Die
literarische Entwicklung in der DDR bis 1980
Kulturpolitik
- Die Schriftsteller in der
DDR sehen sich den Forderungen einer Kulturpolitik gegenüber, die aktive
Parteinahme für den Sozialismus fordert und die Aufgabe der Literatur als
Partei- und Gesellschaftsauftrag versteht. Nachhaltige Unterstützung und
Vermittlung sozialistischer Ziele werden angestrebt.
- Die Folge ist eine
staatliche Einflussnahme und Zensur, inhaltlich wie formal.
- Kritische Autoren geraten
unter Druck, ihre Werke werden nicht veröffentlicht oder können nur in der
BRD publiziert werden.
- Viele verlassen die DDR -
zumeist unter Zwang.
- Seit Beginn der 80er Jahre
zunehmende Konvergenzen zwischen der so genannten „DDR Literatur“ und der
übrigen deutschsprachigen Literatur.
Vorphase (1945-1949) - Rückkehr der
Emigranten
- Einige der Schriftsteller,
die in der Zeit des Nationalsozialismus im Exil leben mussten, kehren in
die damalige SBZ zurück in der Hoffnung auf eine antifaschistische und
demokratische Entwicklung: u.a. Johannes R. Becher, Bertolt Brecht,
Stephan Hermlin, Stefan Heym, Anna Seghers, Friedrich Wolf, Arnold Zweig.
- Das „klassische Erbe“ wird
gepflegt, in der erzählenden Literatur die Klassiker und die Realisten des
19. Jahrhunderts, nicht jedoch „modernistische“ Autoren wie Franz Kafka.
Werke
- Im Exil entstandene Werke,
die sich mit dem Nationalsozialismus auseinander setzen, erscheinen, z.B.
Anna Seghers: „Das 7.Kreuz“ (Roman 1942/46) und Friedrich Wolf: „Professor
Mamlock“ (Drama, 1935 uraufgeführt).
1. Phase (1949-1961): "Aufbau des
Sozialismus"
- 1952 wird in der 1949
gegründeten DDR der „Aufbau des Sozialismus“ proklamiert.
- Die Staatspartei, die SED,
beansprucht, die Künste anzuleiten: „Die Idee der Kunst muss der
Marschrichtung des politischen Kampfes folgen“ ( Ministerpräsident Otto
Grotewohl, 1951).
- Der sozialistische Realismus
gilt als verbindliches Gestaltungsprinzip.
- Nach sowjetischem Muster
entstehen „Aufbau – Romane“, in denen der „positive Held“ als Sieger in
der Auseinandersetzung mit dem rückschrittlichen Gegenspieler hervorgeht.
- Der befohlene Optimismus
erzeugt eine lähmende Sterilität in der Schreibweise.
Berliner Ensemble
- herausragendes
künstlerisches Ereignis: Gründung des Brecht - Ensembles in Ost-Berlin im
Herbst 1949
- Bertolt Brecht führt seine
im Exil geschriebenen Stücke auf, 1949 „Herr Puntila und sein Knecht
Matti“.
- Das von ihm erwartete große
Schauspiel zum Aufbau des Sozialismus, hat Brecht nie geschrieben.
1953-1956
- nach den Aufständen, 1953
(DDR) und 1956 (Ungarn), sowie der proklamierten Entstalinisierung, kurze
Phasen der Öffnung für die Kunst, Heiner Müllers Schauspiel „Der
Lohndrücker“ (1956) stellt die Aktivistenbewegung kritisch dar. Stefan
Heyms Roman „Fünf Tage im Juni“, die Auseinandersetzung mit dem Aufstand
1953 durfte in der DDR allerdings nicht erscheinen.
Bitterfelder Weg
- 1958 fordert Walter
Ulbricht auf dem V. Parteitag der SED, die „Entfremdung zwischen Künstler
und Volk zu überwinden“.
- 1959 lädt der
Mitteldeutsche Verlag Berufsschriftsteller sowie schreibende Arbeiter zu
einer Konferenz nach Bitterfeld ein, Beschluss: Schriftsteller gehen in
die Betriebe und arbeiten mit Brigaden zusammen.
- Parole: „Greif zur Feder,
Kumpel!“
- Es kommt jedoch nicht zur
Entwicklung einer breiten Massenkultur.
2. Phase (1961-1971) - Ankunft im
Sozialismus
- einschneidendes Ereignis:
der Bau der Berliner Mauer
- vorsichtige Liberalisierung
nach dem Schock
- Erwin Strittmatter: „Die
Literatur der schreibenden Arbeiter ist den lesenden Arbeitern nicht
zumutbar.“
- Jetzt entstehende Werke
sind durch individuelle Schreibweisen und vorsichtige Kritik (ohne grundsätzliche
Infragestellung) des sozialistischen Aufbaus geprägt.
Autoren und Werke
- Brigitte Reimann
(1933-1973): Roman „Ankunft im Alltag“ (des Sozialismus, 1961)
- Christa Wolf (*1929):
Erzählung „Der geteilte Himmel“ (1963), Thema: die Teilung Deutschlands,
Situation kurz vor dem Mauerbau
- Erwin Strittmatter
(1912-1994): Roman „Ole Bienkopp“ (1963), Thema: Entwicklung
sozialistischer Produktionsweise und eines sozialistischen Bewusstseins
- Hermann Kant (*1926): Roman
„Die Aula“ (1965), Thema: Der Lebensweg von Studenten, die nach 1945 an
der „Arbeiter und Bauern – Fakultät“ studieren
Harter Kurs ab 1965
- Wegen einer „Ideologie des
bürgerlichen Skeptizismus“ werden u.a. Wolf Biermann, Peter Hacks, Stefan
Heym, Günter Kunert, Sarah Kirsch, Heiner Müller und der Philosoph Robert
Havemann öffentlich getadelt.
"Entfaltung der sozialistischen
Nationalkultur"
- Zur Unterbindung direkter
Kontakte zu Verlagen in der BRD wird ein „Büro für Urheberrechte“ in
Ost-Berlin eingerichtet.
- trotz des staatlichen
Drucks zunehmende Differenzierung in Thematik und Form
- Auch das Alltägliche,
Private erscheint in der Literatur.
Autoren und Werke
- Jurek Becker (1937-1997):
Roman „Jakob der Lügner“ (1968), Thema: Überleben im Warschauer Ghetto
- Stefan Heym (*1913): „Die Schmähschrift
oder Königin gegen Dafoe“ (1970, nicht in der DDR), Thema: gefährdete
Situation eines Schriftstellers in der Diktatur
- Christa Wolf (*1929): Roman
„Nachdenken über Christa T.“ (1968), Thema: mögliches „Nichtankommen“ im
Sozialismus
3. Phase seit 1971
"postrevolutionäre" Situation
- SED - Chef Erich Honecker
auf den VIII. Parteitag: „Wenn man von der festen Position des Sozialismus
ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet der Kunst und Literatur
keine Tabus geben“.
- Beispiele für den neuen
Spielraum:
Ulrich Plenzdorf (*1934): Erzählung und Theaterfassung „Die neuen
Leiden des jungen W.“ (1972), „Die Legende von Paul und Paula“ ( als
Filmerzählung 1974)
Stefan Heym : Roman „Der König - David – Bericht“ (1973), Thema:
Legitimität staatlicher Macht, projiziert in die biblische Vergangenheit
Brigitte Reimann: Roman „Franziska Linkerhand“ (1974), Thema: eine
berufstätige Frau in der sozialistischen Gesellschaft
1976 Ausbürgerung Biermanns
- erneute Verschärfung des
kulturpolitischen Kurses: Wolf Biermann darf nach seiner Tournee in die
BRD nicht in die DDR zurückkehren, zahlreiche Künstler protestieren und
werden gemaßregelt, einige von ihnen übersiedeln später in die BRD, u.a.
Jurek Becker, Sarah Kirsch, Günter Kunert.
- in der Literatur weiterhin
kritische Sicht des Alltags im Sozialismus und der Vergangenheit, die 1945
nicht „bewältigt“ zurückblieb, sondern noch das Verhalten der DDR - Bürger
bestimmt
Autoren und Werke
- Heiner Müller: Schauspiele
„Germania Tod in Berlin“ (1976): Gegenüberstellung von Szenen der Zeit
zwischen 1919 und 1945 und solchen aus dem Alltag der DDR,
„Hamletmaschine“ (1978): Hamlet als barbarischer Revolutionär
- Christa Wolf: Roman
„Kindheitsmuster“ (1976), Thema: Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen
Vergangenheit
- Jurek Becker: Roman
„Schlaflose Tage“ (1978, BRD)
- Stefan Heym: Roman “Collin”
(1979), Thema: schuldhaftes Versagen und Verfolgungen der Vätergeneration
in den Anfängen der DDR
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