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Zärtlichkeit zeigen Menschen vor allem gegenüber Kindern und als liebende Paare. Sie kann sich in Blicken, Gesten, Worten und Berührungen wie Streicheln, Küssen, Umarmen oder Aneinanderschmiegen ausdrücken.
Im Unterschied bzw. als Ergänzung zur leidenschaftlichen Vereinigung ist Zärtlichkeit gleichmäßiger, sanft, sorgsam, spielerisch, verweilend. Sie sucht, entdeckt und empfindet andere Menschen in ihrer Individualität. Aus vielfältigen leichten Berührungen und Verbindungen kann sich eine ganzheitliche Zuwendung und Beziehung zu einer Person ergeben. In der Zärtlichkeit anderer erfahre ich mich selbst als angenommen, wie ich bin. Oft ist sie Vorstufe oder Form tiefer gegenseitiger Erkenntnis, Liebe und Gemeinschaft.
Für kleine Kinder ist die Erfahrung zärtlicher Zuwendung von den Eltern die Grundlage für intensive eigene Beziehungen zu anderen Menschen.
In unserer stark von Arbeit und Leistung bestimmten Gesellschaft ist allerdings für Zärtlichkeit wenig Platz. Gefühle zu zeigen gilt als Schwäche und unpassend. Das schien bisher unumgänglich und vorteilhaft zu sein, weil die Zusammenarbeit mit wechselnden Partnern ohne persönliche Beziehung und Rücksichtnahme besser funktioniert.
Aber auch Erwachsene brauchen Zärtlichkeit. Sie muß keineswegs immer mit Sexualität verbunden sein.
Wie groß der Mangel daran ist, zeigt (so der Verhaltensforscher Desmond Morris in seinem Buch "Liebe geht durch die Haut") die vielfache Suche nach Ersatz, sei es als "Baby auf Zeit" im Krankenstand, beim Rauchen, mit Tieren, "kuschelweichen" Decken und Kleidungsstücken, Bademitteln oder in der Anteilnahme an Zärtlichkeiten im Fernsehen (um nur einiges zu nennen). In der kirchlichen Arbeit wird der hohe Wert liebevoller Zärtlichkeit zwischen Menschen jeden Alters und Geschlechts zunehmend erkannt. Neue Methoden der Gruppenarbeit sollen Mut und Phantasie vermitteln, um Zärtlichkeit im täglichen Leben geben und annehmen zu können.
Alt und tiefeingewurzelt ist die Überzeugung vieler Menschen, daß sich die Natur und göttliche Kräfte durch bestimmte Formeln und Zeremonien beeinflussen lassen (Okkultismus). Werden besondere Ereignisse dadurch bewirkt oder damit verbunden, z. B. Abwehr feindlicher Mächte, Förderung guten Wetters, der Fruchtbarkeit, Liebeskraft, Gesundheit und Herbeiführung von Glück aller Art, so erscheint die Kenntnis und Anwendung solcher Formeln als geheimnisvolle Kraft (in der deutschen Sprache u.a. Zauber genannt). Reste dieser Einstellung sind wahrscheinlich auch in dem Vertrauen auf Medikamente, technische Geräte und Führerpersönlichkeiten wirksam, von denen eine außergewöhnliche Wirkung und das im Grunde Unmögliche erwartet wird. Manche stellen sich wohl auch Gott selbst oder Jesus als eine Art großen Zauberer vor.
Das Alte und Neue Testament lehnen jede Art von Zauber und den Glauben daran ab, weil sie mit dem Vertrauen auf Gott und auf die Einheit seiner Schöpfung unvereinbar sind. Diese Überzeugung hat christliche Missionare allerdings z. T. auch daran gehindert, Religionen anderer Völker in ihrer Eigenart zu erkennen und zu achten.
Zaubereien kleinerer Art sind heute durch zunehmende Welterforschung Faszination und Glaubwürdigkeit entzogen worden. Die Tatsache, daß mit dem Wort Zauber heute meist vergnügliche oder artistische Darbietungen bezeichnet werden, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die früher damit gemeinte Erwartungshaltung immer noch vorhanden ist (Aberglaube).
Einen anderen Sinn hat das Wort, wenn vom Zauber gesprochen wird, den eine Landschaft, Musik, ein Gemälde oder ein faszinierender Mensch auf uns ausübt.
An vielen Stellen des Alten Testaments finden sich Zusammenstellungen von Geboten, Forderungen und Verboten. Die bekannteste ist der "Dekalog"
(= zehn Worte; 2. Mose 34,28), der in verschiedenen Fassungen überliefert ist (2. Mose 20,1-17 und 5. Mose 5,6-21) und auf eine Offenbarung Gottes an Mose auf dem Berg Sinai zurückgeführt wird.
Ähnliche Vorschriften finden sich auch bei den Nachbarvölkern Israels. Für die Juden waren und sind sie Teil und Ausdruck des Bundes, den ihr Gott Jahwe mit ihnen geschlossen hat. Deshalb beginnen die Gebotstexte auch mit einer Selbstvorstellung Gottes und einem Hinweis auf die Befreiung des Volkes. Die geforderte ausschließliche Verehrung Gottes und die Gebote für das menschliche Zusammenleben hängen eng zusammen.
Wie sehr es beim Handeln nach den Geboten auf den Glauben ankommt, zeigen Jesu Erklärungen in der Bergpredigt (Matthäus 5,21ff.) und Martin Luthers Auslegung im KleinenKatechismus.
Ein Unterschied bei der Zählung der Gebote ergibt sich, weil in der reformierten Kirche an zweiter Stelle das Verbot steht, sich von Gott ein Bild zu machen. In der katholischen und evangelischen Kirche wird es weggelassen, weil es der Sache nach im ersten enthalten sei. Dafür wird (dem Text aus dem 5. Buch Mose folgend) die Frau im 9. Gebot gesondert genannt, d.h. nicht einfach zum Haus und Besitz eines Mannes gerechnet.
Nachdem die Juden jahrhundertelang verstreut in vielen Ländern der Erde gelebt hatten, kam Ende des 19. Jahrhunderts eine Bewegung auf, die eine Neubesiedlung Palästinas durch Juden und die Einigung aller Juden als Volk in diesem Land erstrebte (Zion ist der Name eines Hügels in Jerusalem; nach ihm nennen fromme Juden nicht nur Jerusalem, sondern das ganze Land, z.B. Psalm 137).
Im Unterschied zu dem in dieser Zeit auch in anderen Völkern aufkommenden Nationalismus war der Zionismus der Juden nur zum Teil politisch bestimmt: Sie wollten zwar der dauernden Verfolgung und Benachteiligung entgehen; aber die eigentliche Begründung war, daß sie in Palästina das ihnen von ihrem Gott Jahwe zugesprochene Land sahen. Ein Versprechen Gottes kann nach ihrem Glauben nicht hinfällig werden!
Theodor Herzl, der Führer der zionistischen Bewegung, verhandelte zuerst mit den Weltmächten und den türkischen Machthabern, die damals Palästina beherrschten. Juden aus aller Welt wollten das Land kultivieren und die einheimische Bevölkerung entschädigen. Aber sie erhielten zunächst noch kein Recht, dort einen Staat zu gründen.
1920 wurde Palästina Mandatsgebiet des Völkerbundes; mit seiner Verwaltung wurde England beauftragt. Den Juden wurde eine weitere Besiedlung erlaubt, aber sie sollten die bürgerlichen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung nicht beeinträchtigen. 1948 gab England die Verwaltung Palästinas auf, und die Juden riefen den Staat Israel aus, der sofort von Arabern angegriffen wurde.
In den bis heute andauernden Kämpfen und Gefahren verteidigen die Israelis ihren Staat bis zum äußersten, während der Zionismus bei den Arabern als Diebstahl ihres Landes durch das Weltjudentum angesehen wird.
Für die Millionen Juden, die unter der nationalsozialistischen Herrschaft umgebracht wurden, kam der Erfolg der zionistischen Bewegung zu spät. Die begrenzte Bedeutung dieser Staatsgründung ist daran zu erkennen, daß Palästina nur einen Bruchteil der in anderen Ländern lebenden Juden aufnehmen könnte. Ähnlich wie für arabische Moslems und Christen ist es auch für die Israelis schwer, ihre religiöse Überzeugung politisch so zu verwirklichen, daß sie nicht in Widerspruch mit anderen Grundsätzen ihres Glaubens geraten.
Das Wort kommt aus der französischen Sprache und bedeutet Mut und Überwindung von Ängstlichkeit in alltäglichen Situationen trotz möglicher Nachteile.
Ursprünglich bezeichnete es die Bereitschaft der Bürger, Landesgrenzen und
Nation gegen einen äußeren Feind zu schützen. Bismarck gab ihm einen anderen Sinn, als er (1864) einmal sagte: "Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Gemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, daß es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt."
Wer Zivilcourage hat, wird auch gegenüber Machthabern oder einer Mehrheit so reden und handeln, wie er/sie es für richtig hält. Das ist oft eine Hilfe für viele, die auch so denken, das aber nicht zu zeigen wagen, weil sie sich nicht zutrauen, mit den Schwierigkeiten fertig zu werden, die daraus meist entstehen.
Christen müßten eigentlich auch die Fähigkeit zu Zivilcourage haben, weil es ihnen nicht nur um ihre eigene Sache geht und sie an ihrem Glauben einen inneren Halt haben (z. B. an dem Bibelwort: "Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen", Apostelgeschichte 5,29). Andererseits fühlen sie sich oft mehr zum Gehorsam und zur Friedfertigkeit verpflichtet. Das muß dann gegeneinander abgewogen werden.
Dietrich Bonhoeffer schreibt über Zivilcourage (1942 in "Widerstand und Ergebung"): "Die Deutschen fangen erst heute an zu entdecken, was freie Verantwortung heißt. Sie beruht auf einem Gott, der das freie Glaubenswagnis verantwortlicher Tat fordert und der dem, der darüber zum Sünder wird, Vergebung und Trost zuspricht."
Die Gemeinschaft mit anderen kann helfen, die Notwendigkeit von Zivilcourage zu erkennen, und manchmal auch, sie aufzubringen und durchzuhalten.
Schon bald nach der Entstehung der christlichen Kirche blieben zunehmend mehr Priester und Mönche ehelos.
Der Zölibat ist seit dem 5. Jahrhundert eine kirchenrechtliche Vorschrift. Nur solche Männer werden zum Priester geweiht, die lebenslange Ehelosigkeit versprechen. Die orthodoxen Kirchen verlangen Ehelosigkeit nur von ihren Bischöfen. In den evangelischen Kirchen sind Pfarrer in der Regel verheiratet.
Begründet wurde der Zölibat unter anderem mit Hinweisen auf Bibelstellen wie Matthäus 19,10 und 1. Korinther 7,7-9 und 32-34, in denen der freiwillige Verzicht auf sexuelle Beziehungen und Ehe als Möglichkeit genannt wird, um ganz für das Reich Gottes leben zu können. In diesen Stellen ist allerdings weder von Priestern noch von einer bindenden Vorschrift die Rede. Zweifelsohne haben Priester und Mönche durch das "Opfer" der Ehelosigkeit bei vielen Gläubigen eine besondere Autorität bekommen, weil das Gefühl verstärkt wurde, daß sie etwas Besonderes sind.
Gegen den Zölibat bzw. für seine Abschaffung wird argumentiert:
Grundsätzlich könnte der Zölibat von der katholischen Kirche aufgegeben werden. Ist dies der Wunsch der Mehrheit aller katholischen Gläubigen? Schon heute werden in Ausnahmefällen zur katholischen Kirche übergetretene evangelische Pfarrer und bewährte verheiratete Männer zu Priestern geweiht. Aber Papst und Synoden haben mehrfach erklärt, daß sie am Zölibat festhalten wollen. Der Priestermangel wird z.T. durch Pastoralassistenten, Pfarrdiakone und Diplomtheologen abgemildert, die aber die Sakramente nicht spenden dürfen.
Zufall nennen wir ein Ereignis, das nicht mit Notwendigkeit aus gegebenen Bedingungen folgt und als Einzelfall nicht vorhersehbar oder geradezu unwahrscheinlich ist oder war. Meist handelt es sich dabei um das auffällige Zusammentreffen von zwei verschiedenen Ereignissen.
Für eine größere Zahl gleichartiger Zufälle läßt sich mit Hilfe der
Statistik eine mehr oder weniger genaue Wahrscheinlichkeit des Eintreffens berechnen; danach werden z. B. die Kosten für eine Versicherung ermittelt. Beim Glücksspiel (Glück) wird durch die absichtliche Herbeiführung von Zufällen Spannung und Hoffnung erzeugt (Zahlenlotto).
Auch zufällige Ereignisse entsprechen den Gesetzmäßigkeiten der Natur. Deshalb lehnen es manche Philosophen ab, vom Zufall zu sprechen, und vertreten die Auffassung, es geschehe alles mit Notwendigkeit (was letztlich aber auch die Freiheit des menschlichen Willens ausschließen würde). Der Biologe Monod meint dagegen, daß alles Leben auf Erden durch Zufall entstanden sei und sich der Mensch durch zufällige Veränderungen seines Erbprogramms entwickelt habe (Abstammungslehre).
Kann es für den christlichen Glauben Zufälle geben? Grundsätzlich ist das Leben für den Christen auch dort wunderbare Schöpfung Gottes, wo es sich in seiner unübersehbaren Vielfalt durch das Zusammentreffen zahlloser Zufälle entwickelt hat.
Es ist klar, daß vieles, was wir in unserem persönlichen Leben als Zufall ansehen, tiefere Ursachen hat. Zufälle, die Leben zerstören, stellen auch den Sinnzusammenhang in Frage, den wir durch unseren Glauben gefunden haben. Insofern sind Zufälle Ereignisse, die eine neue Antwort des Glaubens herausfordern.
Auch der christliche Glaube kann nicht jedem Zufall einen Sinn geben. Aber er kann helfen, mit den Folgen zu leben.
Die Zukunft gehört ebenso wie die Vergangenheit zum menschlichen Leben. Wir können das mehr oder weniger bewußt empfinden.
Viele haben Angst vor der Zukunft, weil das Leben unsicher ist oder weil sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht haben.
Durch vorausschauendes Überlegen und Verhalten können drohende Gefahren vermieden und weitgesteckte Ziele erreicht werden.
Angesichts der technischen und sozialen Entwicklung fordern Zukunftsforscher dazu auf, sich intensiver mit der Zukunft zu beschäftigen (Futurologie).
Viele Voraussagen stellen sich allerdings trotz umfangreicher Erfahrung und Berechnung als falsch heraus. Deshalb sollten sie insbesondere in der Erziehung mit Vorsicht ausgesprochen werden.
Die Hoffnungen und Erwartungen eines Menschen gegenüber der Zukunft ergeben sich aus seiner Grundeinstellung. Der christliche Glaube vermittelt die Gewißheit, daß unsere Zukunft ganz in Gottes Hand liegt und eben deshalb zu jeder Zeit noch viel mehr und anderes auf mich zukommt, als ich schon kenne oder habe. Sogar angesichts des Todes hat sich dieser Glaube für viele bewährt.
Wichtige Aussagen über den christlichen Glauben werden oft in der Form von Darstellungen zukünftiger Ereignisse gemacht (z.B. im 24. Kapitel des Matthäusevangeliums). Damit ist nicht gemeint, daß das alles im einzelnen so eintreffen wird, sondern daß wir uns im Glauben auf die Zukunft vorbereiten sollen.
Christen rechnen nicht nur mit einer Zukunft im Jenseits, sondern hoffen auf die Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden und wirken durch konkrete Utopien an der Gestaltung der eigenen und der gemeinsamen Zukunft mit.
Zweifel ist Unsicherheit und Unentschiedenheit gegenüber der Wahrheit einer Aussage. Auch der Wert einer Handlung oder Sache kann bezweifelt werden.
Zweifel wird unterschiedlich empfunden und bewertet. Der Philosoph Descartes (1650) sah darin den Anfang der Weisheit und machte geradezu eine Methode der Erkenntnisgewinnung daraus, die heute noch in der Wissenschaft Anwendung findet. Die Haltung der Skepsis geht davon aus, daß es grundsätzlich oder jedenfalls im religiösen oder moralischen Bereich keine sichere Wahrheit gibt. Angesichts von Selbstsicherheit,
Vorurteilen, Dogmatismus (Dogma) und Fanatismus auf vielen Gebieten wirkt die Neigung zum Zweifel heute weithin sympathisch und angemessen. Andererseits kann der Mensch aber nicht leben, ohne sich auf manches ohne Zweifel zu verlassen. Bestimmte Aussagen (wie z.B. "Ich liebe dich") lassen sich zwar durch entsprechendes Verhalten bekräftigen, aber letztlich nicht beweisen. Andauernder Zweifel kann vor Enttäuschungen bewahren, aber auch das Leben lähmen, krankmachen und zerstören (Verzweiflung).
Für den Glauben ist der Zweifel schon wegen der grundsätzlichen Unbeweisbarkeit seines Inhaltes naheliegend, zumal dieser von unvollkommenen Menschen vertreten wird. Das Johannesevangelium zeigt Thomas als einen Zweifler, der allein auf das Zeugnis der anderen Jünger hin nicht an die Auferstehung Jesu glauben will, sondern Beweise verlangt. "Sei nicht ungläubig, sondern gläubig", sagt Jesus zu ihm (Johannes 20,27). Die Geschichte vom sinkenden Petrus zeigt, daß der Zweifel auch bei starkem Glauben da ist und mit Angst zusammenhängt (Matthäus 14,30). Er entsteht auch dann, wenn zwei (oder mehrere) Glaubenshaltungen und damit Lebensmöglichkeiten anziehend oder vorteilhaft erscheinen, aber der "in sich gespaltene Mensch" (so nennt der Jakobusbrief 1,8 den Zweifler) nicht wahrhaben will, daß er "nicht zwei Herren dienen kann" (Matthäus 6,24).
So gesehen findet der Mensch nur im Glauben seine Einheit und Identität. Kann und will ich selbst etwas dazu tun, die Unsicherheit des Zweifels zu überwinden? Wer am Zweifel leidet, hat meist schon ziemlich viel Ahnung von dem, worauf sich der Glaube richtet.
Der Begriff wird zwar heute fast nur noch von evangelischen, lutherischen Theologen gebraucht, aber weil er ein wichtiges Problem des christlichen Glaubens bezeichnet, für das bis jetzt noch kein anderes treffendes Wort eingeführt wurde, soll er hier doch behandelt werden.
Fast alle Christen erleben, daß es oft unmöglich ist, voll nach ihrem Glauben zu leben: Ein Minister, Lehrer, Soldat oder Personalleiter kann sein Amt nicht nach den Forderungen der Bergpredigt ausüben.
Der Reformator Martin Luther erklärte das damit, daß es seit dem Kommen Jesu zwei "Reiche" gibt: In dem einen ("geistlichen") herrscht schon das Evangelium, in dem anderen ("weltlichen") aber noch die Sünde. Um die Welt vor der Zerstörung durch das Böse zu bewahren, hat Gott die "Obrigkeit" und Ordnungen wie z. B. Ehe und Familie eingesetzt.
Diese sind zwar im wesentlichen noch vom "Gesetz" bestimmt, und auch Christen müssen sich dem anpassen; aber sie können und sollen dabei schon die gute Nachricht von der Liebe Gottes bezeugen und so auch anderen helfen, zu Bürgern im Reich Gottes zu werden.
Christen und Kirchen sollen also die Verantwortung und Macht "weltlicher" Ämter achten; diese wiederum sollen nicht in das Amt der Kirche eingreifen.
Diese Lehre ist zeitweise mißverstanden worden. Sie mußte als Entschuldigung dafür dienen, daß auch Christen in dieser Welt ohne Gesetz und Zwang nicht auskommen, also einer ungerechten Obrigkeit gehorchen und nur als einzelne und in der Kirchengemeinde nach ihrem Glauben leben. Politiker und Kirchenführer nahmen sie als Begründung für ihre Meinung, daß sich die Kirche nicht in die Politik einmischen solle.
Demgegenüber haben andere Theologen (z. B. Karl Barth) gelehrt, daß das in Jesus gekommene Reich Gottes unteilbar ist. Es kann als Angebot und Anspruch geglaubt und vertreten werden, auch wenn es in dieser Welt noch nicht zu verwirklichen ist.
In der gegenwärtigen Diskussion um die Sicherung des Friedens spielt die "Zwei-Reiche-Lehre" eine wichtige Rolle. Die meisten Lutheraner halten - trotz aller Friedensliebe - Armeen und Waffen für unverzichtbar, weil eben die Menschen nicht gut sind. Andere christliche Gruppen vertreten einseitige Abrüstung, Gewaltverzicht und soziale Verteidigung auch als politische Zielsetzung.