Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch

Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen

 

Biographie:

Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen wurde vermutlich am 17. März 1621 in Gelnhausen in Hessen geboren. Er entstammte ursprünglich einer adeligen Familie, die aber durch die Ausübung von bürgerlichen Berufen ihren Adelstitel zurücklegte. Von 1627 bis zur Zerstörung Gelnhausens 1634 besuchte er die lutherische Lateinschule der Stadt.

Sein weiteres Leben war eng mit dem Dreißigjährigen Krieg verbunden. Er wurde 1635 von Soldaten verschleppt und nahm als Pferdejunge, Soldat und Regimentsschreiber in verschiedenen Armeen am Dreißigjährigen Krieg teil. Grimmelshausen heiratete am 30. August 1649 und war bereits davor zum Katholizismus konvertiert. Von 1650 bis 1660 war er Gutsverwalter in Gaisbach und von 1662 bis 1665 auf Ullenburg bei Oberkirch. 1665 wurde er Gastwirt in Gaisbach.

Ab 1667 lebte er in Renchen (Baden), wo er am 17. August 1676 starb.

wichtigste Werke:   · Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch (1669)

· Lebensbeschreibung d. Erzbetrügerin u. Landstörtzerin Courasche (1670)

· Der seltsame Springsfeld (1670)

· Das wunderbarliche Vogelnest (2 Teile, 1672/73)

Grimmelshausen wurde durch den „Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch“ und das damit zusammenhängende Werk „Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche (1670), der weiblichen Komplementärfigur zum Simplicissimus, berühmt. Das Werk zeigt Grimmelshausen als einen der bedeutendsten Vertreter des Schelmenromans in Deutschland und als satirischen Kritiker der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Grimmelshausens „Simplicissimus“ war Vorlage für viele später erschienen Schelmenromane, wie zum Beispiels Thomas Manns „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ oder Günther Grass’ „Die Blechtrommel“.

 

Inhaltsangabe:

Dem Schelmenroman entsprechend erzählt Grimmelshausen in der Form der Ich-Erzählung die Biographie seines Helden „Simplicius“ chronologisch vom Zeitpunkt seiner Geburt an.

Simplicissimus wird als sehr junger Bub vom seines Vaters, einem Spessart-Bauern, vertrieben findet er Unterschlupf bei einem Einsiedler, der ihn den christlichen Glauben und die damit verbunden Moralvorstellungen lehrt. Nach dem Tod des Eremiten tritt Simplicissimus in eine Welt ein, die vom Krieg dominiert wird. Er versucht, sich nicht an die Ratschläge des Einsiedlers haltend, sein Glück auf weltliche und schelmische Weise zu machen und behält mit seiner Entscheidung recht, denn er ist erfolgreich und avanciert zum Jäger von Soest. Durch Gefangennahme fällt er wieder von der Höhe des Glücks.

Er gelangt nach einer erzwungenen Ehe über Köln nach Paris, wo er als Sänger und Frauenliebling ein glückliches Leben führt. Nach einer schweren Krankheit versucht er sich als Quacksalber, wird aber wiederum als Musketier vom Krieg eingeholt. Schließlich lässt er sich im Schwarzwald als Bauer nieder. In der Zeit als Bauer erfährt er die Wahrheit über seine adelige Abstammung und beschließt nach erneuten abenteuerlichen Reisen ein Leben als Eremit zu führen.

Der Erfolg des Romans veranlasste Grimmelshausen und seinen Verleger zur Produktion von Ergänzungen und Romanen, deren Thematik sehr ähnlich ist. Die Helden und Personen aus dem Hauptwerk werden mit einbezogen (simplicianische Schriften).

 

Charakterisierung:

 

Simplicissimus: Er ist ein Narr, der erstmals durch den Eremiten Zugang zur Bildung findet. Er zeigt sich als eifriger Schüler, doch er lernt nicht, wie er sein Wissen anwenden soll und kann, denn als der Eremit stirbt, verlässt er sich sofort wieder nur auf seine Instinkte und vergisst auf die Lehren seines Lehrers. Er weiß nicht wie er mit der „Macht“ des Wissens umgehen soll.

Simplicissimus hat Erfolg mit seinem schelmischen und abenteuerlichen Lebensstil und möchte ihn daher nicht ändern, obwohl es manchmal bergab geht. Doch in seiner Naivität gibt er nie auf und lässt sich auch noch so demütigen, solange er das Gefühl hat erfolgreich und beliebt zu sein.

  Er erlebt sehr viele Abenteuer, die seinen Charakter immer wieder formen und verändern. Simplicissimus lebt in einer Scheinwelt, die keinerlei Bezug zur der realen Welt zu haben scheint. Er findet sich in der realen Welt nicht zurecht und „baut“ sich daher als Schelm seine eigene Welt auf. Er ist nicht fähig ein „normales“ Leben zu führen, in dem er sich seine eigene Identität aufbaut.

  Er hat bei dem Eremiten viel gelernt, vor allem über Religion. Doch auf seiner Reise erfährt er immer wieder genau das Gegenteilige von dem was ihm gelehrt wurde. Aus diesem Grund kommt es auch im Verlaufe des Buches zu einer Abkehr vom Glauben. Er selbst beginnt zu morden und zu plündern. Erst ganz am Ende des Buches scheint er die Worte des Eremiten verstanden und vor allem richtig interpretiert zu haben, denn er kehrt sich von der weltlichen Welt ab, um ein Leben zu führen, dass er als Eremit dem Gebet widmet.

 

Interpretation:

Der Schelmenroman ist ein früh ausgebildete, jahrhundertelang variierte und bewährte Sonderform des Romans. Der Held ist ein sozial niedrigstehender Abenteurer, den die Existenznot und der Wechsel des Glücks durch schwierige Situationen bringen. Mit Gerissenheit, Sprachwitz und einem Sinn für den eigenen Vorteil meistert der Schelm gefährliche Abenteuer.

Das Formprinzip ist wie bei einem Ritter- oder Abenteuerroman die lockere Episodenreihung. Dieses Formprinzip ist sehr gut für die Verwendung von volkstümlichen Motiven und satirischen Elementen, aber auch von religiösen Kommentaren und Deutungen geeignet.

Der anonyme Schelmenroman „La vida de Lazarillo de Tormes“ (1554) gilt als Prototyp der Gattung des Schelmenromans. Ihm folgten in Spanien zahlreiche verwandte Werke, ehe sich die Form im 17. Jahrhundert in ganz Europa verbreitete.

Grimmelshausen wollte mit seinem Werk an die volkstümliche Literaturtradition, sowie an den spanischen Schelmenroman anknüpfen. Trotzdem handelt es sich nur in Ausnahmefällen um blanke Kopien der Vorgängerromane. Der Hauptteil besteht aus eigenen Um- und Neudichtungen. Die Volkstümlichkeit der Quellen brachte Frische und Ursprünglichkeit in das Werk.

Grimmelshausen zeigt sich in diesem Roman als Kritiker der Gesellschaft des 17. Jahrhunderts.

Er prangert die Missstände an, die durch den Krieg und die Nachkriegsereignisse entstanden sind. Doch er greift sie nicht direkt an, sondern würdigt sie satirisch. Sein Held erlebt all diese Missstände und lebt teilweise glücklich teilweise unglücklich mit ihnen.

Grimmelshausen führt die Gesellschaftssituation auf den „Ständebaum“ zurück. Die Spitze bildet der Adel, der sehr klein ist, doch von den Bauern, den Wurzeln der Gesellschaft, lebt. Die Bauern bringen Ernten ein und versorgen die Städte oder rücken für ihr Land in den Krieg. Hätte der Adel seine Bauern als starke Wurzeln nicht, würde er untergehen, weil er nichts erreichen kann. Grimmelshausen kritisiert die Fehlhaltung der Adeligen, weil sie sich oft nicht ihrer Abhängigkeit gegenüber den Bauern bewusst sind, sondern sie wie mindere Menschen behandeln.