|
|
Mynarek, der 1953 zum Priester geweiht wurde, von 1966-68 als Professor für Religionsphilosophie in Bamberg und von 1968-72 als Professor für Religionswissenschaft in Wien unterrichtete, war von 1971-72 Dekan der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien. Seine universitäre Karriere endete abrupt, als er im November 1972 (als erster deutschsprachiger Theologieprofessor überhaupt) aus der Kirche austrat, ein Schritt, den er in einem scharf formulierten "Offenen Brief an den Papst" ausführlich begründete. Nachdem ihm die kirchliche Lehrbefugnis entzogen wurde, hatte der österreichische Staat keine Verwendung mehr für den Gelehrten. So wurde Mynarek schon mit 43 Jahren pensioniert. "...Ich gebe jedoch einem Denker wie Schmidt-Salomon, der die kirchliche wie die Sektenszene kennt, recht, wenn er sagt, dass man in katholischen und evangelischen Akademien mehr Rationalisten und Agnostiker antrifft als im UL. Tatsächlich war ja ein Grund meines Kirchenaustritts, dass ich so vielen Agnostikern, ja Atheisten unter den hohen Würdenträgern der beiden Kirchen begegnete, die aber zugleich vor dem kirchlichen Fußvolk, den staatlichen Behörden und der Öffentlichkeit die angebliche Kraft ihres Glaubens betonten. Es gibt nur wenig Schlimmeres als diese heuchlerische Schizophrenie, die aber groteskerweise die Stabilisierung des charakterlosen staatskirchlichen Mischverhältnisses noch verstärkt. " "...Aber ich halte es hier mit Leo Tolstoi, der den berühmten Satz prägte: "Solange es Schlachthöfe gibt, wird es Kriege geben." Eine echte, ethische Höherentwicklung der Menschheit wird es in der Tat nicht geben, solange wir Schmerz und Leid genau so wie wir empfindende nichtmenschliche Lebewesen töten. Mein Freund Karlheinz Deschner, Autor der berühmten "Kriminalgeschichte des Christentums" hat das auf den Punkt gebracht: "Warum essen Menschen Tiere? Weil sie ihnen schmecken. Das ist zwar barbarisch, ist ethisch indiskutabel, aber so ist es. Es ist, wie es ist, und es ist fürchertlich ... Differenziertere Gemüter räumen den Sachverhalt nicht so gerne ein, zu roh, zu gemein, wie er ist, einfach niederträchtig, basierend allein auf dem Recht des Stärkeren, dem Recht der Gewalt." Interessanterweise hat mein Buch in fast allen Lagern heftige Gegner gefunden. Paradoxerweise auch bei den Christen. Aber auch da trifft Deschner den heute verschleierten bzw. ins Gegenteil ökologisch hochgejubelten Tatbestand, wenn er betont: "Für das Christentum beginnt die Tragödie des Tiers, die größte Tragödie auf Erden, bereits im Alten Testament ... Biblischer Tierschutz? ... Der nackte Egoismus einer Viehzüchterreligion!" "...Natürlich habe ich aufgrund der gesamten Kirchengeschichte der letzten zwei Jahrtausende gewusst: die Kirche verfolgt alles, was ihren Machtinteressen zuwiderläuft, verträgt selbst aber keinerlei Kritik, und sei diese noch so angebracht. Trotzdem war ich doch über die massiv-brutale Reaktion der Kirche auf meinen Kirchenaustritt, meinen Offenen Brief an den Papst und mein die inneren kirchlichen Zustände beschreibendes Buch "Herren und Knechte der Kirche" überrascht. Diese unangemessene Gegenreaktion der Kirche hing auch damit zusammen, dass ich der erste Universitätsprofessor der katholischen Theologie im deutschsprachigen Raum im 20. Jahrhunderts war, der der Kirche den Rücken kehrte. "...Ja, nachdem der Bertelsmann-Konzern unter dem Druck der Kirche vom bereits geschlossenen Buch-Vertrag mit mir zurückgetreten war, obwohl er ursprünglich mein Manuskript voll akzeptiert hatte. In der Interimszeit - Bertelsmann hatte den Vertrag bereits gebrochen, aber die Kirche wusste nicht, ob ich bereits einen neuen Verlag hatte - kam ein Delegierter des Münchner Kardinals Döpfners und erklärte mir: "Sie kriegen sofort wieder einen Lehrstuhl, wenn Sie das Buch nicht herausgeben und in den Schoß der Kirche zurückkehren. Wenn Sie das nicht tun, dann werden wir Sie mit 30 und mehr Gerichtsprozessen überziehen und dann werden Sie, im Rinnstein liegend, um die Gnade winseln, von der Kirche wieder aufgenommen zu werden. Denn Scheiterhaufen brennen nicht mehr, aber wir können auch heute noch Menschen finanziell vernichten". Zum Schuldeingeständnis des Papstes: "...Es handelt sich nach meiner ehrlichen Überzeugung nur um einen gut kalkulierten PR-Gag. Dieser Papst hat in seiner ganzen Amtszeit seit seiner Wahl 1978 praktisch nichts anderes getan als solche PR-Gags auf all seinen Reisen durch die Welt. Den Herren der Kirche fehlt jedes Unrechtsbewusstsein, jedes Mitfühlen mit den Leidenden dieser Welt. Nie hat das Papsttum, nie der Vatikan irgendeine Spende für die durch Katastrophen - Erdbeben, Überschwemmungen etc. - Geschädigten aufgewendet. Er ruft das kirchliche Fußvolk und die Regierungen zu Spenden auf, er selbst spendet keine müde Mark. Stattdessen mischt er als Großaktionär in allen möglichen internationalen Konzernen mit, und zwar ohne Rücksicht auf die moralische Qualität dieser Konzerne, also auch in Rüstungsfirmen, Tierversuchsfarmen, Gen-Labors etc. pp. Wäre das Schuldbekenntnis des Papstes wirklich ernst gemeint, dann müssten 1. die Nachkommen der Inquisitionsopfer ihren von der Kirche eingezogenen Besitz zurückbekommen und Geldentschädigungen dafür erhalten, dass sie noch generationenlang Gebühren für die durch die Hinrichtung ihrer Familienangehörigen der Kirche entstandenen Kosten zahlen mussten;Die Liste dessen, was die Kirche zur Bereinigung ihrer immensen Schuld heute tun müsste, ließe sich noch fast endlos verlängern. "...Auch ich bin der Meinung, dass Jesus, wenn er denn gelebt hat, ein galiläischer Wanderprediger war, der gar nicht daran dachte, seine jüdische Religion zu verlassen oder gar eine neue zu gründen. Als Stifter des Christentums, allerdings eines Christentums, das mit den religiösen Vorstellungen Jesu gar nichts mehr zu tun hat, kommt allenfalls Paulus in Frage. Dinge wie die Geburt aus einer Jungfrau, die Erbsündenlehre, der Tod Jesu am Kreuz zur Tilgung der Sünden der Menschheit oder die Einsetzung eines kannibalistischen Abendmahls, in dem das Blut und der Leib der Gottheit genossen wird, wären dem Juden Jesus nicht mal im Traum eingefallen. Insofern schwebt das Christentum in der Luft, es hat keine Grundlage in der wirklichen Geschichte, zumindest nicht die, die die Kirchen und gewisse sich christlich nennende Parteien behaupten und proklamieren.
Empfehlenswerte Bücher von Hubertus Mynarek:Eros und Klerus. Verlag Die Blaue Eule, Essen 1999, Neuauflage. 216 Seiten, DM 48,- . (ISBN 3-89206-950-6) Ein brillant geschriebenes Buch über die tragisch-komischen sexuellen Nöte des Christenmenschen. Die gegenüber der Originalausgabe erweiterte und erheblich verbesserte Neuauflage verfügt zusätzlich über ein großes Anhangskapitel, das über das erstaunlich ergiebige Thema "Phallus-Symbolik im Christentum" informiert. Denkverbot. Fundamentalismus in Christentum und Islam. Knesebeck-Verlag, München 1992. 112 Seiten, DM ? (ISBN 3-926901-45-4) Eine präzise, knapp gehaltene, zum Nachdenken zwingende Einführung in das Thema. Wie Mynarek aufzeigt, ist der Fundamentalismus keine zufällige Zeiterscheinung, kein tragischer Unfall der Weltreligionen, sondern schon in den grundsätzlichen Glaubenswahrheiten der monotheistischen Religionen angelegt. Jesus und die Frauen. Das Liebesleben des Nazareners. Verlag Die Blaue Eule, Essen 1999, Neuauflage. 200 Seiten, DM 29,- . (ISBN 3-89206-935-2) Eine der klarsten, spannendsten und auch humorvollsten Darstellungen der zutiefst widersprüchlichen Gestalt des biblischen Jesus. Sehr empfehlenswert. Die neue Inquisition. Sektenjagd in Deutschland. Verlag Das weiße Pferd, Marktheidenfeld 1999. Euro 18,- Buch, 489 S., kart., ISBN 3-9808322-1-X, Heftig umstritten, aber lesenswert: Mynareks Abrechnung mit den kirchlichen und staatlichen Sektenbeauftragten. Auch wenn das Buch insgesamt zu einseitig argumentiert (die notwendige Kritik am Irrationalismus der Sekten fällt unter den Tisch), es enthält zweifellos bemerkenswerte Einsichten in die Mentalität, Motivation und Methoden neuer und alter Inquisitoren.
|