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Die literarische Entwicklung in der BRD bis 1980
Historisch - politische und kulturelle
Situation
- bedingungslose Kapitulation
Deutschlands am 08.05.1945
- Flüchtlingsströme aus den
Gebieten jenseits von Oder und Neiße
- Aufteilung in
Besatzungszonen, Potsdamer Konferenz (1945)
- Übergangszeit, Versuch zu
überleben, Wiederaufbau, Grundgesetz 1949 als Basis wertsetzender,
demokratischer Ordnung
- Zunehmende Ost - West
Spannungen (Kalter Krieg, Berlin Blockade) und tiefere Spaltung
Deutschlands führen zu Identitätskrisen, aber auch zur Verdrängung der
jüngsten Vergangenheit in einer westlichen Wohlstandsgesellschaft.
- Alle politischen Strömungen
(Studentenbewegung 1968, außerparlamentarische Opposition, Frauenbewegung,
Friedensinitiative, Rüstungsfragen) spiegeln sich auch in der Literatur;
entschiedenes politisches Engagement einiger Schriftsteller, zum Beispiel
von Heinrich Böll und Günter Grass.
- Die Frage nach der Aufgabe
des Schriftstellers in einer bürokratisierten Welt mit Feindbildern und
der Gefahr der Sinnentleerung, des Bindungsverlustes, verdrängter
Verantwortung, stellt sich in einer „pluralistischen Gesellschaft“, der
Freiräume für Kritik, Protest und Widerstand systemimmanent sind: „Das der
Autor engagiert sein soll, halte ich für selbstverständlich. Für mich ist
das Engagement die Vorraussetzung, es ist sozusagen die Grundierung“
(Böll, 1961).
Tendenzen und Merkmale
- Skepsis gegenüber
„verbrauchten“ Formen, Wiederkehr von Parodie, Paradoxon (z.B.:
aristotelische Einheiten bei Dürrenmatt: „Die Physiker“)
- Aufbrechen der Grenzen
zwischen den literarischen Gattungen: epische Komponenten im Drama, Dialog
und Monolog im Roman; Lyrik ist häufig optisch gegliederte Prosa.
- Das Hörspiel (Günter Eich,
Ingeborg Bachmann) wird eine eigenständige Kunstform (innere Bühne, eher
lyrisch als dramatisch).
- Erfahrungen von
Existenzphilosophie, Psychoanalyse werden aufgegriffen. Der Surrealismus
wirkt nach, Neigung zum „chiffriertem“ Text, der sich eindeutiger
Entschlüsselung entzieht, als „subjektive“ Wahrheit.
- Einbeziehung von Technik
und industrieller Erfahrungswelt
- Experimenteller Umgang mit
der Sprache (Montagen, Einblendungen, Filmtechnik); das aus dem Kontext
gelöste Detail erhält ein starkes Gewicht, gelegentlich beladen mit
mythischem Bezug.
- Tendenz zur kleinen Form,
zu Parabel, Exempel, Gleichnis, um Modellsituationen zu schaffen
- im Schauspiel anstelle der
Tragödie die Groteske (Friedrich Dürrenmatt)
- Einfluss ausländischer
Literatur, vor allem auf das Erzählen; Die Kurzgeschichte (Ernest
Hemingway) entsteht nach 1945 in vielfacher Form.
- entscheidende Nachwirkung
Franz Kafka: Überschneidung von Raum und Zeit, Verzicht auf eine
durchstrukturierte Fabel zugunsten wechselnder Perspektiven; zyklisches
Einkreisen mit ständig unterbrochener Bewegung
- in der Lyrik Anknüpfen an
Expressionismus und Surrealismus
- Neue Schreibweisen bilden
sich im hermetischen Gedicht (Paul Celan), in der konkreten Poesie, in der
umgangssprachlich gefassten Alltagslyrik, heraus.
Vorphase 1945-1949
- Fortsetzung formaler und
inhaltlicher Traditionen (z.B.: Naturlyrik), aber auch radikale
Neuorientierung
- Prägend sind Schriftsteller
der Jahrgänge 1916-1925, die unmittelbar nach 1945 zu veröffentlichen
beginnen. Diese stehen unter dem Eindruck von Krieg und Vernichtung:
Heinrich Böll, Wolfgang Borchert, Paul Celan, Wolfdietrich Schnurre.
Trümmerliteratur
- Kriegs- und
Heimkehrliteratur, Todeserinnerung, Fassen des Ungeheuerlichen in der
„Sprachlosigkeit“, in dieser existentiellen Grundsituation Protest gegen
jede Art von Ideologie aus der Erfahrung einer missbrauchten Generation,
Misstrauen gegen die missbrauchte Sprache: „Es gab nur die Wahrheit. Nicht
einmal die Sprache war mehr zu gebrauchen, die Nazijahre und die
Kriegsjahre hatten sie unrein gemacht. Sie musste erst mühsam wieder Wort
für Wort abgeklopft werden.“ (Schnurre, 1960).
- Borchert schreibt in seinem
Heimkehrstück „Draußen vor der Tür“ und in seinen Kurzgeschichten diese
Trümmersprache.
- Böll erzählt von jungen
Menschen in den letzten Kriegsjahren und unmittelbar nach 1945: Erzählung
„Der Zug war pünktlich“ (1949)
Gruppe 47
- Zusammenschluss engagierter
Schriftsteller um Hans Werner Richter, Ilse Aichinger, Alfred Andersch,
Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Günter Eich, Paul Celan, Wolfgang
Hildesheimer, Walter Jens, Martin Walser u.a.
1. Phase: 1950-er Jahre
- Schriftsteller der
Jahrgänge bis 1929 beobachten kritisch die Wohlstandsgesellschaft und
fassen sie in Satire und Groteske zusammen.
- Kritik an der
"Vergesslichkeit" der davongekommenen Wohlstandsbürger:
Friedrich Dürrenmatt: „Der Besuch der alten Dame“
- pointierter Angriff auf
eine manipulierende Kulturindustrie: Böll: Erzählung „Doktor Murkes
gesammeltes Schweigen“ (1958)
- Rückgriff auf inneren
Monolog, mehrperspektivische Darstellung, Überlagerung von Zeit- und
Bewusstseinsschichten: Max Frisch: Roman „Stiller“ (1954):
Doppelgängermotiv als Symbol einer Identitätskrise
2. Phase: 1960-er Jahre
- Aufbrechen der
unbewältigten Vergangenheit: 3.Reich, Kriegs- und Nachkriegszeit, innere
und äußere Feindbilder
- Verlust der
Selbstsicherheit der Aufbaujahre
- Markierungen: Günter Grass
„Die Blechtrommel“ (1959), Siegfried Lenz „Deutschstunde“ (1968)
- im Zuge innenpolitischer
Auseinandersetzungen nach 1967 zunehmende Politisierung und verstärktes
öffentliches Engagement der Schriftsteller
3. Phase: Beginn in den 70-er Jahren
- Die Besinnung auf das
eigene Ich und seine subjektive Welt zeugt von Ernüchterung und Distanz zu
öffentlicher politischer Aktion.
- „Neue Sensibilität“, „Neue
Innerlichkeit“ heißt: Interesse an eigener und fremder Lebensgeschichte
- nach dem Verzicht auf eine komplexere
Erfassung der Individualität während der politischen Aktion, jetzt Suche
nach persönlicher, auch geschichtlicher Identität
Erzählende Literatur nach 1945
- Aufarbeitung der
Vergangenheit: Alfred Andersch „Sansibar oder der letzte Grund“(1957), Günter
Grass „Die Blechtrommel“ (1959), „Katz und Maus“ (1961), „Hunde Jahre“
(1963)
- Identitätsprobleme, Fragen
nach der Wirklichkeit: Marie Luise Kaschnitz: „Das dicke Kind“ (1951), Max
Frisch: „Homo faber“ (1957)
- Neue Subjektivität: Nicolas
Born „Die erdabgewandte Seite der Geschichte“ (1976)
Dramen seit 1945
- Zunächst Parabeldrama in
der Nachfolge Brechts, aber Misstrauen in die noch für Brecht gültige
Überzeugung von der Veränderbarkeit der Menschen bei Frisch und bei Dürrenmatt,
der das Absurd - Komische und Groteske, die Welt des Irrenhauses
darstellt.
- In den 60-er Jahren
Dokumentartheater: Rolft Hochhuth (*1931): "Der Stellvertreter"
(1963), Peter Weiss (1916-1982): " Die Ermittlung" (1965)
- Daneben die Parabel und das
Sprechtheater: Peter Handke (*1942): "Publikumsbeschimpfung"
(1966), "Kaspar" (1968)
- Bei Thomas Bernhard
(1931-1989) und Botho Strau wird das "Befinden des Individuums"
nach der Revolte der 70-er Jahre aufgezeigt: subtile Vernichtung des
Menschen, Isoliertheit, Verlust von Handlungs- und Erlebnisfähigkeit.
- Bernhard: "Die
Jagdgesellschaft" (1974), "Der Weltverbesserer" (1978)
- Strauß: "Trilogie des
Wiedersehens" (1976)
Lyrik seit 1945
- Lösung von herkömmlichen
Strukturen im hermetischen Gedicht, das allein auf einen Zusammenhang im Bewusstsein
des Autors verweist: Nelly Sachs (1891-1970); Ingeborg Bachmann
(1926-1973): verbindet traditionelle Symbolik naturmagischer Bilder mit
existenzieller Bedrohung
- nachhaltige Wirkung bis in
die Lyrik der Gegenwart
- Spiel mit Elementen der
Alltagswelt, die „bedeutsam“ über sich hinausweisen, Lehren vermitteln
sollen: Hans Magnus Enzensberger (*1929)
- Konkrete Poesie: Eugen
Gomringer (*1925), Helmut Heißenbüttel (*1921).
- politische Lyrik
- in den 70er Jahren bis in
die unmittelbare Gegenwart Verbindung von persönlichem und
gesellschaftlichen Bezug: Erich Fried (1921-1988)
Textbeispiele


Bertolt Brecht

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