Radikalismus, radikal

Das Wort radikal (von lateinisch radix = Wurzel) bedeutet

Voraussetzung für bessere Erkenntnis und neue Stilbildung. Als politischer Radikalist gilt jemand, der die Gesellschaftsordnung, in der er lebt, grundlegend verändern will.

In der Bundesrepublik Deutschland sind das entweder Links- oder Rechtsradikale. Sie erreichten bei Wahlen bisher kaum mehr als ein Prozent der Stimmen, weil die meisten Bürger ihre Ziele für utopisch halten und/oder die angestrebten Veränderungen nicht wollen. Wenn Radikale ihre Ziele trotzdem nicht aufgeben wollen, ist es eigentlich von ihrem Ansatz her konsequent, daß sie diese auch illegal oder mit Gewalt zu erreichen versuchen.

In der Bundesrepublik Deutschland ist es zwar nicht verboten, politisch auf die Änderung einzelner Artikel der Verfassung hinzuwirken (ausgenommen die in Artikel 1-20 niedergelegten Grundrechte und die Gliederung des Bundes in Länder); aber der Verfassungsgerichtshof kann Parteien verbieten, deren Programm und/oder Aktivität im Widerspruch zur freiheitlichdemokratischen Grundordnung stehen. Die Ministerpräsidenten der Bundesländer und der Bundeskanzler haben 1972 beschlossen, Angehörige von radikalen Parteien und Bewerber, die bei radikalen Aktionen bekanntgeworden sind, nicht im öffentlichen Dienst (und insbesondere nicht in einem Beamtenverhältnis) zu beschäftigen. In der Praxis haben sich allerdings Schwierigkeiten bei der Feststellung ergeben, wer ein Radikaler ist und wer nicht. Die Überwachung vieler Personen, bei denen dieser Verdacht dann nicht zutraf, wurde in Protesten gegen den "Radikalenerlaß" bzw. "Extremistenbeschluß" als Einschränkung der Grundrechte kritisiert. Auch der christliche Glaube ist radikal. Mit Nachdruck hat Jesus gepredigt, daß es nicht genügt, nur dies oder jenes anders zu machen, wenn die Gesinnung dabei die gleiche bleibt. Allerdings schafft der Mensch diese tiefgehende Änderung (Buße) nicht von sich aus, sondern nur mit der Hilfe Gottes. Sie muß und kann immer wieder neu vollzogen werden.

Die Tatsache, daß Christen auch bei großen Mißständen und Gefahren nicht zum politischen Radikalismus neigen, wird von vielen Theologen so erklärt, daß die Nachteile eines Umsturzes in den meisten Fällen noch größer wären und dem Christen jede Gewaltanwendung verboten ist. Andere sprechen aber angesichts der heutigen politischen Entwicklung ausdrücklich von "der Pflicht des Christen, radikal zu werden".

Christen gebrauchen heute zunehmend die Bezeichnung "radikal" in einem positiven Sinn und verzichten darauf, extreme Kritik damit abzuwerten.

Rechtfertigung

In der Umgangssprache wird das Wort Rechtfertigung entweder in dem Sinn gebraucht, daß sich jemand gegen eine Anklage verteidigt oder daß sich durch Tatsachen bzw. das Zeugnis anderer die Haltlosigkeit der Vorwürfe herausstellt.

In der Bibel und für den Glauben bedeutet es etwas anderes, nämlich ein neues Verhältnis des Menschen zu Gott und damit auch zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen. Während es in allen Religionen und auch im Leben der Menschen zur Zeit Jesu bis zu den Christen heute darum geht, göttlichen oder menschlichen Forderungen zu genügen und daraus sein Selbstbewußtsein abzuleiten, beschreibt das Wort Rechtfertigung die Erfahrung des Glaubens, daß Gott mich so liebt und annimmt, wie ich bin.

Daher ist das tiefste Motiv meines Denkens und Handelns nicht mehr der Zwang und das Ziel, mich in erster Linie nach den Maßstäben und Forderungen zu richten, denen ich ausgesetzt bin und die ich in mir trage (sie können ohnehin nur einen kleinen Teil des Lebens regeln); meine Existenzberechtigung hängt auch nicht mehr davon ab, daß ich mir ein Mehr oder Weniger an Qualität und Leistung anrechne oder von anderen bescheinigen lasse. Der Wert des Lebens ergibt sich vielmehr aus dem Glauben, darin ein Geschenk Gottes zu haben, das er trotz allem, was ich bisher damit gemacht habe, ausdrücklich erneuert. Nun ist ein anderes Vorzeichen vor all mein Denken und Handeln gekommen: die Gewißheit, unbedingt geliebt zu sein.

Daß dies so ist, ergibt sich für Christen aus dem Glauben an Jesus von Nazareth, in dem sie den Anfang dieses ganz von der Liebe und Nähe Gottes bestimmten Selbstbewußtseins erkennen. Und dies schon und gerade dann, wenn die Wirklichkeit dem (noch) völlig zu widersprechen scheint: Jesus hatte diese einzigartige Unmittelbarkeit zu Gott und ist doch am Kreuz gestorben, d. h. an der Realität gescheitert. Auch für Christen ist es gar nicht leicht (oder sogar besonders schwer), von der Selbstrechtfertigung und der Fixierung auf die bei uns geltenden Maßstäbe herunterzukommen. Schon bald nach Jesu Tod hatte sich Paulus mit Gruppen auseinanderzusetzen, denen die Erfüllung religiöser Vorschriften mindestens ebenso wichtig war wie der Glaube. Sie forderten Beweise dafür, daß es jemand wirklich ernst damit meint (Römer 1-3). Für Martin Luther wurde der Glaube an die bedingungslose Liebe Gottes zu einem Schlüsselerlebnis, durch das er vieles, was in der Kirche wichtig schien, als zweitrangig oder sogar gefährlich erkannte.

Die katholische Kirche warf ihm vor, daß er auf die Forderung guter Werke verzichte - die sich nach seinem Bibelverständnis von selbst aus einem lebendigen Glauben ergeben.

Heute schlagen sich zwar die Menschen nicht mehr so ernsthaft wie Luther mit dem Problem der Erfüllung religiöser Vorschriften herum (und stellen auch nicht so wie er die Frage: "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?"); aber immer noch geht es darum, woher ich letztlich mein Selbstbewußtsein beziehe und worin ich den Sinn meines Lebens sehe.

Reformation

Das Wort bedeutet Neugestaltung oder Wiederherstellung eines ursprünglichen Zustandes. In der Kirchengeschichte ist damit die Glaubensbewegung gemeint, die zur Entstehung der evangelischen Kirchen führte (Protestantismus).

Als Beginn der Reformation wird das Jahr 1517 angesehen, in dem Martin Luther in Wittenberg mit 95 Thesen zu einer kritischen Diskussion des damaligen Ablaßhandels aufrief, bei dem die Befreiung von (Kirchen-) Strafen für Sünden gegen Geld angeboten wurde (Fegefeuer). Diese Thesen wirkten wie ein zündender Funke; denn im ganzen Volk war die Unzufriedenheit mit der damaligen Kirche groß. Schon lange vor Luther hatten Mönchsorden, große Kirchenversammlungen (Konzilien) und Reformatoren wie der Engländer Wiclif und der Tscheche Hus sich gegen die Verweltlichung der Kirche gewandt und mehr Beachtung der Bibel gefordert. Aber erst im 16.Jahrhundert kam es zu einem Durchbruch. Der Buchdruck erlaubte nun eine weite Verbreitung von Luthers Schriften; einige Landesfürsten in Deutschland fanden sich bereit, die Sache Luthers gegen Papst und Kaiser zu unterstützen - und schließlich muß es auch an der Person Luthers selbst gelegen haben. Denn er hatte durch die nach quälender Unsicherheit gewonnene Erfahrung der Rechtfertigung allein durch den Glauben an Christus eine Freiheit gefunden, die viele begeisterte und die nicht mehr zu unterdrücken war. Der einzelne Christ ist nach Luthers Lehre nicht von einer Zuteilung der Gnade durch die Kirche und den Priester abhängig. Die Kirche ist im Wesentlichen die Gemeinschaft der Gläubigen und nicht eine vom Papst regierte heilige Organisation. Die nicht aus der Bibel zu begründenden kirchlichen Vorschriften brauchen daher nicht befolgt zu werden. Hauptsache ist die Verkündigung des Evangeliums, d.h. der guten Nachricht von der Liebe und Vergebung Gottes.

Trotz Kirchenbann und Reichsacht fanden die Grundgedanken Luthers weite Verbreitung. Sie wurden unterstützt durch seine Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache.

In der Schweiz vertrat Zwingli und in Genf Calvin ähnliche Lehren. Nach kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen evangelischen und katholischen Fürsten kam es 1555 zum Augsburger Religionsfrieden, der den "Protestan-ten" Duldung gewährte. Allerdings bekamen die einzelnen Christen noch lange nicht die Möglichkeit, ihre Konfession frei zu wählen, sondern sie mußten sich darin nach ihrem Landesherrn richten oder auswandern.

Die Reformation breitete sich außerhalb Deutschlands und der Schweiz hauptsächlich in Holland, England und in den nördlichen Ländern Europas aus, zum Teil aber aus anderen Gründen, als Luther sie hatte.

Vieles von dem, was die Reformatoren forderten, wurde von der katholischen Kirche später aufgenommen. Sie versuchte, durch die mit dem Konzil von Trient (1545-1563) beginnende "Gegenreformation" die verlorenen Gebiete wieder zurückzugewinnen. Weitere Kriege wurden deswegen geführt (der schlimmste war der "Dreißigjährige Krieg" 1618-1648). Auch unter den aus der Reformation entstandenen evangelischen Kirchen gab es bald Streit, z.B. wegen des Abendmahls, das nach Zwingli zum Gedenken an Jesus gefeiert wurde, für Luther aber die reale Gegenwart Christi zum Inhalt hat. Trotz aller Unterschiede haben sie sich zu einem ökumenischen Weltrat der Kirchen zusammengeschlossen. Auch das Verhältnis zur katholischen Kirche ist inzwischen freundschaftlich geworden.

Was wird also in den evangelischen Kirchen noch am Reformationsfest gefeiert? (Das ist der 31. Oktober oder der darauffolgende Sonntag.) Luther wollte ursprünglich keine Kirchenspaltung. Aber sie hat sich geschichtlich so ergeben. Evangelische Christen beklagen nicht nur die Zersplitterung, sondern sind dankbar für die Freiheit und Vielfalt. Sie gewinnen Hoffnung aus der Tatsache, daß der Kirche eine Erneuerung möglich war, sehen aber darin einen Vorgang, der immer wieder notwendig ist.

Reformierte Kirchen

Mit diesem Namen bezeichnen sich diejenigen Kirchen, die hauptsächlich unter dem Einfluß der Reformatoren Zwingli (1484-1531) und Calvin (1509-1564) entstanden sind. Im Unterschied etwa zu den lutherischen Kirchen haben sie kaum Liturgie im Gottesdienst. Im Mittelpunkt steht die Predigt als Auslegung eines Bibelwortes. In den Kirchen finden sich keine Bilder oder Kunstwerke, weil das (nach alttestamentlicher Zählung) zweite Gebot ganz wörtlich genommen wird ("Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgend etwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde..." 2. Mose 20,4; Zehn Gebote). Nach der Lehre Calvins kommen alle Christen aufgrund einer vorausschauenden Erwählung Gottes zum Glauben; als Zeichen dafür wurde ein erfolgreiches christliches Leben angesehen (Prädestination. Die Bestimmung anderer zum Unglauben läßt sich schwer mit der im Neuen Testament bezeugten Liebe Gottes vereinbaren). In reformierten Kirchen wird alles demokratisch entschieden; in ihrer Organisation haben die Pfarrer eine weniger starke Stellung als in der lutherischen Kirche.

Eine bekannte Zusammenfassung reformierter Glaubenslehren ist der (1563 entstandene) Heidelberger Katechismus, nach dem in reformierten Gemeinden unterrichtet wird.

Etwa zwei Fünftel aller evangelischen Christen sind reformiert. Reformierte Kirchen gibt es inbesondere in der Schweiz, in den Niederlanden, in Schottland, in Westeuropa und in den USA. In manchen deutschen Landeskirchen sind reformierte Christen bzw. Gemeinden organisatorisch mit lutherischen verbunden, in ihrer konfessionellen Ausrichtung aber selbständig (unierte Kirchen).

Von Anfang an waren reformierte mehr als andere Kirchen zu einer Verständigung mit anderen Konfessionen bereit. Sie gehören in Deutschland einem "Reformierten Bund" an, dieser ist Mitglied im Reformierten Weltbund.

Reich Gottes

Den Vergleich der Wirksamkeit Gottes mit der Herrschaft eines Königs hat Jesus oft gebraucht. Es ist eine Redeform, die den Blick öffnet und Hoffnung gibt für mehr, als schon zu sehen ist, eine Aussage über die Qualität und den Zusammenhang dessen, was Jesus verkündet und gebracht hat.

Jesus hat zu Beginn seines öffentlichen Auftretens gepredigt, daß das

Reich Gottes oder das Himmelreich nahe sei. Das war nicht nur zeitlich als Ende der Welt gemeint, sondern Angebot einer neuen Lebensmöglichkeit. In vielen Vergleichen und Beispielen erklärte er, was Reich Gottes bedeutet:

Die Verwirklichung dieses Reiches kann und wird also nicht das Werk politischer Heilbringer oder Ergebnis des sozialen Fortschritts und wissenschaftlicher Erkenntnis sein. Auch die Kirche ist nicht mit dem Reich Gottes gleichzusetzen, wie man früher einmal meinte. Aber es zeigt sich überall dort, wo davon gepredigt und gebetet wird: Dein Reich komme. Das läßt hoffen, daß die bisherige Geschichte und Gestalt christlichen Glaubens noch nicht alles ist, sondern nur der Anfang, daß aber das Wesentliche, was Christen für Glauben, Liebe und Hoffnung brauchen, schon da ist.

Das Reden vom Reich Gottes kann heute Ausdruck der Gewißheit sein, daß sich seine Wahrheit und Liebe auf die Dauer durchsetzen werden, auch wenn Gott für viele unbekannt, machtlos, widersprüchlich und überflüssig ist.

Religion

Das Wort ist in der deutschen Sprache erstmals 1517 gedruckt nachweisbar und bedeutete damals soviel wie "Glaube", "Bekenntnis", im umfassenden Sinn "Gottesdienst". Schwierig wurde die Definition, als immer mehr Einzelheiten über andere Religionen bekannt wurden: Hinduismus, Buddhismus, Islam, um nur einige zu nennen. Gibt es zwischen ihnen etwas Gemeinsames?

Man kann unter Religion ganz allgemein den Glauben an übernatürliche Wesen und Kräfte, an Gott oder Götter verstehen, deren Eingreifen in das Naturgeschehen und in das Ergehen der Menschen erhofft oder gefürchtet, jedenfalls aber für möglich gehalten wird. Allen Religionen ist auch gemeinsam, daß sie eine umfassende Deutung und Sinngebung für die Welt und das Menschsein anbieten und bestimmte Verhaltensweisen, in denen der einzelne Anteil an den religiösen Erfahrungen der Glaubensgemeinschaft erhält.

Aber nicht nur die Religionen sind untereinander sehr verschieden (und es gibt innerhalb einer Religion nochmals viele unterschiedliche Richtungen); es kommt außerdem hinzu, daß jeder Mensch Religion auf seine Weise erlebt und bewertet. Um empfinden zu können, was Religion ist, muß man deshalb auch die eigene Erfahrung einbeziehen: Gibt es das bei mir selbst? Bemerke ich es bei anderen Menschen? Was bewirkt Religion in meinem und ihrem Denken und Handeln? Wie kommt ein Mensch zu (s)einer Religion? Ist vielleicht etwas zum Ersatz für Religion geworden, was auf den ersten Blick gar nicht so aussieht (z.B. die Wissenschaft)?

Der Reformator Martin Luther sah in den Religionen Versuche der Menschen, sich selbst Zugang zu Gott (von dem sie sich ihre eigenen Vorstellungen machen) zu verschaffen.

Dem Philosophen Ludwig Feuerbach (gestorben 1872) folgend, sah Karl Marx (gestorben 1883) in der Religion ein Produkt der menschlichen Phantasie, das der Arbeiterklasse als Ausgleich für die erlittene Unterdrückung dienen muß (und so zum "Opium für das Volk" wurde; wenn die "klassenlose Gesellschaft" da ist, verliert sie ihre Grundlage).

Muß sich der Christ von dieser Religionskritik betroffen fühlen? Zweifelsohne ist das Christentum in seiner äußeren Erscheinung auch eine Religion; doch die Botschaft von Jesus stellt sich immer wieder als etwas anderes als menschliche Religiosität heraus (Bonhoeffer). Das muß aber nicht nur zu Abgrenzung gegenüber anderen Religionen führen; sondern es macht auch ein vertieftes Verständnis religiöser Empfindungen und Verhaltensweisen möglich.

Religionsfreiheit

Das Recht des einzelnen und der Gemeinschaften, sich zu einem religiösen Glauben zu bekennen, ihn zu bezeugen und danach zu leben (soweit dadurch nicht die Rechte anderer Menschen beeinträchtigt werden), ist in den Menschenrechten und in Artikel 4 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland garantiert: "1. Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. 2. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet."

Das war nicht immer so und ist auch heute noch nicht überall verwirklicht. In manchen Völkern und Religionen galt jedes Abweichen von der vorherrschenden Religion als gemeinschaftsbedrohendes Verbrechen und wurde verfolgt.

Auch im Bereich der christlichen Religion war das Ideal einer religiös einheitlichen Gesellschaft bestimmend. Religionsfreiheit setzte sich erst seit der Reformation langsam durch. Noch in diesem Jahrhundert wies ein Papst auf die Pflicht der Katholiken hin, "sittliche und religiöse Irrtümer zu unterdrücken: Was der Wahrheit und dem Sittengesetz widerspricht, hat objektiv kein Recht auf Dasein, Propaganda und Aktion." Erst das II. Vatikanische Konzil erklärte (1965) eindeutig, daß jeder Mensch das Recht auf religiöse Freiheit hat. Evangelische Theologen begründen es damit, daß Gott in seiner Liebe zum Menschen auch keinen Zwang ausübt. Die allgemeine Zusicherung der Religionsfreiheit besagt noch nicht, was im einzelnen damit gemeint ist: Darf ungehindert religiöses Schrifttum gedruckt und verbreitet werden? Ist es schon eine Einschränkung religiöser Freiheit, wenn die Kirche dazu auf eine Papierzuteilung des Staates angewiesen ist (wie z.B. in der früheren DDR)? Gehört das Recht auf Verweigerung des Wehrdienstes aus Gewissensgründen auch zur religiösen Freiheit des einzelnen? Können sich Sekten auf Religionsfreiheit berufen, wenn sie Jugendliche überreden, ihre Ausbildung abzubrechen und das Elternhaus zu verlassen?

Der Staat übt zumindest eine Kontrolle darüber aus, daß z.B. Spendengelder ihrem Zweck entsprechend verwendet werden. In unserer Gesellschaft wird Religionsfreiheit nicht so ausgelegt, daß der Staat religiös völlig neutral sein muß (tatsächlich fördert er die katholische und evangelische Kirche mehr als andere Religionsgemeinschaften). Heute schränken in unserer Gesellschaft hauptsächlich Vorurteile gegenüber Minderheiten und praktisch-materielle Schwierigkeiten die freie Religionsausübung ein, z.B. bei ausländischen Arbeitnehmern und deren Familien. Manche Länder (z.B. Indien) sind zwar gegenüber Angehörigen anderer Religionen tolerant, verbieten es ihnen aber, für den Übertritt zu ihrem Glauben zu werben.

Für Christen ist klar, daß sie selbst die Religionsfreiheit nicht in Anspruch nehmen können, ohne dafür einzutreten, daß sie auch anderen voll gewährt wird. Andererseits haben Christen (wie auch Andersgläubige) oft gezeigt, daß sie ihren Glauben auch dann behalten und bezeugen, wenn sie Gefahr laufen, deshalb Nachteile zu haben oder verfolgt zu werden.

Religiöse Erziehung (Religionspädagogik, Religionsunterricht)

Die Ausbildung der religiösen Einstellung wird bei Kindern in hohem Maß von Eltern und Erwachsenen bestimmt. In der religiösen Erziehung geschieht dies absichtlich, methodisch und selbstkritisch.

Christen wissen, daß der Glaube eines anderen nicht durch missionarische Bemühung oder Erziehung bewirkt werden kann. Aber für die eigene Entscheidung der Kinder und der jungen Menschen können günstige Voraussetzungen geschaffen werden.

Es gehört zum Recht auf Religionsfreiheit, daß Eltern ihre Kinder auf der Grundlage ihres eigenen Glaubens erziehen. Dabei können folgende Ziele maßgebend sein:

Wenn auch das Verständnis und die Gestaltung des Religionsunterrichts heute umstritten sind, so sollten im wesentlichen auch hier die genannten Ziele gelten. Er ist in der Bundesrepublik Deutschland nach Artikel 7 des Grundgesetzes ordentliches Lehrfach (aber es besteht kein Zwang zur Teilnahme).

Die in der Religionspädagogik entwickelten Erkenntnisse und Methoden finden zunehmend auch in der Jugendarbeit und im Konfirmandenunterricht Anwendung. Den Eltern, Mitarbeitern und Pfarrern steht für die religiöse Erziehung eine große Vielfalt von Büchern, Medien und Material zur Verfügung. Kirchliche Veranstaltungen geben Anregungen und Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch (der heute bei der religiösen Erziehung besonders wichtig ist!).

Reliquien

Den meisten Menschen helfen Andenken zu einer guten Erinnerung an einen Menschen oder ein Ereignis. Briefe und Gebrauchsgegenstände berühmter Persönlichkeiten bekommen oft einen großen ideellen und materiellen Wert. Reliquien sind Überreste von Heiligen (ihren Leichen, Kleidern) oder auch von den Werkzeugen, mit denen sie gemartert und getötet wurden. Sie werden in der katholischen und orthodoxen Kirche von den Gläubigen verehrt (Aufbewahrung und Ausstellung in kostbaren Behältern; Betrachten, Berühren, Herumtragen; Wallfahrten). Manche versprechen sich davon Schutz vor Gefahren, Heilung oder sonstige Hilfe. Wegen des abergläubischen Mißbrauchs und des Handelns mit Fälschungen wurde die Reliquienverehrung zeitweise strengen Bestimmungen unterworfen: Nur die von der Kirche geprüften und anerkannten Reliquien dürfen verehrt werden.

Wo eine Prüfung nicht mehr möglich ist (z.B. bei den Windeln Jesu, einem Kleid Marias oder bei den Gebeinen der Heiligen Drei Könige), ist die Verehrung erlaubt, solange keine schlüssigen Beweise für die Unechtheit der Reliquie vorliegen.

In den Kirchen der Reformation wurde die Reliquienverehrung fast völlig abgeschafft. Heute wird sie auch von der katholischen Kirche eher toleriert als gefördert.

Revolution

Das Wort bedeutet Umwälzung, Umsturz. Es wird meist für gewaltsame politische Herrschaftsveränderungen gebraucht, im weiteren Sinn aber auch in anderen Gebieten, z.B. in der Wissenschaft, Kunst oder Mode.

Bringen Revolutionen Fortschritt? Können ihre Errungenschaften das Unrecht und die meist damit verbundenen Gewalttaten rechtfertigen (z.B. die der Französischen Revolution 1789, die Ideale wie "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" eingeführt, aber auch zahlreichen Menschen das Leben gekostet hat)? Ist es Christen erlaubt (oder vielleicht sogar geboten!), eine Revolution anzustreben oder sich daran zu beteiligen? Begründet werden Revolutionen meist mit der verbrecherischen Ungerechtigkeit einer herrschenden Schicht oder mit der Ablehnung einer aufgezwungenen Ideologie. Wahrscheinlich ist aber auch der Wunsch der Revolutionäre, selbst an die Macht zu gelangen, eine starke Triebkraft. Haben sie sich durchgesetzt, dann machen sie selbst nach den bisherigen Erfahrungen ähnliche oder andere, aber manchmal noch schlimmere Fehler als diejenigen, die sie verdrängt haben.

Jesus von Nazareth wurde von seinen Gegnern als Revolutionär angesehen und verfolgt (Lukas 23,2). Er hat eine radikale Veränderung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse gefordert und praktiziert ("Niemand flickt ein altes Kleid mit einem neuen Stück Stoff; sonst reißt das neue Stück wieder aus und macht das Loch nur noch größer", Markus 2,21); aber gleichzeitig auch die Gewaltlosigkeit.

Trotzdem haben sich Christen bis heute auf ihn berufen, wenn sie in Widerstand und Revolution das letzte Mittel sahen, um eine Gewaltherrschaft (z.B. unter Hitler) oder einen Notstand zu beseitigen (der kolumbianische Priester Camilo Torres schloß sich wegen der katastrophalen sozialen Lage in Südamerika einer revolutionären Bewegung an und fand im Kampf gegen die Herrschenden 1966 den Tod). Die katholische Kirche sieht einen revolutionären Aufstand nur dann als gerechtfertigt an, wenn er sich gegen eine eindeutige und lang andauernde Gewaltherrschaft richtet, die die Grundrechte der Menschen schwer verletzt und dem Gemeinwohl eines Landes schweren Schaden zufügt; aber es sei nicht Aufgabe der Bischöfe oder des Papstes, zu entscheiden, ob das in einem bestimmten Land der Fall ist. In den Kirchen des ökumenischen Weltrates wird über diese Frage heftig diskutiert. Viele christliche Gruppen vertreten eine "Theologie der Revolution" bzw. eine "Theologie der Befreiung" und sehen Gewaltanwendung in manchen Ländern der Dritten Welt und Südamerikas als unvermeidlich an. Wenn sich Christen schon nicht selbst aus Solidarität an einer Revolution beteiligen wollen, dann sollten sie wenigstens Befreiungsbewegungen humanitär, politisch und finanziell unterstützen (Antirassismus).

Die Mehrheit der evangelischen Kirchen und Theologen in Europa hat einen ähnlichen Standpunkt wie die katholische Kirche.