Epochen (Literatur)
 
[Epochen] [750] [1470] [1600] [1720] [1767] [1786] [1795]
[1815] [1830] [1850] [1880] [1910] [1918] [BRD] [DDR] [1995]
 
 

Expressionismus (1910-1925)

Begriff

  • lat. expressio = Ausdruck
  • zunächst als Ausdruckskunst, Bezeichnung für europäische bildende Kunst zu Anfang des Jahrhunderts, z. B. die Malerei von Paul Cézanne, Henri Matisse, Vincent van Gogh
  • Seit 1911 wurde dieser Begriff auch für die Literatur verwendet.
  • häufig identisch mit ,Moderne'
  • Der Expressionismus ist die Einzige, noch ungefähr abgrenzbare literarische Epoche des 20. Jahrhunderts.

Historischer Hintergrund

  • Die Generation der zwischen 1875 und 1895 geborenen Schriftsteller, Maler und Bildhauer ist geprägt durch das Kaiserreich seit 1871,den ersten Weltkrieg, die Großstadterfahrung, die Regierungszeit Wilhelms 2. (1888-1918).
  • Wilhelm der Zweite: Zunächst "Bürgerkaiser", dann nur Nationalist, Vorrang des Militärischen
  • In den Gründerjahren nach 1871 entsteht ein neureiches, selbstzufriedenes Bürgertum. Der Konflikt mit den Vätern der Gründerzeitgeneration ist beherrschendes Motiv expressionistischer Literatur, Bsp: Franz Kafka "Das Urteil". Die jungen Künstler lehnen Naturalismus, Militarismus und Kapitalismus ab und fordern Kosmopolitismus, Pazifismus, Sozialismus.
  • Die Erfahrung der Großstadt (Folgen der Industrialisierung, Ballung sozialer Probleme, Isolation, Alkohol, Drogen) wird in Großstadtromanen gestaltet.
  • Entlarvung einer faszinierenden inneren Zerstörung
  • Erfahrung des Krieges als "Vision des Grauens" ( sinnloser Tod junger Kriegsfreiwilliger), Hilflosigkeit, Versagen aller bisherigen Wertvorstellungen
  • Hoffen auf einen neuen Anfang auch in der Politik

Geistesgeschichtlicher Hintergrund

  • sozialrevolutionäre Vorstellung von Kommunismus und Sozialismus
  • Ablehnung des positivistischen Weltbildes aus der Erfahrung einer unmenschlich gewordenen Zivilisation
  • Darwinismus ( Charles Darwin 1809 – 1882, Naturwissenschaftler: Kampf um das Dasein. Der Stärkere siegt.)
  • Erkenntnis: Der Mensch ist determiniert, nicht mehr "Ebenbild Gottes", Verlust eines ganzeinheitlichen Menschenbildes
  • Kulturpessimismus, Antimoralismus (Friedrich Nietzsche, 1844-1900, Philosoph und Schriftsteller: "Also sprach Zarathustra": "Gott ist tot"; " Wir brauchen einen neuen Menschen")
  • Verlust religiöser Bindung und übergeordneter Sinngebung des Lebens, Umwertung der Werte (Kafka, Thomas Mann)
  • Psychoanalyse ( Sigmund Freud, 1856-1939, Nervenarzt: Seelenkunde, Entdeckung des Unbewussten, Traumdeutung, Lehre vom Ich, Es und Über - Ich), Verlust der Identität

Tendenzen und Merkmale

  • Das Erschrecken über das Versagen bisheriger Normen führt zur Ablehnung von Traditionen und Denkweisen, die auf Logik und Erklärbarkeit beruhen.
  • Aufbruch im politischen und im philosophisch - ästhetischen Bereich
  • gegen Naturalismus und Impressionismus: statt Vorstellung der äußeren Erscheinung, Ausdruck inneren Erlebens
  • Das "Wesen" der Dinge wird wichtig. Der Dichter als Künder innerlich geschauter Wahrheit soll bilden, nicht abbilden.
  • Die expressionistische Sprache wird extrem subjektiv, ist gekennzeichnet durch Pathos und Ekstase:" Befreiung" des Wortes aus tradierten Zwängen und grammatischen Normen, fetzenartige Reihung, Montagen, groteske Verkürzungen, visionäre Bilder, weit hergeholte Metaphern, Farbsymbolik, Laut- und Klanggedichte (Dadaismus, Bruitismus): beballte Kraft der Aussage, verwirklicht u.a. in Lyrik und Dramatik; neue Ausdrucksmöglichkeiten auch in überkommenen Formen (Sonette Georg Trakls).

Programmatische Zeitschriften

  • „Die Fackel“ (seit 1899), „Der Sturm“ ( seit 1910), „Die Aktion“ (seit 1911), „Die Weltbühne“, Fortsetzung der Schaubühne (seit 1918)

Autoren und Werke

  • Ernst Barlach (1870-1938), Dramatiker, Bildhauer, Graphiker: Drama „Der blaue Böll“ (1926)
  • Karl Kraus (1874-1936): „Die letzten Tage der Menschheit“ (1918/19)
  • Gottfried Benn (1886-1956), in beiden Weltkriegen Militärarzt: Gedichtzyklen, Prosa, u.a. „Gehirne“, „Die Eroberung“(1915)
  • Alfred Döblin (1878-1957), Facharzt für Nervenleiden: Erzählungen u.a. „ Ermordung einer Butterblume“ (1913), Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“ (1929)
  • Franz Kafka (1883-1924): entscheidender Einfluss bis in die Gegenwart, Erzählungen, u.a. „Das Urteil“ (1912) „Die Verwandlung“ (1915), „In der Strafkolonie“ (1919); Romane „Der Prozess“ , „Das Schloss“, „Amerika“
  • Heinrich Mann (1871-1950): „Professor Unrat“ (1905),Trilogie „Das Kaiserreich“ (1918-1925), darin „Der Untertan“ (1918)
  • Georg Trakl (1887-1914): erlitt wegen des Kriegserlebnisses als Sanitäter einen Nervenzusammenbruch, Tod durch eine Überdosis Kokain

Textbeispiele

Grodek

Georg Trakl
Georg Trakl

Gedicht

Franz Kafka
Franz Kafka

nächste Epoche

Anfang





zurück   zum Seitenanfang