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Wegbereiter in der Sicherheitstechnik:
Das Anti-Blockier-System 
November '96. Am 9. Dezember 1970 - also vor mehr als 25 Jahren - stellte Mercedes-Benz das weltweit erste elektronisch geregelte Anti-Blockier-System der Öffentlichkeit vor. 
Nicht nur Fachleute sahen darin sofort eine revolutionäre Entwicklung für die Fahr- und Verkehrssicherheit, denn fast jeder Autofahrer kennt das ohnmächtige Gefühl, wenn ein Auto beim heftigen Bremsen mit blockierenden Rädern stur geradeaus rutscht und nicht mehr lenkbar ist. 

Bis Mercedes-Benz als weltweit erster Hersteller ein Anti-Blockier-System in einem Serienautomobil anbieten konnte, vergingen allerdings noch acht weitere Jahre der Entwicklung. Es erwies sich als schwierig, den funktionierenden Prototyp zu dem Grad an technischer Reife und Zuverlässigkeit zu bringen, der für eine Serienfertigung als unabdingbar anzusehen war. Erst die Erfindung integrierter Schaltkreise erlaubte es, robuste, aber kleine Computer zu bauen, die in kürzester Zeit die Daten von den Radsensoren erfassen und die Ventile zur Regulierung des Bremsdrucks ansteuern konnten. ABS gehört heute bei jedem Mercedes-Personenwagen zur Serienausstattung. Die Radsensoren und Magnetventile bilden auch die technische Basis für weitere elektronische Sicherheitssysteme. 

ABS - Stationen der Entwicklung
"Der Elch stand plötzlich mitten auf der Straße", beschreibt ein Versuchsfahrer von Mercedes-Benz die Schrecksekunde. "Daß wir bei gut 150 km/h auf diesem schneeglatten Weg im hohen Norden nicht mit ihm kollidierten, ist kaum zu begreifen." 

Sein Leben verdankte der massige Geweihträger in jener Polarnacht des Jahres 1959 letztlich der Routine des Versuchsfahrers. Tausendfache Erfahrung auf Wüstenpisten, Schlammstrecken, Glatteiswegen und regenüberfluteten Straßen hatten ihm und seinen Kollegen eine Bremstechnik ins Blut übergehen lassen, die jedem natürlichen Impuls widerspricht: Bei plötzlich auftauchenden Hindernissen nicht panisch aufs Bremspedal steigen. Mit blockierenden und damit unlenkbaren Rädern wäre das Versuchsfahrzeug sonst unbeirrbar geradeaus auf den Elch zugerutscht, der keine Anstalten machte, die Fahrbahn zu verlassen. Heute ist die Überlebenschance für auf der Straße dösende Elche weitaus größer, denn die meisten Pkw sind mit einem Anti-Blockier-System ausgerüstet, das jedem Autofahrer gezielte Ausweichmanöver auch bei Vollbremsung und Schneeglätte gestattet. "Trotz der Routine habe ich mir damals ein Bremssystem gewünscht, das Panikreaktionen korrigiert", erinnert sich der Testfahrer an seine Gefühle, als er damals das Auto um den sturen Koloß herumzirkelte. Das muß wie Zukunftsmusik geklungen haben, denn im Jahr 1959 prägten die Kleinwagen der Nachkriegszeit das Straßenbild, und viele Autos fuhren noch mit Seilzugbremsen, die vor allem auf Voraussicht und grenzenlose Zuversicht als Bremshilfen bauten. Mercedes-Benz hatte das Bremssystem allerdings schon Jahrzehnte zuvor auf zuverlässige Hydraulik umgestellt und überraschte in diesem Jahr die Welt mit der berühmten Heckflosse. Die Vorbereitungen für die Revolution in der Fahr- und Verkehrssicherheit fanden gleichzeitig in aller Stille statt: Das Anti-Blockier-System nahm als Skizze schemenhafte Gestalt an - die Anregung der Versuchsfahrer trug erste Früchte. 

Idee - dann Planung und Tests
Ein Anti-Blockier-System gehörte schon lange zu den Wunschvorstellungen der Automobilkonstrukteure: Die Fachliteratur raunt vor über 70 Jahren davon, und 1928 erhält der Deutsche Karl Wessel sogar ein Patent auf einen Bremskraftregler für Automobile - vom Papier in Stahl umgesetzt wurde er allerdings nie. Jahre später können dann doch Versuchsfahrer ausprobieren, was beim beherzten Tritt aufs Bremspedal passiert, wenn ein Blockierregler eingebaut ist. Viel Aufregendes haben sie allerdings nicht zu berichten. Das "Automobiltechnische Handbuch" von 1941 notiert, daß "nur bescheidene Erfolge erzielt worden sind." Aber die ersten Versuche klärten, woraus ABS bestehen mußte. Notwendig waren Sensoren zur Messung der Raddrehung an jedem Vorderrad, ein Steuergerät zum Registrieren und Vergleichen der Sensormessungen, das unerlaubte Abweichungen bemerkt und korrigiert, indem es den Bremsdruck an jedem Rad über ein Ventil individuell regelt. Die Umsetzung für die Straße ließ sich aber wesentlich komplizierter an als zunächst erwartet. Immer wieder brachen bei Versuchsfahrten Autos bei Vollbremsung aus. Denn die zunächst rein mechanischen Meßwertaufnehmer waren überfordert. Sie arbeiteten zwar 1952 zufriedenstellend im Anti-Skid-System für Flugzeuge der britischen "Dunlop Rubber Co. Ltd." und 1954 im "Knorr-Gleitschutz" für Züge. Im Auto wurde den mechanischen Reibradsensoren aber viel mehr abverlangt: Drehverzögerungen und -beschleunigungen zu registrieren, bei Kurvenfahrten und Bodenunebenheiten zuverlässig zu arbeiten und auch bei starker Verschmutzung und hoher Temperaturbelastung klaglos zu funktionieren. 
Fortschritt - durch Elektronik
Nicht nur bei Mercedes-Benz arbeiteten Ingenieure an der Entwicklung eines Anti-Blockier-Systems. Auch bei der TELDIX GmbH in Heidelberg brütete seit 1964 Heinz Leiber, heute bei Mercedes-Benz Leiter des Centers Elektrik/Elektronik in der Pkw-Entwicklung, über den Grundlagen des ABS. Die Ausfälle bei den mechanischen Sensoren konnte er nicht abstellen, es mußte eine ganz neue Lösung des Problems gesucht werden. Sie fand sich folgerichtig 1967 in neuen, berührungsfreien Drehzahlgebern, die das Prinzip der Induktion nutzten. Ihre Signale sollten eine Elektronik auswerten, die überdies Magnetventile zur Regelung des Bremsdrucks mit elektrischen Impulsen ansteuern mußte. Das erste erfolgversprechende Konzept. Was an Elektronik zur Verfügung stand, läßt sich mit den heutigen hochintegrierten Schaltungen allerdings nicht vergleichen, die mehrere Millionen Bauteile auf der Fläche eines Daumennagels enthalten können. "Die Schaltungen mußten mit einzeln Transistoren aufgebaut werden", erinnert sich Heinz Leiber. "Integrierte Bauteile standen nicht zur Verfügung, außerdem benutzten wir noch analoge Regeltechnik." Sie wirkt heute so antiquiert wie ein Dampfradio neben einer modernen HiFi-Anlage. 
Präsentation - im Dezember 1970
Warum sich die Mercedes-Ingenieure nach eigenen ersten Versuchen schließlich ab 1964 zunächst zusammen mit der TELDIX GmbH in Heidelberg, später mit der Robert Bosch GmbH und der WABCO Fahrzeugbremsen GmbH in Hannover (für das Nutzfahrzeug- ABS) intensiv mit der Entwicklung eines Anti-Blockier-Systems beschäftigten, erklärte das Vorstandsmitglied von Daimler-Benz, Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Hans Scherenberg am 9. Dezember 1970, als er der staunenden Öffentlichkeit das erste elektronisch geregelte ABS vorstellte. "Es genügt nicht, eine hervorragende Bremse zu bauen. Der Fahrer muß die Bremse auch richtig betätigen." Und das konnte nur ein Bremssystem garantieren, das gravierende Fahrerfehler selbsttätig korrigiert. "Vor allem Ungeübte sind gelegentlich überfordert," stellte Professor Scherenberg zur ABS-Premiere fest. "Aber auch der besonnene Fahrer, der seine Fahrweise so einrichtet, daß er nicht in gefährliche Grenzsituationen hineinkommt, kann durch das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer völlig unverschuldet zu einer Gewalt- oder Panikbremsung gezwungen werden. Durch ungewolltes Blockieren der Räder verliert auch er dabei unter ungünstigen Verhältnissen die Kontrolle über sein Fahrzeug." Aus dieser Erkenntnis entwickelte sich schließlich der beeindruckende Siegeszug des ABS, das heute serienmäßig in jeden Mercedes-Benz eingebaut wird. 
Erprobung - der Weg zur Serienreife
Immer wieder fielen bei der Erprobung Bauteile aus, ergaben sich Unstimmigkeiten - aber das Prinzip überzeugte. 1970 präsentierte Mercedes-Benz das erste elektronisch geregelte Anti-Blockier-System für Pkw, Lkw und Omnibusse auf der Versuchsbahn in Stuttgart-Untertürkheim der Presse. Es war beeindruckend. "Ich konnte sogar in der Kurve bremsen, ohne daß etwas passierte", begeisterte sich ein Pressevertreter über den harmlosen Ausgang dieses Manövers, das damals absolut verpönt war und zu recht als gefährlich galt. Ein Anfangserfolg. An Serienreife war aber noch nicht zu denken. In der Praxis zeigten sich noch viele Probleme. Bei der Wintererprobung 1972 fielen ein Drittel der elektronische Steuergeräte wegen ihres komplizierten Aufbaus aus einzelnen Elektronikbauteilen aus. Noch basierte die Elektronik auch auf der fehleranfälligen Analogtechnik und kompliziert aufgebauten Schaltungen. Die ersten Mikroprozessoren gab es 1970 zwar schon, aber sie waren nicht ABS-tauglich. So dauerte es noch fünf Jahre, bis die Robert Bosch GmbH das erste volldigitale Steuergerät zu Versuchszwecken in Untertürkheim ablieferte. Digital statt analog bedeutet vor allem weniger Bauteile, und das Risiko einer Fehlfunktion schrumpft gegen null. Die elektronischen Bauteile waren nun in der Lage, Sensordaten in Millisekunden zu erfassen, zu vergleichen, zu bewerten und Regelimpulse an die Magnetventile der Bremsen zu senden. 
1978 - weltweit das erste ABS 
Von den ersten Gedanken bis zur Tat ist es oft ein weiter Weg. Schließlich konnte Mercedes-Benz 1978 aber als weltweit erster Automobilhersteller das Anti-Blockier-System anbieten. Zunächst in der S-Klasse zum Aufpreis von 2217,60 Mark. 1984 gehörte ABS erstmals bei Mercedes-Benz zur Serienausstattung: Im 190 E 2.3-16 und in den Modellen der S- und SL- Klasse wurde dafür kein Aufpreis mehr berechnet. Zehn Jahre nach der Ersteinführung waren bereits eine Million Mercedes-Personenwagen mit ABS auf der Straße. Zum letzten Mal verzeichnete eine Preisliste das ABS am 3. Juni 1991 als Sonderausstattung - für 1521,90 Mark. Seit dem 1. Oktober 1992 gibt es das Anti-Blockier-System bei allen Mercedes-Personenwagen serienmäßig. 
Weiterentwicklungen - Basis liefert das ABS 
Die Entwicklung geht weiter. Wer die Historie verfolgt, zählt beim ABS heute bereits die fünfte Generation. Moderne Systeme sind nicht nur leichter und kompakter, sondern auch kostengünstiger als ihre Vorgänger. Die Fertigung kostet nur noch etwa ein Drittel so viel wie damals, Gewicht und Volumen wurden jeweils um rund 40 Prozent reduziert, und die Zahl der notwendigen Bauelemente ist von etwa 150 auf nur noch 55 zurückgegangen. Kostengünstiger, kleiner und leichter - und dennoch leistungsfähiger. Die Karriere des ABS beschränkt sich nicht darauf, Bremsblockieren zu verhindern. Längst nutzen Konstrukteure die Radsensoren und Magnetventile des ABS als technische Basis für noch raffiniertere elektronische Sicherheitssysteme. Dazu zählen vor allem: 

- Electronic Traction System (ETS) 
- Antriebsschlupf-Regelung (ASR) 
- Electronic Stability Program (ESP)
- Bremsassistent

Die Daten der Radsensoren des ABS sind allerdings auch für Bauteile und Funktionen verwendbar, bei denen auf den ersten Blick niemand einen Zusammenhang vermutet. Zum Beispiel für das neue elektronisch gesteuerte Automatik-Getriebe, das sich den Fahrerwünschen anpaßt, oder das Auto-Pilot-System (APS). Sogar Reiserechner, Motor- und Scheibenwischersteuerung greifen darauf zu - alles, was geschwindigkeitsabhängig gesteuert wird. Weiterreichende Erwartungen in die Zukunft sind erlaubt: Sicher zieht noch mehr Elektronik ins Fahrwerk ein, beispielsweise zur individuellen Dämpfungs- und Federungseinstellung. Und immer ist der Bezug zum ABS vorhanden. 

Einsatzgebiete - Pkw, Bus und auch beim Rennen 
Mercedes-Benz hat als weltweit größter Nutzfahrzeughersteller auch dort die Vorreiterrolle bei ABS übernommen. So wurde 1981 das weltweit erste ABS für LKW mit Druckluftbremsen in die Produktpallette aufgenommen. Seit 1987 sind alle Reisebusse und seit 1991 auch alle Lastkraftwagen über 16 Tonnen mit ABS ausgerüstet. Auch die Allradmodelle der G-Klasse kommen in den Genuß von ABS - selbstverständlich speziell für den Geländewageneinsatz ausgelegt. Es schaltet automatisch ab, wenn eine der drei Differentialsperren eingeschaltet wird, und es kann manuell stillgelegt werden - vorteilhaft im Geländebetrieb. Falls es nicht immer geradeaus oder im Oval ringsherum geht, beweist ABS sogar beim Renneinsatz Qualitäten.

Auf der Rennstrecke ist dies gleichzusetzen mit schnelleren Rundenzeiten. Reinhold Asch, Mercedespilot bei der DTM 1990, konstatierte bereits nach wenigen Runden mit dem neuen Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evolution, daß er "entscheidende Sekunden auf der Bremse gewinnen kann", und siegte auf Anhieb beim Einladungsrennen der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft in Kyalami (Südafrika). Mit ABS können die Piloten in die Kurven hineinbremsen und so einen Tick später vom Gas gehen. Zudem werden die Reifen nicht so in Mitleidenschaft gezogen wie bei blockierenden Rädern. Für den Renneinsatz mußte allerdings ein spezielles Renn-ABS entwickelt werden, das sich vor allem durch Magnetventile mit größerem Querschnitt zum schnelleren Aufbau des Bremsdruckes von der "zivilen" Limousinenausführung unterscheidet. Auch die Regelelektronik ist anders ausgelegt und durch Austausch des Elektronik-Chip frei programmierbar - je nach Rennstrecke. "Mit ABS bin ich auf der Rennstrecke einfach sicherer", urteilte einer der Mercedes-Piloten. 


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ABS - Stationen der Entwicklung 
Idee - dann Planung und Tests 
Fortschritt - durch Elektronik 
Präsentation - im Dezember 1970 
Erprobung - der Weg zur Serienreife 
© DaimlerChrysler, 1999