München leuchtete - Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln (..) spannte sich ein Himmel von blauer Seide.” Zwar spielt Thomas Mann in seiner berühmten Erzählung Gladius Dei (1902) ,,nur” auf den durch die Stadt wehenden Föhn an. Am Föhn allein liegt es aber sicher nicht, daß München zur Jahrhundertwende zu einem Kristallisationspunkt für zahlreiche auswärtige Literaten, Maler, Architekten, Wirtschaftsmagnaten und sogar für Revolutionäre, wie den Russen Lenin, wird. Dies hat schon mehr mit dem liberalen, volkstümlichen Regiment des Prinzregenten zu tun, das so gar nichts mit dem preußischen Drill des Wilhelminischen Reiches gemein hat. Der Dichter Max Halbe bezeichnet Bayern denn auch als das demokratischste Land im Deutschen Reich. Klassenunterschiede sind in München weniger spürbar als in nördlicheren Gefilden. An den zahlreichen Biertischen der Stadt sitzt der Ministerialrat neben dem einfachen Handwerker von der Au oder der berühmte Literat neben dem Maschinenarbeiter; so als ob dies die selbstverständlichste Sache der Welt wäre. Leben und leben lassen, heißt eben die Devise in der Isarstadt; eine Devise an der immer mehr ,,Nordlichter” Geschmack finden. Zum Beispiel eine Reihe innovativer Verleger. In diesen Jahren wird die Basis für die heute zweitgrößte Verlagsstadt der Welt (nach New York) geschaffen. Im Jahre 1896 hebt der Verleger Georg Hirth (1841 - 1916) die ,,Jugend - Münchner Illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben’ aus der Traufe. Die Zeitschrift illustriert eine Stilrichtung, die die Malerei, Bildhauerei, Mode, Musik, Literatur und Graphik nachhaltig beeinflussen wird: den Jugendstil. Irn gleichen Jahr bringt der Verleger Albert Langen (1869-1909) erstmals den ,,Sirnplicissimus” heraus. Und es ist kein Zufall, daß die Stadt in der Prinzregentenzeit zum wichtigsten Ort der Avantgarde in Europa avanciert. Vor allem nördlich des Siegestores, in Schwabing, gedeihen die Künste in engen Dachateliers und einschlägigen Cafe’s und Kneipen. Hier finden die Bohemiens - meist knapp bei Kasse - eine vergleichsweise billige Unterkunft. Wie ein Magnet wirkt der Mythos ,,Schwabing” auf Maler, Literaten und Sozialromantiker aus ganz Deutschland und auch jenseits der Grenzen. Der bayerische Schriftsteller Ernst Hoferichter spricht in seinen Schwabinger Erinnerungen von einer ,,dampfenden und gärenden Brutstätte aller Künste.” Meist wird jedoch - unbemerkt von der bäuerlichen Schwabinger Bevölkerung - im stillen Kämmerlein gebrütet, philosophiert, gemalt und modelliert. Rauschende Kostümfeste zum Karneval sind die alljährliche Ausnahme. Unter der behutsamen Regie des liberalen Prinzregenten Luitpold und eines zunehmend selbstbewußten städtischen Magistrats nimmt München gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch am Aufstieg Deutschlands zur wirtschafilichen Großmacht teil. Die Stadt festigt ihre Position als süddeutscher Verkehrsknotenpunkt und bedeutendes Handelszentrum, dabei kann sie sich jedoch Ihren beschaulichen Charakter bewahren. Nur wenige Fabrikschomsteine verunstalten die Stadtshillouette. Thomas Mann hat wohl nicht ganz unrecht, wenn er den Einheimischen einen eher schwach ausgeprägten Gewerbetrieb nachsagt. Leben und leben lassen ist die Devise im München der Prinzregentenzeit. Gleichwohl werden auch in München industrielle Güter von höchster Qualität produziert, zudem floriert das Kunst- und Brauereigewerbe.
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