augen. Aber hier draußen auf den Feldern interessiert das keinen. Außer Bauern auf dem Heimweg begegnet einem in der Regel hier kein Mensch. Die Bauern schauen mich immer mit halb geringschätzigen und halb mitleidigen Blicken an, als wollten sie mir sagen, meine Gesundheit könnte ich mir auch durch eine sinnvollere Beschäftigung wie zum Beispiel Kartoffeln ernten erhalten, wie im Film. Doch es ist schön, hier einfach nur zu laufen und sonst keine Verpflichtungen zu haben. Das ganze Grün, die frische Luft, der Blick auf die Stadt - und die Befriedigung zu sehen, wie weit ich schon hinausgerannt bin - das leise Surren der Überlandleitungen und weiter hinten der Highway. Nein, wir sind nicht in Amerika, wir sind in der Nähe von Stuttgart. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum hier niemand joggt. Außer mir, und ich war noch nie in Amerika.

Nach dem Angstberg kommt zum Glück ein ebenes Stück, und ich finde röchelnd in meinen Rhythmus zurück. Weiter unten, wo die Felder beginnen, parkt gerade ein schwarzer Jeep. Ein größerer Köter springt heraus, danach ein Typ. Ich mag keine Hunde. Vor allem dann nicht, wenn sie mit mir joggen wollen. Ich muß an den beiden vorbei, denn sie laufen jetzt in meine Richtung los. Hund und Herrchen sind gleichermaßen gepflegt, letzterer trägt einen modischen Jogginganzug und ich weiß jetzt schon, daß seine Schlappen nicht so verschlammt sind wie meine, auch nicht, wenn er zurückkommt. Mitte 30, schätze ich, etwa einsachtzig, kurze Haare. Angenehmes Gesamtbild, abgesehen davon, daß ich Jogginganzüge immer leicht affig finde. Ich reiße mich zusammen und beschleunige in eine etwas dynamischere Gangart. Bis ich dort vorbei bin, werde ich das durchhalten. Er grüßt mich freundlich. Ausgesprochen nettes Lächeln. Der Köter buddelt inzwischen schon weiter rechts das Feld um. Der Mann wird nicht viel zum Laufen kommen. Angenommen, der Hund hätte mich gebissen, dann wären wir ins Gespräch gekommen. Die restlichen 2 Kilometer kann ich mir überlegen, wie es am besten anzustellen ist, daß einen die richtigen fremden Hunde beißen.

Zuhause ist natürlich wieder mal der Kühlschrank leer, dafür der Korb mit der Bügelwäsche randvoll. Ich könnte endlich mal die Girlanden von meiner Geburtstagsfete abhängen, aber dazu müßte ich dann erst wieder den Stuhl im Schlafzimmer freischaufeln. Intensive Nachforschungen ergeben dann doch noch eine halbe Pizza im Tiefkühlfach, ich schiebe sie in den Ofen und lasse mich vor der Glotze nieder. 'Verbotene Liebe' und 'Marienhof' habe ich jetzt leider verpaßt, und seit 'Herzblatt' von Hera Lind moderiert wird, habe ich darauf auch keine Lust mehr.

Vollmond
Es ist Vollmond und ich kann nicht schlafen. Ich wälze mich in meinem viel zu großen Bett herum, und es ist niemand da, der mich müde macht oder mir einfach nur die Zeit vertreibt. Gelegentlich stelle ich fest, daß mir sowas wie das sogenannte geregelte Sexualleben fehlt, heute ist so eine Gelegenheit. Irgendwie wird es mir plötzlich überdeutlich bewußt. Wobei es eigentlich weniger akrobatische Kunststücke oder dergleichen sind was mir fehlt, ich sehne mich nur einfach nach warmer Haut, einem bekannten Geruch, daß jemand neben mir atmet, mit mir einschläft, mit mir aufwacht, mir die verspannten Gräten massiert, wenn ich aus dem Wasser komme. Nach Liebe, die eingespielt ist und vertraut, nicht nach immer gleich verlaufenden und nur kurzfristig und angeblich aufregenden Abenteuern. Die zwar den Hormonkreislauf wieder zirkulieren lassen, aber eben nicht wirklich etwas bringen. Aber vergiß es, ich kenne momentan genau 2 Männer, bei denen ich mir die Mühe machen würde, genauer hinzusehen, und die sind beide in einer festen Beziehung. Als ich Rü noch als Gelegenheitslover hatte, war mein Gefühlszustand noch nicht ganz so verwahrlost, aber dieser Idiot hat sich jetzt zu einer 20jährigen abgesetzt, in die er nicht mal richtig verliebt ist. Was mir wieder beweist, daß meine Entscheidung gegen eine Beziehung mit ihm damals richtig war, wenn er dort jetzt alles findet, was er sucht.

Amerika
Heute laufe ich zum ersten mal mit Gewichten. 500 Gramm Blei an jedem Knöchel. Die Berge sind steiler, die Ebenen länger. Auf dem Heimweg sehe ich einen Opi, mit Spazierstock bewaffnet, der sich im Schneckentempo bergabwärts bewegt. Wenn ich einfach an ihm vorbeiziehe, wird er sicher erschrecken und den plötzlichen Herztod sterben, und das will ich nicht. Ich laufe also mit lauten Schritten auf ihn zu und überhole ihn mit der größtmöglichen seitlichen Entfernung. Er ruft etwas hinter mir her, ich nehme den Walkman ab. Wie bitte? "Den Berg RAUF müßt Ihr rennen, nicht runter", meckert er, mit diesem typischen Gesichtsausdruck, daß 'die Jugend von heute' einfach nicht mehr belastbar sei. Damals in der HJ... die Leier kenne ich schon. Ich spare mir die Luft für den Kommentar, daß auf den letzten 7 Kilometern 3 Berge waren und ich sowieso schon auf dem Heimweg bin.

Norah wartet schon vor dem Haus auf mich und erklärt mich für total übergeschnappt, was sich hoffentlich auf die Gewichte bezieht.

ein Lover in Wien?
Pit hat sich nach Wien verknallt. Das erzählt er mir freudestrahlend, als wir uns in der Baggi treffen. Keine 10 Minuten vorher habe ich beschlossen, daß er alle Voraussetzungen für einen part time lover erfüllen würde. Wieder ein Satz mit X.

Wir kennen uns noch nicht lange, aber es funkt ganz schön zwischen uns - Wien hin oder her. Die ganze Geschichte erinnert mich an Matthias, und plötzlich fällt mir ein, wie lange ich den nicht mehr gesehen habe. Pit ist auch einer dieser kleinen zierlichen Typen mit einer enormen Ausstrahlung. Ich mag ihn sehr, aber er ist kein Mann, in den ich mich ernsthaft verlieben würde. Eine kleine freundschaftliche Affäre könnte ich mir allerdings sehr entspannend vorstellen - er wäe geradezu der ideale Kandidat daür. Ich bekomme heraus, daß er 40 ist - geschätzt hätte ich ihn ein paar Jahre jünger.

Das mit Wien ist jetzt zugegebenermaßen dumm gelaufen für mich. Während wir uns unterhalten merke ich, daß er heute kaum die Hände von mir lassen kann. Es stört mich nicht, weil es ehrlich ist. Als er sich verabschiedet, umarmt er mich auf eine Art, die in keinem Verhältnis zu unserer Beziehung steht. Ich habe das Gefühl, da wird irgendwas passieren. Irgendwann. Und bei solchen Gefühlen täusche ich mich selten.

blaugestreift
Ich hocke auf einem Geländer in der großen Disco. Ein Typ steuert auf mich zu, im blaugestreiften Hemd. Ich kenne ihn schon, vorher hat er die ganze Zeit zu uns rübergespannt. Zu spät.

"Na, schon müde?", lautet seine originelle Anmache.

"Nö", sage ich. "Hast Du meine Freundin gesehen?"

"Vielleicht ist sie an der Bar?", schlägt er vor. Gute Idee. Ich latsche los. Gucken, ob Eva an der Bar ist. Mister Blaugestreift latscht mit. Beziehungsweise, hinterher.

"Wie wärs mit nem Kaffee?", fragt er.

"Ja", sage ich mechanisch und klettere auf einen Hocker. Mist, ich habe mal wieder gepennt.

"Was möchtest Du trinken?" fragt er, als die Bedienung kommt - Himmel, ein ganz Pedantischer, ich dachte, die Sache mit dem Kaffee sei schon längst geklärt!

"Ein Tonic", erläutere ich der Bedienung.

"Ein Gin-Tonic", übersetzt er weltmännisch.

"Nein, bitte ohne Gin", sage ich der Bedienung. Schließlich trinke ich nicht, wenn ich tanze. Sie grinst. Mister Blaugestreift bleibt bei seinem Kaffee.

"Wie heißt Du?", frage ich. Jetzt wird es spaßig, sicher heißt er irgendwie komisch. Ich bin aufs Schlimmste gefaßt.

"Herby - äh - also eigentlich Herbert, aber alle sagen Herby". soso. prust. Ich wußte, daß er so einen Namen haben muß!

"Ich bin Ariane", erkläre ich freundlich, denn er ist gerade dabei, mein Getränk mit zu bezahlen. Das bedeutet auf der anderen Seite, ich bin ihm mindestens so lange ausgeliefert, bis ich ausgetrunken habe.

"Cheers", sagte er.

"Cheese", antwortete ich, aber nur Eva hätte darüber gelacht. Au Mist, die hab ich ja total vergessen! Genau in diesem Moment kommt sie mit einem bläßlichen Knaben im Schlepp um die Ecke gebogen und hievt sich schwungvoll und imposant auf einen Barhocker gerade uns gegenüber. Ich kann mich nicht so ganz entscheiden, ob ihre etwas gehemmten Gesten daher kommen, daß sie sich von mir beobachtet fühlt, oder daher, daß sie sich mit diesem Knilch langweilt. Egal was es ist, ich kann nichts dafür, denn Herby und ich saßen schließlich zuerst da.

Herby erzählt mir inzwischen schon irgendwelche furchterregenden Bankgeheimnisse, die mich nicht die Bohne interessieren. Herby ist nett, aber fremder Leute Finanzen haben mich noch nie begeistern können. Und Bänker eigentlich auch nicht.

"Los, laß uns noch ne Runde tanzen gehen, ja?", sage ich, denn ich kann ihn ja schlecht einfach sitzen lassen. Auf dem Weg zurück zur Tanzfläche kann ich ja noch unverbindlich bei Eva nachfragen, ob sie vielleicht nachkommen will, dann könnte sie bei Bedarf elegant flüchten. Aber offenbar ist das nicht nötig, denn ich sehe gerade noch, wie sie den Blassen in Richtung Tanzfläche abführt. Natürlich, ohne an mich zu denken, so sind sie, die lieben Freundinnen. Man sieht ihm schon 50 Meter gegen den Wind an, daß er angebissen hat. Na prima, wie ich Eva kenne, kann das noch ein langer Abend werden. Herby trifft zum Glück unterwegs seinen grüngestreiften Kumpel und muß dort kurz Smalltalk halten, ich rette mich schnell auf die Bühne, denn da traut er sich sicher nicht hin. Irgendwie haben wir uns unauffällig verloren, und das ist ok. Für ihn wohl auch.

Ich tanze mich fest und vergesse Eva und Mister Blaß. Die Tanzfläche ist immer noch voll, und erst bei der Engtanzrunde entdecke ich die beiden wieder - inzwischen sind sie heftig am Knutschen. Ich bin müde und würde gern nach Hause fahren, aber das bedeutet, daß Eva sich von ihrer Eroberung heimfahren lassen müßte, und das will mir irgendwie nicht gefallen, weil mir der ganze Typ nicht sonderlich sympathisch ist. Mein Erziehungs- berechtigten-Syndrom schlägt durch.

Später, als die beiden an der kleinen Bar herumhängen, schlendere ich mal eben so vorbei und frage Eva leise, wie sie sich das gedacht hat, mit dem Nach-Hause-kommen.

"Wir können gern gehen, wenn Du willst", schreit sie eine Spur zu laut und springt sofort auf. Das verstehe ich nun überhaupt nicht.

"Ich geh dann schonmal vor", sage ich, damit sie sich in Ruhe verabschieden kann. Der Macker heißt Daniel und fährt uns noch zu meinem Auto, damit wir nicht überfallen werden, und damit er seinen neuen BMW zeigen kann.

"Das mußt Du mir erklären", sage ich, als wir in meiner Schrottmühle sitzen.

"Ich kann nicht, wenn Du mich beobachtest", gibt Eva zu.

"Ich habe Euch gar nicht beobachtet", versuche ich mich zu verteidigen.

"Ich weiß."

"Ich bin nicht schuld."

"Wir haben ein Date für Dienstag Abend", strahlt Eva.

"Zu mir oder zu Dir?"

"mal sehen", sagt sie.

Isabellas Hochzeit
Isabella und Jan werden morgen heiraten, und ich darf spaßeshalber die Brautjungfer machen. Quasi aus einer alten Tradition, denn bei Isabellas erster Hochzeit hatte ich diese Rolle auch, nur wurde mir dann kurzfristig mein großer Auftritt verpatzt. Aber der Reihe nach:

Isabella hat mit 18 einen unserer damaligen Mitschüler geheiratet. Heimlich natürlich. Bis dann die Eltern dahinterkamen, und auf eine kirchliche Hochzeit bestanden. ER fand das damals ganz ok, und Isabella wurde nicht groß gefragt. Die hat einen Horror vor der Kirche, deshalb hat sich auch eine Atheistin wie mich als Brautjungfer gebraucht. (Die Hochzeit morgen allerdings ist eine rein standesamtliche Angelegenheit, und ich bin Trauzeuge. Schließlich habe ich diese Verbindung gestiftet.)

Ich bin ein eher nüchterner Charakter, und hatte genau wie Isabella mit Kirche und weißen Brautkleidern sowieso noch nie viel am Hut. Bei 35 Grad im Schatten standen wir damals auf dem Kirchenvorplatz, der gleichzeitig auch der Vorplatz vom Haus von Isabellas Eltern ist, in der sengenden Sonne. Das ganze war ein gräßlich bürgerliches Debakel von gerührt durcheinanderheulenden Müttern unserer in ihren Konfirmationsanzügen beklemmt herumstehenden und blöde grinsenden Mitschüler. Wenig würdig, wenn man sich heute die von Vattern gedrehten Videos ansieht, aber für uns damals war die erste Hochzeit in unseren Reihen das Ereignis des Jahrhunderts. Ich schenkte Isabella ein dunkellila Strumpfband und fand mich ungeheuerlich verwegen. Isabella steckte ziemlich hilflos in ihrem Teepuppen-Brautkleid und war einem Hitzschlag und einem Nervenzusammenbruch nahe.

Der Höhepunkt der Veranstaltung - und so ist es leider immer - entging jedoch dem Kameraauge: kurz bevor der Zug sich Richtung Trauung in Bewegung setzen wollte, zerrte Isabella mich ins Haus, unter dem Vorwand, sie müsse dringend nochmal, und ich solle ihr mit dem Kleid helfen. Kaum war die Tür hinter uns zu, schleuderte sie ihre Pumps in die Ecke, schnappte sich ihre ausgelatschten Adidas-Stiefel und rannte in Strümpfen durch die Balkontür in den Garten, der hinter dem Haus lag. Ich hinterher.

"In drei Minuten geht der Bus, jetzt komm schon", schrie sie, und dann türmten wir über den Gartenzaun. Keiner hatte etwas bemerkt. Ihre Erklärung war simpel, wie immer:

"Ich kann das einfach nicht", sagte sie, als wir uns im Bus auf die letzte Bank fallen ließen. Ich konnte das verstehen.

"Warum wußtest Du so genau, wann der Bus fährt?", wollte ich wissen. Eva grinste schief

"Keine Ahnung."

Meine Mutter hat mir hinterher erzählt, daß man unser Verschwinden erst nach zwanzig Minuten bemerkt hat, und welches Chaos danach ausgebrochen ist. Angeführt von den Eltern des geschmähten Bräutigams setzte sich ein nach Blut lechzender Hochzeitszug in Richtung Bellas Wohnung in Bewegung, wo man uns natürlich umsonst vermutete. Nach etwa zwei Stunden hatte sich die Versammlung aufgelöst, und Norah kam auf die Idee, uns bei Brigitte zu suchen, einer Freundin von mir, die kaum einer kannte. Dort fanden sich dann unsere Frauen zum Kriegsrat zusammen.

Schnell waren wir uns einig, daß der Zweck die Mittel heiligt, und daß Isabellas Flucht zwar nicht gerade die feine Art, aber immerhin die einzige noch bleibende Möglichkeit war, und mit dieser Erkenntnis wandelte sich unserer Hilflosigkeit in Hysterie. Die Veransammlung endete in einem Kollektivbesäufnis. Um drei Uhr morgens balancierte Isabella nur in Unterwäsche und dem lila Strumpfband auf dem Fensterbrett im sechsten Stock und gab laut und falsch die Marseillaise zum Besten:

"Allons Enfants de la Patrie, le Jour de Gloire est arrive!", das Brautkleid wie eine Fahne schwenkend. Wir waren alle zu betrunken, um daran etwas Gefährliches zu finden. Mit den dramatisch klar gesprochenen Worten

"Bürger, seht den Fall Eurer Königin", schleuderte sie ihre weiße Fahne theatralisch aus dem Fenster. Das Kleid verfing sich am Geländer des darunterliegenden Balkons, und hing dort vorwurfsvoll vier Wochen lang, da Rösters gerade im Urlaub waren und niemand einen Schlüssel hatte. Isabella warf sich mit einen Aufschrei auf Brigittes großes Stoff-Wildschwein, und verkündete

"Lieber hätte ich diese Wildsau heiraten sollen, als einen Mann, der mich in eine katholische Kirche zwingt!" Niemand wagte einen zweiten Anlauf zu einer kirchlichen Trauung, aber das ist sicher nicht der Grund, warum Isabellas erste Ehe schon nach 2 Jahren wieder geschieden wurde.

wie ich Stefan kennengelernt habe
Stefan habe ich in der Baggi kennengelernt, und zwar nicht gerade freiwillig, um es mal so zu sagen. Eines Abends als ich gerade ziemlich luslos irgendwo am Rand herumsaß, plumpst ein Typ neben mich, um mir sofort ein Gespräch aufzuzwingen. Eigentlich war ich ziemlich mies drauf und hatte überhaupt keinen Nerv, mich mit egal wem zu unterhalten. Ich wollte im Prinzip nur meine Ruhe haben und ein bißchen beim Tanzen entspannen. Und so den Hit fand ich Stefan auf den ersten Blick nun nicht gerade. Auf den zweiten übrigens auch nicht.

Ich lerne also einen Typen kennen, der mich nach eigenen Aussagen schon länger vom Sehen kennt und nun beschlossen hat, mich mal anzureden - ich erinnerte mich nur höchstens nebulös an das Gesicht, was der beste Beweis dafür ist, daß er mich wirklich nicht vom Hocker gerissen hat. Ich erfahre seine halbe Lebensgeschichte, während ich darauf warte, daß er sich vielleicht mal vorstellt - er ist zwar ganz nett, aber irgendwann wird es mir zu blöd und ich fragte dazwischen

"Wie heißt Du eigentlich?" Wahrscheinlich würde ich es sonst immer noch nicht wissen. Ich finde es ätzend, wenn mich jemand anquatscht und ausfragt, und nichtmal vorher sagt, wie er heißt. Schließlich will ich wissen, mit wem ich rede. Ich nehme mir definitiv vor, in Zukunft ohne Namen keinerlei Auskünfte mehr zu geben, und nach dem spätestens zweiten Satz in Zukunft den Namen zu verlangen. Das ziehe ich durch.

'Gestatten - Anton' war da echt eine löbliche Ausnahme gewesen. Schon vor ein paar Jahren bin ich draufgekommen, daß eigentlich auch niemanden angeht, wo ich wohne, und die Frage "Du kommst aber auch aus X?" beantworte ich seither nur noch mit einem "Nein", und nicht mehr mit "Nein, aus Y". Wo ich wohne, geht keinen was an, und schon gar keinen Namenlosen. Wobei Stefan das gar nicht wissen wollte, ich will jetzt nicht ungerecht sein. Als ich auf die Tanzfläche geflohen bin, hat er mich auch nicht sofort klettenmäßig verfolgt, wie das sonst so üblich ist. Er kann ja nichts dafür, daß mir keine gediegenen und leicht übergewichtigen Erscheinungsbilder imponieren.

Lokaltest
Mein alter Schulfreund Frankie schleppt mich in seine Stammdisse, das Palazzo. Ich kenne den Schuppen nur vom Hörensagen, und er hat mich nie so sehr interessiert, daß ich allein hingefahren wäre, schon wegen dem blöden Namen. Diese neumodischen Erlebnisdiscos mit 'Gastro'bereich reißen mich nicht vom Hocker. Meistens sind sie im Industriegebiet irgendeines Kaffs zu finden, wo die Mieten billig sind, und aufgesägte Auspuffs keinen stören.

Frankie, perfekt gestylt im hochwertigen Designer-Boygroup-Outfit, und gut 5 Jahre jünger aussehend, warnt mich nicht umsonst, denn direkt hinter dem Eingang verliere ich ihn fast an ein Rudel kreischender Teenie-Mädels, das für mich bestenfalls mordende Blicke übrig hat. So kenne ich ihn gar nicht. Ich grinse, während er mit mir eine Hausbesichtigung macht, und mir jede Ecke zeigt. Das Durchschnittsalter der Besucher schätze ich auf 22, vermutlich werde ich heute abend noch als Alterspräsident geehrt. Die Kneipe an sich wäre so übel nicht, man könnte was draus machen. Obwohl ich mich im Grunde eher langweile, ist es doch halb 3, als ich mich auf den Heimweg mache, weil die alkoholisierte Anmache nicht einmal mehr vor meinem hohen Alter Respekt hat. Jetzt habe ich diese Bildungslücke auch geschlossen, und meine Vorurteile haben sich mal wieder bestätigt.

Am Samstag mache ich eine kleine Radtour über die Käffer, und ende schließlich bei Susanne auf einen Spontan-Kaffee. Die ist grad am Putzen und scheint sich über die Abwechslung zu freuen. Putzen sollte ich dringend auch mal, aber bei diesem Wetter habe ich andere Prioritäten. Das Alleinleben hat also doch gelegentlich Vorteile. Abends im Training bekomme ich keinen Arm mehr aus dem Wasser.

Matthias die nächste
Ich habe Matthias wieder getroffen. Nachdem wir über ein Jahr nichts voneinander gehört und gesehen haben, steht er plötzlich vor mir, in der Baggi, und alles ist wie immer. Seit ich Pit kennengelernt habe, habe ich öfters an Matthias gedacht, aber den Gedanken, ihn anzurufen, relativ schnell wieder verworfen. Daß wir den Kontakt zueinander verloren haben, hat keine wirklichen Gründe - aber wir sind einfach von Grund auf zu verschieden, so daß wir die beste Zeit unserer Freundschaft eigentlich schon hinter uns haben. Trotzdem freue ich mich riesig ihn zu sehen.

Wir blödeln eine Weile herum und erzählen uns ein bißchen aus dem letzten Jahr. Das Pulverfaß zwischen uns hat sich zum Sandkasten entwickelt, und unsere Flirtereien sind zwar noch genauso schön, aber völlig ungefährlich, diesmal wirklich. Matthias baggert mich an, als ginge es um sein Leben, und ich zicke herum, als ginge es um meine Unschuld, aber wir wissen beide, daß es nur noch ein Spiel ist, und es ist ein schönes Spiel. Wir tanzen den Walzer zusammen, und im Gegensatz zu früher ist es mir nicht mehr peinlich, wenn ich ihm auf die Zehen latsche oder uns aus dem Takt bringe. Er quält mich mit einer Linksdrehung, die ich nicht begreife. Später versucht er, mich zu küssen, und plötzlich bin ich mir doch nicht mehr ganz sicher, ob es für ihn auch nur Spaß ist. Erst vor Schreck und dann vor Lachen falle ich fast von dem Podest, auf dem wir sitzen.

Wir verabreden uns für Dienstag zu einer Veranstaltung, zu der ich sonst alleine gegangen wäre. Ich freue mich darauf, werde in der Nacht davor aber sicher gut schlafen.

Stefan macht einen Fehler
Am Montag ruft Stefan an, diesmal im Büro, wo ich verpflichtet bin, ans Telefon zu gehen, und zwingt mir eine Verabredung für Samstag auf. Die letzten beiden Dates habe ich kurzfristig abgesagt, weil ich keine Lust auf ihn hatte. Aber er hat noch Fotos von meinem Geburtstag, die er mir geben will, also werde ich diesmal wohl hingehen.

"Ich bekomme langsam ein Glaubwürdigkeitsproblem, was Deine Person angeht", sagt er, und meint damit seinen Freund Joachim, dem er ich-weiß-nicht-was von mir erzählt hat, so daß der mich unbedingt kennenlernen will. Damit hat er mich schon öfters genervt, und diesmal sage ich es ihm. Seit er mir gestanden hat, daß er Fotos von meiner Homepage heruntergeladen hat und die nun bei seinen Freunden herumzeigt, ist er bei mir untendurch. Die Fotos sind nix Besonderes, davon abgesehen, und ich habe wütend angeordnet, daß er sie gefälligst wieder löschen soll. Die Preisfrage, warum ich mich eigentlich mit diesem Typen abgebe, wo er mir doch irgendwie nur auf die Nerven geht, habe ich noch nicht endgültig beantwortet. Es verwirrt mich, denn sowas ist sonst überhaupt nicht meine Art.

"Wenn Du mich nur vorzeigen willst, dann vergiß es", sage ich genervt, worauf er sich mit Händen und Füßen und allen möglichen Ausreden wehrt, und mich beschleimt, daß er mich wirklich sooo gern mal wieder sehen würde. Stefan ist kein wirklicher Freund, auch wenn er das vielleicht sogar glaubt. Ich bin eigentlich immer gern mit ihm weggegangen, aber jetzt reicht es mir. Diese Veranstaltung am Samstag wird unsere letzte sein. Ich kämpfe noch mit mir, ob ich in Sack und Asche auftreten und den ganzen Abend nichts reden soll, oder ob ich mich herausputzen und mich möglichst weit weg von ihm amüsieren soll. Bei unserem ersten Date waren wir auch in Tübingen, in der gleichen Kneipe, die wir für Samstag wieder eingeplant haben, und ich habe Rü kennengelernt, und mich den ganzen Abend nur mit ihm unterhalten. Schon damals ging mir diese latente Vergötterung von Stefan total auf die Nerven. Ich bin keine Frau, die man ikonenmäßig anhimmelt.

Ich erzähle ihm von Matthias, um ihn zu ärgern. Natürlich funktioniert es. Vielleicht wäre es einen Gedanken wert, Matthias am Samstag mitzuschleppen. Wenn Stefan sieht, wie vertraut wir miteinander umgehen, und mit welcher Normalität Matthias mich anfaßt und ich mich von ihm in den Arm nehmen lasse, platzt er bestimmt vor Eifersucht. Bei Stefan spiele ich nämlich immer die Unnahbare. Matthias wäre zwar ein todsicheres Mittel, auf der anderen Seite aber auch der Garant dafür, daß ich an diesem Abend garantiert nicht dazu komme, mich mit fremden Leuten zu unterhalten.

La Fura dels Baus
In freier Übersetzung "Der Zorn der Götter", so WIRKT es, mein Spanisch reicht noch so weit, um zu wissen, daß es so aber nicht heißt.

Untertitel: "Gummistiefel, Ohrenstöpsel und Entsetzen".

Ich finde noch immer keine so rechten Worte dafür - Chaos, Happening, Getöse, Urgewalt, Performance, Angst, Aggression - Feuer, Sägemehl, Schmierseife, Pech und Schwefel, Schweiß, Öl, tote Hühner und Wasser.

Der erste Eindruck nach 3 Minuten: "So ein Scheiß!" - aber nach und nach gewöhnt sich das Auge und der Geist schaltet um, läßt sich mitreißen. Eine dunkle Fabrikhalle, auf dem Fußboden undefinierbarer Schleim, fastnackte Menschen im besten- falls-Lendenschurz. Fackeln, ein Leiterwagen und jede Menge Geschrei und Gerenne, das halb gelähmte Publikum vorerst mit Ausweichen, dann zögernd mit Schauen und Anfassen beschäftigt. Was da auf atheistische Weise perforiert wird, ist so eine Art Evolution im Schnelldurchlauf, unterstützt durch den Einsatz aller nur möglichen Zähflüssigkeiten und Schweinereien, von denen auch das Publikum seinen Teil abkriegt. Pfähle, auf denen sie zu Anfang hocken und schaukeln wie die Affen, werden mittels grober Holzplanken zur Gerüst-Behausung verbunden, dann wird gehockt, gekocht und gestritten. Als letztes Bild verschwinden die Akteure in riesigen Holz-Eiern und es wird Nacht.

Das Lift schreibt: "Mit ihrem Programm 'Manes' zeigen die Körperkünstler und Meister der Publikumsprovokation von Neuem, was sie draufhaben. Kraftvoll wie eh und je führen die wilden Katalanen die menschlichen Grundbedürfnisse vor: Nahrung, Wasser, Sex. Und doch haben sie mit "Manes" einen neuen Weg eingeschlagen, leichter, schwebender, humorvoller. Ein Stück phantastisches Welttheater und ein schräger Schöpfungsmythos über die Entstehung der Gesellschaft."

So könnte man auch sagen. Nur leicht, schwebend, humorvoll? Ich fands eher schwerverdaulich und gar nicht zum Lachen. Um es auf den Punkt zu bringen - und um die Gewissensfrage zu beantworten, ob 'es mir gefallen hat' - es war beeindruckend, wenn auch ganz bestimmt nicht durch Ästhetik (darüber kann man vermutlich auch wieder streiten), und auf jeden Fall ein Erlebnis der etwas anderen, roheren Art. Den weniger zarten Gemütern vielleicht sogar zu empfehlen, wenn ich noch eine Weile drüber nachdenke.

Es war auch okay, daß Matthias dabei war, wir haben uns gut verstanden und viel geblödelt. Schade, daß er nicht mehr von sich erzählt, das macht Gespräche mitunter schwierig. Wenn ich mich für etwas aus seinem Leben interessiere, habe ich immer das Gefühl, daß ich ihn ausfrage. Es ist ein bißchen zu kompliziert alles, um unbeschwert zu sein.

Amerika
Es ist mittlerweile Anfang Oktober, und ich muß mich schon sehr beeilen, wenn ich abends noch laufen will. Schon um 7 ist es zwar nicht gerade kuhnacht, aber doch so dämmrig, daß ich froh bin, wieder zuhause zu sein. Also laufe ich gegen 6 Uhr los, die Temperaturen sind angenehm, aber es ist schwül und da hinten bauen sich ein paar gigantische Regenwolken auf. Bereits bei Kilometer 2 fängt es an, ganz leicht zu regnen. Leider hört es aber bald wieder auf. Ich laufe auf der langen Geraden das Feld hinaus, die Sonne geht schon fast unter, lebendige Wolkenberge geben ein seltsam grau-rotes Licht, die unbewohnte Erde liegt in farblosen schwarzweiß-Tönen, als ob sie nicht dazugehört. Eine fantastische Stimmung, die Stones auf den Ohren, schon fast wie vor einem Gewitter. Als ich gerade bei der Hälfte der Strecke bin, fängt es tatsächlich richtig zu regnen an. Innerhalb von 10 Minuten bin ich patschnaß, und der Regen läuft mir übers Gesicht, den Hals hinunter und unterm T-Shirt weiter. Aber das macht nichts. Es ist ein angenehmer warmer Regen, und ich glaube sofort, daß er schön macht. Die Luft kühlt langsam ab, aber ich werde zuhause sein, bevor mir kalt wird. Klatschnaß unter die Dusche, und danach nichts mehr. Ein Wetter, bei dem ich normalerweise keinen Fuß vor die Tür setzten würde - wie schade...

Jagger lost his baby
Neulich hüpf ich da so Tübingen in der Disse rum, und plötzlich kommt ein supergeiles Lied, das ich gar nicht kenne! :-), das solls geben, könnte man meinen, aber garantiert nicht, wenn grad die Oldies und Charts der letzten 10 Jahre rauf und runtergenudelt werden, und technofreie Zone angesagt ist; dazu bin ich einfach schon zu lange unterwegs. Das Gerät ist absolut mega-tanzbar, ein fantastischer Rhythmus, ein kleines bißchen Blues aber viel zu rauh für einen Blues, fast schon ein bißchen Jazz, etwas heftiger Werdendes, das mehr als nur in die Beine und ins Hirn geht - und diese Stimme, sie erinnert mich an... erinnert mich an... an... nein - ich könnte schwören ich kenne sie, aber ich habe sie noch nie gehört.

Die winzigkleine Einblendung eines Gitarrenriffs löst das Hormonsignal aus: STONES !!! Es ist nicht länger als ein 'Pling', aber es genügt. Aber wer singt da, wenn nicht Jagger? Ich laufe zum DJ und lasse mir die CD zeigen - eine Frau übrigens, der DJ, warum nur habe ich sofort gedacht "Wow, daß eine FRAU so gute Musik macht!" und ich Idiot habe es ihr nicht mal gesagt! Daß die Stones eine neue Platte rausgebracht haben, ist natürlich wieder mal komplett an mir vorbeigerauscht, was mich weniger wundert. Schließlich kann ich meine große Nase ja auch nicht überall drinstecken haben. Eine Woche später allerdings stecke ich sie in den Plattenladen (man verzeihe mir diese unmoderne Wortwahl, aber ich gehöre eben noch der Generation an, die CDs als technologische Neuheiten erlebt hat, und nicht wußte, wofür die Abkürzung steht), in dem festen Vorsatz, wirklich nur diese eine CD zu kaufen. Daraus ist natürlich wieder nichts geworden. Mit der "Bridges to Babylon", "Dirty Works" und einer Solo-Platte von Jagger (wie konnte ich nur 3 Jahre lang ohne "Sweet Thing" leben!), der neuen U2 (schließlich muß die Sammlung komplett bleiben und ich habe mit 14 angefangen) und der vorletzten Tab Two verlasse ich endorphingeladen das Geschäft.

die Haarfarbengeschichte
Linda hat einen neuen Typen aufgerissen, der sie echt vom Hocker haut,

"Wenn er nur nicht so BLOND wäre!", stöhnt sie. Norah findet das vollkommen logisch und gibt zu Protokoll, daß Jason auch blond ist, sich aber ihr zuliebe seit 10 Jahren die Haare färbt. Das wiederum haut jetzt mich vom Hocker, denn a) ist Jason nicht der Typ Mann der sich groß um seine Haare kümmert und b) ist mir das die letzten 10 Jahre nicht aufgefallen - wahrscheinlich, weil Jason und ich uns nur immer bei Nacht begegnen, wenn überhaupt, und das wird auch besser sein so. Aber Linda und Norah sind sich vollkommen einig:

"Blond flasht total ab!"

"Blond WAS ab?" frage ich.

"Fläscht", sagt Norah, Linda nickt. Ich ergebe mich. Ich grinse und denke an Frank, der ja wirklich mindestens so blond war wie Heino - das hab ich aber nur ein einziges mal zu ihm gesagt, denn komischerweise hat er darauf furchtbar allergisch reagiert. Ich weiß nicht, ob ich jetzt noch groß erwähnen muß, daß Frank und Heino außer der Haarfarbe und den dicken Brillengläsern nix gemeinsam hatten, denn sonst hätte ich mich ja schließlich nicht in ihn verliebt, in Frank meine ich - wobei, Heino ist so übel nicht wie sein Ruf, nur halt eben nicht als Mann und vor allem nicht für mich. Davon abgesehen - der tät sich auch bedanken... Jedenfalls habe ich zu Frank nur EINMAL gesagt, daß er aussieht wie Heino, und danach hatten wir 3 Tage Streit. Aber Frank war ja eh komisch.

"Frank zum Beispiel" sagt Norah gerade zu Linda, "Frank zum Beispiel hätte mit schwarzen Haaren total geil ausgesehen". Linda kennt Frank nicht und ich empfehle Norah, daß sie Frank meinetwegen jetzt gern färben kann, und daß das Thema damit erledigt ist.

"Wie ist denn nun dieser Klaus?" will ich von Linda wissen.

"Na BLOND eben", sagt sie frustriert.

"Ja und sonst?" Linda zieht ein Gesicht

"Na hörmal, als ob das nicht schon reicht!" Da ist nichts zu machen, ich seh schon.

"Nee, aber Frank war wirklich ätzend blond", sagt Norah - ich verzweifle. Kann die nicht endlich von Frank aufhören, schließlich ist das schon 4 Jahre her.

"Ja", sage ich, "mir hats aber gefallen."

"Klar", sagt Norah, "sieht dir ähnlich. Außerdem warst du bei Frank eh blind."

"Er ruhe in Frieden", sage ich.

Linda sagt

"Nicht nur bei Frank".

Meine Freundinnen. Dabei war Frank wirklich hübsch. Sah halt ein bißchen aus wie ein Mädchen, aber das hab ich erst hinterher gemerkt.

"Hat er wenigstens einen hübschen Arsch?" frage ich Linda

"und breite Schultern" äfft Norah prophylaktisch.

"Keine Ahnung", Linda guckt irritiert "ist das wichtig?"

"Ria schon", sagt Norah und zeichnet einen übertriebenen Schwimmer in die Luft.

"Echt?", sagt Linda.

"Himmel", sage ich.

"Ist dir ehrlich wurscht, welche Haarfarbe Dein Typ hat?", fragt mich Linda vollkommen geschockt.

"Klar", sage ich und grinse. "Und die Augenfarbe auch, stell Dir vor", setze ich noch einen drauf. Norah zählt gerade etwas an den Fingern ab. Bei größer 10 kommt sie durcheinander.

"Stimmt nicht," sagt sie "die meisten deiner Typen waren braunhaarig.

"Die meisten, die du gesehen hast", sage ich, um sie zu ärgern. "Ratte" sagt Norah.

"Wen haben wir nicht gesehen?" fragt sie dann.

"Jörg. Und der war Blond" sage ich.

"Aber ein Jörg macht keine Mehrheit", sagt Norah.

"Und Ralf" sagt Linda. "Ralf habe ich auch nie gesehen."

"Hast auch nix verpaßt", sage ich.

"Ach?", sagt Linda.

"Ralf war rothaarig, eine Granate im Bett und sonst zu nix zu gebrauchen", erläutert Norah.

"Norah!", sage ich.

"Ria!" sagt Linda.

"Ich kann nix dafür", sage ich zu Linda "das war mit 22". Ralf ist mir heute noch peinlich irgendwie.

"Und den Unterschied hat sie erst bemerkt, als sie dann mit dem nächsten zusammen war, der zu nix zu gebrauchen war", grölt Norah

"Und der war dann blond", stellt Linda fest.

"Nein, rot", kreischt Norah.

"Schönes Wetter draußen", sage ich.

Wie ich Stefan losgworden bin
Das muß ich jetzt auch noch erzählen. Eigentlich waren wir ja ganz schön fies, Bettina und ich. Das heißt, ICH war fies, weil ich Bettina einfach mitgebracht hab, zu unserem Date. Und dann sind wir auch noch zu spät gekommen, was er sowieso haßt.

"Puh ist der schleimig", hat Bettina sofort gemeint, und ich bin vor Lachen fast aus dem Auto gefallen.

Wir haben Stefan vor der Disse wieder getroffen, wo er mir mit seiner feierlichen "Überraschung"-Miene einen riesigen Umschlag überreicht hat. Was zum Teufel soll ich in einer Disco mit so einem Trumm anfangen! Am besten gleich an der Garderobe abgeben und nachher nicht vergessen.

Stefan war so freundlich, mir ungefragt eines der Fotos auf A4 vergrößern zu lassen, weil er es so toll fand. Es ist ein nettes Foto, aber nix Besonderes, ich grinse halt ziemlich breit drauf. Mir stellen sich alle Härchen auf bei dem Gedanken daran, wie lange er das Bild wohl schon neben seinem Bett stehen gehabt haben könnte, und weiter will ich gar nicht denken.

"Danke", sage ich nicht sonderlich begeistert. "Was soll ich mit so einem großen Foto". Meinetwegen soll der ruhig merken, daß ich finde, daß er Grenzen überschreitet.

Der Abend wäre jetzt schon eine Katastrophe, wenn Bettina nicht mitgekommen wäre. Sie und ich setzen uns sofort auf die Tanzfläche ab. Mit Stefan reden wir keine 3 Worte. Er traut sich zwar nicht zu mir her, aber pausenlos habe ich seinen klebrigen Blick im Rücken, und wenn er tanzt, dann ganz betont mit diesem 'siehst Du, ich tanze überhaupt nicht in Deiner Nähe' in den Augen. Den ganzen Abend hat er diesen Leider-Blick drauf, der Mann muß echt eine ausgeprägte Maso-Ader haben, und ich werde immer wütender. Als ich mich gerade bestens mit einem sehr netten Engländer unterhalte, stellt er sich auf meine freie Seite

"Naaaa?"

"Ja und?", sage ich gereizt. Was soll man auf "Naaaa?" schon antworten, wenn einem der Typ auf den Wecker geht!

"Nichts, nur so, ich dachte - ähm.."

Ich unterhalte mich weiter mit dem Engländer.

Gegen später fällt mir dann ein Gesprächsthema ein

"Wo ist eigentlich dein Kumpel abgeblieben, dem du meine Identität beweisen willst", frage ich und ringe mir ein Lächeln ab.

"Der Joachim, der müßt jetzt jede Sekunde kommen", sagt Stefan und rennt zum Eingang, um ihn abzufangen. Wenig später steuert er mit einem nichtssagenden Sandalenträger auf mich zu, das muß dann wohl dieser tolle Freund sein. Der jedoch latscht direkt an mir vorbei und stellt sich hinter meinen Stuhl, obwohl wirklich rundherum genug Platz ist. Stefan bleibt neben mir stehen.

"Ja, jetzt hab ich eine Überraschung für dich", sagt er.

Wie ich dem seine elenden Überraschungen vielleicht satt habe!

"So", sage ich.

"Ja, der Joachim ist grad gekommen", sagt er. 'Ach nee' denke ich.

"Schön", sage ich. "Dann mach uns doch miteinander bekannt". Also im Normalfall braucht man mich ja nicht mit seinen Freunden bekannt zu machen, das regelt sich meistens von selber. Trotzdem hab ich natürlich eine Schwäche für gut erzogene Männer, das geb ich gern zu. Aber Stefan übertreibts.

"Ja, das hatte ich gerade vor", sagt Stefan

"Tu dir keinen Zwang an", sage ich. Er erwartet doch jetzt hoffentlich nicht von mir, daß ich von meinem Stuhl aufstehe und mich einem Typen vorstelle, der sich hinter mich gestellt hat.

"Sagmal, kann das sein, daß du heute schlechte Laune hast?", fragt Stefan. Der kann mich mal.

"Nö", sage ich. Ich kann ja schon ätzend sein.

Stefan geht weg, ohne mir diesen Joachim vorgestellt zu haben, was ich ja nun auch wieder keine Glanzleistung finde. Vor allem, weil der vermutlich immer noch hinter meinem Stuhl steht, aber da drehe ich mich jetzt aus Prinzip nicht um. Was natürlich auch keine Lösung ist.

"Entschuldigung, bist du zufällig eine Bekannte von Stefan Berger?", tritt es kurz darauf an mich heran. Was soll man zu so einer dämlichen Frage sagen, zufällig ja, aber nicht mehr lange? Und gut, daß er den Nachnamen gleich dazu sagt, woher sollte ich sonst wissen, wen er meint!

"Ja", sage ich und bemühe mich um ein freundliches Lächeln. Schließlich kann dieser Joachim nix dafür.

"Ich bin der Joachim", sagt er.

"Ariane", sage ich und grinse. Der Typ ist wirklich absolut nichtssagend.

"Tanzt du heute gar nicht?", fragt er sofort. Eine blöde Frage, wenn man bedenkt, daß es bereits 2 Uhr ist, ich den ganzen Abend auf den Füßen war, er aber erst 5 Minuten da ist. Aber sie zeigt genau, was Stefan ihm von mir erzählt haben muß, nämlich den gleichen Mist, den er an meinem Geburtstag auch schon verzapft hat. Joachim muß denken, er hätte ein Go-Go vor sich.

"Im Moment nicht", sage ich, mehr fällt mir nicht ein.

"Ja, ich geh dann mal den Stefan suchen", meint er und verschwindet.

'Du, ich find es ganz toll, daß du hier so engagiert bist', denke ich. Jetzt reichts mir. Bettina macht mir von weitem ein Zeichen auf die Uhr, sie will gehen. Das paßt mir prima. Unter großem Gegacker rennen wir raus, wie zwei Teenies, und flüchten. Ohne uns zu verabschieden. Und ich hoffe, das war dann selbst für Stefan deutlich genug.

noch ein Mann
"Na, wie läuft Wien?", frage ich Pit, natürlich in der leisen Hoffnung, daß es sich bereits ausgewienert hat, wenn er Sonntag abends in der Baggi rumhängt.

"Super!", schreit er mir ins Ohr und umarmt mich "Was meinst du, wo ich gerade herkomme!". Spitze. Was muß der heut auch wieder so verdammt gut aussehen. Er trägt eine schwarze Diesel und ein knackenges schwarzes Doppelripp-Oberteil mit Knopfleiste, was bei diesen Proportionen einfach fantastisch gut kommt.

"Und - was machen die Männer?", fragt er und schüttelt mich

"Nichts", sage ich. Außerdem bin ich immer noch stinkig wegen einem geplatzen Date am Freitag und wegen einem geplatzen Auftrag am Sonntag.

"Muß ich Dir einen suchen?", grinst er freundlich-besorgt und spechtet in den Saal.

"Nein, besser BACKEN. Vergiß es", sage ich "hier ist nix Verwertbares". Der Dicke mit der tollen Ausstrahlung ist nämlich heute auch nicht da.

"Wie wärs mit dem da drüben?" Pit zeigt mit dem Finger hin, der Typ sieht das natürlich. Ich schüttle den Kopf und grinse verlegen entschuldigend rüber.

"Oder der da!" Diesmal kann ich seinen Arm schnappen, bevor es peinlich wird. Pit lacht.

"Jaja, mach du nur Witze", sag ich, aber ich muß auch lachen. Pit ist einfach klasse.

Eine langweilige 2-Meter-Informatiker-Type im weinroten Outfit beobachtet mich schon die ganze Zeit, das hat mir grade noch gefehlt. Als ich mich wieder auf die Treppe sitze, steuert er zielstrebig den freien Platz neben mir an und läßt sich neben mich fallen. Er stinkt pervers nach Schweiß, aber das überrascht mich nicht. Ich springe auf, genau eine Zehntelsekunde, bevor er mich anspricht, aber es reicht noch, ich bin schon oben als er den Mund aufmacht.

"Du hast ja ne unerhörte Power", sagt er, aber ich stehe schon.

"Ja. Danke", sage ich freundlich und grinse, aber da ich ja so furchtbare Power hab, muß ich auch gleich weglaufen. Nach einer Saalrunde setze ich mich woanders hin, aber es dauert nicht lange, bis er wieder neben mir sitzt. Ich bin gewissermaßen beeindruckt, soviel Hartnäckigkeit hätte ich dem nie zugetraut. Er redet auch ganz locker, wenn er nur nicht so entsetzlich stinken würde.

"Wir haben dich schon auf der Rocknacht im Park ein paarmal gesehen", sagt er.

"So", sage ich.

"Ja, und wir fragen uns immer, wie du das durchhältst. Bist du Leichtathletin oder sowas?"

"Nein, ich schwimme", sage ich. Er behauptet, daß wir uns auch schonmal unterhalten haben, und ich sage, das wüßte ich aber. Was nicht unbedingt stimmt. Selbst wenn, den hätte ich bestimmt nicht gespeichert. Ich hätte mich mit seiner Schwester unterhalten, sagt er.

Ich kann ihm irgendwie einreden, daß er mich bestimmt verwechselt, und nach angemessener Zeit verabschiedet er sich dann auch. Hinterher sehe ich ihn nicht mehr.

Pit lacht sich schlapp. Womit habe ich nur diese Nasenbären verdient!

Die leisen Töne
Heute geht es mir irgendwie verdammt elend. Aber das ist dann eigentlich auch nichts Neues. An Tagen wie heute scheiße ich auf diese ganze verdammte Coolness, auf den unglaublichen Aktionismus, auf die unbesiegbare Lebensfreude, die ich sonst so gekonnt raushänge. Ich hänge irgendwo in einer Ecke und frage mich, was ist das, was ich mit meinem Leben mache. Ob ich es verschleudere. Ob ich mich wirklich wohlfühle, in diesem ganzen oberflächlichen Tun. Die Sinnkrise. Die mich regelmäßig an ganz bestimmten Tagen eines Monats überfällt, die ich hormonell erklären kann, und die ich trotzdem nicht im Griff habe. Aber schließlich kann man auch nicht alles im Griff haben, und auf der anderen Seite genieße ich mit einem tiefen und dankbaren Gefühl der Erleichterung diese Depression, denn sie zeigt mir, daß ich ganz weit innen - und darauf kommt es letztlich an - doch noch ICH selbst und nicht irgendeine lässig arbeitende Maschine bin.

Normalerweise bin ich mit meinem Lebensstil einig, frage nicht nach dem Sinn, denn ich weiß daß er vorhanden ist, aber an Tagen wie heute sehe ich nur das Negative. Ich sehe mich von außen, sehe mich hirnlos herumzappeln, Dinge tun, die womöglich andere Leute verletzen könnten (obwohl dies nicht meine Art ist, und ich genau weiß, nie werde ich das mit Absicht tun, und sehr sehr selten unabsichtlich), ich sehe mich auf der Überholspur fahren und an einem Baum kleben, aber bevor es so weit kommen kann, werde ich wieder vergessen haben, daß man ab und zu tanken sollte.

Ich bin dankbar für solche Tage. Sie bringen meinen Verstand zum Arbeiten und meine Arroganz auf ein normales Niveau zurück. Es geht mir verteufelt beschissen, ich bin so einsam wie der letzte Wolf, ich weiß, daß mich keiner liebt, und daß es verdammt schwer sein muß, mich zu lieben. Heute und morgen werde ich mich zuhause eingraben, früh ins Bett gehen, mich von einer Seite auf die andere wälzen und mich danach totsehnen, daß einfach jemand für mich da ist, in dessen Armen ich einschlafen kann. In ein paar Tagen werde ich mich davon erholt haben, und erst recht um die Häuser ziehen, aus purem Trotz. Und ich werde noch stärker und noch unnahbarer sein als vorher, wenigstens in der ersten Zeit, und auch das wird dann wieder nachlassen. So macht jeder Monat meines Alleinseins diesen Zustand schlimmer, und ich frage mich manchmal, ob ich im Ernstfall eigentlich überhaupt noch Gefühle für einen anderen Menschen entwickeln kann. Früher war ich doch irgendwie pausenlos verliebt, und ein Teil dieser unbedarften Begeisterungsfähigkeit ist wohl einfach der realistischen Lebenserfahrung zum Opfer gefallen. Was auf der anderen Seite natürlich nicht weiter schlimm ist.

Ich bin absolut unabhängig, ich liebe meine Freiheit, ich klammere nicht und hasse es, wenn jemand unnötig an mich klammert. Wen ich mag, den mag ich auch ohne Festhalten. Ich stelle keine besitzergreifenden Ansprüche außer den der absoluten Aufrichtigkeit, ich vertraue, denn was kann mir schon passieren, und jedes Bohren drückt Mißtrauen aus, das in meinen Beziehungen nichts verloren hat.

Zu allem Überfluß muß jetzt auch noch Rü anrufen. Ich schwöre, daß er zuhause Buch führt und ausrechnet, wann ich diese mentalen Durchhänger habe, denn jedesmal ruft er genau in dieser Situation an. Und wieder bin ich so dankbar, daß sich überhaupt ein Schwein um meine Psyche kümmert, daß ich ihm sofort alles erzähle. Was noch ein Fehler ist, denn Rü zieht sofort Parallelen zu unserer eigenen Geschichte, und das kann ich ihm weder ausreden noch verdenken. Aber ich weiß, daß es hier keine Vergleiche gibt, es ist etwas völlig anderes. Aber Rü hat nicht den Sender eingestellt, auf dem er das verstehen würde. Die Beziehung mit seiner 20jährigen läuft gut, sagt er. Ist klar, daß es ihm guttut, mir das zu erzählen. Schließlich habe ich ihm aus seiner Sicht damals einen Korb übergebraten und dann auch noch lautstark (aber gefragt) Zweifel an seiner nächsten Wahl angemeldet. Ich kann verstehen, daß er mir das jetzt reinwürgen muß, ich kann ihm nicht mal böse sein. Ich denke, er mag mich wahrscheinlich trotzdem. Auf seine Art eben, die mir momentan eben nicht weiterhilft.

"Es gibt keinen richtigen Weg.", sagt er, und so langsam glaube ich das eben auch noch, da es mich für den Moment tröstet. Ich fühle mich, als hätte ich jeden verdammten Weg in diesem Höllenlabyrinth schon zig-mal abgelatscht, durchrannt, und das Fatale daran ist, ich weiß, daß ich mich trotzdem nicht aufgeben werde.


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