Vater

Vater ist der männliche Elternteil, der ein Kind gezeugt oder adoptiert hat; im übertragenen Sinn der Urheber von etwas (z.B. spricht man von den "Vätern des Grundgesetzes").

Aus der Vaterschaft entstehen persönliche und verwandtschaftliche Beziehungen, Pflichten und Rechte gegenüber Kind, Mutter und Gesellschaft. In erster Linie gehören dazu Fürsorge, Erziehung und verbindliche Partnerschaft, deren Verwirklichung von der natürlichen Liebe und der Grundeinstellung getragen und bestimmt wird. Im Vater erleben Junge und Mädchen früh und deshalb meist prägend die Geschlechtsrolle des Mannes. Da diese in Ehe, Familie und Beruf nicht mehr selbstverständlich ist, sind viele Väter zunehmend unsicher, um so mehr, als sie dies nicht zeigen wollen oder können. Darin liegt aber auch die Chance, Nachteile und Einseitigkeiten des früheren (meist autoritär bestimmten) Vaterbildes zu vermeiden.

Das vierte Gebot fordert dazu auf, Vater und Mutter zu ehren.

In der Bibel wird Gott als der Vater Jesu und aller Menschen bezeichnet. ("Er ist der Vater, von dem alle Wesen in der himmlischen und in der irdischen Welt ihr Leben haben", Epheser 3,14).

Dem entspricht der Glaube, daß ich nicht nur das Produkt meiner Familie und Umwelt bin, sondern aus einem tieferen Grund leben kann. Jesus sagt sogar: "Nennt niemand auf Erden euren Vater, denn einer ist euer Vater, der himmlische" (Matthäus 23,9).

Vaterunser

"Vater unser" ist der Anfang und Name des Gebetes, das Jesus seine Jünger lehrte, als sie ihn fragten, was sie beten sollen (Matthäus 6,9; Lukas 11,2), deshalb auch "Gebet des Herrn" genannt; lateinisch "Paternoster".

So kurz die Bitten sind, so tiefgehend und umfassend sind sie. Nicht nur um persönliches Wohlergehen wird gebetet, sondern vor allem um das der ganzen Welt - durch Gottes Willen. Jeder kann dies Gebet mit eigenen Gedanken ausfüllen, um so mehr, wenn er darüber nachgedacht und Erklärungen oder Erfahrungen anderer dazu gehört hat. Gemeinsam (im Gottesdienst) gebetet, läßt das Vaterunser die Zusammengehörigkeit im Glauben stark empfinden ("unser Vater", so die heute gebräuchliche Übersetzung).

Verantwortung

Die Frage nach der Verantwortung wird fast immer mit der Absicht gestellt, den oder die Schuldigen für ein Unrecht oder einen Mißerfolg festzustellen. Wer zur Verantwortung gezogen wird, soll sein Tun und Lassen erklären und für die Folgen einstehen (z. B. durch Leistungen oder Bestrafung).

Für eine wichtige oder schwere Aufgabe die Verantwortung zu tragen gilt als ehrenvoll. Meist sind damit ein Amt sowie mehr oder weniger Macht und Einkommen verbunden.

Die Verantwortung des einzelnen gegenüber anderen ergibt sich aus freiwillig oder gezwungen übernommenen Pflichten. Wenn diese nicht rechtlich und genau festgelegt sind, sind auch das Maß und die Art der Verantwortung schwer zu bestimmen (Mitverantwortung).

Verantwortlich sind Menschen gegenüber allen, die ein Recht darauf haben, sie nach den Gründen und Folgen ihres Handelns zu fragen. Wer sich seiner Verantwortung zu entziehen versucht, verleugnet damit einen Teil seines Lebens und seiner Person ("Das war ich nicht; das geht mich nichts an"). Verantwortungsbewußtsein kann helfen, die Folgen des eigenen Handelns so weit wie möglich im voraus zu bedenken. Kann ich mich auf mein Verantwortungsbewußtsein verlassen? Wofür habe ich Verantwortung und wo lehne ich sie ab?

Christen fühlen sich nicht nur Menschen und ihrem Gewissen, sondern in allem Gott verantwortlich:

erkennen (Jüngstes Gericht).

Bibeltexte, Gebet und Gespräche mit anderen können dazu helfen, Verantwortung wahrzunehmen und damit zu leben, ohne daß sie zu einer drückenden Last wird.

Jesus hat durch seine Worte und Taten gezeigt, daß sich Verantwortung weniger aus Vorschriften als vielmehr aus den Bedürfnissen des Nächsten ergibt.

Vergebung

Vergebung kann als Verzicht auf Vergeltung und auf Vorwurf wegen Verletzung eines Rechtes (z.B. Schädigung, Beleidigung), Treuebruch und Lieblosigkeit umschrieben werden. Meist wird damit in der Beziehung zwischen Menschen ein neuer Anfang gemacht. Vergebung muß Strafe oder Wiedergutmachung nicht ausschließen.

Wer um Vergebung bittet, gibt die Schuldhaftigkeit seines Tuns zu und bewirkt oft schon damit bei anderen Aggressionshemmung und Verständigungsbereitschaft. Trotzdem fällt sowohl Vergebung wie die Bitte darum den meisten Menschen sehr schwer. Rache gilt als "süß", und Vergeltung nach der Regel "Wie du mir, so ich dir" scheint das Normale zu sein.

Nach der jüdischen Religion ist Vergebung der Sünde nur von Gott selbst zu erlangen. Als Jesus anderen Menschen Vergebung ihrer Sünden zusprach, empfanden einige Schriftgelehrte das als Gotteslästerung (Matthäus 9,2-3). Jesus führte die Möglichkeit und Pflicht zu bedingungsloser Vergebung auf die Gnade Gottes zurück, der uns eine viel größere Schuld erlassen hat, als andere Menschen uns gegenüber haben (Matthäus 18,21 f.). Bei vielen Anlässen hat er Vergebung zugesprochen, in Gleichnissen davon erzählt und sie durch sein Verhalten praktiziert (z.B. als Tischgemeinschaft mit Sündern). Sogar am Kreuz hat er für seine Gegner um Vergebung gebetet (Lukas 23,34).

Jesu Tod und Auferstehung wurden von den ersten Christen als Opfer zur Versöhnung Gottes gepredigt, das Vergebung für alle bewirkt, die an ihn glauben. Seitdem ist der Zuspruch von Vergebung zum Hauptinhalt christlicher Verkündigung geworden. In der Einzelbeichte können auch bestimmte Sünden ausgesprochen und vergeben werden. Taufe und Abendmahl vermitteln Vergebung im symbolischen Vollzug. Zeichen der empfangenen und angenommenen Vergebung ist die Bereitschaft, anderen zu vergeben ("... wie wir vergeben unseren Schuldigern"); das bedeutet praktisch, die Gemeinschaft mit ihnen aufrechtzuerhalten und nicht nachtragend zu sein.

Was Vergebung ist, kann an eindrucksvollen Beispielen deutlich werden, wenn z.B. Eltern dem Mörder ihres Kindes oder Sieger den Besiegten die Schuld an einem Krieg vergeben.

Verkündigung

In der Bibel bedeutet verkündigen das Überbringen und Mitteilen einer Nachricht durch einen Boten. Jesus verkündigt die gute Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen (=Evangelium).

Seitdem ist verkündigen für Christen ein wichtiges und oft gebrauchtes Wort geworden, weil es die Weitergabe und Verbreitung des Evangeliums bezeichnet.

Die meisten denken dabei wohl zuerst an die Predigt im Gottesdienst. Aber das ist nur eine von vielen Formen der Verkündigung. Sie ist u.a. auch in Liedern, Bekenntnissen, Gebeten und anderen Teilen des Gottesdienstes enthalten.

Verkündigung geschieht in Wort und Tat, Frage und Antwort, absichtlich oder unabsichtlich, durch Christen jeden Alters und aller Berufe (also nicht nur durch diejenigen, die in der Gemeinde ein Amt haben, wie z.B. die Pfarrer).

Christlicher Glaube wird nicht nur dann bezeugt, wenn ausdrücklich davon die Rede ist oder von Jesus, Gott oder Gnade gesprochen wird.

Leider ist das Wort Verkündigung inzwischen etwas veraltet und nur noch begrenzt brauchbar; neuere Bezeichnungen wie ansagen, erzählen, mitteilen, erklären, verbreiten oder weitergeben werden erst versuchsweise für die Vermittlung des christlichen Glaubens verwendet.

Inhalt der Verkündigung ist nicht nur die erstmalige oder wiederholte Information über Aussagen der Bibel und Lehren der Kirche, sondern die aktuelle Anwendung und Zusage der christlichen Botschaft auf konkrete Fragen und bestimmte Menschen.

Christen leisten sich diesen Dienst gegenseitig und unterstützen sich in der Weitergabe des christlichen Glaubens an andere. Jeder kann das auf seine Weise versuchen und dabei von anderen lernen. Niemand ist dazu unbegabt.

Die Liebe gebietet es, das Zeugnis des christlichen Glaubens so auszurichten, daß es auch verstanden und angenommen werden kann (obwohl das nicht nur vom Vermittler abhängt). Deshalb werden neue Formen und Mittel entwickelt und erprobt.

Nur wer von seinem Glauben anderen etwas mitteilt, hat selbst etwas davon und macht Fortschritte darin. In einer überzeugenden Verkündigung vollzieht sich das, was in Jesus Christus begonnen hat, auch heute mit der Hilfe des Heiligen Geistes: das Kommen Gottes in unser Leben und in unsere Welt.

Vernunft

Vernunft ist die Fähigkeit des Menschen, sich selbst im Zusammenhang mit seiner Umwelt zu erkennen und sich entsprechend zu verhalten. Mit Hilfe von Begriffen, Zeichen, Bildern und Regeln erfaßt oder sucht sie das Wesentliche vieler Lebensbereiche bis hin zu den Sinnfragen. Sie erschöpft sich aber nicht im formalen Denken, sondern beruht auf dem Zusammenwirken von Denken, Fühlen, Erinnern und Hoffen (bzw. Fürchten).

Grundlegend für vernünftiges Denken ist die Unterscheidung und Bewertung der Erfahrungs- und Lebensinhalte ("Wissen, was gut und böse ist") . Die Leistung der Vernunft liegt einerseits in der Anpassung ("Sei doch vernünftig!"), andererseits in der schöpferischen Erkenntnis und Produktion dessen, was das individuelle und gemeinsame Leben erhält und entfaltet. Sie kann aber immer nur einen Teil der Wirklichkeit erkennen; deshalb gehört zur Vernunft auch, daß sie ihre Grenzen wahrnimmt. Ihre systematische und wohl erfolgreichste Anwendung findet Vernunft in den Wissenschaften. Aber die Tatsache, daß vernünftig denkende Menschen oft zu gegensätzlichen Ergebnissen gelangen, zeigt, daß Vernunft (außer von der Bildung und Übung geistiger Fähigkeiten) von der Grundhaltung und den unterschiedlichen Lebensbedingungen abhängig ist.

Deshalb befaßt sich die Vernunft auch mit den Prinzipien der Erkenntnis und in der Philosophie mit den Grundfragen der Welt und des Lebens und gelangt dabei zu umfassenden Denksystemen. Ihr Verhältnis zum Glauben ist das einer Wechselwirkung. Der Glaube rechnet damit, daß es für menschliche Vernunft (die "Weisheit dieser Welt") unüberschreitbare Grenzen gibt (z.B. die, daß Gott durch die Vernunft nicht in seinem wahren Wesen "begriffen" werden kann). Andererseits kann die Vernunft zur Klärung, Kritik und Verwirklichung des Glaubens beitragen. Die meisten der als Einwände gegen den Glauben vorgebrachten Gegensätze zwischen Glauben und Wissen beruhen auf Mißverständnissen.

Versöhnung

Versöhnung ist für den christlichen Glauben und die Theologie ein wichtiger Begriff.

In den meisten Religionen wurden und werden zum Teil noch heute den Göttern Tiere geopfert, um sie gnädig zu stimmen.

Schon bei Tieropfern spielt die Vorstellung von einer Stellvertretung eine Rolle, die nicht nur die eigentlich Schuldigen entlastet, sondern auch davor bewahren soll, Sünde und Unrecht leichtzunehmen. Das Opfer ist Symbol dafür, daß etwas Reales geschehen muß (bzw. ist), um Feindschaft und Entfremdung aufzuheben.

Nach dem Neuen Testament hat Gott durch das Opfer seines Sohnes Jesus Christus sich selbst mit den Menschen versöhnt (Römer 5,10; 2. Korinther 5,17-21). Dadurch sind allen, die das annehmen, ganz neue Lebensmöglichkeiten gegeben. Christen sind beauftragt, das weiterzusagen und weiterzugeben ("Im Auftrag Christi bitte ich euch: Nehmt das Friedensangebot an, das Gott euch macht!" schreibt Paulus im 2. Korintherbrief 5,20).

In unserem Leben gibt es viel, was als Zorn und Strafe Gottes gedeutet wird. Die Predigt von der Versöhnung soll Mut machen, an eine grundlegende Veränderung auch bei tiefgehender Feindschaft zu glauben und danach zu handeln. Gott ist für uns bereit. Er braucht nicht mehr umgestimmt zu werden und stellt keine Bedingungen. Das Opfer Jesu Christi ist uns weit über unser Verstehen hinaus zugute gekommen. Wenn wir das annehmen, können wir auch selbst versöhnlich sein.

In der Umgangssprache und in unserer Erfahrung kommt Versöhnung allerdings selten vor. Große Feindschaften bleiben meist unverändert bestehen; bei kleineren Konflikten verständigt und arrangiert man sich. Jeder weiß aber, daß man etwas - oder sogar sehr viel - tun muß, um einen anderen umzustimmen und eine gute Beziehung herzustellen. Auch Vergebung bedeutet ja nicht, daß einfach alles vergessen wäre. Vielmehr kommt es darauf an, einen durch Schuld geschaffenen Zustand zu verändern.

Vertrauen

Vertrauen ist eine von Wertempfinden und Zuversicht bestimmte Haltung, die eng mit hoffen und glauben zusammenhängt (diese Worte werden oft, auch in der Bibel, im gleichen Sinn gebraucht).

Vertrauen kann auf die eigene Person (Selbstvertrauen), auf Sachen, andere Menschen (zutrauen, anvertrauen), auf die Umwelt und auf Gott gerichtet sein.

Die Notwendigkeit von Vertrauen ergibt sich aus der Unsicherheit des Lebens und der Abhängigkeit des einzelnen von seiner Umwelt und seinen Mitmenschen. Alles, was das Leben wertvoll und schön macht, setzt Vertrauen voraus. Es befreit von Sorge und Angst.

Die Fähigkeit zu vertrauen entwickelt sich durch die Erfahrung zuverlässiger Beziehung und liebevoller Fürsorge, insbesondere in früher Kindheit. Sie wird durch Enttäuschungen und Mißbrauch des Vertrauens vermindert. Das zeigt sich z.B. in dem Satz: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" (Lenin. Richtig müßte es heißen: "Kontrolle mag nötig sein; Vertrauen ist viel besser").

Menschen gegenüber kann es im Grunde nur ein begrenztes Vertrauen geben. In vielen Fällen ist es erst (wieder) möglich, wenn Schuld zugegeben und vergeben wird. Aus dem Vertrauen auf Gott erhalten Menschen Kraft, anderen auch dort Vertrauen entgegenzubringen, wo es nicht "verdient" oder einseitig ist. Der Glaube macht sensibel für die Verantwortung, die mit Vertrauenhaben und -schenken entsteht. Das Problem der Vereinbarkeit von kritischer Wachsamkeit und Vertrauen stellt sich immer wieder neu.

In der Pädagogik ist es von größtem Wert, wenn Eltern und Lehrer nicht nur Vertrauen fordern, sondern es Kindern und Jugendlichen auch schenken, nämlich Vertrauen in ihre Fähigkeiten setzen und ihnen Aufgaben anvertrauen. Vertrauen zu erfahren kann heilende Kraft haben.

Volk, Volk Gottes

Ein Volk ist eine größere Zahl von Menschen, die in einem Staatswesen oder durch gleiche Abstammung, Sprache oder Kultur miteinander verbunden sind. (Die Grenzen sind fließend.)

Oft sind mit dem Wort auch mehr die einfachen Leute gemeint (in diesem Sinn spricht man von Volkskunst oder Volksmusik; so wird das Wort auch überwiegend in den Evangelien gebraucht).

Innerhalb eines Volkes gibt es auch Unterschiede, die allerdings heute (u.a. durch Technik und Massenmedien) immer mehr eingeebnet werden; aber das Volk, in dessen Namen z. B. auch Gerichtsurteile ergehen, ist nicht nur die "breite Masse", sondern (nach einer Formulierung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zu schließen) die Gesamtzahl der Bürger (Demokratie = Herrschaft des Volkes).

Die meisten sind stolz, zu ihrem Volk zu gehören; manche schämen sich aber auch dafür (z. B. viele Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg).

Dem Vorteil des Zugehörigkeitsgefühls und der besonderen Ausprägung steht der Nachteil der Abgrenzung zu anderen Völkern gegenüber, die häufig zu Feindseligkeiten führt.

Im Unterschied zu anderen Religionen verstehen sich die Juden als ein von Gott auserwähltes und damit im Grunde von ihm gebildetes Volk (2. Mose 19,6). Das hat sich durch Jahrtausende als starker Zusammenhalt erwiesen, aber auch besondere Aufgaben und viel Verfolgung eingebracht (Judenverfolgung).

Die christliche Predigt betont, daß Gott alle Menschen liebt, ganz gleich, zu welchem Volk sie gehören, wenn sie ihn ehren und nach seinem Willen leben (Apostelgeschichte 10,35). Das jüdische Selbstverständnis vom Gottesvolk wurde aber übernommen und in der Kirche als erneuert und erfüllt angesehen. Damit ist jedoch nicht gemeint, daß Christen etwas Besseres seien als andere, sondern es geht um die Gemeinschaft im Dienst der Liebe über alle Unterschiede und Grenzen hinaus, zu der Menschen durch die Predigt von Jesus berufen sind.

Volkskirche

Von Volkskirche spricht man, wenn fast die gesamte Bevölkerung eines Landes (oder eines Teiles davon) zu einer Kirche gehört, weil dies nach Tradition, Kultur und Moral als selbstverständlich gilt, wobei die Aufnahme in die Kirche überwiegend durch die Säuglingstaufe vollzogen wird und die Gesellschaft bzw. der Staat der Kirche (oder den großen Konfessionen) Förderung und Privilegien gewährt.

Geschichtlich begründet ist die Volkskirche durch die Christianisierung ganzer Volksstämme im Altertum bzw. Mittelalter und durch den starken Einfluß der jeweiligen Herrscher auch auf die Religion (unter Konstantin d.Gr. wurde das Christentum 337 im Römischen Reich Staatsreligion). Zweifelsohne hat eine Volkskirche viele Vorteile z.B. durch die Sonn- und Feiertagsregelung, das Steuerrecht und staatliche Zuschüsse. Sie kann deshalb umfangreiche Aufgaben in der Gesellschaft übernehmen (z.B. Religionsunterricht an den Schulen, Krankenhaus-, Gefängnis- und Militärseelsorge, Kindergärten, Jugendarbeit, Fürsorge und Pflege) und in wichtigen Gremien mitwirken (z. B. Rundfunkrat). Aber von vielen wird auch auf die Nachteile hingewiesen: Die meisten Mitglieder einer Volkskirche sind nicht so aktiv und überzeugt wie die einer Freikirche, und die starke Verbindung mit Staat und Gesellschaft machte die Kirche auch abhängig oder führte z. T. zu Intoleranz gegenüber anderen Konfessionen und Religionen.

Deshalb ist die Volkskirche immer wieder Anlaß für kritische Fragen nach dem Selbstverständnis der Kirchen und ihrer Mitglieder (z.B. was das Verhältnis Kirche und Politik betrifft).

Volkstrauertag

Allein in der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs sind mehr als 100 Millionen Menschen als Soldaten, Zivilisten, Verfolgte oder Flüchtlinge gewaltsam ums Leben gekommen. Diese Zahl übersteigt menschliche Vorstellungskraft. Einzelne Angehörige wissen, wieviel Schmerz und Sinnlosigkeit im Sterben eines einzigen liegen kann.

Warum also Volkstrauertag? Er soll hauptsächlich mahnender Anlaß zum Gedenken sein, damit sich etwas derart Schreckliches nicht wiederholt. Auch Mittrauer und Solidarität mit den unmittelbar Betroffenen, Ehrerbietung und Dank für das Opfer der Toten wird an diesem Tag empfunden und zum Ausdruck gebracht. In den Gebeten, Predigten und Ansprachen der Gottesdienste und Gedenkfeiern am Volkstrauertag wird nicht nur der Vergangenheit und der Toten gedacht, sondern zunehmend auch von der Zukunft und der Verantwortung der Lebenden für den Frieden gesprochen.

Der Volkstrauertag lag seit dem Ersten Weltkrieg am 5.Sonntag vor Ostern

(Reminiscere). Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurde der Volkstrauertag als "Heldengedenktag" begangen, was heute z.T. noch nachwirkt, wenn ohne die Absicht, zur "Versöhnung über den Gräbern" zu kommen, nur an die "eigenen" Toten gedacht wird. Seit 1952 ist der Volkstrauertag in der Bundesrepublik Deutschland am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres nationaler Trauertag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Gefallenen beider Weltkriege.

Vorurteil

Vorurteile entstehen aufgrund der Tatsache, daß menschliches Wissen begrenzt, die Unsicherheit des Nichtwissens aber schwer auszuhalten ist. Vermutungen, Übertragungen, Vereinfachungen und Verallgemeinerungen können erste Schritte zu einem besseren Verstehen sein, auch wenn sie sich bei kritischer Prüfung als falsch oder nur teilweise richtig herausstellen. Deshalb ordnen wir Menschen einem Typ zu und erwarten ein bestimmtes Verhalten von ihnen ("die Russen", "die Jugend", die "Linken" usw.).

Meist sind Vorurteile tiefsitzende vorgefaßte Meinungen, die nach wissenschaftlicher Erkenntnis oder vernünftiger Überlegung unzutreffend sind und trotzdem aufrechterhalten werden, z.B.:

Vorurteile werden überwiegend in der Familie oder in einer größeren Gemeinschaft von anderen übernommen; sie tragen dann oft zum stärkeren Zusammenhalt einer Gruppe bei. Nur wenige kommen durch die Überbewertung oder Mißdeutung eigener Erfahrungen zustande. Vorurteile haben die Tendenz, sich selbst zu bestätigen, weil sie wie ein Filter auf die Wahrnehmung wirken und dazu beitragen, daß eintritt, was sie voraussagen: Menschen, denen man von vornherein nichts oder nur Schlechtes zutraut, haben es natürlich schwer, das Gegenteil zu beweisen.

Vorurteile sind schwer zu bekämpfen, weil sie oft unbewußt und vernünftigen Argumenten nicht zugänglich sind. Zudem erhöhen sie das Selbstwertgefühl - was allerdings zu gefährlichen Fehlern führen kann (z.B.: "Männer sind bessere Autofahrer als Frauen"; tatsächlich verursachen sie mehr Unfälle pro gefahrenen Kilometer als Frauen). Vorurteile sind u.a. daran zu erkennen, daß meist starke Gefühle, Entrüstung oder Aggressionen entstehen, wenn sie in Frage gestellt werden.

Die Gerechtigkeit und größere Wirklichkeit Gottes steht im Widerspruch zu jedem Vorurteil. Jeder Mensch ist als Geschöpf Gottes mehr und etwas anderes, als ich erkenne. Jesus hat das durch sein Eintreten für Verachtete, Hilfsbedürftige und Schuldige überzeugend gezeigt. Wer sich auf ihn einläßt, kann sich die Letzten auch als die Ersten vorstellen, wird anders von Kindern denken, als dies erwachsene Christen meist tun, und in manchem, den er gar nicht mag, seinen Nächsten entdecken.

Es ist deshalb eine der wichtigsten Konsequenzen des christlichen Glaubens, Vorurteile abzubauen. Die Erfahrung und Annahme der Liebe Gottes kann wesentliche Voraussetzungen dafür schaffen: Offenheit, Liebe, Selbstvertrauen, Bereitschaft zum Umdenken (Buße). Besonders bei unserer Einstellung zu Minderheiten, politischen und sozialen Gegnern, anderen Völkern und Religionen, auf dem Gebiet der (Arbeits-, Freizeit- und Konsum-) Moral und nicht zuletzt an unserer Auffassung von Kirche und christlichem Leben gibt es in dieser Richtung viel zu tun.