Das 1867 erfundene Velociped löst in München vor allem in höheren Kreisen einen regelrechten Gesundheits- und Sportboom aus. Nicht nur die Herren der Schöpfung treten, bei durchgedrücktem Kreuz, kräftig in die Pedale. Auch fesche Radlerinnen, bekleidet mit samtenen Pumphosen, werden hoch zu Rad gesichtet. Der Obrigkeit sind die Velocipedisten nicht ganz geheuer. Sie sieht die Sicherheit gefährdet. 1875 wird das Radfahren innerhalb des Burgfriedens sogar verboten. Unter dem gestrengen Auge der Polizei ist darüber hinaus eine Fahrprüfung abzulegen. Solche Scharmützel können den Siegeszug des Zweirades jedoch nicht aufhalten, zumal sich sogar die Münchner Prominenz zunehmend für diese Art der Fortbewegung begeistert. In seinem Lebensabriß aus dem Jahr 1930 outet sich Thomas Mann als leidenschaftlicher Radfahrer, der fast keinen Schritt zu Fuße ging, und selbst bei strömendem Regen, bekleidet mit Gummischuhen und Lodenpelerine, alle Wege auf seinem Vehikel zurücklegte. Ludwig Thoma startet mit seinen Künstlerfreunden vom Simplicissimus gar eine tour d’ europe auf dem Rad, die ihn bis Nordafrika führt. Die berühmten Zeichner derselben Zeitschrift amüsieren sich hingegen beim Radpolo; eine Sportart, die heute vergessen ist. Das wohl kurioseste Radrennen aller Zeiten geht im August 1894 am Münchner Schyrenplatz über die Bühne. S.F. Cody, ein Sohn des berühmten Westernhelden Buffalo Bill, unterliegt mit seinen sechs Pferden dem Dauerradler Franz Fischer. Die ,,Illustrierte Zeitung” spricht - mit Anspielung auf die Kontrahenten - von einer unermeßlichen Leistung.

Es lebe das Velociped

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