Epochen (Literatur)
 
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Romantik (1795-1835)

Begriff

  • frz. romance: bezeichnet zunächst den volkstümlich-höfischen Versroman des Mittelalters im Unterschied zur lateinischen Dichtung
  • ab 1740 etwa gleichbedeutend mit phantasievoll, schwärmerisch; als Bezeichnung für eine wilde, malerische Landschaft: die romantische Kulisse
  • seit 1740 Sammelbegriff für nördlich-germanische und südlich-romanische Kultur im Gegensatz zur Antike
  • Friedrich Schlegel und Novalis führen die Bezeichnung für die Dichtung ein; Novalis setzt "romantisch" für "poetisch": „[...] indem ich dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, [...] dem Endlichen einen unendlichen Sinn gebe, so romantisiere ich es“.

Phasen

  • Frühromantik oder ältere Romantik (1796-1802): Junge Schriftsteller, u.a. die Brüder Schlegel und Novalis, treffen sich in Jena.
  • Hochromantik (nach 1805): hauptsächlich in Heidelberg
  • Spätromantik (nach 1813): vor allem in Berlin

fließender Übergang in die neue literarische Bewegung des "poetischen Realismus"

Historischer Hintergrund

  • prägendes Ereignis: Französische Revolution (1789) mit der Forderung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"
  • Bürgerliche besinnen sich auf Menschenrechte ("für alle"), denken an europäische Gemeinsamkeit
  • gleichzeitig wird der Begriff "Nation" wichtig, die geschichtliche Identität des Vaterlandes
  • Patriotismus erwacht in den Kämpfen gegen Napoleon, u.a. Ernst Moritz Arndt, Theodor Körner, Joseph von Eichendorff nehmen teil.
  • Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten gewaltfreier Reformen (z.B.: Stein und Hardenberg in Preußen) und gewaltsamer Veränderung
  • Nach dem nationalen Aufbruch führt die Ernüchterung durch die restaurative Politik seit dem Wiener Kongress 1815 (Bsp. Buch- und Pressezensur) einerseits zum Rückzug in die private Idylle des „Biedermeier“ (1815-1848), andererseits zur politisch-revolutionären Literatur im „Jungen Deutschland“ (1830-1848).

Hinwendung zur Geschichte

  • Erwachen geschichtlichen Denkens, Interesse am Mittelalter, dem nationalen Ursprung, zugleich religiöse Überhöhung dieser Epoche; „Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo eine Christenheit diesen menschlichen gestalteten Weltteil bewohnte; ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegendesten Provinzen dieses weiten geistlichen Reiches“ (Novalis: „Die Christenheit oder Europa“)
  • Beginn historischer Forschung, vor allem Sprachforschung, durch die Brüder Grimm und Sammlung von Werken der Vergangenheit: Volksbücher, Volksmärchen, Volkslieder

Geistesgeschichtlicher Hintergrund

  • Gegen Spätaufklärung und Rationalismus (Vorwurf der Entpoetisierung und des Verlustes ganzzeitlicher Weltanschauung) knüpft die Romantik an die mystische Frömmigkeit des Pietismus und den schrankenlosen Individualismus des Sturm und Drang ebenso wie an Herders Arbeiten zu Volkstum und Geschichte an.
  • Klassische Formvollendung wird abgelehnt.
  • Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) betont die Absolutheit des schöpferischen Ichs (Wissenschaftslehre 1894). Seine „Reden an die deutsche Nation“, 1807/08 in Berlin, vertreten den Gedanken der Erneuerung der Nation durch Erziehung. Es folgt ein Rückgriff auf Kants optimistische Annahme einer Höherentwicklung des Menschen durch den Gebrauch der Vernunft.
  • Friedrich Wilhelm Schelling (1775-1854) entwirft im Anschluss an Spinozas Pantheismus und an Fichte seine Naturphilosophie, die alle Gegensätze zu vereinigen sucht und eine Identität von Realem und Idealem feststellt.
  • Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher (1768-1834) formuliert den Zusammenhang von Poesie und Religion: „Sich mit dem Ewigen eins fühlen“.

Tendenzen und Merkmale

  • Die Romantik gilt als letzte Stufe des Idealismus nach „Sturm und Drang“ und „Klassik“.
  • Ihre Kunstanschauung ist eine Verbindung von Gegensätzen, Friedrich Schlegel; „Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie“.
  • Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, die Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu sehen.
  • Sie will und soll auch, Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen.
  • Der Dichter erschließt nach Novalis Verborgenes: „Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg“.
  • „In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten [....]“(Novalis)
  • Raum und Zeit, Anfang und Ende, Vergangenheit und Zukunft, Wirklichkeit und Möglichkeit, Poesie und Welt, Gott und Mensch bzw. Natur fallen in einer unendlichen „letzten Erkenntnis der Wahrheit“ zusammen.
  • Sinnbild ist die „Blaue Blume“, das Bild der Göttin der Weisheit.
  • Todeserlebnis und Todessehnsucht sowie die Offenbarung der Wahrheit im Traum (u.a. Novalis) sind Grunderfahrungen.
  • Die Motive des Unterwegsseins (Wandern, Reisen als Sinnbild des Suchens und Findens), der Sehnsucht und des Heimwehs („Wo gehen wir hin?“ – „Immer nach Haus“ Novalis), der Natur als innig vertraute, aber auch lockend verführende Spiegelung des Unbewussten bestimmen die romantische Dichtung.
  • häufige Bilder sind: kühler Grund, Waldestiefe, Wildbach, Mühlrad, Ruinen, Marmorgestalten, Dämmerung, Mondnacht
  • Die Vorstellung einer Verschmelzung von Dichtung, Malerei und Musik zeigt sich sprachlich in der Synästhesie, der Vereinigung mehrerer Sinneswahrnehmungen: „Golden weh'n die Töne nieder“ (Clemens Brentano).

Volksmärchen, Kunstmärchen, Volkslied, Kunstlied

  • In den Volksmärchen, Volksbüchern und Volksliedern sehen die Romantiker Zeugnisse der „Kindheit“ ihres Volkes.
  • Ziel ist die Überwindung der Gespaltenheit der Welt durch Rückverwandlung allen Wissens ins unbewusst-kindliche, unschuldige, das „geahnt“, „erlauscht“, angedeutet wird: „seltsam“, „merkwürdig“, „wundersam“.
  • Die magische Wunderwelt der schönsten Poesie des Volkes (nach Herder) zeigt sich vor allem im Märchen.
  • Die Kunstmärchen der Romantik und die im Volksliedton gehaltenen Gedichte verbinden Einfachheit und hohe Künstlichkeit.

Roman

  • Der Roman ist die Form romantischer Dichtung, Gedichte und Kunstmärchen sind zunächst Bestandteile dieser, dem Gedanken einer Universalpoesie am ehesten entsprechenden Form (Gedichtsammlungen gibt es erst seit der Spätromantik).
  • Goethes „Wilhelm Meister“ gilt als Vorbild für einen Entwicklungsroman, wie ihn die Romantiker erstrebten. Allerdings bleibt der romantische Roman zumeist Fragment (z.B. Novalis: „Heinrich von Ofterdingen“).
  • Die romantischen Märchen greifen auf Figuren und Motive der Volksbücher zurück.
  • Mit ihrer Durchbrechung der Wirklichkeit werden sie zu Trägern politischer Aussage.
  • Die strenge Form des Dramas wird abgelehnt, als der formen- und gattungsübergreifenden romantischen Poesie nicht gemäß.

Romantische Ironie

  • Die absolute Freiheit des dichterischen Geistes ( Fichte), sich über alles, auch das eigene Werk, zu erheben, frei der Phantasie zu folgen und sie auch willkürlich wieder zu zerstören, führt zum Kunstmittel der romantischen Ironie.
  • Aus der Dialektik von Traum und Bewusstsein, Irrealität und Realität erwächst der Zwang zur Zerstörung selbst geschaffener Illusion (am schärfsten ausgeprägt bei Heine).
  • Heute wird in der Gefährdung und Zerrissenheit romantischer Menschen - noch vor solcher Darstellung bei Georg Büchner - der Ansatz zur Moderne gesehen: in den Elementen der Bewusstseinsspaltung, der Überschneidung von Realität und Irrealität.

Autoren und Werke

  • Jean Paul Friedrich Richter (1763-1825): Anreger der romantischen Schule, erster großer Humorist der deutschen Literatur
  • Er erhebt den Roman zur führenden Gattung in Deutschland: „Siebenkäs“ (1796/97), „Titan“ (1800/03), „Flegeljahre“(1804/05)

Frühromantik (1796-1802)

  • Friedrich Schlegel (1772-1829), Theoretiker, Kultur- und Kunstphilosoph: Sein Roman „Lucinde“ (1799) löst aus moralischen Gründen einen Skandal aus.
  • Mit seinem Bruder, August Wilhelm Schlegel (1767-1845), dem Literaturkritiker und Übersetzer, gibt er die programmatische Zeitschrift „Athenäum“ heraus.
  • Novalis (Friedrich von Hardenberg, 1772-1801), Philosoph, Dichter, Mystiker, Jurist und Naturwissenschaftler (Bergassessor), gilt als typische Gestalt des romantischen Dichters.
  • Alle wesentlichen Motive der Zeit erscheinen bei ihm.
  • Er verbindet philosophische Spekulation mit Prophetie, kindliche Frömmigkeit mit scharfen Intellekt.
  • sein Schlüsselerlebnis: der Tod der 15 jährigen Braut Sophie von Kühn
  • In „Hymnen an die Nacht“ (1797), Gesängen vom unendlichen Reich der Poesie, von Traum, Tod und göttlicher Liebe, einer lebendigen Einheit aller Gegensätze, zeigt sich ein pantheistisches Weltbild.
  • weitere Werke: Fragmentansammlung „Blütenstaub“(1798), „Die Christenheit oder Europa“ (1799): Visionen einer neuen abendländischen Universalkultur im wieder gefundenen Katholizismus (viele Romantiker konvertierten), Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ (1798-1801): innere Entwicklung eines Minnesängers
  • Ludwig Tieck (1773-1853): Kunstmärchen z. B.: „Der blonde Eckbert“, „Ritter Blaubart“, Künstlerroman „Franz Sternbalds Wanderungen“ (1798), Komödie „Der gestiefelte Kater“ (1797), Shakespeareübersetzungen

Hochromantik nach 1805

  • anders als in der auf Universalität gerichteten Frühromantik, jetzt Besinnung auf Nationalität, Volkstümlichkeit
  • Achim von Arnim (1781-1831): Romane, Novellen, groteske Erzählungen, Herausgabe der Volksliedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“ (1806-1808) mit Clemens Brentano (1778-1842), der Märchen und Gedichte schrieb
  • Brüder Jacob und Wilhelm Grimm: Sammlung der „Kinder und Hausmärchen“ (1812 ff.)
  • sprachwissenschaftliche Arbeiten „Deutsches Wörterbuch“

Spätromantik nach 1813

  • Joseph von Eichendorff (1788-1857), populärster romantischer Lyriker, religiöse Themen, Abwendung von der Realität und Jenseitssehnsucht sind auch Zeitkritik, Roman „Ahnung und Gegenwart“ (1815), märchenhafte Novellen „Aus dem Leben eines Taugenicht“ (1826), „Das Marmorbild“ (1818)
  • E.T.A ( Ernst Theodor Amadeus) Hoffmann (1776-1822): Vorläufer surrealistischer Dichtung, zugleich Realist, vermengt genaue Beobachtung der Wirklichkeit mit Dämonisch - Unwirklichem; das Unheimliche zeigt sich in der menschlichen Natur, Doppelgängermotiv im Roman „Die Elixiere des Teufels“ (1815/16), Novellen z.B. „Das Fräulein von Scudery“(1819-1821)

Frauen der Romantik

  • kulturelle Bedeutung der häufig von Frauen geführten literarischen Salons
  • Bettina von Arnim (1785-1859): soziales Engagement: „Armenbuch“ (1844), „Goethes Briefwechsel mit dem Kinde“ (1835), zugrunde liegen die Gespräche Bettinas mit Goethes Mutter
  • Karoline von Günderode (1780-1806, Lyrikerin): Die fehlende Anerkennung als Dichterin und Partnerin treibt sie in den Selbstmord.

Heinrich von Kleist (1777-1811, Selbstmord)

  • scheitert an der Gesellschaft, die ihn als Dichter und freien Schriftsteller nicht unterstützt und an seiner Überforderung menschlicher Beziehungen
  • Der preußische Königshof akzeptiert sein Hohenzollerndrama „Prinz Friedrich von Homburg“ nicht.
  • Kanzler Hardenberg verwehrt im die finanzielle Unterstützung für seine „Berliner Abendblätter“.
  • Goethe weist den Dichter Kleist schroff zurück.
  • Kleist, der bedeutendste Dramatiker nach Schiller, schrieb u.a. „Die Familie Schroffenstein“(1803), „Das Käthchen von Heilbronn“ (1810), „Der zerbrochene Krug“ (1811, Charakterkomödie) usw.

Textbeispiel

Gedicht

Clemens Brentano
Clemens Brentano
Novalis
Novalis

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