Epochen (Literatur)
 
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Realismus (1850-1890)

Begriff

  • lateinisch: res = Sache
  • Sachbezug als Programm einer gesamteuropäischen Literaturbewegung
  • in Deutschland der Epoche zwischen dem Scheitern der Revolution 1848 und dem Ende der Bismarckära zuzuordnen
  • nach Otto Ludwig „poetischer“ oder „psychologischer“ Realismus
  • Der Bürger ist Träger von Wirtschaft und Kultur.

Historischer Hintergrund

  • Die Ära Bismarck ist geprägt von nationalstaatlichen Einigungsbestrebungen, außenpolitischer Machtdemonstration und erfolgreicher europäischer Vertragspolitik.
  • in der Innenpolitik, Disziplin (Kulturkampf, Sozialistengesetz), gleichzeitig Sozialpolitik
  • Mit dem seit 1848 prägenden Gedanken eines Nationalstaates verbindet sich bei zunehmendem Selbstbewusstsein des Bürgertums die Vorstellung einer Weltgeltung Deutschlands. Nationalismus und Imperialismus sind Grundströmungen auch der europäischen Politik bis zum Ersten Weltkrieg.
  • nach dem Krieg zwischen Preußen und Österreich (1866), Auflösung des Deutschen Bundes, kleindeutsche Nationallösung unter Führung Preußens einerseits, Doppelmonarchie Österreich - Ungarn (Vielvölkerstaat als Keimzelle des Ersten Weltkrieges) anderseits
  • Versuch einer Lösung der sozialen Frage; 1869 Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (August Bebel, Wilhelm Liebknecht)
  • nach dem Deutsch - Französischen Krieg „Gründerjahre“, Milliarden von Reparationszahlungen an Deutschland
  • seit 1878 Kurswechsel vom Liberalismus zum Konservativismus
  • zunehmende außenpolitische Spannungen

Kultur- und geistesgeschichtlicher Hintergrund

  • Der gewaltige Aufschwung in Naturwissenschaft und Technik führt zur Vorstellung der Erklärbarkeit aller Dinge und des Menschen.
  • Entdeckungen und Erfindungen: Röntgenstrahlen, Dieselmotor, drahtlose Telegraphie, Elektrizitätslehre, Pathologie, Bakteriologie
  • Auflösung der Religion in der Anthropologie
  • Beginn einer materialistischen Naturlehre bei Ludwig Büchner
  • Determinismus bei Charles Darwin, kausalgesetzliche Bedingtheit des Seelenlebens bei Ernst Haeckel
  • Archäologische Forschungen, Geschichtswissenschaft in Verbindung mit politischen Fragen: Heinrich von Treitschke, Theodor Mommsen, Friedrich Meinecke.
  • Illusions- und Glaubenslosigkeit angesichts der Erkenntnis, dass der Mensch einer Kausalkette schicksalhafter Faktoren ausgeliefert ist, gegen die zu kämpfen nur tragisch enden kann ( Hebbel)
  • Kulturpessimismus Arthur Schopenhauers („in der Welt sein, heißt leiden, Rettung nur durch Verneinung des Willens im Leben“)
  • andererseits oberflächlicher Optimismus und Fortschrittsgläubigkeit in weiten Teilen des Bürgertums, dessen Geschmack weitgehend bestimmt wird von Trivialliteratur, z.B. der weit verbreiteten Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ (seit 1843)

Tendenzen und Merkmale

  • Sach- und Dinggebundenheit; Versuch einer objektiven Wirklichkeitsdarstellung
  • Vorrang der erzählenden Literatur mit genauen Zustandsbeschreibungen
  • In der Novelle als „Schwester des Dramas“, psychologisch feine Charakterisierung, strukturierende Leitmotivik („Schimmelreiter“)
  • Novellentheorie von Paul Heyse: Bedeutung des Dingsymbols
  • stilistische Objektivierung durch Form der Chronik, Rahmenerzählung, fingierten Erzähler, Rückgriff auf Zeitungsmeldungen und Gesellschaftsnachrichten („Effi Briest“)
  • Entwicklungsroman als Spiegel des Bürgertums (Keller, Raabe, Fontane)
  • Mittelpunkt ist der bürgerliche Alltag.
  • Milieuschilderungen dienen der Verdeutlichung seelischer Vorgänge.
  • entsagende Melancholie und Humor als „Waffe gegen die Bedrohung des Daseins“ (Raabe, Keller)
  • Außenseiter und Käuze in trügerischer Idylle
  • historische Romane und Erzählungen (Conrad Ferdinand Meyer, Gustav Freytag)

Autoren und Werke

  • Theodor Fontane (1819-1898): Gesellschaftsromane „Vor dem Sturm“ (1878), „Irrungen und Wirrungen“ (1887), „Effi Briest“ (1894/95), sowie Balladen und Erzählungen
  • Friedrich Hebbel (1813-1863): einziger bedeutender Dramatiker, Hauptthema: Scheitern eines tragischen Individuums in der Welt: „Judith“ (1840), „Die Nibelungen“ (1861)
  • Gottfried Keller (1819-1890): „Der grüne Heinrich“ (1854/55,1879), bedeutendster Entwicklungsroman nach Goethe und Jean Paul
  • Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898): Gedichte und Novellen. „Das Amulett“ (1873)
  • Wilhelm Raabe (1831-1910): Romane „Die Chronik der Sperlingsgasse“ (1857)
  • Theodor Storm (1817-1888): geprägt durch die nordfriesische Landschaft, Lyrik im Ton der Spätromantik „Der Schimmelreiter“ (1888)

Textbeispiel

Effie Briest

Theodor Fontane
Theodor Fontane


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