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1. Kapitel
Der Engel schwebte über die weiten
Kontinente und unendlichen Meere. Wieder auf der Suche nach einem ihm zum
Schutze Anbefohlenen war er. Seit nunmehr vierhundertvierundsechzig Jahren zog
er still und in immerwährender Gleichmäßigkeit seine Bahn. Auch er gehörte zum
Korps der himmlischen Heerscharen. Obwohl sie allesamt dem Herrn unterstellt
waren, besaßen sie doch eine große Ermessensfreiheit. Diese Boten Gottes wurden
nie älter und lebten ewig. Sie wurden nicht geboren, sondern waren schon seit
unendlichen Zeiten existent. Weder weiblich noch männlich waren sie, sondern
übernatürliche, geschlechtslose Wesen. Sie brauchten keine Luft und keine
Liebe. Keine Namen besaßen sie. Nur die Manager unter den Engeln hatten solche.
Da gab es die übermächtige Dreifaltigkeit der Erzengel Michael, Gabriel und
Raphael. Das waren die Chefs. Weiterhin gab es die sechsflügligen Cherubim und
die vierflügligen Seraphim. Obwohl sie mehr Schwingen hatten und auf Grund
dessen schneller hätten fliegen können als die gewöhnlichen Engel, waren sie
doch nur dazu da, am Throne Gottes zu stehen und den Herrn immerfort zu
lobpreisen. In der himmlischen Hierarchie standen sie unmittelbar unter der
Dreiheit der Erzengel und waren diesen fast ebenbürtig.
Luzifer, der ehemalige Bote Gottes,
der einst strahlendste aller Engel, war entlassen worden, weil er angefangen
hatte, selbständig zu denken. Aber auch er musste sich dem ewigen Gesetz
beugen, das da lautete, dass der Hochmut vor dem Fall käme. Er leitete jetzt
seine eigene Entsorgungsfabrik. Der armen Seelen, die eine Todsünde begangen
hatten und diese nicht mehr rechtzeitig bereuen konnten, nahm er sich an.
Anfänglich heizte er die satanischen Öfen mit Koks. Später stieg er auf Öl um.
Neuerdings bediente er sich der Kernenergie. Der Hölle stand er vor, die sich
tief im Inneren der Erde befand und versuchte, so gut es ging, den Betrieb
aufrechtzuerhalten. Im Laufe der Jahrtausende bekam er immer mehr zu tun, denn
die Zahl der Verdammten stieg unaufhörlich. Nach jedem Krieg musste er wieder
Hilfsteufel, die auf Abruf bereitstanden, anfordern, damit die anfallende
Arbeit bewältigt werden konnte. Wenn es einmal zu heiß wurde, aktivierte er
einen Vulkan und ließ den überschüssigen Dampf entweichen. Außergewöhnlich gute
Kunden waren in letzter Zeit die vermeintlichen Friedensstifter jener
Völkerorganisation, die in New York ihren Hauptsitz hatte. Sie stellten das
größte Kontingent der Verdammten, denn sie zogen die bewaffneten
Auseinandersetzungen unnötig in die Länge, weil ihnen die Darwinsche Lehre
scheinbar unbekannt war. Ab und zu hatten Luzifer und seine Mannen soviel zu
tun, dass sie sich wünschten, im Himmel geblieben zu sein, denn dann hätten sie
ein ruhigeres und beschaulicheres Dasein führen können.
Seit längerem schon trug Luzifer
sich mit dem revolutionären Gedanken, das ganze höllische System zu
reorganisieren und die gesamte Unterwelt, einschließlich des furchterregenden,
aber treuen Wachhundes Zerberus, in die Unendlichkeit des Weltalls umzusiedeln.
Das arbeitsintensive Heizen wäre dann auch nicht mehr vonnöten, da es
Sonnenenergie im Überfluss gäbe. Mit den Boten des Allgütigen würde es zu
keinem Konflikt kommen, da diese völlig andere Aufgaben als der Diabolus
hatten.
Manchmal kam es vor, dass die
himmlischen Engel mehr als tausend Jahre frohlockend umherschwebten, bevor sie
sich wieder eines Schützlings annahmen. Im Gegensatz zu Luzifer waren diese
glücklichen Boten des Allmächtigen keinem allzu hohen Arbeitsdruck ausgesetzt.
Der Engel, um den es sich hier
handelte, hatte als letzten Schützling den etwas ungestümen Albrecht. Dieser
war am dreihundertachtundzwanzigsten Tag, an einem Samstag, Anno Domini MCDXIV,
im sächsisch‑anhaltinischen Tangermünde geboren worden. Mit ihm hatte der
Engel große Schwierigkeiten gehabt, denn Albrecht war sehr eigensinnig. Aber
der Engel war ihm wohlgesonnen, legte Fürsprache für ihn ein und beschützte ihn
mehr als siebzig Jahre. Am siebzigsten Tag, auch wieder an einem Samstag, Anno
Domini MCDLXXXVI, begleitete er ihn, von Frankfurt am Main, zum Herrn. Während
seines langen Lebens hatte Albrecht oft blutige Kriege geführt und mit Hilfe
seines Engels neunzehn gesunde Kinder gezeugt. Er liebte das Essen und Trinken
sehr. Der Engel hatte ihn gut geleitet und kehrte wieder, nach so vielen
Jahren, in das alte Europa zurück. In den vierhundertvierundsechzig Jahren
hatte sich nichts Wesentliches verändert. Die menschliche Natur war gleich
geblieben. Aus der Sicht des Engels, mit seiner unendlich langen Erfahrung und
dem kompletten Überblick, war also alles beim alten geblieben. Beladen mit
ihren Ängsten und erfüllt von ihren Sehnsüchten, zogen die Menschen weiter
durch dieses Jammertal, das sie Erde nannten. Unentwegt hofften sie, wie schon
so viele Generationen vor ihnen, dass es einmal besser werden würde.
Den Engel führte die Reise erneut
nach Deutschland. Auch diesmal sollte sein zukünftiger Schützling ein Knabe
sein. Bei einer Bauernfamilie ließ er sich am siebzigsten Tage, wiederum an
einem Samstag, Anno Domini MCML, nieder. Ein kalter Tag war es mit leichtem
Schneegestöber. Zwei Kinder gebar die Bäuerin kurz vor Mitternacht: Sebastian
und dessen Zwillingsbruder, der als erster das Licht der Welt erblicken sollte,
auf dass er dem Jüngeren den Weg bahne. Des kleinen und schwächlicheren
Sebastians nahm sich der Engel an. Ab jetzt sollte er dessen Leben beobachten,
führen und begleiten. Von alledem wusste Sebastian nichts. Außer dem
Zwillingsbruder, seinem Alter ego während der Fetalphase und in der frühen
Kindheit, hatte er noch drei ältere Brüder.
Katholisch getauft wurden die
Zwillinge bereits nach einundsechzig Stunden in der Reihenfolge ihrer Geburt,
damit der Schwächere dem Vorbild des Stärkeren folgen könne. Einige Wochen
später schon übernahm die Großmutter die Erziehung des Jüngeren der beiden. Sie
wohnte auch auf dem Bauernhof und war die Mutter von Sebastians Vater. Zwischen
ihnen gab es nur einen stark reduzierten Kontakt und daher auch keine
Streitigkeiten. Sebastians Mutter hatte auf den Hof eingeheiratet und deswegen
keinen großen Einfluss. Diesem uralten, ungeschriebenen Gesetz, das da lautete,
ora et labora, bete und arbeite, aber sei vor allem dem Manne und der
Schwiegermutter untertan, hatte auch sie sich in Demut zu beugen. Die einzige
Möglichkeit, die sich ihr in dieser ausweglosen Situation darbot, ergriff sie
und zog sich in die Passivität zurück.
Dies sah der Engel und ließ es so.
Zehn Jahre sollte es währen.
Noch viele Tanten und Onkel hatte
Sebastian, die ihn aber nicht sonderlich interessierten. Die wichtigste
Bezugsperson für ihn war die Großmutter. Schon siebzig war sie zur Zeit seiner
Geburt. Außerdem hatte sie rotes Haar und war korpulent. Alle Zähne waren ihr
schon ausgefallen. Aus diesem Grunde besaß sie ein Gebiss, das sie aber nur
äußerst selten trug, da es nicht richtig passte. Meistens lag es im Schrank.
Dort wurde es in einem Glas aufgehoben und nur zu besonderen Anlässen
hervorgeholt. Wenn die Großmutter es dann vorsichtig in den Mund hineinschob,
dauerte es immer ein Weilchen, bis es an die richtige Stelle gekommen war.
Mitunter tat sie sich sehr schwer damit, da ihr die notwendige Routine
offensichtlich fehlte. Der Versuch dann, den Mund zu schließen, gelang ihr
sogar mit einiger Mühe noch. Zusammenkneifen aber konnte sie die Lippen nicht
mehr, selbst wenn sie sich dabei kräftig angestrengt hätte. Dafür waren die
Zähne zu groß. Die untere Partie ihres Gesichtes, deren Konturen sich durch das
Gebiss leicht veränderten, empfand Sebastian immer als etwas Lustiges, da alles
so auffallend nach vorne gewölbt aussah. Manchmal musste die Großmutter selbst
darüber lachen, wenn sie sich im Spiegel betrachtete und mit leichtem Entsetzen
feststellte, dass ihre Lippen kaum die falschen Zähne verbergen konnten. Außer
ästhetischen gab es auch noch praktische Gründe, das Gebiss so wenig wie
möglich zu tragen. Ihre Artikulation wurde undeutlicher und manchmal fing sie
an zu lispeln. Mitunter war es für Sebastian dann schwer, sie zu verstehen. Auf
Grund dieser unerwünschten Begleiterscheinungen kam es dazu, dass sie die künstlichen
Zähne immer seltener benutzte, obwohl sie diesen ungeliebten Zahnersatz doch
noch jedes Mal in ihre Handtasche steckte, wenn sie in die Stadt ging.
Viele Freundinnen hatte die
Großmutter und war daher oft unterwegs, zu Fuß meistens. Zuweilen benutzte sie
auch die Straßenbahn. Die Schimpferei war ihre liebste Beschäftigung. Ein
gewilliges Opfer war Sebastians Mutter, denn die konnte sich nicht wehren. Das
Gezeter über die ungeliebte Schwiegertochter fand nicht direkt statt, sondern
lief über Sebastian und dessen Brüder.
Der Engel nahm keinen Anstoß daran,
denn er wusste, dass es schon seit ewigen Zeiten so war und auch weiterhin so
bleiben würde.
Während ihrer Kindheit genossen
Sebastian und sein Zwillingsbruder große Freiheiten bei der Großmutter. Im Heu
und im Stroh, auf den Wiesen und am Bach, der in unmittelbarer Nähe des Hofes
vorbeifloss, spielten sie tagsüber. Die schwarzweiß gefleckten Kühe sahen sie.
Wie diese, täglich zweimal, mit der Hand gemolken wurden, konnten sie
miterleben, sooft sie nur wollten. Es wurden Kälber, Katzen und Fohlen geboren.
Nach dem sonntäglichen Kirchgang
und dem sich daran anschließenden Frühschoppen, brachte der Vater den
Zwillingen immer eine Tafel Milchschokolade mit. Er redete nicht viel. Oft
schimpfte er geradeso wie die Großmutter.
Als Sebastian drei Jahre alt war,
fasste der Engel den Beschluss, ihn langsam und sanft an die Sexualität
heranzuführen. Aus seiner langjährigen Erfahrung wusste er, dass dies nicht
früh genug geschehen könne, damit eine völlige Integration von Geist und Körper
gewährleistet sei. Im Laufe von zwei Jahren hatte er drei außergewöhnliche
Ereignisse geplant, damit Sebastian ja nicht erschrecke und womöglich ein
immerwährendes Trauma davontrage. Bei dem kriegerisch aggressiven Albrecht, vor
fünfhundertsechsunddreißig Jahren, war dem Boten Gottes ein kleines
Missgeschick unterlaufen. Er hatte ihn, in diesem zarten Alter, einer
nymphoman-pädophil veranlagten Magd anvertraut, die sich schwer an ihm
vergangen hatte. Diesmal sollte dieses Ungeschick vermieden werden. Drei
männliche Kandidaten hatte sich der Engel für alle drei Vorfälle ausgesucht.
Der erste Auserwählte war ein Nachbarsjunge von fünf Jahren.
Seit einiger Zeit schon kam dieses
risikofreudige Bübchen zum Hof von Sebastians Eltern. Dort spielte es mit
Sebastian und dessen Zwillingsbruder, meist in der frischen Luft auf den
Wiesen. An einem Frühsommertag, dort
draußen, zog es, während sie zu dritt froh und unbekümmert herum tobten,
plötzlich seine Hose herunter, hockte sich hin und verrichtete seine Notdurft.
Während es in dieser Hockstellung dort saß, bat es Sebastian und seinen
Zwillingsbruder, ihm Büschel frischen Grases zu pflücken, damit es sich den
Hintern abwischen könne. In diesem Moment kam ein merkwürdiges Gefühl über
Sebastian, das er noch nicht kannte. Er fühlte eine innere Aufwühlung, eine ihm
noch unbekannte Spannung und eine, in dieser Stärke, erstmals erlebte
Sensation. Mit all seiner Kraft rupfte er das duftende Gras und brachte es dem
Hockenden. Dieses herrliche Ärschlein schaute er sich an, bewunderte und roch
die Exkremente. Er war verblüfft über seine eigene Erregung. Der spontane
Bengel wischte sich den kleinen Hintern säuberlich ab, stand auf, zog die
Lederhose herauf und die drei Kerlchen spielten ausgelassen weiter.
Der Engel war zufrieden, denn
dieses erste behutsame Heranführen seines Schützlings an die Sexualität war ihm
glänzend gelungen.
Fast ein Jahr später fand das
zweite Ereignis statt. Einen Siebzehnjährigen hatte der Engel diesmal
auserkoren.
An einem schwülen Tag im Spätsommer
geschah es. Sebastians Vetter, ein schlanker Jüngling von siebzehn Jahren, war
auf dem Hof zu Besuch. Im vierten Lebensjahr war Sebastian. Gegen Abend brach
ein furchtbares Gewitter los. Dermaßen heftig war der begleitende Wolkenbruch,
dass der kleine Bach, der am Hof vorbeifloss, in kürzester Zeit zu einem
reißenden Strom anschwoll und über die Ufer trat. Die gesamte Familie musste
hinaus und retten, was zu retten war. Bis fast zum Haus stiegen die wilden
Wassermassen. Sebastian, sein Zwillingsbruder und die Großmutter hielten sich
in der großen Wohnküche auf. Sie musste Sebastian trösten. Langsam zog das
Unwetter vorbei, das Wasser sank und die älteren Brüder und der siebzehnjährige
Vetter kamen, völlig durchnässt, wieder ins Haus. Draußen war alles in
Sicherheit. Mittlerweile waren die Lampen an. Vor dem alten Küchenschrank stand
der Vetter und fing an, seine nassen Kleider auszuziehen. Sehr schnell ging der
Vorgang des Sich-Entkleidens. Sebastian empfand das gleiche wie ein Jahr zuvor,
draußen auf der Wiese. Ganz nackt stand der Vetter am dunklen Schrank, im
Schein der Lampe. Trockene Kleider wurden ihm gebracht. Während des Anziehens
drehte er sich einmal um und Sebastian sah diesen prachtvollen, wohlgeformten
Arsch. Die leichte Behaarung der Arschbacken sah er im Lichterschein.
Fasziniert war Sebastian. Diese wunderbare Spannung spürte er wieder und
hoffte, es würde länger gedauert haben, aber der Engel ließ es nicht zu.
Nun, da er angekleidet war, setzte
sich der Cousin zur Großmutter an den Tisch. Lebhaft diskutierte man über die
zerstörerische Kraft der Naturgewalten und die verheerenden Auswirkungen, die
sie haben könnten. Schließlich wurde die Unterhaltung dadurch beendet, dass
sich der Großmutter ein tiefer Seufzer entrang, wobei sie die Augen gen Himmel
erhob. Des öfteren habe sie solche Überflutungen erlebt, sagte sie, indem etwas
Wehmut in ihren Worten mitschwang. Dann fuhr sie mit beschwörenden Gesten fort,
dass es eben so sei. Den Lauf der Dinge könne niemand aufhalten. Ganz besonders
gelte dies für das Wasser. Es hole sich dasjenige, was es brauche, um
anschließend wieder monatelang in friedlicher Ruhe dahinzuströmen. Mit fester
Stimme fügte sie diesen Betrachtungen noch hinzu, dass es bittere Notwendigkeit
sei, den Menschen zeitweilig kleinere und größere Katastrophen vor Augen zu
führen, damit diese ihre eigene Hilflosigkeit den Naturkräften gegenüber
richtig einzuschätzen lernten. Letztendlich führe dieser Lernprozess zu der
Einsicht, dass nicht alles beherrschbar sei. Dies behüte die Menschen davor,
Opfer ihrer eigenen Überheblichkeit zu werden.
Alle ihre Enkel nickten zustimmend
und ließen die Worte der Großmutter auf sich einwirken. Obwohl Sebastian noch
nicht vollständig begreifen konnte, was sie sagte, hörte er doch am Ton ihrer
Stimme, dass es sich um etwas Wichtiges gehandelt haben musste. Auch die Blicke
der anderen ließen ihn erahnen, dass die Großmutter Wichtiges mitgeteilt hatte.
Der dritte Vorfall ereignete sich
zehn Monate später. Fünf war Sebastian jetzt. Diesmal hatte der Engel sich
seinen ältesten Bruder ausgesucht. Bereits sechzehn war dieser und dazu
vorbestimmt, den Hof einmal zu übernehmen. So ein richtiger Naturbursche war
er: schlank, stark und blond. Er hatte die Schule, die ihn nie sonderlich
interessierte, schon mit vierzehn Jahren verlassen, um sich ganz und gar der
Landwirtschaft zu widmen. Nur wenige Freunde besaß er, weil er nichts anderes
als arbeiten im Kopfe hatte. Er liebte den Bauernhof über alles und fand in ihm
sein ganzes Glück. Lediglich ein Hobby hatte er und das waren seine
Brieftauben. Sein ganzer Stolz waren sie. Er verbrachte seine gesamte Freizeit
voller Hingabe im Taubenschlag. Darüber hinaus hatte er noch eine sehr
merkwürdige Angewohnheit. Er benutzte nämlich nie ein Klosett. Wenn er einmal
austreten musste, machte er das im Freien auf den Wiesen oder in den Ställen.
In der Nähe des Hofes gab es ein
Stück Brachland mit vielen Bäumen, Sträuchern und wildwucherndem Unkraut. Dort
hielt Sebastian sich oft auf, wenn er
alleine sein wollte. An einem warmen Sommertag, als er wieder einmal
nachmittags dort verweilte, um dem Stress seines Zwillingsbruders zu
entfliehen, hörte er mit einem Male ein Rascheln im Gebüsch. Seinen ältesten
Bruder erblickte er und ahnte instinktiv, dass etwas außergewöhnlich Spannendes
geschehen würde. Er war sich auch ganz sicher, dass der Bruder ihn nicht
bemerkt hatte. Dieser kam näher, drehte sich um, zog seine Hose herunter und
begab sich in die Hocke. Dem kleinen Sebastian wurde blitzartig klar, was sich
in unmittelbarer Nähe vor ihm abspielen würde. Er war jetzt auch in der
Hockstellung und nur durch einige Blätter vor dem Entdecktwerden geschützt. Der
blanke Arsch des Bruders befand sich in gespreizter Stellung fast in Reichweite
vor ihm. Er betrachtete diese wunderbaren, wohlproportionierten, weißen,
unbehaarten Arschbacken und das Loch, das sich jetzt langsam öffnete. Etwas
unglaublich Sensationelles vollzog sich vor seinen Augen. Dass es der Bruder
war, hatte er schon längst vergessen und sah nur noch dieses sich öffnende
Loch, inmitten dieser weißen Wölbungen. Langsam glitt, unhörbar, dieses
Wurstförmige, wie eine Schlange, hinaus auf das Gras. Vor lauter Erregung
konnte Sebastian kaum noch den Atem regulieren. Das erste Mal war es, dass er
diesen spektakulären Vorgang, in allen Einzelheiten, aus einem sicheren
Versteck, über eine verhältnismäßig lange Zeit, voller Hingabe und Herzklopfen,
beobachten konnte. Er war Augenzeuge eines unvorstellbar überwältigenden
Ereignisses. Jetzt kam der Höhepunkt: Das Loch schloss sich und die kräftigen
Schließmuskeln machten noch einige leicht ausstülpende Zuckungen. Dieses Wunder
der Natur war für Sebastian fast paradiesisch. Der Bruder stand auf, den
Hintern wischte er sich nicht mehr ab, zog seine Hose wieder herauf und schritt,
ohne sich noch einmal umzudrehen, von dannen. Wie gelähmt blieb Sebastian noch
einige Zeit hinter den ihn schützenden Sträuchern sitzen, bevor er zur
Großmutter ins Haus zurückging. Mit niemandem sprach er über das Vorgefallene.
Sein Geheimnis war es und zu kostbar, als dass es mit einem anderen geteilt
werden könnte.
Sebastian war sich sicher, dass es
mit der aufregenden Nacktheit dieser drei Ereignisse etwas Besonderes auf sich
hatte. Er spürte, dass es ganz anders als bei seiner Großmutter war. Schließlich
sah er sie täglich im Evakostüm. Sie hatte nämlich die Gewohnheit, völlig
unbekleidet zu schlafen. Darüber hinaus durften Sebastian und sein
Zwillingsbruder immer nackt neben ihr die Nacht verbringen. Dann erzählte sie
vor dem Einschlafen immer ein Märchen. Manchmal waren es die klassischen von
den Gebrüdern Grimm. Die Geschichte von Schneewittchen und dem gläsernen Sarg,
in dem es jahrelang scheintot ruhte, mochte Sebastian ganz besonders. Er konnte
erst dann wieder erleichtert aufatmen, wenn er hörte, dass der Sarg durch
unglückliche Umstände fast zu Boden gestürzt wäre. Durch diese unbeabsichtigte
Erschütterung löste sich die giftige Apfelgrütze in seinem Hals und
Schneewittchen spuckte sie aus, denn sie hatte ihm die Luftröhre verschlossen.
Dass das bösartige, grausame Weib, das dem unschuldigen Mädchen dieses
unermessliche Leid zugefügt hatte, schließlich auf rotglühenden, eisernen
Pantoffeln tanzen musste, bis es tot umfiel, stimmte Sebastian wieder
zufrieden.
Die Großmutter sprach auch von Frau
Holle, die für die Schneeflocken zuständig wäre. Vom armen Aschenputtel, das
von der bösen Stiefmutter so furchtbar schikaniert worden war, berichtete sie.
Innerlich freute Sebastian sich immer wieder, dass das leidgeprüfte Mädchen
dennoch, in goldenen Gewändern gekleidet, zum königlichen Ball gehen konnte.
Jedes Mal sehr beruhigend wirkte
das Hirtenbüblein auf Sebastian, da es alle Fragen, die der König ihm stellte,
so klug beantworten konnte. Dieses weise Knäblein wusste sogar, wie viele
Sekunden die Ewigkeit hatte. Auch Hänsel und Gretel begeisterten Sebastian.
Fast wären diese unschuldigen Kinder verspeist worden, hätte Gretel nicht die
mutige Tat begangen, und die böse Hexe in den glühendheißen Backofen geschubst.
Ab und zu gab die Großmutter aber
auch selbstgemachte Märchen zum besten, in denen immer das ferne Afrika der
Schauplatz war. Sie erzählte von undurchdringlichen Urwäldern, von wilden
Löwen, riesigen Elefanten und furchterregenden Menschenfressern. Sebastian
liebte sowohl die alten als auch die neuen Märchen sehr. Jeden Abend wieder war
er voller Erwartung der Abenteuer, die die Großmutter so inbrünstig erzählten
konnte. Wenn ein solches Märchen dann zu Ende war, verfiel sie in ein
merkwürdig-geheimnisvolles Gemurmel. Es war die Litanei all dieser Gebete, die
sie für die Verstorbenen sprechen musste, denen sie diese zu deren Lebzeiten
versprochen hatte. Manchmal geschah es, dass Sebastian noch den Anfang des
Schnarchens der Großmutter hörte, das mitunter eine große Lautstärke erreichen
konnte, aber das störte ihn nicht. Nur dass sie nicht ersticke, hoffte er. Ohne
Sorgen waren für ihn die Abende und Nächte im behaglichen Bett der Großmutter.
Auf das Schlafengehen freute er sich jedes Mal wieder.
Zum nahegelegenen Waldfriedhof ging
die Großmutter ab und zu mit ihm. Dort besuchten sie das Grab des Großvaters,
den Sebastian aber nie gekannt hatte. Ein ruhiger Ort mit alten Bäumen war es.
Das Grab pflegte die Großmutter selbst, obwohl sie ihren Mann, im Grunde ihres
Herzens, verfluchte. Das, was sie gelegentlich von ihm erzählte, war
ausschließlich negativ. Wie eine Sklavin habe er sie mitunter behandelt, sagte
sie.
Zur Religion hatte die Großmutter
ein äußerst ambivalentes Verhältnis. Obgleich sie katholisch war, nahm sie
nicht am sonntäglichen Gottesdienst teil. Sie hasste den gesamten Klerus. Auch
zur Beichte ging sie nie, da sie der Meinung war, dass man sich einem
wildfremden Mann, auch wenn dieser ein Priester sei, nicht anvertrauen könne.
Obwohl Sebastian noch nichts von Religion wusste, verstand er doch die Worte
der Großmutter.
Sein zweitältester Bruder, der
mittlerweile schon eine Lehre als Feinmechaniker bei der Technischen Hochschule
angefangen hatte, brachte ihm manchmal herrliche Nusseckchen mit, die er so
liebte. An Wochentagen freute er sich immer schon auf diesen Bruder und die
Köstlichkeiten, die er am Spätnachmittag vielleicht mitbringen würde.
Einmal wöchentlich bekamen die
Zwillinge auch einen Groschen. Dann begaben sie sich nachmittags zum
Kolonialwarengeschäft und kauften sich eine Wundertüte. Der Inhalt war immer
eine große Überraschung für sie. Die ganze Woche freute man sich auf dieses
Vergnügen für zehn Pfennig das Stück.
Zuweilen durfte Sebastian auch mit
seinem Zwillingsbruder zu einer Nachbarin, die aber keine Bäuerin war. Sie hieß
Frau Kreusch und war seit Jahren schon Witwe. Wenn ihr Mann zur Sprache kam,
pflegte sie zu sagen, dass er auf dem Feld der Ehre sein Leben für Volk und
Vaterland dahingegeben habe.
Mit ihrer erwachsenen Tochter lebte
sie in einem geräumigen Einfamilienhaus, nur wenige Minuten vom Hof der Eltern
von Sebastian entfernt. Einen braungrau‑weiß gefleckten
Drahthaar-Foxterrier, dessen Schwanz nur aus einem unansehnlichen Stummel
bestand, nannte sie ihr eigen. Er war ihr ganzer Stolz. Sein Name war Duxi.
Mitunter wurde er wie ein verwöhntes Kind verhätschelt.
Die liebenswürdige Frau Kreusch
hatte den kleinen Sebastian und dessen Brüderlein in ihr Herz geschlossen.
Obwohl sie die beiden immerfort verwechselte, störte das die Zwillinge nur
bedingt, da sie es immer gut mit ihnen meinte. Diese kleine Unzulänglichkeit
konnten sie ihr, wegen ihres fortgeschrittenen Alters, verzeihen.
Wenn diese Duxi‑Besitzerin
einmal traurig war, setzte sie sich an ihren Flügel und spielte voller
Melancholie den Zwillingen die wehmütigsten Melodien vor. Die beiden Brüder und
Duxi, der schon seit Jahren daran gewöhnt war, lauschten aufmerksam der Musik.
Die Tochter von Frau Kreusch war meistens außer Haus und konnte daher das
Klavierspiel ihrer Mutter und das andächtige Zuhören des Foxterriers Duxi,
Sebastians und seines Zwillingsbruders nicht stören. Für diese beiden Knäblein
und das Hündchen nur spielte sie ihre Sehnsuchtsmelodie aus einer längst
vergangenen Zeit.
2. Kapitel
Damit sich der Horizont seines
Schützlings erweitere, hatte der Engel beschlossen, dass Sebastian, als er
gerade sechs Jahre geworden war, nebst seiner ganzen Familie vom östlichen an
den westlichen Stadtrand umziehen sollte. Dort, in der Nähe der holländischen
Grenze, in einem sehr schönen Tal, an den sieben Quellen des Wildbaches, ließen
sie sich nieder. Der Bauernhof stammte aus der zweiten Hälfte des achtzehnten
Jahrhunderts. Dass in seinen starken Mauern sogar Napoleon einmal übernachtet
haben soll, munkelte man gelegentlich. Auf einem seiner vielen Feldzüge hätte
es den einstigen Kaiser aller Franzosen an diese sprudelnden Quellen
verschlagen. Dass er dann, mehr als ein Dutzend Jahre später, so kläglich auf
St. Helena, dieser gottverlassenen Vulkaninsel mitten im Atlantik, enden
musste, war von der göttlichen Vorsehung so bestimmt.
Seit Menschengedenken hatte das
Anwesen den wohlklingenden und passenden Namen "Septfontaines". Der
Wohntrakt war weitläufig und bestand aus zehn Zimmern. Drei alte Kastanienbäume
standen vor dem Gebäude auf einem dreieckigen Platz und in ihrem Schatten
befand sich ein altes, eisernes Wegkreuz auf steinernem Sockel. Der Bach, der
das Tal durchfloss, war sehr kurvenreich und wild, kristallklar und kalt sein
Wasser. Im Obergeschoss bezog die Großmutter, zusammen mit Sebastian und dessen
Zwillingsbruder, zwei Gemächer. Die Eltern und die drei anderen Brüder hatten
ihre eigenen Zimmer.
In der neuen Umgebung fühlte sich
Sebastian anfangs etwas unglücklich. Es gab hier keine bimmelnde Straßenbahn
und nur wenige Nachbarn. Insgesamt zählte das Dorf etwas mehr als fünfzig
Einwohner, fast ausschließlich Bauern. Viele wohnten schon seit Generationen
dort.
Sebastians Großmutter, die
mittlerweile schon sechsundsiebzig Jahre war, verschloss sich den Dorfbewohnern
völlig. Hier, in diesem kleinen Ort, wo es nicht einmal eine Kirche gab, fing
sie zum ersten Mal an, über ihre Isolierung zu klagen. Öffentliche
Verkehrsmittel gab es kaum. Lediglich einmal am Tag und sonntags, zweimal zum
Gottesdienst, fuhr ein Bus.
Die Großmutter wurde manchmal
mürrisch und schimpfte noch mehr als früher. Zuweilen aber sang sie auch
wehmütige Melodien. Ganz besonders mochte sie das traurige Lied von dem müden
Wanderer und der holden Gärtnersfrau, die den Eid der Treue gebrochen hatte.
Von dunkelblauen Veilchen, tiefer Enttäuschung und vergeblich vergossenen
Tränen der Reue wurde berichtet. In dieses Lied legte die Großmutter ihre ganze
Sehnsucht. Sie sang es jedes Mal wieder voller Hingabe und heißem Verlangen
nach besseren Zeiten. Wo und wie sie dieses schöne Lied erlernt hatte, darüber
hat sie nie mit Sebastian gesprochen. "Müde kehrt ein Wandersmann"
war einfach das Sehnsuchtslied der Großmutter und Sebastian musste sich diese
Moritat von der schönen Gärtnerin oft anhören, genau wie das wehmütige Klavierspiel
von Frau Kreusch, damals, vor dem Umzug.
Abends aber war es wie früher. Die
Großmutter nahm Sebastian und dessen Zwillingsbruder in ihr Bett und erzählte
ihnen die so geliebten Märchen. Danach kam dann wieder das Gemurmel der vielen
Gebete und das Schnarchkonzert. Zuweilen hatte Sebastian den Eindruck, dass sie
ganze Wälder absägte. Aber jedes Mal, wenn er glaubte, sie würde ersticken,
wurde ihr Schnarchen wieder regelmäßiger, und erst das rhythmische Atmen
beruhigte ihn wieder.
Sebastian gewöhnte sich rasch an
seine neue Umgebung und schon schnell freundete er sich mit Maria, der
Nachbarstochter, an.
Der Engel hatte bereits
vorherbestimmt, dass Maria, die zwei Jahre jünger als Sebastian war, für die
nächsten zehn Jahre seine Gefährtin sein sollte. Sie konnte gut klettern,
andächtig zuhören und war eine rechte Frohnatur. Sebastian und Maria hatten viele
Pläne. Sie hatten vor, dem Lauf des Baches zu folgen und seine Ufer zu
erkunden. Auch das Wäldchen, das sich unweit des Dorfes am Hang eines Hügels
befand, wollten sie auskundschaften. Vielleicht gäbe es dort ein lauschiges
Plätzchen, wo sie sich zurückziehen könnten, wenn ihnen danach wäre.
Marias Eltern waren streng. Der
Vater besaß darüber hinaus noch einen jähzornigen Charakter. Noch einen zwei
Jahre jüngeren Bruder hatte Maria.
Voller Zufriedenheit schaute der
Engel auf Sebastian und Maria herab und fand an ihnen sein Wohlgefallen. Doch
war er der Ansicht, dass sein Schützling wieder etwas mehr an die Sexualität
herangeführt werden müsse, damit er in seiner geschlechtlichen Entwicklung
nicht gehemmt werde.
Als der Bote Gottes zum vierten
Male eingriff, war es bereits Frühling und Sebastian in seinem sechsten
Lebensjahr. Maria war nach kurzer Zeit schon seine neue, ständige Begleiterin
geworden. Mitten auf dem Hof von Marias Eltern ereignete sich der bemerkenswerte
Zwischenfall. Maria kam aus dem Kuhstall, stellte sich mit dem Rücken vor
Sebastian, zog ihre Unterhose herunter, hob den Rock hoch, beugte sich vornüber
und bat Sebastian, ihr die Arschbacken zu spreizen, damit er nachsehen könne,
ob sie sich auch den Hintern fein säuberlich abgewischt hätte. Diese
unverhoffte Bitte, mitten auf dem Hof, am helllichten Tag, ließ Sebastian fast
in einen Schockzustand geraten. Blitzschnell kamen ihm die früheren Erlebnisse
mit Arschbacken ins Gedächtnis zurück. Noch nie hatte er ein Hinterteil direkt
berührt. Maria aber harrte in ihrer Pose aus, als wäre es das Natürlichste von
der Welt. Obwohl Sebastian sich ein wenig genierte, führte er doch die erbetene
Handlung durch. Er näherte sich ihr, bückte sich leicht, legte die Hände auf
ihre weißen Arschbacken und spreizte sie, soweit es ging. Beim Berühren der
Haut fühlte er wieder die Spannung, das Herzklopfen und dieses außergewöhnlich
Sensationelle. Nachdem beide Backen völlig gespreizt waren, sah er das
rosabräunliche Loch sauber und fest verschlossen. Weiterhin war er ein bisschen
verwundert darüber, dass es zwischen ihren Schenkeln irgendwie anders aussah
als er das gewöhnt war. Er sah kein Pissmännchen. So pflegte die Großmutter
liebevoll seinen kleinen Penis zu nennen. Eine äußerst merkwürdige Erscheinung
sei es schon, dachte Sebastian. Maria bat nochmals, jetzt etwas energischer, um
Bestätigung, ob auch alles sauber abgewischt wäre und bekam eine bejahende
Antwort. Sebastian war perplex. Dies alles konnte er nur schwer verstehen.
Maria blieb unterdessen seelenruhig, zog ihre Unterhose herauf, brachte ihren
Rock in Ordnung und drehte sich freudestrahlend um. Sie und Sebastian sprachen
nicht über diesen denkwürdigen Vorfall, denn für Maria war es anscheinend ein
natürliches Ritual, das sich noch unzählige Male, in jenem Frühling und Sommer,
wiederholen sollte. Sebastian gewöhnte sich daran und allmählich begannen die
beiden, Freude an der gegenseitigen Nacktheit zu empfinden. Auf den Heuschober
gingen sie oder in den kleinen Wald in der Nähe und genossen ihre jungen
Körper. Schnell lernte Sebastian, dass Maria sich hinsichtlich der
Geschlechtsorgane wesentlich von ihm unterschied. Auch waren Marias Brustwarzen
anders als die von Sebastian. Bei ihr waren sie nach innen und bei ihm nach
außen gestülpt. Darüber machte er sich aber weiter keine Sorgen. Bei Maria sah
er zum ersten Mal bewusst seine Erektion, schenkte diesem Phänomen aber weiter
keine große Beachtung. Er merkte nur, dass es ein sehr angenehmes Gefühl
hervorrief. Über ihre sexuellen Gefühle sprachen Maria und Sebastian nicht. Sie
erlebten sie. Aufgrund dieser Vorkommnisse mit Maria, fragte Sebastian eines
Tages die nackte Großmutter, warum sie denn nichts zwischen den Beinen habe.
Kurz und bündig war ihre Antwort. Resolut sagte sie, dass jeder so ein
Pissmännchen hätte, aber wenn man Schlechtes täte, würde es einem
abgeschnitten. Sebastian war mit dieser knappen Antwort zufrieden. Das Problem
war für alle Zeit gelöst.
Mit dem übergroßen Teil der
Dorfbewohner baute Sebastian nur langsam einen Kontakt auf. Vorerst war Maria
das Zentrum. Rasch fingen sie an, sich ihre Schutzzonen aufzubauen und sich die
ersten Freiräume zu schaffen. Dies waren Gebiete an den Ufern des Baches. Manchmal
hielten sie sich auch in Bäumen oder unter Sträuchern auf. Diese Territorien
waren nur für sie bestimmt. Eindringlinge wurden vertrieben, manchmal mit
Gewalt, unter Zuhilfenahme von Knüppeln, Stöcken und Steinen, wobei es
vereinzelt zu größeren Verletzungen auf beiden Seiten kam. Bei einem solchen
Verteidigungskampf wurde einmal einem Jungen der rivalisierenden Gruppe mit
einem Stück Holz eine stark blutende Kopfwunde zugefügt. Erst wenn sie merkten,
dass sie letztendlich die Unterlegenen sein würden, traten Sebastian und Maria
den Rückzug an und begaben sich in ein anderes Refugium. Im Tal jenes
Wildbaches besaßen sie etwa ein Dutzend solcher Schutzzonen.
Zwei junge Katzen bekam Sebastian
eines Tages von Maria. Die eine war schwarz und obwohl sie weiblichen
Geschlechts war, nannte er sie Moritz. Die andere war ein Käterchen.
Schwarzweiß gefleckt war es und erhielt keinen Namen. Diese beiden Katzen
gehörten nun Sebastian alleine. Anfänglich mussten sie noch mit der Flasche
gefüttert werden. Diese beiden Tiere waren Sebastians ganzer Stolz. Auf dem
Heuboden schliefen sie. Nach einigen Wochen schon konnten sie alleine trinken.
Inzwischen verbrachte Sebastian
ungefähr die eine Hälfte seiner Zeit mit Maria und die andere mit der
Großmutter. Eingeschult wurde Sebastian, als er sieben war. Lesen, schreiben,
rechnen und singen lernte er. Unendlich lang kamen ihm die Unterrichtsstunden
vor. Nach der Schule aber hatte er Zeit für Maria.
Manche ihrer Refugien bauten sie zu
kleinen Hütten aus, die sie Häuschen nannten. Allerlei Gerümpel wurde dann
herangeschleppt, damit diese Provisorien etwas wohnlicher würden. Oft geschah
es, dass sie, nach kürzester Zeit, von einer Clique der Dorfkinder, wieder kurz
und klein geschlagen wurden. Jedes Mal errichteten sie neue Häuschen und immer
wieder wurden diese zerstört.
Der Engel sah dies, aber unternahm
nichts. Er war davon überzeugt, dass sein Schützling daraus lerne, sich nicht
zu sehr an materielle Dinge zu klammern. Des weiteren sollte er erfahren, dass
ein erlittenes Unrecht leichter zu ertragen sei, wenn einem eine treue
Gefährtin zur Seite stehe, die stark genug sei, Trost zu spenden.
Maria, in ihrer fröhlichen und
unbeschwerten Art, war eine rechte Trösterin der Betrübten. Sebastian schöpfte
trotz der ärgerlichen Vorfälle und der wilden Zerstörungswut so mancher
Dorfkinder jedes Mal wieder neue Hoffnung. Maria unterstützte ihn tatkräftig
dabei.
Allmählich wurde ihnen bewusst,
dass der Bau von Häuschen sich nicht mehr lohne. Durch die vielen Überfälle und
großen Schäden klug geworden, hielten sie jetzt nach anderen Möglichkeiten
Ausschau. Um keine weiteren Übergriffe mehr zu provozieren, gaben sie
schließlich auch ihr letztes Häuschen auf.
Nun gingen sie dazu über, sich
Bäume und Sträucher auszusuchen, denen sie Namen gaben, um sie anschließend als
Palast oder Land in Besitz zu nehmen. Im Gegensatz zu früher, brauchten sie
jetzt nur noch ihre Vorstellungskraft, um Gebäude zu errichten, die allen
Angriffen standhalten würden. Ganze Länder machten sie sich untertan, ohne dass
auch nur ein einziger Faustschlag nötig gewesen wäre.
Ein Haselnuss-Strauch, der mitten
in einer Böschung stand und dessen Zweige bis zum Boden reichten, wurde von den
beiden Kindern "Amerika" getauft. Dieses Wort hatte Sebastian
vorgeschlagen. Von der Großmutter hatte er es erfahren, die zuweilen davon
sprach, aber immer nur kurz, ohne Einzelheiten preiszugeben. Auch Maria mochte
dieses Wort. Sie meinte, es berge etwas Geheimnisvolles in sich. Oft hielten
sie sich im wohltuenden Schatten dieses Busches auf. Von ihrer kindlichen
Phantasie angeregt, ließen sie sich dann weit hinaustragen, bis nach Amerika.
Ob es sich um ein Land oder einen Erdteil handelte, wussten die beiden
Träumenden nicht, noch war ihnen bekannt, wo es lag. Nur der Name war wichtig
für sie, denn er übte eine große Anziehungskraft auf sie aus.
Ein anderer ihrer neuen
Zufluchtsorte, dem sie den Namen "Haus des Königs" gegeben hatten,
war ein alter Weidenbaum, der am trockengelegten Wassergraben einer prächtigen
Burg stand. Dort gingen sie oft hin und kletterten im Baum herum. Dabei
stellten sie sich dann vor, sie seien beim König zu Besuch. Vor allem wenn sie
auf einem Weidenast saßen, der sich durch heftiges Rütteln weit durchbiegen
ließ, war ihre Freude groß. Auf und nieder schwebten sie, wobei sie aber nie
ihr Gleichgewicht verloren. Wie geschmeidige Katzen hielten sie sich in der
Balance, ohne dass ihnen jemals in den Sinn gekommen wäre, wie gefährlich ihr
schönes Spiel war.
Eines Tages nahmen sie auch Marias
jüngeren Bruder zu jener Silberweide, die sie König nannten, mit. Sie stiegen
mit ihm auf einen der höchsten Äste hinauf und fingen an zu schütteln. Marias
Bruder konnte sich nicht mehr festhalten und fiel in den ausgetrockneten
Wassergraben. Das arme Kerlchen lief blau an, aber es lebte. Auf schnellstem
Wege schafften Sebastian und Maria den Bruder zu den Eltern zurück. Diese waren
entsetzt, als sie das schreiende Kind sahen. Maria bezog eine gehörige Tracht
Prügel, weil sie so leichtfertig das Leben ihres kleinen Bruders aufs Spiel gesetzt
hatte und Sebastian ging, voller Schuldgefühle, nach Hause.
Sebastian ging jetzt auch öfter zu
den Höfen der Nachbarn. Er sah die starken Knechte und die schönen, üppigen
Mägde. Der dörfliche Tagesablauf wurde hauptsächlich von den Kühen bestimmt,
denn die mussten täglich zweimal gemolken werden. Und so kam es, dass man nur
am Nachmittag zuweilen ein Stündchen frei hatte. In der Erntezeit fiel auch das
aus.
Ein Dienstmädchen hatte der
aufmerksame Sebastian ganz besonders ins Herz geschlossen. Schwarzes, langes
Haar hatte sie und war immer gut gelaunt, obwohl sie sehr schwer arbeiten
musste. Während eines solchen Schäferstündchens, im Sommer, lag sie auf der
Wiese und genoss die angenehm warmen Sonnenstrahlen. Sie war die Magd eines
Nachbarhofes und oft dem sexuellen Verlangen der pubertierenden Bauernburschen
ausgesetzt. Ständig musste sie sich wehren und die aufdringlichen Jünglinge von
sich abhalten. Trotzdem hatte sie ihre Lebensfreude noch nicht verloren.
Wahrscheinlich wusste sie auch, dass sie niemals, aufgrund ihrer sozialen
Herkunft, eine ernst zu nehmende Ehepartnerin für die Jungbauern hätte sein
können. Sebastian sah sie dort im weichen Gras liegen und gesellte sich zu ihr.
Die schöne Magd blinzelte ihn an und lächelte milde. Nun fing sie an, ein
Liedchen zu singen. Wahrscheinlich fühlte sie sich sicher, denn Sebastian war
ja keine Bedrohung für sie, war er doch noch ein Kind. Erst summte sie nur
leise die Melodie. Dann ließ sie schöne unbekannte Worte einfließen, und
schließlich hob sie inbrünstig mit glockenreiner Stimme zur letzten Strophe an.
Die Gesangskunst dieser Magd versetzte Sebastian in Erstaunen. Der Refrain
"Addio, mia bella Napoli, addio, addio!" hallte noch lange in seinen
Ohren nach. Ihre Augen glänzten, ihre Lippen vibrierten leicht und das Haar
bedeckte wie schwarzer Samt, sanft ihre Schultern, um die Haut vor der Sonne zu
schützen. Was sie gesungen hatte, konnte er nicht verstehen. Er fragte, welche
Sprache es denn wäre und sie entgegnete ihm, es sei Italienisch gewesen.
"Addio!" bedeute "Auf Wiedersehen!", und Napoli sei der
Name einer großen Stadt im transalpinischen Kampanien. Sie läge am blauen Meer
und in ihrer Nähe befände sich ein feuerspeiender Berg. Derjenige, der diese
Stadt gesehen habe, könne beruhigt sterben, denn ihre Schönheit wäre
paradiesisch. All das überstieg fast die Einbildungskraft von Sebastian.
Während sie diese Worte sprach verzog sie geheimnisvoll ihren sinnlichen Mund.
Dem andächtig zuhörenden Sebastian wurde fast schwindlig von dem, was die
schöne Magd mit dem langen, schwarzen Haar erzählte. Solche fremdländischen
Wörter hatte er niemals zuvor gehört. Die Großmutter hatte nie von flammenden
Bergen gesprochen. Nur die glühenden Pantoffel der bösen Stiefmutter von
Schneewittchen waren Sebastian bekannt.
Die schöne Erzählerin stand auf und
begann, Gänseblümchen zu pflücken. Sebastian fragte nach dem Grund ihres Tuns,
und sie sagte, er solle abwarten. Als sie einen kleinen Strauß dieser Blümchen
beisammen hatte, ließ sie sich wieder im Gras nieder. Sie fing jetzt an, einen
Blumenkranz zu flechten, indem sie die dünnen Stängel mit ihren Fingernägeln
durchbohrte und den Stängel der jeweils nächsten Blume hindurchzog, bis das
ganze Sträußchen verarbeitet war. Bewundernd schaute Sebastian ihr bei dieser
faszinierenden Beschäftigung zu. Ihre ganze Aufmerksamkeit schenkte sie dieser
Tätigkeit. Als der Kranz gebunden war, bat sie Sebastian, der noch immer neben
ihr saß, den Kopf ein wenig in ihre Richtung zu beugen, und sie legte ihm das
geflochtene Kränzchen, wie eine Krone, auf den Kopf. Sebastian war überrascht
und beglückt. Beide standen sie jetzt auf. An die Arbeit musste sie wieder. Der
bekrönte Sebastian zog weiter und war stolz auf diesen Blumenkranz aus
Gänseblümchen, die aber schon schnell zu welken anfingen.
An manchen Tagen begegnete
Sebastian auch Erika. Sie war im ganzen Dorf bekannt, weil sie oft auf den
Bauernhöfen, während der Kartoffelernte, aushalf. Da sie geistig leicht
behindert war, wurde oft Schindluder mit ihr getrieben. Fünfundvierzig Jahre war
sie und wohnte als Ledige bei ihrer alten Mutter. Einen Vater hatte sie nicht
mehr. Nach dem Krieg hatte das Schicksal diese beiden in jenes Tal, an die
sieben Quellen des Wildbaches, geführt. Wo sie herkamen und wovon sie lebten,
wusste keiner so recht. Sie waren einfach da. Erika machte auf Sebastian einen
faszinierenden Eindruck, da sie immer fröhlich war und fortwährend tanzen
wollte. Sie schnappte sich dann den ersten besten, oft auch Sebastian und
drehte ihre Walzerrunden, meistens auf dem Platz mit dem eisernen Kreuz, unter
den alten Kastanienbäumen. Körperlich war sie außergewöhnlich stark, so dass
Sebastian, wenn er ihr Tanzpartner war, sich in keiner Weise wehren konnte,
wenn ihm die Drehungen zu schnell wurden und zu lange anhielten. Diese Ausdauer
war auch ein Grund dafür, dass sie immer wieder zur Kartoffelernte eingesetzt
wurde. Sie besaß dieses Unermüdliche und konnte fast endlos lange die gleiche
Handlung verrichten. Aber Erikas Augen waren leer und ausdruckslos. Nichts als
Chaos konnte man in ihnen lesen. Eine sinnvolle Unterhaltung war denn auch
unmöglich. Singen konnte die arme Erika ebenso wenig. Oft trieben die jungen
Bauernburschen ihre derben Späße mit ihr. Aber da sie so stark war, wagte es
keiner, sich ihr zu widersetzen, wenn sie sich einen zum Tanze schnappte. Da
machte sie keine Ausnahme hinsichtlich des Alters. Ob einer sieben oder
siebzehn war, kümmerte sie nicht, wenn die Auserwählten nur dem männlichen
Geschlecht angehörten. Erika trieb sich überall herum. Auf alle Höfe kam sie
und keiner schickte sie fort. Sie gehörte einfach zum Dorf und war darüber
hinaus eine billige Arbeitskraft beim Ernten der Kartoffeln.
Eines Tages kam sie weinend zur
Mutter von Sebastian und erklärte, dass ihr altes Mütterlein sich nicht mehr
rühre und fast schon kalt wäre. Das waren die ersten, bitteren Tränen der
Erika.
In ein Nonnenkloster wurde sie
eingewiesen und musste fortan als Küchenhilfe täglich stundenlang Kartoffeln
schälen. Anfänglich kam sie noch manchmal zu den sieben Quellen des Wildbaches,
aber sie tanzte nicht mehr. Am Spätnachmittag ging sie dann wieder die fünf
Kilometer zum Kloster zurück und gab sich wahrscheinlich am folgenden Tag
wieder dem Kartoffelschälen hin. Nach einiger Zeit stellte sie ihre Besuche an
die Ufer des Wildbaches gänzlich ein und niemand hat je wieder etwas von der
einst tanzenden und fröhlichen Erika vernommen.
Mit seiner Großmutter ging
Sebastian ab und zu ins Zentrum der nahegelegenen Stadt. Dort sah er zum ersten
Mal den Dom von innen. Die Großmutter hatte ihm die Entstehungsgeschichte
erzählt. Der Teufel, sagte sie, hätte einen Pakt mit den Baumeistern
geschlossen. Die erste Seele, die den fertigen Bau betreten würde, sollte dem
Satan gehören. Da die listigen Bürger aber einen Wolf, der ja auch eine Seele habe,
hineingeschickt hätten, wäre der Beelzebub dermaßen verärgert gewesen, dass er
beim Verlassen des Münsters, vor lauter Wut, die Tür so knallend zugeschmissen
hätte, dass sein Daumen im Türschloss hängen geblieben wäre. Sebastian empfand
den düsteren Innenraum dieser alten Kirche bedrückend und beängstigend. Auch
der über tausendjährige Kaiserthron aus hellem Marmor, den man vom Oktogon aus
sehen konnte, beeindruckte ihn nicht. An den Teufel dachte er fortwährend, der
vielleicht erscheinen würde.
Die Stadt aber, in der einst Karl
der Große und Barbarossa gekrönt worden waren, und die sich immer noch, nach
den Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges, im Aufbau befand, machte einen
angenehmen Eindruck auf Sebastian. Vor allen Dingen der Elisenbrunnen mit seinen
schönen, weißen Säulen gefiel ihm sehr. Am Spätnachmittag pflegte die
Großmutter dann, den langen Heimweg in jenes Tal anzutreten, wo Sebastian,
jetzt schon seit einigen Jahren, zu Hause war.
Zweiundzwanzig Tage vor seinem
achten Geburtstag ging Sebastian zum ersten Mal mit der Großmutter zum
Rosenmontagszug. Er sah all diese bunten Wagen und die farbenprächtigen
Kostüme. Diese Menschen, die so fröhlich und ausgelassen waren, faszinierten
ihn. Zu diesem Höhepunkt des Straßenkarnevals trug die Großmutter einen
breitkrempigen Hut aus schwarzem Filz, auf dem sie silbrig glitzernde Rosen aus
rotem Krepp-Papier befestigt hatte.
Vor allem die festlich
herausgeputzten Pferde und die Trommelwirbel der Musikanten beeindruckten
Sebastian tief. Dieser Narrenzug, der mit Pauken, Trompeten und Klarinetten an
ihm vorbeizog, war wunderschön.
Die aufgesammelten Bonbons, die von
den Prahlwagen in die Menge geworfen wurden, steckte er in die Einkaufstasche
der Großmutter. Am Straßenrand, zwischen den anderen Schaulustigen standen die
beiden und die Großmutter sang die bekannten Lieder zum Rhythmus der Kapellen
mit. "Es war einmal ein treuer Husar" mochte sie ganz besonders
gerne. Dann schunkelte sie und war außer Rand und Band. Sebastian schaute zur
Großmutter hinauf und erfreute sich an ihrer Lebenslust. Und schon marschierte
das nächste Musikkorps vorüber. "Kornblumenblau ist der Himmel am
herrlichen Rheine" wurde gespielt. Begeistert stimmte die Großmutter mit
ein. Unterdessen versuchte Sebastian durch leise Zurufe mehrmals vergeblich,
ihre Aufmerksamkeit zu erregen, da er sie etwas fragen wollte. Nun griff er zu
einer altbewährten Methode, die nie ihr Ziel verfehlte. Er zog einfach an ihren
Röcken, um sich Gehör zu verschaffen. Die Großmutter beugte sich zu ihm herab.
Sebastian wollte wissen, warum denn alle so lebhaft mitsingen würden und
dermaßen fröhlich seien. Die Großmutter, deren Kopfschmuck im Winde gefährlich
zu schwanken begann, sagte, es sei Karneval, und dann dürfe man verrückter
sein, als die Polizei es erlaube. Sie richtete sich wieder auf und wiegte die
Hüften noch stärker als vorher zu den Klängen der Musik. Sebastian war
allerdings der Sinn ihrer Worte nicht klargeworden, aber dies beunruhigte ihn
nicht.
Noch einige Stunden ging der Trubel
weiter und Sebastian genoss das närrische Treiben. Diese Ausgelassenheit und
Heiterkeit empfand er als etwas Außergewöhnliches. Er konnte sich daran nicht
satt sehen. Niemals zuvor hatte er erlebt, dass die Großmutter sich dermaßen
amüsierte.
An manchen Tagen, wenn die Großmutter
besonders gut gelaunt war und sich unbeschwert fühlte, fing sie an, von ihrem
Bruder zu erzählen. Dieser habe in Breslau gewohnt und dort eine Fabrik
besessen. Was für ein Betrieb es gewesen war, sagte sie nicht. Nur dass der
Bruder Hermann hieße und im Kriege verschollen wäre, berichtete sie.
Auch ihren Vater erwähnte sie
zuweilen. Dieser sei einmal in Amerika gewesen. Zu welchem Zwecke er damals
diese Reise gemacht hatte und wie lange er in den USA geblieben war, verschwieg
sie. Zuweilen bat Sebastian sie, ihm etwas über Breslau und Amerika zu
erzählen. Sie antwortete dann immer nur kurz, dass man ein Schiff benutzen
müsse, um dorthin zu kommen und dass Breslau in Schlesien liege. Da er mit
einer solchen Antwort nicht viel anfangen konnte, fragte er erneut. Aber jedes
Mal glaubte er, eine leichte Verärgerung in ihrer Stimme zu hören, wenn er sich
danach erkundigte. Er unterließ es fürderhin, die Großmutter mit seiner
Fragerei über dieses Thema zu belästigen, da es ihr anscheinend unangenehm war.
Die sexuellen Handlungen mit Maria
wurden im Laufe der Zeit immer spärlicher, weil beide nicht mehr viel Interesse
daran hatten.
Im Winter, wenn es geschneit hatte,
holte Sebastian seinen Schlitten vom Dachboden. Zunächst wurden die Kufen blank
geschmirgelt und eingefettet. Danach begab er sich mit Maria in die Hügel und
Berge. Stundenlang rodelten sie dann in den Hängen. Maria saß auf dem Schlitten
immer hinter Sebastian und jauchzte bei den schnellen Abfahrten vor Freude.
Manchmal stürzte man auch und tummelte durch den weichen Schnee. Es waren diese
winterlichen Wonnen, an denen sie sich ergötzten. Zum Skifahren kam aber Maria
nie mit. Das machte Sebastian zusammen mit anderen Dorfkindern. Im Vergleich
mit den wilden Schlittenfahrten aber, war es weitaus weniger spektakulär. Auch
fehlte ihm Maria sehr.
Aber beim Schlittschuhlaufen, dass
nur ab und zu stattfand, weil es dann gehörig gefroren haben musste, war sie
wieder dabei. Es gab nur einen Weiher in der näheren Umgebung und es dauerte
immer sehr lange, bis dieser so fest zugefroren war, dass man darauf Eis laufen
konnte. Aber auch das Schlittschuhlaufen war nur mäßig interessant. Der alte
Schlitten jedoch, mit dem sie so oft schon hinunter ins Tal gesaust waren,
bereitete den beiden immer das größte Vergnügen.
Nach anfänglichem Zögern war der
Engel zu dem Entschluss gekommen, dass sein Schützling Anno Domini MCMLIX die
erste heilige Kommunion empfangen sollte, auf dass seiner katholischen
Erziehung Genüge getan werde. Dem Boten Gottes war bekannt, dass auf Grund
dessen nicht nur die geistige, sondern auch die körperlich-sexuelle Freiheit
Sebastians nachhaltig eingeengt würde. Da sein Schützling jetzt aber im
richtigen Alter dafür war, ließ er zu, dass es geschah.
Seit Anfang des Jahres schon nahm
Sebastian am Kommunionsunterricht teil, um sich gründlich auf dieses wichtige
Ereignis vorzubereiten. Er lernte etwas über die Beichte, über die unbefleckte
Empfängnis Mariens und über die Wandlung. Dass der Wein zum Blut und das Brot
zum Fleisch Christi würden, erklärte man ihm. In einigen Monaten dürfe er also
zum ersten Mal den Herrn zu sich nehmen. Ein eifriger Schüler war Sebastian und
freute sich auf den Monat Mai jenes Jahres. In die Kirche ging er jetzt immer
öfter und lernte die lateinischen Texte auswendig, damit er gar keinen Fehler
während der Messe mache. Bei der Eucharistiefeier mussten die Brüder und
Schwestern im Herrn dem Priester immer in Latein antworten.
Sebastian bekam sein erstes
Gebetbuch mit seinem Namen, in goldenen Lettern, auf der ersten Seite. Er war
stolz. Auch der erste Rosenkranz wurde ihm gegeben. Versilbert war er und hatte
ein Kreuz aus schwarzem Holz. Wie der Rosenkranz zu beten war, wusste Sebastian
nicht. Deswegen wandte er sich an seine Großmutter. Diese erklärte ihm das
Betsystem dieser geheimnisvollen Schnur mit den silbernen Perlen und er war
zufrieden. Auch die Zehn Gebote lernte er während der Beichtvorbereitungen. Sie
wurden ihm ausführlich erläutert. In dieser Zeit wurde ihm auf einmal klar,
dass er furchtbar viel Schlechtes getan hatte. Vor allen Dingen das sechste
Gebot, das da lautete: "Flieht die Unkeuschheit!", machte ihm schwer
zu schaffen. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass diese wundersamen Regungen in
ihm, die Lust an der Nacktheit, unbedingt zu unterdrücken seien. Dass er ein
Sünder war, musste er jetzt schweren Herzens einsehen. Er dachte an den
spontanen Nachbarsjungen, damals auf der Wiese, an seinen schönen Vetter
während der Überschwemmung, an seinen ältesten Bruder im Gebüsch und vor allem
an die wilde Maria.
Bei seiner ersten Beichte wurden
hauptsächlich die Sünden, die er mit Maria begangen hatte, reuevoll
vorgetragen, was Sebastian sehr schwer fiel, da er doch so große Lust dabei
empfunden hatte. Der Priester erteilte ihm die Absolution. Als Sühne betete
Sebastian vier Ave‑Maria und verließ die Kirche überglücklich. Frei war
er jetzt von allem Bösen. Auf Gott und sein neues, religiöses Leben konnte er
sich jetzt konzentrieren.
Der Engel ließ dies alles
geschehen, weil er der Überzeugung war, dass Sebastian nur auf diese Weise in
das dörfliche Leben zu integrieren sei. Bei seinem vorigen Schützling, dem
ungestümen Albrecht, war die Eingliederung in das soziale Umfeld, damals vor
fünfhundertfünfunddreißig Jahren, auch auf diese Art und Weise einigermaßen
gelungen. Diese Erkenntnis machte der Engel sich jetzt zunutze.
Einen dunkelblauen Kommunionsanzug
mit kurzer Hose durfte er sich in einem Geschäft für Herrenoberbekleidung
aussuchen. Dazu kamen noch weiße Kniestrümpfe, schwarze Lackschuhe und ein
weißes Seidenhemd. Ein grünes Sträußchen mit weißen Blüten aus Seide, das aufs
Revers gesteckt werden sollte, verliehen dem Ganzen noch eine besonders
festliche Note. Schließlich kaufte man noch eine blaue Fliege und ein weißes
Ziertaschentuch mit Spitze, für die Brusttasche des Jacketts.
Am Donnerstag, dem siebten Mai, war
der lang herbeigesehnte Tag endlich da. Sebastians Eltern hatten alles für das
Fest hergerichtet. Die ganze Verwandtschaft war eingeladen worden, sogar Tante
Eugenie aus Brüssel, die sich nur selten im Elternhaus von Sebastian sehen
ließ. Wenn sie kam, hatte sie immer einen Koffer voller Kleider bei sich, denn
sie hatte die Angewohnheit, sich mehrmals am Tag umzuziehen und sich neu zu
schminken. Immer guter Laune war sie und küsste sehr herzlich: einmal rechts,
einmal links und dann wieder rechts. Welchen Beruf sie hatte, wusste eigentlich
keiner so recht. Sie kam, flirtete, war freundlich und gesprächig, zog sich ein
paar Mal um und entschwand dann wieder in ihrem weißen Chevrolet, den sie
eigenhändig steuerte, nach Brüssel. Es gab nie einen Mann an ihrer Seite. Jedes
Mal, wenn sie kam, glaubte Sebastian, einen Hauch der großen, weiten Welt zu
spüren. Nie wurde schlecht über sie gesprochen. Für Sebastian sah sie aus, wie
eine arabische Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht. Diese Geschichten der
sagenumwobenen Märchenerzählerin Scheherazade kannte er aber zu jener Zeit noch
nicht, da ja die Großmutter nur Jacob und Wilhelm Grimm und ihre eigenen,
afrikanischen Horrorgeschichten in ihrem Repertoire hatte.
In jenem Mai, an einem herrlichen,
strahlenden Himmelfahrtstag, war dann einer der wichtigsten Festtage für
Sebastian und seinen Zwillingsbruder. In schwarzen Limousinen ließ man sich zur
feierlich geschmückten Kirche chauffieren. Reservierte Plätze wurden den Eltern
und Brüdern zugewiesen. Sebastian, sein Zwillingsbruder und all die anderen
Kommunionkinder schritten zum Altar. Der Höhepunkt war der Empfang der Hostie,
des Fleisches des Allmächtigen. Man war voller Aufregung. Würdevoll knieten
sie, auf den Stufen zum Tisch des Herrn, in Gruppen von zehn, nieder. Andächtig
schlossen sie die Augen und streckten, beinahe gierig, die Zungen soweit es
ging heraus, damit die Oblate auch darauf Platz habe. Sebastian hörte die mit
sonorer, warmer Stimme geflüsterten Worte des Priesters: "Corpus
Christi", spürte die Hostie auf der Zunge, sagte "Amen", schloss
den Mund, öffnete die Augen wieder, stand auf und verneigte sich
ehrfurchtsvoll. Die Gruppe schritt gesenkten Hauptes wieder zurück und man begab
sich auf seinen Platz. Sebastians innere Aufgewühltheit war grenzenlos. Nachdem
er an seiner Betbank angekommen war, kniete er nieder, bedeckte das Gesicht mit
den Händen und war überglücklich, dass er den Herrn hatte empfangen dürfen. Er
vertraute dem Allerhöchsten seine geheimsten Gedanken an. Tausendfach dankte er
ihm für die Ehre, die ihm zuteil geworden war.
Quia tu es, Deus, fortitudo mea.
Emitte lucem tuam et veritatem tuam: ipsa me deduxerunt et adduxerunt in montem
sanctum tuum et in tabernacula tua.
Seit jenem denkwürdigen Tag änderte
Sebastian sein Leben. Alle Körperlichkeiten mit Maria waren zu einem Tabu
geworden, obwohl er sie noch sehr oft sah. Er wurde jetzt sehr religiös. Bei
den Gottesdiensten sang er aus voller Kehle das Halleluja und Gloria. In seiner
Freizeit betete er den Rosenkranz; meistens den schmerzhaften und zuweilen den
glorreichen.
Um seine unkeuschen Gedanken, die
sich trotz aufrichtiger Bemühungen immer wieder einschlichen, stärker
unterdrücken zu können, schränkte er seine Freiheit noch weiter ein, indem er
sich Kaninchen anschaffte. Die Pflege dieser Tiere war sehr arbeitsintensiv.
Dadurch würde er weniger Gelegenheit haben, einen Verstoß gegen das sechste
Gebot zu begehen. Obwohl Sebastian seine Langohren zum Schlachten züchtete, war
er doch der Meinung, dass auch sie während ihres kurzen Lebens mit großer Sorge
gehegt und gepflegt werden müssten, bevor sie als köstlicher Sauerbraten
verzehrt würden. Darüber hinaus legte er einen Blumengarten an. Der Vater war
gerne bereit, dem Sohn ein Stück seines großen Gemüsegartens, in dem er
hauptsächlich Kopfsalat und Gurken anbaute, zu überlassen. Aus veredelten
Blumen machte der Vater sich nichts, aber die wilden liebte er um so mehr.
Sebastian pflanzte blutrote
Dahlien, rosafarbene Schmuckkörbchen und Astern in allerlei Farben für den
Herbst. Dies alles und seine Schule vereinnahmten ihn fast völlig. Morgens fuhr
er mit dem Fahrrad zum Unterricht, nachmittags machte er, sehr gewissenhaft,
seine Hausaufgaben und danach, am frühen Abend, suchte er auf den Wiesen nach
Kaninchenfutter. Vorzugsweise zupfte er Kettenkraut, denn das mochten seine
Tiere am liebsten. Das war jetzt sein Leben.
Der Bote Gottes hatte sich nach
langem Überlegen endlich dazu durchgerungen, Sebastian wieder eine sexuell
gefärbte Episode erleben zu lassen, damit dessen geschlechtlicher
Reifungsprozess keinerlei Beeinträchtigung unterliege. Das Für und Wider hatte
er sorgfältig erwogen, denn er wusste, welche große Verantwortung auf seinen
Schultern ruhte. Den Engel des Herrn kostete es immer sehr viel Mühe, die
hinderlichen Fehlentwicklungen behutsam zu beheben, die von den irdischen
Würdenträgern des Allmächtigen aus Unwissenheit oder mit Absicht verursacht
wurden. Eine fruchtbare Zusammenarbeit war offensichtlich nicht möglich.
In jener Zeit geschah es, dass
Sebastian krank wurde. Er war schwer erkältet. Die Großmutter bat ihn abends,
weil er so hustete und fiebrig war, sich an seine Mutter zu wenden und die
Nacht im elterlichen Schlafzimmer zu verbringen. Traurig verließ Sebastian die
Großmutter und begab sich zur Mutter. Diese versuchte ihn zu trösten und
steckte ihn in ihr Bett. Sie erzählte nie Märchen und Übernachtungen im
elterlichen Doppelbett kamen nur vor, wenn man krank war, denn dann weigerte
sich die Großmutter, den Kranken in ihrem Zimmer schlafen zu lassen. Dies war
eines der wenigen Prinzipien, das die Großmutter strikt befolgte.
Sebastian lag nun im Bett der
Mutter und der zweite Teil des Doppelbettes war für die Eltern vorgesehen in
jener Nacht. Vor lauter Fieber konnte er kaum schlafen. Nach einigen Stunden
des sich Hin‑ und Herbewegens hörte er, wie sich die Tür öffnete. Es
waren seine Eltern, die sich zur Nachtruhe begeben wollten. Er tat so, als ob
er schliefe. Nach einer Weile lagen die beiden im Bett. Was Sebastian jetzt zu
hören bekam, erschütterte ihn zutiefst. Die Mutter stöhnte leidvoll und der
Vater schnaufte wie ein wildgewordener Stier. Sebastian wurde stocksteif vor
Schreck, kniff die Augen krampfhaft zu und hoffte nur, dass es bald vorbei sein
würde. Die rhythmischen Bewegungen wurden sogar dermaßen heftig, dass selbst
das Bett anfing zu schütteln. Er hatte das Gefühl, dass die Mutter etwas über
sich ergehen lassen müsse, was ihr Schmerzen bereitete. So klang ihr seufzendes
Gestöhne.
Am nächsten Morgen empfand
Sebastian einen leichten Hass und eine gewisse Verachtung den Eltern gegenüber.
Der Zorn, der sich in ihm regte, galt vor allem dem Vater. Noch mehr klammerte
sich Sebastian jetzt an seinen Glauben.
Der Engel hatte in all seiner
Weisheit beschlossen, dass noch ein sexuell angehauchtes Erlebnis stattfinden
müsse, damit Sebastian ein wenig reifer werde.
Immer sonntags, vor dem Kirchgang
gewöhnlich, ging Sebastian ins Schlafzimmer der Eltern, um seine Kleider dort
aus dem Schrank zu holen und sich herauszuputzen. Einen eigenen Kleiderschrank
besaß er noch nicht. Den der Mutter durften er und sein Zwillingsbruder
mitbenutzen. Lediglich die Sonntagstracht der Zwillinge wurde neben der
Festtagskleidung der Mutter darin aufbewahrt. Bei gewöhnlichen Kleidungsstücken
übernahmen Stühle die Funktion einer Garderobe.
Manchmal war er alleine dort und
zuweilen war der Vater auch anwesend, wenn er die gleiche Messe besuchte wie
Sebastian. An einem solchen Sonntagmorgen, Sebastian war gerade dabei, das
weiße Hemd anzuziehen, kam der Vater ins elterliche Schlafzimmer. Er hatte ein
wohltuendes Bad genommen und wollte sich fein für die Kirche machen. Er wurde
Sebastians zwar gewahr, aber fing doch an, sich auszuziehen. Im Spiegel konnte
Sebastian den Vater ganz genau beobachten. Es war ungemein spannend. Als der
Vater dann die Unterhose auszog und Sebastian diesen schönen, weißen,
makellosen Arsch erblickte, wurde er ein wenig unruhig. Er sah, wie der Vater
sich bückte, um im Schrank einige Kleidungsstücke zu suchen. Sebastian schaute,
ohne Unterlas, fasziniert in den Spiegel der Kommode, vor der er stand, und das
schöne Arschloch des Vaters wurde immer sichtbarer. Wie gerne hätte er es
berührt oder etwas hineingesteckt, aber er wusste, dass der Gedanke daran,
unrealisierbar war. Diesen festen, bewundernswerten Arsch beobachtete er weiter
im Spiegel, in der Hoffnung, dass der Vater es nicht bemerken würde, denn
schließlich hatte dieser keinen Spiegel vor sich. Demzufolge könnte er
überhaupt nicht feststellen, wohin Sebastian seine Augen wandern ließ.
Irgendwie schien der Vater doch gemerkt zu haben, dass er von seinem Sohn
beobachtet wurde. Er richtete sich wieder auf, zog hastig seine Unterhose an
und bestrafte Sebastian mit einem vorwurfsvollen Blick. Die Mutter kam ins
Zimmer und der Vater sagte ihr, dass er fortan nicht mehr wünsche, dass einer
seiner fünf Söhne sich im Schlafzimmer aufhielte, wenn er dabei wäre, sich
umzuziehen. Die Mutter versuchte als Schlichterin aufzutreten und den Vorfall,
von dem sie gar nichts mitbekommen hatte, zu relativieren. Der irritierte Vater
aber betonte noch einmal seinen Standpunkt. Sebastian hörte diese dezidierte
Forderung des Vaters. Er war nun um so mehr enttäuscht, da er einige Wochen
zuvor, als er krank war, die beiden im Bett gehört hatte. Sie hatten ihn in
jener Nacht nicht nur um den Schlaf gebracht, sondern auch noch einen schweren
Vertrauensbruch begangen.
Sebastian, obwohl noch sehr jung,
war jetzt der Auffassung, dass es ohne weiteres im Bereich des Möglichen liegen
müsse, dass die Kinder den Schwanz des Erzeugers und die Vagina der Mutter
anschauen dürften, wenn sie dies wünschten. Ein verbrieftes Recht müsste ihnen
zugestehen, diese Geschlechtsorgane, aus denen sie entstanden waren, zu
berühren.
Sebastian dachte über diese
extremen Forderungen nach. Nach kurzem Überlegen schon gab er die Hoffnung auf,
dass dies irgendwann einmal, in naher Zukunft, in Erfüllung gehen könnte. Ein
zwiespältiges Verhältnis zu seinem Glauben bekam er, aufgrund dieser
revolutionären Vorstellungen, sogar noch dazu, da er ja Gott dienen wollte und
dieser, laut offizieller Lehre der Kirche, gewiss nicht mit solchen
ungeheuerlichen Handlungen einverstanden sein würde. Ein eklatanter Verstoß
gegen das sechste Gebot wäre es. Sebastian befand sich in einem Dilemma.
3. Kapitel
Der Engel sah sowohl diese
aufkommende Frömmigkeit als auch die Sebastian vollkommen verwirrenden
Vorkommnisse mit dem Vater und die merkwürdigen Gedankengänge und wilden,
inzestuösen Phantasien, die er damit verknüpfte. Glücklicherweise wusste der
Vater nichts von dem, was im Kopfe des Sohnes vorging. Wenigstens der
übereifrigen Religiosität Sebastians wollte der Engel Einhalt gebieten, damit
die Entwicklung seines Schützlings nicht zu einseitig verlaufe. Er griff zu
einem drastischen Mittel. Zu diesem Zweck suchte sich der Bote Gottes einen
Bauernknecht aus, der im Dorfe noch keine Vergangenheit hatte und dessen
Vorgeschichte gänzlich unbekannt war. Nur ein solcher wäre imstande, den
schwierigen und riskanten Auftrag zu erfüllen.
Seit einigen Monaten schon
arbeitete auf einem Hof in unmittelbarer Nachbarschaft des Elternhauses von
Sebastian, ein neuer Knecht. Die Dörfler nannten ihn nur "Icke", da
er aus Berlin stammte und das Personalpronomen "ich" beim Sprechen
grundsätzlich durch das mundartlich gefärbte "Ick" ersetzte, wie das
im Dialekt der ehemaligen deutschen Reichshauptstadt üblich war. Neunundzwanzig
Jahre alt war er, von großer, schlanker Gestalt und dunkelblond. Wie alle
Knechte, die immer schwerste, körperliche Arbeit verrichten mussten, war auch
er sehr stark und besaß einen außergewöhnlich muskulösen Körperbau. Er war zu
allen sehr zuvorkommend und freundlich.
Sebastian machte die erste
persönliche Bekanntschaft mit diesem Knecht zu der Zeit, als die kleinen,
hurtigen Schwalben sich auf den Stromleitungen versammelten, um gen Süden zu
ziehen. An einem solchen Herbsttag machte Sebastian einen Spaziergang zu den
sieben Quellen des Wildbaches, die sich unweit des Dorfes, am Fuße eines
bewaldeten Hügels, befanden. Es war am Spätnachmittag, als er den
gutaussehenden Knecht dort antraf. Ein Jagdgewehr hatte dieser bei sich. Mit
Schießübungen verbrachte er offensichtlich seine knappbemessene Freizeit.
Sebastian erschrak das Gewehr nicht, da er längst daran gewöhnt war, denn im
Dorfe besaßen viele Bauern eine Jagdflinte. Einige von ihnen waren sogar Jäger.
Als Treiber hatte Sebastian schon öfters an einer Jagd teilgenommen. Man hatte
als solcher die Aufgabe, laute Schreie auszustoßen, damit die verschreckten
Hasen ihre Verstecke verließen und in Panik flüchteten, um dann von den
Weidmännern abgeknallt werden zu können. Meistens operierte man in Gruppen von
fünf bis zehn Mann. Außerdem hatte auch Marias strenger Vater eine Flinte.
Damit schoss er, dann und wann einmal, wenn ihm danach war, auf Spatzen, da es
so viele davon im Dorfe gab. Töten war also für Sebastian nicht problematisch,
wenn es nur einen Sinn hatte. Er selbst züchtete Kaninchen, die er eigenhändig
schlachtete, ausnahm und dann verkaufte. Außerdem hatte er noch seine
eigensinnigen, tigergleichen Katzen, die jedes Jahr einige Male Junge warfen.
Da musste er auch notwendigerweise töten, damit es ihrer nicht zu viele würden.
Eine Sterilisation von Haustieren kam nicht in Betracht. Vielleicht war das
letztlich besser für die Tiere.
Dieser bewaffnete, geschmeidige
Knecht nun wünschte Sebastian einen schönen Tag und fragte ihn, ob er keine
Lust dazu hätte, mit ihm ein bisschen auf die Vogelpirsch zu gehen. Dieses
verlockende Angebot nahm Sebastian gerne an. Der schöne Icke und Sebastian streunten
einige Zeit durch die Gegend, bis sie auf einer Stromleitung eine Gruppe von
Schwalben antrafen. Der Landarbeiter nahm seine Büchse, legte an, zielte und
schoss. Eine Schwalbe fiel zu Boden, der Rest des Schwarms flog aufgescheucht
davon. Der kräftige Schütze und Sebastian gingen zur abgeschossenen Schwalbe.
Sebastian hob sie auf und hielt sie in der Hand. Einen weißen Bauch hatte sie.
Tiefblau bis schwarz waren die Flügel und der Rücken. Sebastian fragte sich,
warum es gerade eine Schwalbe hatte sein müssen, die doch im Begriffe war, sich
nach Süden aufzumachen. Schwalben waren in den Augen der Bauern nützliche
Vögel. Darauf schoss man nicht. Auf den Höfen und in den Ställen jagten sie
nach Fliegen und allerlei anderen Insekten. Darüber hinaus hatten sie etwas
Geheimnisvolles, denn sie flogen jedes Jahr nach Afrika und kündeten immer
wieder, schon seit ewigen Zeiten, den Frühling an. Sebastian wagte nicht, dem
Knecht auch nur das Geringste über seine Gedanken zu verraten. Sein Gewehr
hielt dieser fest in der Hand, lächelte nur und schaute abwechselnd die tote
Schwalbe und Sebastian an. Die kleine Schwalbe ließ Sebastian fallen. Ins Dorf
gingen beide zurück. Unterwegs fragte er noch Sebastian, ob dieser abends,
gegen acht Uhr, bei ihm vorbeischauen würde. Direkt, ohne auch nur eine Sekunde
zu zögern, sagte Sebastian zu, obwohl es das erste Mal war, dass der Knecht ihn
darum bat. Sebastian ging frohgelaunt nach Hause, nahm das Abendbrot zu sich
und freute sich unterdessen schon sehr darauf, der Einladung des Landarbeiters
Folge zu leisten. Gegen acht Uhr begab er sich auf den Weg zum Hofe, wo der
Knecht ein kleines Kämmerlein unter dem Dach bewohnte. Die Treppe stieg er
hinauf und klopfte an. Der Freizeitjäger öffnete. Sein Zimmer war überaus
ordentlich aufgeräumt. Auf einen Stuhl setzte sich der freundliche Icke und
Sebastian nahm auf dem Bett Platz. Eine gewisse Spannung spürte er schon, da
die Augen des Knechtes so funkelten, ungefähr derart wie einige Stunden zuvor,
beim Abschuss der Schwalbe. Äußerlich machte er einen sehr ausgeglichenen
Eindruck. Sebastian sah diese fordernden Augen und den sinnlichen Mund. Nach
einer Weile fragte er Sebastian, ob er stark sei. Den Sinn dieser Frage
verstand der unwissende Sebastian nicht recht, aber entgegnete dennoch spontan,
dass sein Zwillingsbruder stärker wäre. Dies entsprach auch den Tatsachen, da
er Sebastian körperlich weitaus überlegen war. Was sich jetzt abspielen sollte,
war kaum vorstellbar. Der Engel aber hatte es so vorherbestimmt. Für Sebastian
gab es kein Entrinnen. Unaufhaltsam nahm die Sache nun ihren Lauf. Er war wie
gelähmt. In Trance befand er sich. Weder in die Handlung eingreifen konnte er,
noch sich ihrer erwehren. Die Stimmbänder versagten. Obwohl er aus Furcht vor
dem Ungewissen völlig handlungsunfähig war, fühlte er dennoch eine große
Spannung.
Nachdem Sebastian vom Landarbeiter
aufs Bett gelegt worden war, wurden seine Augen mit einem Handtuch abgedeckt.
Sein Hosenschlitz wurde vorsichtig geöffnet. Dann war es eine Zeitlang still.
Eine warme Flüssigkeit spürte Sebastian in seinem Schambereich. Keinen Laut
hörte er. Direkt wurde die Flüssigkeit wieder abgewischt und der Hosenschlitz
geschlossen. Kurz danach wurde ihm das Handtuch vom Gesicht entfernt. Vor ihm
stand dieser junge, schöne Knecht. Das geheimnisvolle Lächeln auf seinem
Gesicht und die strahlenden Augen waren geblieben. Steif vor Schreck war
Sebastian, da er nicht wusste, was geschehen war. Der charmant‑gefährliche
Knecht sagte nichts. Stattdessen machte er eine Gebärde, die angeben sollte,
dass Sebastian sich erheben könne. Der unergründliche Bursche ging zu seinem
Kleiderschrank, holte dort eine Mundharmonika heraus und überreichte sie
Sebastian als Geschenk. Mit diesem kleinen Blasinstrument in den Händen stand
Sebastian auf und machte sich auf den kurzen Weg nach Hause. An jenem
Herbstabend war es ein schwerer Weg. Trotz seiner völligen Verwirrtheit, dachte
er jetzt wieder an die dunkelblaue Schwalbe, die nie mehr die Reise in jenes
ferne Afrika machen könnte, von der die Großmutter immer die selbstgemachten
und doch so faszinierenden Märchen erzählte. Die geladene Flinte des Knechtes
war ihr, an jenem herbstlichen Nachmittag, zum Verhängnis geworden. Zu Hause
wagte Sebastian es nicht, den anderen Familienmitgliedern in die Augen zu schauen.
Unterwegs schon hatte er das glitzernde Instrument in die Hosentasche gesteckt.
Dass niemand es sehen würde, hoffte er, denn er spürte in seiner Seele ein
unbestimmtes Schuldgefühl. Die silberfarbene Mundharmonika versteckte er ganz
hinten, tief unter der Wäsche, in einem Schrank, in der Hoffnung, dass niemand
sie jemals finden würde. Seit diesem Abend mied Sebastian den attraktiven
Knecht, weil er große Angst vor ihm hatte. Nach einigen Monaten war dieser, aus
unerklärlichen Gründen, verschwunden. Sebastian atmete auf, dachte aber immer
wieder an jenen mysteriösen Herbsttag.
Nachdem der Engel vierzehn Monate
ohne nennenswerte Zwischenfälle hatte verstreichen lassen, auf dass sein
Schützling sich erhole und unbeschwert heranreife, griff er wieder ein. Diesmal
schickte er Sebastian das erste wirkliche Leid, denn dieser war jetzt bereits
zehn und stark genug, es zu ertragen.
Anfang Dezember begleitete
Sebastian seine Großmutter wieder in die Stadt. Auf dem Hinweg nahmen sie die
kürzere, aber beschwerlichere Route über die Berge. Schon nach einem Kilometer
klagte die Großmutter darüber, dass sie dringend urinieren müsse. Es gab aber
weit und breit kein Haus, in das sie hätten einkehren können. Mitten in den
herbstlich‑kahlen Feldern waren die beiden. Kurzerhand zog die Großmutter
die Unterhose aus, steckte diese in ihre Handtasche, in der sich auch ihr
Gebiss befand, hob ihre langen Röcke auf und pisste. Während sie dies machte,
bat sie Sebastian, sich vor sie hinzustellen, um sie vor neugierigen Blicken zu
schützen, obwohl im weiten Umkreis keine Menschenseele zu sehen war. Sebastian
tat, was ihm befohlen worden war. Sie meinte nur, von hinten sehe doch jeder
gleich aus.
In der Stadt geschah dann noch
einmal Vergleichbares. Der Harndrang wurde ihr zu heftig und sie musste wieder
urinieren. In eine stille Ecke stellte sie sich einfach und machte die Beine
ein wenig auseinander. Sebastian stand wieder vor ihr und sah, wie das Rinnsal
sich langsam auf dem Trottoir einen Weg zur Bordsteinkante bahnte. Bis dahin
schöpfte er noch keinerlei Verdacht, da ja die Großmutter, in seinen Augen, oft
Unkonventionelles und Außergewöhnliches tat. Gerade das war der Grund, weswegen
er die Großmutter so liebte und schätzte. Dieses Besondere an ihr zog ihn in
ihren Bann. Er erinnerte sich an das eine Mal, als die Großmutter zum
Lastenausgleichsamt ging und die dortigen Beamten so fürchterlich beschimpfte,
weil sie meinte, dass sie noch einen finanziellen Ausgleich für eine Kuh zu
bekommen habe, die ihr die Amerikaner, im Herbst Anno Domini MCMXLIV, beim
Einmarsch in Aachen, abgeschossen hätten. Sebastian nahm sie immer zu solchen
Behördengängen mit, denn er sollte wahrscheinlich an diesen praktischen
Beispielen lernen, wie man mit den Staatsdienern umzugehen hätte. Ein anderes Exempel
für die außergewöhnliche Persönlichkeit der extravaganten Großmutter waren auch
wieder Kriegserfahrungen. Es betraf hier einerseits die nächtliche Evakuierung
und andererseits die amerikanischen Soldaten. Sebastian hörte nur schöne
Erlebnisse der Großmutter aus dem Krieg, obwohl auch einer ihrer Söhne gefallen
war. Die nächtlichen Ausquartierungen, die wegen des Bombenhagels der
Alliierten notwendig geworden waren, mochte sie ganz besonders. Die Leute, die
nicht in östliche Regionen geflüchtet waren, mussten sich, während dieser
Angriffe, in Kasernen mit dem Emblem des Roten Kreuzes begeben. Diesen
Aufenthalt unter Schicksalsgenossinnen liebte die Großmutter. Es gab dort diese
großen Schlafsäle mit Etagenbetten. Sie konnte dann, mehr oder weniger ungestört,
mit allerlei Menschen reden und ihnen ihre Geschichten erzählen. Ein gewaltiges
Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelte sich in diesen Bombennächten. Hier
zeigte der furchtbare Krieg seine schönen Seiten, wie die Großmutter zu sagen
pflegte. Auch hatte sie eine Schwäche für die GIs, obwohl sie ihr diese eine
Kuh abgeschossen hatten. Was ihr an diesen Soldaten so gut gefiel, waren deren
Ärsche. Sie erzählte immer, dass sie von ihrem Küchenfenster aus, als das Haus
noch nicht zerbombt war, den Donnerbalken in ihrer Wiese sehen konnte, wo dann
diese jungen, schönen, prallen, oft auch schwarzen Ärsche sich in ihre
Blickrichtung wölbten und spreizten. Sie schwärmte davon, obwohl man im
allgemeinen feststellen konnte, dass ihre Beziehung zu Männern eher reserviert
war. Vielleicht aus einer gewissen Entfernung wie bei diesen Soldaten, war ihr
Verhältnis zu Männern ein besseres. Die Großmutter hatte fast nur Freundinnen,
die aber auf Sebastian immer etwas unterkühlt wirkten. Ausschließlich
alleinstehende Frauen waren es, die irgendwann einmal verheiratet gewesen oder
ihr Leben lang ledig geblieben waren. Der einzige männliche Besucher, den sie
zuließ, war Herr Schütz. Er kam so dann und wann einmal vorbei und erwies der
Großmutter die Ehre. Körperlich behindert war er und zwanzig Jahre jünger als
sie. Einen großen Buckel hatte er und war noch ein Stückchen kleiner als
Sebastian. Er besaß einen kleinen, O-beinigen, hellbraunen Hund mit
abgeschnittenem Schwanz aus der Rasse der Zwergpinscher. Zwischen der Großmutter
und diesem Herrn Schütz wurden aber keine Körperkontakte ausgetauscht. Was man
sich höchstenfalls hätte vorstellen können, wäre vielleicht ein Fußkuss von
Herrn Schütz gewesen. Ob dies jemals geschehen war, wusste Sebastian nicht.
Es war jetzt an der Zeit, dass
Sebastian sich wieder mit seiner Großmutter auf den Heimweg machte. Dezember
war es, und schon früh würde es dunkel sein. Immerhin betrug der Fußmarsch
sieben Kilometer. Auf dieser Wanderung, zurück in jenes Tal, an die sieben
Quellen des Wildbaches, bemerkte Sebastian die Kurzatmigkeit der Großmutter zum
ersten Mal. Sie nahmen demzufolge auch nicht den Weg über die Berge, sondern
gingen durch das Tal. Während des letzten Kilometers musste sich die Großmutter
an fast jedem Zaunpfahl festhalten und sich stützen, um wieder freier atmen zu
können. Erst spät kamen die beiden zu Hause an. Es sollte der letzte Ausflug
der Großmutter sein. Einige Tage später viel sie von der Treppe; wie ein
Mehlsack schlug sie auf. Mit Blutergüssen lag sie dann eine Woche lang im Bett
und konnte kaum noch essen. Dann, direkt nach Weihnachten, erlitt sie ihren
ersten Schlaganfall. Sebastian schlief noch in ihrem Zimmer, aber schon seit
einiger Zeit nicht mehr in ihrem Bett. Gegen Morgen stand die Großmutter auf
und mit einem gewaltigen Knall, aufgrund ihres Gewichtes, viel sie um.
Aufstehen konnte sie nicht mehr. Sebastian musste seine Eltern rufen, die auf
dem Hof beschäftigt waren. Die Kühe mussten gemolken werden. Sie eilten herbei
und hoben sie wieder ins Bett. Seit diesem Tag schliefen Sebastian und sein
Zwillingsbruder im elterlichen Doppelbett und der Vater und die Mutter im
Obergeschoss bei der Großmutter. Der Todeskampf hatte eingesetzt. Es sollte
noch einige Tage dauern, bis die Großmutter ihren Geist aufgeben würde.
Sebastian wagte sich nicht mehr ins Zimmer der Sterbenden. Eine schwere,
traurige Zeit brach an. Am frühen Morgen des achtundzwanzigsten Dezembers
verschied die Großmutter. Die Nachricht von ihrem Tode wurde Sebastian am
folgenden Morgen von der Mutter überbracht. Das Allertraurigste war es, was ihm
bis dahin jemals mitgeteilt worden war. Er weinte bitterlich. Eine Welt brach
für ihn zusammen.
Da es in den Weihnachtsferien
geschah, hatte er genug Zeit, genau mitzuerleben, wie solch ein Trauerfall
abgewickelt werden würde. Am Nachmittag wurde die von Sebastian so heißgeliebte
Großmutter, in weißen Laken gehüllt, von den Angestellten des Bestattungsunternehmens
vom Obergeschoss hinuntergetragen und im Flur eingesargt. Noch ein letztes Mal
kämmte Sebastians Mutter das rote Haar der Großmutter und der schwere
Eichensarg wurde für immer verschlossen. Dieses letzte Kämmen beobachtete
Sebastian aus sicherer Entfernung. Er war voller Trauer und konnte kaum fassen,
was geschehen war. Die Großmutter war tot. Entschwunden für alle Zeit. In den
ersten zehn Jahren seines Lebens hatte sie ihn begleitet. So vieles hatte sie
ihn gelehrt. Der schwere Gang hinter dem Sarg zu ihrem Grab stand Sebastian
noch bevor.
4. Kapitel
Anfang Januar wurde die Großmutter
auf dem Waldfriedhof begraben. Obwohl sie des öfteren den Wunsch geäußert
hatte, man möge sie dereinst in aller Stille zur letzten Ruhe betten, wurde
diesem Verlangen nicht entsprochen. In feierlichem Rahmen und unter großer
Anteilnahme fand die Beisetzung statt. Ein Tag voller Freudlosigkeit war es für
Sebastian. Nach dem Herablassen des Sarges in die Gruft erhob der Priester, der
von zwei Messdienern begleitet wurde, von denen einer das Prozessionskreuz
trug, seine Stimme und sprach: "Staub bist du, und zum Staube kehrst du
zurück." Jetzt hielt der Geistliche kurz inne und fuhr fort mit der
Verheißung: "Der Herr aber wird dich auferwecken am Jüngsten Tage."
Auch diese Worte der Hoffnung konnten Sebastian keinen Trost spenden. Ähnliche
Formulierungen hatte er schon früher, beim Auftragen des Aschenkreuzes und im
Religionsunterricht, gehört, aber jetzt, hier am Grabe seiner Großmutter, litt
er darunter.
Glücklicherweise brachte die Schule
genügend Abwechslung und Zerstreuung. Zu Ostern kam Sebastian schon ins fünfte
Schuljahr. Ohne Großmutter ging jetzt die Zeit dahin.
Kurz vor den Sommerferien fand
immer ein Wandertag statt, an dem jeder teilnehmen musste. Seit Jahren schon
hielt man es so, dass die Kleinen, damit waren die Schüler des ersten bis
vierten Schuljahres gemeint, Wanderungen durch die nähere Umgebung machten. Die
übrigen Klassen, vom fünften Schuljahr aufwärts, suchten fernere Ziele auf. Für
Sebastian war das jedes Jahr wieder ein besonderes Ereignis, worauf er sich
monatelang freute. Im vorangegangenen Jahr waren er und seine Mitschüler durch
den Aachener Stadtwald gewandert. Dort hatten sie die alten Hügelgräber
besichtigt. Viel war nicht mehr von ihnen übrig, aber Sebastian konnte sich
vorstellen, dass sie einst als Begräbnisstätten gedient haben könnten.
Diesmal sollten die oberen Klassen,
die etwa hundert Schüler umfassten, einen ganzen Tag ins Bergische Land fahren.
Es war vorgesehen, die Reise mit der Eisenbahn zu machen. Diese Dampfrösser
liebte Sebastian ganz besonders. Sie machten auf ihn den Eindruck, unendlich
stark und unverwüstlich zu sein, da sie über Jahrzehnte ihren Dienst, ohne
schlappzumachen, versehen konnten. Einmal hatte er einundsechzig Waggons
gezählt, die von solch einer kräftigen Lokomotive gezogen wurden. Fast
unvorstellbar war ihre ungezügelte Kraft.
Man wollte über die spektakuläre
Müngstener Brücke fahren, die in weitem Bogen die Wupper überspannte und
anschließend die alte Schwebebahn in Wuppertal in Augenschein nehmen. Die
Lehrerin erzählte, dass sie eines der ungefährlichsten Beförderungsmittel sei.
Bis auf einen beklagenswerten Zwischenfall, der aber jetzt schon fast elf Jahre
zurückliege, habe es nie schwerwiegende Unfälle mit dieser Hängebahn gegeben.
Bei diesem Unglück sei eine junge Elefantenkuh namens Tuffi, durch unglückliche
Umstände, aus der Schwebebahn kopfüber in die Wupper gefallen. Zu Werbezwecken
für einen in der Stadt gastierenden Zirkus sei der noch unerfahrene Dickhäuter
in die Fahrgastkabine hineingezwängt worden, wobei sich schließlich das Malheur
ereignet habe. Trotz dieses gefährlichen Sturzes, sei er aber mit dem Leben
davongekommen. Diese Geschichte beeindruckte Sebastian nicht sonderlich.
Trotzdem war er im nachhinein doch froh darüber, dass dieses arme Rüsseltier
sich keine tödlichen Verletzungen zugezogen hatte.
Der Ausflug wurde in allen
Einzelheiten vorbereitet, wodurch die Spannung sich nur noch steigerte. Endlich
war es dann soweit. Sebastian stieg zum ersten Mal in einen Zug. Nach sechzig
Minuten schon erreichte die schnaufende Dampflokomotive Köln. Während der
Überquerung des Rheins, für Sebastian war es die allererste, lehnte er sich aus
dem Abteilfenster hinaus, obwohl es verboten war. Da es aber keinen Lehrer in
der Nähe gab, der ihn davon hätte abhalten können, ging er das Risiko ein.
Diese gigantischen, wunderschönen Doppeltürme des gotischen Domes, an denen so
lange gebaut worden war, bewunderte er. Den friedlichen Strom, der langsam
unter ihm dahinfloss, betrachtete er. Seine Haare wurden vom Winde zerzaust.
Die Wassermassen machten ihn schwindlig. Die alten Karnevalslieder, die seine
Großmutter immer sang, bemächtigten sich seiner Sinne. Er sah den Himmel, der
so kornblumenblau war und den treuen Husaren in seiner mit Goldbrokat
verzierten Uniform.
Das ratternde Geräusch ‑
Metall auf Metall ‑ hörte plötzlich auf. Die Überfahrt, die nur kurz
gedauert hatte, war vollbracht und Sebastian schloss das Fenster. Die Türme des
Domes entschwanden allmählich und wurden eins mit dem Horizont. In rasendem
Tempo ging es weiter nach Solingen. Man stieg hinunter ins grüne Tal, dessen
Hänge üppig bewaldet waren und gelangte an die Ufer der Wupper. Von dort unten
betrachtete Sebastian diese gewaltige, eiserne Brücke. Obwohl das Bauwerk ihn
in großes Erstaunen versetzte, war er dennoch ein wenig enttäuscht, dass er
diese imposante Konstruktion doch nicht mit dem Zug überqueren würde, wie es
ursprünglich vorgesehen war. Die Schulleitung hatte kurzfristig ihre Pläne
geändert.
Man ließ flache Kieselsteine über
das Wasser hüpfen. Je öfter diese wieder aufsprangen, desto besser war der
Werfer. Es war ein schöner Anblick, kompakte Steinchen zu sehen, die über das
Wasser tänzelten.
Nachdem man sich genügend ausgeruht
hatte, traten die Ausflügler den langen Fußmarsch nach Schloss Burg an, das
sich am anderen Ufer des Flusses, in südlicher Richtung, befand. Stolz thronte
das Schloss auf einem Felsen und erwartete seine Besucher. Sebastian schaute
sich vor allem die alten Ritterrüstungen an, denn sie übten eine große
Faszination auf ihn aus und regten seine Phantasie an. Die wilden Schlachten
des Mittelalters malte er sich aus, in denen diese Rüstungen von tapfern
Kämpfern getragen worden waren.
Zum Abschluss fuhr man nach
Wuppertal und sah diese Schwebebahn, die aber nicht sehr beeindruckend auf
Sebastian wirkte. Zufrieden und glücklich kehrte er am späten Abend wieder an
die sieben Quellen des Wildbaches zurück.
Langsam wurde er etwas
selbständiger. Immer seltener sah er Maria. Er konzentrierte sich auf die
Religion. Im Laufe der Zeit wurde er streng religiös und betete viel. Den
Gottesdienst besuchte er mehrmals wöchentlich. Er züchtete weiterhin Kaninchen.
Auch musste er manchmal auf den Feldern des Vaters arbeiten, was ihm aber immer
sehr schwer fiel, da es so monoton war. Aber seine Hausaufgaben machte er
fleißig und gewissenhaft. Ins sechste Schuljahr kam er jetzt. Zuweilen ödete
der Unterricht ihn an, aber er fand große Stärke in seinem Glauben.
Lange Passagen aus Schillers
"Wilhelm Tell" musste er dann im siebten Schuljahr auswendig lernen.
So wollte es der Lehrer. Der Inhalt dieses Schauspiels interessierte ihn aber
fast gar nicht.
Außerdem las man Stifters
"Bergkristall". In dieser Novelle wurde beschrieben, wie sich zwei
Kinder am Heiligen Abend, im von Eis und Schnee bedeckten Hochgebirge, verirrt
hatten und fast erfroren wären. Das sprach Sebastian schon etwas mehr an.
Auch die traurige Geschichte von
Krambambuli, dem verstoßenen Hund, der treu war bis in den Tod, wurde
behandelt. Diese Erzählung der österreichischen Marie von Ebner-Eschenbach
mochte Sebastian ganz besonders, denn er empfand großes Mitleid für dieses
anhängliche Tier.
Für den Religionsunterricht musste
er die Sonntagsevangelien auswendig lernen. Die Frage nach dem Warum, war ihm
unklar. Eine wahre Tortur war der Kirchengesang, der jeden Samstag von zehn bis
elf Uhr stattfand. Die Lieder für den sonntäglichen Gottesdienst wurden dann
eingeübt. Unzählige Male musste man das gleiche singen, weil der strenge,
cholerische und nie zufriedene Dirigent, der unentwegt über sehr starke
Magenschmerzen klagte, der Meinung war, es wäre noch nicht perfekt genug.
Im Zusammenhang mit seiner
religiösen Erziehung musste Sebastian auch einmal an einer kurzen Wallfahrt
nach Kevelaer teilnehmen. Dort sah er dieses Übermaß an brennenden Kerzen auf
dem Kapellenplatz. Nicht imposant, so wie Sebastian sich das vorgestellt hatte,
sondern bescheiden, fast unscheinbar, stand in dessen Mitte die kleine,
sechseckige Gnadenkapelle. Mit großen Lettern hatte man an deren Außenseite
einen kurzen Text angebracht. Dort, über dem Bogen des Hauptfensters, das dem
Betrachter den Eindruck vermittelte, früher einmal als Haupteingang gedient zu
haben, las Sebastian die lateinischen Worte "Consolatrix
Afflictorum". Er schaute in diesen winzigen Raum hinein und erblickte das
Bild der Trösterin der Betrübten, ohne dass es ihn ergriffen hätte. Aber alles
das machte er, ohne zu murren, denn die Glut der Begeisterung, die der Glaube
ihm einst geschenkt hatte, war noch nicht erloschen, obwohl es schon erste
Anzeichen dafür gab, dass es geschehen würde.
Ab und zu bekam Sebastian ein
starkes Verlangen nach der Ferne. Zu diesem Zwecke hatte er sich die Mauer im
Flur, an der ein schwarzes Telefon hing und wo seine Großmutter einige Jahre
zuvor eingesargt worden war, ausgesucht. In den weißen Kalk ritzte er die
wohlklingenden Namen seiner Sehnsuchtsorte. Städtenamen waren es allesamt, die
er aus Erzählungen und aus der Zeitung kannte. Diese eingekerbten Buchstaben
machte er dann mit einem Bleistift schwarz‑glänzend. Seine Mutter ließ es
geschehen und beschwerte sich nicht darüber. Mitunter war sie jetzt sogar etwas
vergnügter als früher und trällerte dann "Ännchen von Tharau" wie
eine Nachtigal. Von Reichtum und immerwährender Treue erzählte das Lied.
Kündete es ein Aufleben der Mutter an, oder war es ein letztes Aufbegehren,
bevor sie in die völlige Apathie versinken würde? Sebastian konnte das
plötzliche Singen der Mutter nicht deuten.
Nach einigen Monaten stand dort, an
der weißen Wand, neben dem schwarzen Apparat, eine ganze Liste: London, Berlin,
Brüssel, Luxemburg, Amsterdam, Paris, New York, Madrid, San Francisco, Sydney,
Hongkong, Honolulu, Las Palmas und Jerusalem. Sebastian hatte die stille
Hoffnung, dass diese Wörter einmal sein Verlangen nach der Ferne stillen
könnten. Täglich sah er diese verheißungsvollen Namen im Vorübergehen. Jedes
Mal, wenn er telefonierte, las er sie, und seine Gedanken schwebten hinaus, um
an diese exotischen Plätze zu gelangen. Diese vierzehn Namen wurden allmählich
zum Inbegriff seines Fernwehs. Würden es Stationen der Freude sein, oder brachte
dieser bunte Städtereigen Sebastian unsägliches Leid, so wie einst die Via
Dolorosa dem Herrn?
Der Engel war zu der Überzeugung
gekommen, dass sein Schützling die bisherige Schule, auf der er nur noch wenig
Nützliches lernte, verlassen müsse, da sie ihm nicht mehr angemessen sei. Etwas
Kaufmännisches hatte er für seinen Schützling vorgesehen, damit dessen Talent
auf diesem Gebiet gefördert werde. Um dies zu erreichen, musste der Bote Gottes
zunächst einmal versuchen, Sebastian dazu zu bewegen, seine schulische Lage zu
überdenken. Auf Grund dessen würde er von selbst zu der Einsicht gelangen, dass
ein anderer Schultyp vorteilhafter für ihn sei. Mit einigem Hin und Her
schaffte der Engel es, den Wechsel herbeizuführen. Ausgerechnet die Worte des
Herren sollten, unbeabsichtigterweise, dazu beitragen, dass es sich erfülle.
Als Sebastian vierzehn war, geschah
es zuweilen, dass er den Nutzen des Auswendiglernens der Evangelien nicht mehr
einsah. Er hielt es für unangebracht und empfand es als Schikane des Lehrers.
Auch der Kirchengesang mit dem cholerischen Dirigenten war ihm zuwider. Er
sehnte sich nach mehr Freiheit und interessanteren Fächern. Die Französische
Revolution, die im Geschichtsunterricht jahrein, jahraus behandelt wurde,
konnte ihn nicht mehr inspirieren. Die Enthauptung von Marie Antoinette ließ
ihn unberührt, denn er hatte die tragische Geschichte schon zu oft gehört.
Von Freunden seines
Zwillingsbruders hatte er erfahren, welche verschiedenen Lehranstalten es gab
und wann man sich dort anmelden müsse. Es sollte keine handwerkliche Ausbildung
werden, denn er dachte wieder an die Monotonie der Feldarbeit. Etwas
Kaufmännisches sollte es schon sein. Die Wahl fiel auf die zweijährige
Handelsschule. Er meldete sich einige Tage nach seinem fünfzehnten Geburtstag
an. Glück hatte er, denn fast wäre der Termin verstrichen gewesen. Diese
vierundzwanzig Monate wären überschaubar und täglich würde er in die Stadt zum
Unterricht fahren. Nicht mehr mit dem Fahrrad wie zu seiner jetzigen Schule,
würde er diesen Weg zurücklegen, sondern mit dem Bus. Es war schon aufregend,
diese große Veränderung. Im April fing Sebastian an und erlebte den Unterricht
als eine große Herausforderung. Jetzt richtete er sich behaglich in den beiden
Zimmern der Großmutter ein und war ein gelehriger Schüler. Die Katzen,
Kaninchen und Maria bedeuteten ihm nicht mehr viel. Was ihm besonders viel Spaß
machte, war der Englischunterricht. Nach kurzer Zeit schon war er der Beste in
diesem Fach.
Sebastian war jetzt bereits
sechzehn und der Engel war der Ansicht, es sei an der Zeit, dass sein
Schützling zur ersten Ejakulation komme. Bei dem unbändigen Albrecht fand der
erste Samenerguss vor fünfhundertsechsunddreißig Jahren statt. Er zählte damals
erst fünfzehn Lenze. Es geschah im Badezuber mit einer lüsternen und zügellosen
Dienerin, die ihm beim Waschen behilflich war. Am Hofe, an dem sich Albrecht
damals aufhielt, hatte man die Wollust zu einer Tugend erhoben und man tat
alles Erdenkliche, um ihr zu frönen.
Im Gegensatz zu einst, achtete der
Bote Gottes jetzt mehr auf Einzelheiten. Auch das Alter zog er nunmehr in
Betracht, da ein Unterschied von einem Jahre große Folgen haben konnte. Eine
Dienerin oder Magd war jetzt nicht mehr dabei, damit Sebastian diesen Ausbruch
der Reife ganz privat erleben könne.
Mittlerweile war er zu einem
ansehnlichen Jüngling herangewachsen. Es ging ihm ausgezeichnet und er genoss
das Leben in seiner ganzen Vielfalt. Seine schulischen Leistungen waren optimal
und er besaß einige gute Freunde.
Sein Geschlechtsorgan, das einst
von der Großmutter liebevoll "Pissmännchen" genannt worden war, hatte
sich zu einem stattlichen Körperteil entwickelt. Dieser Ausdruck der Großmutter
und die Theorie, die sie damals damit verbunden hatte, verleiteten ihn nun zu
einem leichten Schmunzeln, da er den Humor zu schätzen wusste, der sich hinter
jener großmütterlichen Äußerung verbarg. Wie verblüffend einfach doch ließ sich
so manches Schwierige erklären.
Ab und zu hielt er sich jetzt mit
Mitschülern in Lokalen auf, meistens samstags. Vor einem solchen Kneipenbesuch,
nahm er ein wohltuendes, warmes Bad. Man putzte sich aufs feinste heraus. Bei
einem derartigen Badevergnügen merkte er, dass der Penis langsam steif wurde,
durch das warme, angenehme Wasser sicherlich noch verstärkt. Er seifte seinen
Schwanz ein, und während dieses Einschmierens rieb er unwillkürlich immer
kräftiger. Er konnte überhaupt nicht mehr aufhören. Ihm wurde ein wenig
schwindlig, aber seine Bewegungen wurden immer schneller und dann, mit einem
Male, wurde eine weiße, schleimartige Flüssigkeit herausgestoßen, ohne dass er
es hätte beeinflussen können. Er wurde fast ohnmächtig vor Schreck und
Erleichterung. Die gesamte Muskulatur erschlaffte. Er wusste nicht, wie ihm
geschah. War es vielleicht Eiter? Eine Entzündung konnte es eigentlich nicht
sein, denn er hatte nie Schmerzen verspürt. Nach einiger Zeit legte sich die
Verwirrung, denn er hatte festgestellt, dass dieser vermeintliche Eiter in ihm
jedes Mal eine Wollust hervorrief, obwohl er das Geschehen noch immer nicht richtig
einordnen konnte.
Die Schule absolvierte er
erfolgreich im April und fing als Lehrling bei einem Geldinstitut mit der
Ausbildung zum Bankkaufmann an. Er musste am Schalter die Kunden bedienen.
Diese abwechslungsreiche Arbeit gefiel ihm sehr.
Einige Monate später, im Sommer,
machte Sebastian seine erste, große Reise. Einen Monat lang fuhr er nach
London. Er wollte sein Englisch ausprobieren. Seine Mutter meinte, er wäre noch
zu jung, aber Sebastian war dies einerlei. Die Adressen von den Londoner YMCAs besorgte
er sich beim britischen Verkehrsamt und buchte ein Zimmer. Er kaufte die
Fahrkarte und begab sich Anfang August auf den Weg. Alles war neu für ihn.
Siebzehn Lenze zählte er und hegte große Erwartungen.
Über Brüssel und Ostende fuhr der
Zug. Von dort ging es mit dem Schiff nach Dover, dann wieder mit der Bahn
weiter nach London, Victoria Station. Diese ganze Reise verlief ohne
Zwischenfälle.
Auf Sebastian wirkte die britische
Hauptstadt sehr sensationell. Die ersten unglaublich kurzen Miniröcke bekam er
zu Gesicht, die von ausgelassenen, übermäßig geschminkten Mädchen getragen
wurden. Diese Kürze war atemberaubend.
Die alte Westminster Abbey mit all
den toten Königen und Königinnen besuchte er. Im Tower sah er die kostbaren
Kronjuwelen. Er schlenderte über die immer mit Autos, Bussen und Taxis
verstopfte Oxford Street mit ihren einladenden Geschäften. Den riesigen Buckingham
Palace und die majestätische St. Paul's Cathedral bewunderte er. Er besuchte
Theatervorstellungen im Westend. Was Sebastian aber am meisten faszinierte, war
die Londoner U‑Bahn und der Flughafen Heathrow. Niemals zuvor hatte er
ein unterirdisches Beförderungsmittel oder einen Airport gesehen. Tagelang fuhr
er mit der Underground von einem Ende der Stadt zum anderen. Mindestens zweimal
wöchentlich machte er den kurzen Ausflug nach Heathrow. Er nahm dann immer die
Piccadilly Line nach Hounslow und von dort den Bus. Es waren diese roten
Doppeldecker. Eine wahre Sensation war dann der Flughafen. Die landenden und
aufsteigenden Flugzeuge sah er. In alle Himmelsrichtungen ging es: nach Paris,
Hongkong, New York, San Francisco, Madrid, Amsterdam und Sydney. Es waren
lauter Städte, die Sebastian nur aus Zeitungsberichten kannte und die er damals
auf jener weißen Wand, an der das schwarze Telefon hing, voller Sehnsucht
eingeritzt hatte. Das Fernweh machte sich in ihm breit. Ungeheuer stark war die
Anziehungskraft des Flughafens. Sebastian hatte das Gefühl, hier, im
turbulenten Heathrow und im altehrwürdigen London, am Nabel der Welt zu sein.
In der vorletzten Woche seines
Aufenthaltes entschloss er sich, einen Tag nach Paris zu reisen. Sein erster
Flug war es. Er kaufte das Ticket zum sensationellen Preise von nur zehn Pfund
Sterling. Mit dem letzten Flug, spätabends, wollte er nach Paris und am
nächsten Tag mit der allerletzten Maschine, gegen dreiundzwanzig Uhr, wieder an
die Themse zurückkehren. Er hatte geplant, nach Ankunft in Paris, den Rest der
Nacht am Flughafen Le Bourget zu verbringen und morgens mit dem Bus ins Zentrum
zu fahren. Was Sebastian aber in seiner Euphorie nicht wusste, war die
Tatsache, dass Flugreisende, mehr oder weniger, wie Bus‑ oder
Bahnreisende behandelt wurden. Man musste selbst dafür sorgen, dass man zur
rechten Zeit am richtigen Ausgang stand. Die Naivität Sebastians war manchmal,
im wahrsten Sinne des Wortes, grenzenlos. Abends begab er sich also nach
Heathrow, passierte den Zoll und saß in der Abflughalle. Er wartete und wartete
und niemand kam, der ihn zum Flugzeug nach Frankreich begleitet hätte. Um
Mitternacht ging er zur Zollkontrolle zurück und trug sein Anliegen vor. Die
Beamten konnten nur mit dem Kopf schütteln, ob derartiger Arglosigkeit. Der
Emigrationsstempel in seinem Pass wurde wieder annulliert und er begab sich
nochmals zum Schalter der Fluggesellschaft. Dort wurde sein Ticket auf den
folgenden Tag um acht Uhr dreißig umgeschrieben. Mit einem Taxi fuhr er
enttäuscht in die City zurück.
Am nächsten Morgen geschah wieder
das gleiche. Sebastian war zu spät, denn er hatte sich verschlafen. Erneut
musste die Abflugzeit um zwei Stunden verschoben werden. Diesmal schaffte er
es. Um elf Uhr dreißig landete er in Le Bourget. Den Flug empfand er als eine
große Sensation. Unglaublich war es. Zum ersten Mal befand er sich in dieser
Weltstadt an der Seine. Während des Fluges schon hatte sich ein freundlicher
Passagier angeboten, Sebastian bis zum Airterminal in Paris, am Dôme des
Invalides, unter seine Fittiche zu nehmen. Geborgen und sicher fühlte er sich.
An der Alexanderbrücke wurde er dann wieder seinem Schicksal überlassen. Gott
sei Dank hatte er schon einige Dinge über Paris gelesen. Er wäre sonst verloren
gewesen. Lost in Paris. An diesem Pont Alexandre III sah Sebastian zum ersten
Mal die Seine. Er erblickte zu seiner Linken den Arc de Triomphe und zu seiner
Rechten, in ganz weiter Ferne, die Silhouette des Louvre, am Ende der Champs‑Elysées.
Er drehte sich noch einmal um und der majestätische Invalidendom bot sich ihm
in seiner vollen Schönheit dar. Dass unter der mächtigen Kuppel die Gebeine
Napoleons ruhten, wusste er.
Sebastian marschierte diese
Prachtstraße hinunter, besichtigte den Louvre, diesen riesigen Gebäudekomplex,
von außen und begab sich in die Rue de Rivoli. Die großen Warenhäuser dort
bewunderte er und ging immer weiter, in der Hoffnung, dass er später den
Rückweg zum Dôme des Invalides bequem finden würde, wenn er nur immer geradeaus
ginge.
Äußerst wenig Geld hatte er in
London umgewechselt. Ein Taxi konnte er sich deswegen nicht leisten. Auch besaß
er keinen Stadtplan. Er musste also seinen Spaziergang durch Paris auf gut
Glück durchführen. Unterwegs wurde er noch von einer Zigeunerin angesprochen,
aber die verstand er nicht, da er fast kein Französisch sprach. Lediglich ein
paar Worte beherrschte er, die er von seiner Tante Eugenie aus Brüssel gelernt
hatte. Am Nachmittag machte er sich wieder auf den Rückweg zum Invalidendom, wo
sich der Airterminal befand. Bis zu den Tuilerien schaffte er es, dann aber
verließ ihn sein Orientierungsvermögen. Er sprach Vorübergehende an, aber
keiner wusste, was er wollte. Schließlich kam doch einer, der die Worte
"Air France" anscheinend verstand, richtig interpretierte und ihm mit
Gesten deutlich machte, in welche Richtung er sich zu begeben hätte.
Letztendlich kam er, fast der Verzweiflung nahe, am Airterminal an. Der Bus
brachte ihn nach Le Bourget und das Flugzeug von dort nach Heathrow. Kurz vor
Mitternacht landete er in London, erschöpft und unendlich müde. Dort nahm er
ein Taxi in die Innenstadt. Als er endlich im Bett lag, war er glücklich und in
Sicherheit, denn der Ausflug nach Paris hatte ihn sehr angestrengt. Während
seiner letzten Woche in England dachte er noch oft an die französische
Hauptstadt.
Ende August reiste Sebastian wieder
über Brüssel nach Aachen zurück. Auch hatte er beschlossen, so schnell wie
möglich, Französisch zu lernen.
Im Herbst schrieb er sich bei einer
Privatschule für einen Abendkurs ein. Zweimal wöchentlich fanden die
Doppelstunden statt. Daneben meldete er sich bei einer Fahrschule an, weil er
den Führerschein mit achtzehn haben wollte. Der theoretische Unterricht war
abends, einmal wöchentlich. Diese Stunden bestanden daraus, dass einem die
notwendigen Kenntnisse, die für die Teilnahme am motorisierten Straßenverkehr
unentbehrlich waren, beigebracht wurden. Sebastian lernte alles über
Verkehrsschilder, Vorfahrtsregeln und Parkverbote. Das tatsächliche Autofahren
geschah dann zweimal in der Woche während der Mittagspause. Sechzig Minuten
dauerte die Praxis jeweils. Für Sebastian stellte das kein Problem dar, weil er
eine neunzigminütige Brotzeit hatte. Darüber hinaus meldete er sich noch bei
einer Tanzschule an. Einmal in der Woche ging er fortan dorthin. Ein volles
Programm hatte er also jetzt zu bewältigen, aber er war noch jung und liebte
diese Hektik. Tagsüber musste er natürlich noch die Arbeit am Bankschalter
verrichten.
Die Tanzstunden machten Sebastian
nur wenig Freude. Er lernte zwar die klassischen Tänze, wie Walzer, Foxtrott,
Cha‑Cha‑Cha, Paso doble und Tango, aber es gab nichts
Sensationelles daran. Während der ersten Stunde mussten die Jungen und Mädchen
noch getrennt tanzen. Glücklicherweise hatte Sebastian schon nach sehr kurzer
Zeit eine feste Tanzpartnerin gefunden, mit der er sich gut verstand.
Die Fahrschule war zwar
interessant, aber konnte keineswegs als spannend bezeichnet werden. Schon beim
ersten Mal, einen Monat vor seinem achtzehnten Geburtstag, bestand Sebastian
die Fahrprüfung. Noch dreißig Tage musste er auf seinen Führerschein wachten,
bevor man ihn ihm aushändigte.
Der Französischkurs war jedoch sehr
sensationell. Die Lehrerin machte einen großen Eindruck auf Sebastian. Zwanzig
Jahre älter als er war sie und eine gebürtige Belgierin. Trotz ihres Alters
wirkte sie noch sehr jugendlich. Sie sprach fließend Deutsch, obwohl ihre
Muttersprache Französisch war. Da sie den Unterricht sehr abwechslungsreich
gestaltete, war das Erlernen der Vokabeln eine reine Wonne. Die Beziehung
zwischen ihr und Sebastian, die anfänglich ausschließlich auf das Schulische
beschränkt war, wurde im Laufe der Monate immer privater, ohne dass er es hätte
verhindern können. Das Verhältnis zwischen ihm und dieser Lehrerin entwickelte
sich immer eigenartiger und bizarrer. Dies führte letztendlich auch zum Bruch
zwischen ihnen.
Diese attraktive Frau war
geschieden und hatte zwei Töchter, die aber nur am Wochenende bei ihr wohnten.
Die restliche Zeit fristeten sie in einem ostbelgischen Internat, das von
strengkatholischen Nonnen geleitet wurde. Jeglicher Kontakt zu jungen Männern
war den Mädchen unter Androhung von körperlicher Züchtigung verboten.
Ihr Ex‑Mann, von dem sie seit
einigen Jahren schon geschieden war, lebte in Hamburg und hatte sich eine neue
Existenz aufgebaut. Seine jetzige Lebensgefährtin war etliche Jahre jünger als
er. Diese beiden hatten bereits wieder eigene Kinder und die zwei Töchter aus
erster Ehe kümmerten den Vater nicht mehr.
Sebastian genoss den überaus
interessanten Unterricht der kapablen Dozentin. Ihr Lächeln war äußerst
charmant und ihre Bewegungen graziös. Es war eine Lust, ihr zuzuhören und sie
zu beobachten. Aber wie sich nach kurzer Zeit schon herausstellen sollte, hatte
sie eine äußerst negative Eigenschaft. Sie war ausgesprochen nymphoman
veranlagt. Immer wieder neue Männer suchte sie, junge und alte. Auch vor
Schülern oder Studenten schrak sie nicht zurück. Sebastian zeigte sie sich, aus
fingierten Gründen, immer wieder nackt oder in Reizwäsche. Anfangs empfand er
dies noch als ein besonderes Vorrecht, aber schon rasch wurde es für ihn
abstoßend und widerlich. Als sie merkte, dass sie mit ihrem eigenen Fleisch
nicht zum Zuge kam, musste ihre eigene Tochter herhalten. Diese war drei Jahre
jünger als Sebastian.
Der Engel wusste, was geschehen
würde und ließ es zu, auf dass sich die Vorsehung erfülle.
Eines Tages sagte die Lehrerin zu
Sebastian, dass sie gerne wolle, dass er ihrer ältesten Tochter die Unschuld
nähme. So drückte sie sich aus. An Maria dachte Sebastian und sagte, ohne auch
nur einen Augenblick zu zögern, zu. Die Tochter sollte an einem Sonntag alleine
mit Sebastian in der Wohnung der Lehrerin sein. So hatte sie es eingefädelt.
Das fünfzehnjährige Mädchen saß auf
der Couch und Sebastian näherte sich ihr. Alles ging sehr mechanisch. Sebastian
nahm sie in den Arm und mit der freien Hand griff er ihr zwischen die Schenkel.
Sie wehrte sich nicht. Sie sagte nichts. Sie saß nur einfach da. Nach kurzer
Zeit zog Sebastian ihr die Unterhose aus und betastete ihre Schamlippen und
spreizte sie. Er rieb ein wenig und es wurde feucht. Er drehte sie auf den
Bauch, damit er weiterarbeiten konnte, ohne ihr Gesicht sehen zu müssen. Einmal
auch probierte er, in sie einzudringen, aber es gelang nicht. Sebastian hörte
auf. Das Mädchen zog sich an. In ihren Augen konnte er die schwere Enttäuschung
und große Traurigkeit sehen, die sie während des Aktes empfunden haben musste.
Die erste Kopulation war misslungen. Es war keine Lust dabei. Ein missglückter,
mechanischer Vorgang war es, der nur stattfand, weil ihre Mutter, die
Kupplerin, es gewollt hatte.
Sebastian blieb weiter im
Französischkurs, aber distanzierte sich von der Dozentin. Diese akzeptierte die
Haltung von Sebastian.
Der Engel hatte unterdessen den
Beschluss gefasst, dass sein Schützling im zweiten Jahr seiner kaufmännischen
Ausbildung erneut an die Sexualität herangeführt werden solle, damit eine
ausgewogene Entwicklung gewährleistet sei. Dazu erwählte er einen Jüngling von
zwanzig Jahren.
An einem Samstagabend im Sommer
geschah es, dass Sebastian zusammen mit seinem Schulfreund die Stadt auf der
Suche nach Abenteuern durchstreifte. Dieser Kumpan war mehr oder weniger schon
mit dem städtischen Ausgangsleben vertraut. Für Sebastian war dies alles neu.
An jenem Abend hatte der Begleiter den bizarren Einfall, dass man einmal, zur
Abwechslung, in eine gewisse Kneipe gehen könne, in der sich hauptsächlich
Männer trafen. Sebastian war zwar ein bisschen misstrauisch, aber sagte dennoch
zu. Es gab damals in Aachen ein berühmtes Lokal mit dem Namen "La
Boutique". Diese Gaststätte, die auch eine kleine Tanzfläche besaß, lag in
der Nähe des Elisenbrunnens. Dorthin begaben sich Sebastian und sein Kamerad.
Der Freund drückte den Klingelknopf und die Tür öffnete sich. Eine Wolke von
Parfum drang nach draußen und die beiden wurden aufs herzlichste hereingebeten.
Eine eigenartige Atmosphäre herrschte in diesem klubähnlichen Lokal. Männer
tanzten eng umschlungen miteinander. Sanft und melancholisch war die Musik.
Sebastian spürte, dass es etwas Besonderes war. Nach kurzer Zeit schon sagte
der Gefährte, dass er genug der Schwulen gesehen hätte. Er wollte wieder
hinaus. Sebastian folgte ihm, aber er musste immer wieder an diese merkwürdige
Kneipe zurückdenken. Das Wort "Schwule" übte auf ihn eine große
Faszination aus, da der Freund diesen Ausdruck niemals vorher benutzt hatte und
im Ton seiner Stimme etwas Verächtliches gelegen hatte. Instinktiv wusste er
aber auch, dass dieses Wort etwas Tabuisierendes und gleichzeitig Negatives in
sich barg.
Die Atmosphäre in der Gaststätte
war irgendwie anziehend. Schon einige Wochen später ging Sebastian wieder in
dieses "La Boutique". Diesmal war er jedoch alleine, da er den
Schulfreund nicht darum bitten wollte, ihn dorthin zu begleiten. Die Art und
Weise, wie dieser vor fast einem Monat das Wort "Schwule"
ausgesprochen hatte, machte deutlich, dass er in diesen Kreisen offensichtlich
nicht verkehren wollte.
Sebastian genoss die Zuwendungen
und das Interesse, das ihm entgegengebracht wurde. Zum ersten Mal tanzte er mit
einem Jungen. Das Paradies schien ihm nah. Was um ihn herum geschah, merkte er
nicht mehr. Er fühlte die Erektion seines Tanzpartners. Die Welt fing an, sich
zu drehen. Er war im Rausch. Für Sebastian blieb die Zeit stehen. In ihm stieg
die Lust auf. Es war das Nonplusultra dessen, was er bisher kannte. Dieser
blonde, geschmeidige, zwanzigjährige Tanzpartner lud ihn dann noch zu einem Bier
ein und brachte ihn zum Bus. Es war der letzte, der Sebastian in die Nähe jenes
Tales bringen konnte, wo der elterliche Bauernhof sich befand. Da es aber noch
eine Weile dauern würde, bevor der Omnibus käme, benutzte der schöne Tänzer
diese Zeit für sein Vorhaben. Sebastian ahnte nichts davon und war glücklich,
dass er zur Haltestelle begleitet wurde. Der Tanzpartner schlug ihm vor, dass
man sich noch kurz in eine Baustelle zurückziehen könne, die sich
schicksalhafterweise am Straßenrand befand. Obwohl ihm jetzt doch langsam klar
wurde, was geschehen würde, ging er mit. An einer nicht von der Straße aus
sichtbaren Ecke stellte sich der Liebhaber vor Sebastian und begann, dessen
Gesicht sanft zu streicheln. Anschließend bedeckte er es mit heißen, feuchten Küssen,
wobei seine Zungenspitze abwechselnd in die Nasenlöcher und in die Ohrmuscheln
eindrang. Sebastian fühlte, dass ihm das Blut zu Kopfe stieg. Der galante
Verführer ließ seine Hose und Unterhose unmerkbar sinken. Sebastian spürte den
sich aufrichtenden Schwanz seines Partners. Die warmen Schenkel, die Rundungen
der Arschbacken, die harten Brustwarzen und die Lippen berührte er voller
Verlangen. Ein leichtes erwartungsvolles Zittern erfasste seine Hände. Mit den
Fingern fuhr er zärtlich durch das samtweiche Haar desjenigen, der sich ihm
jetzt hingab. Es war eine himmlische Sensation. Körper und Geist wurden
gleichermaßen bis aufs äußerste aktiviert. Man erlebte eine ungekannte
Hemmungslosigkeit. Alles bisher Dagewesene wurde übertroffen. Sebastian und
sein Tanzpartner kamen zur Explosion. Sie wurden zu Zeugen eines gewaltigen
Ereignisses, dessen Initiatoren sie selbst waren. Diese alles übersteigende
Erfahrung sollte Sebastian fortan stark prägen. Auf dieser Baustelle, an jenem
Abend, hatte er ein Stück des Paradieses erfahren.
Der Engel war dabei und hieß es
gut, denn er hatte es so vorbestimmt, damit sein Schützling rechtzeitig die
unbezähmbaren Begierden kennen lerne, die von der Wollust entfesselt werden
konnten.
Sebastian erreichte noch gerade den
Bus. Die letzten zwei Kilometer musste er zu Fuß gehen, in jenes Tal, an den
sprudelnden Quellen des Wildbaches. Er empfand jetzt diesen Weg, den er so oft
mit seiner Großmutter gegangen war, als wohltuende Erleichterung. Die frische,
kühle Nachtluft tat ihm gut.
Sein Engel musste erneut
eingreifen. Er hatte die Aufgabe, ihn zu führen, zu beobachten und zu
beschützen. Also entschloss er sich dazu, Sebastian diesmal an den Abgrund des
Möglichen zu führen. Es musste sehr drastisch sein, damit sein Schützling nicht
zu leichtsinnig werde und sich seine Überschwänglichkeit keinesfalls noch mehr
steigere. Der Bote Gottes wusste, dass die Enttäuschung, die der Euphorie
folgen würde, umso größer wäre, je länger die Ernüchterung auf sich warten
ließe.
Die Freude über das Vorgefallene
war so groß, dass er seiner Kollegin, am Arbeitsplatz auf der Bank, von seinen
amourösen Abenteuern berichtete. Die arglistige Frau aber, diese verräterische
Kreatur, unterrichtete den Bankdirektor. Am folgenden Morgen wurde der
unwissende und liebende Sebastian, in der Blüte seines Lebens, zum Direktor
zitiert. Ihm wurde direkt ins Gesicht geschleudert, dass er sexuellen Umgang
mit Männern hätte und daher erpressbar wäre. Außerdem seien diese Handlungen
abartig, pervers und darüber hinaus sogar, nach dem Paragraphen
einhundertfünfundsiebzig des StGB, strafbar. Die Bank, als Ausbilder, habe die
Pflicht, seine Eltern zu informieren. Wie gelähmt war Sebastian und unfähig,
etwas zu erwidern. Schweigend ging er wieder an seinen Schreibtisch zurück und
sah dabei seiner Verräterin in die Augen. Diese Unglückselige wich seinen
vorwurfsvollen Blicken aus. Sebastian bediente die Kunden weiter, etwas
missmutig zwar, aber doch korrekt. Für ihn war eine Welt zusammengebrochen. Die
Vorstellung, dass die Eltern seinen Blick ins Paradies, von offizieller Seite
zu hören bekämen, war für ihn unerträglich. Die Großmutter, die Starke und
Emanzipierte, die durchaus liberal und in sexuellen Angelegenheiten so offen
und fortschrittlich war, lag schon lange im kühlen Grabe. Sie konnte Sebastian
nicht mehr helfend zur Seite stehen. Die Mutter, die sich schon vor vielen
Jahren in die Passivität zurückgezogen hatte, litt an sich selber und war im
Grunde asexuell. Auch der Vater, sehr orthodox und auf sich selbst konzentriert,
bot keine Alternative. Sebastian befand sich in einer lebensbedrohlichen Krise.
Er hatte das Gefühl, die ganze Welt wäre gegen ihn. Wie sollte er sich jetzt
entscheiden? Im Laufe jenes Arbeitstages nahm die Lösung konkrete Formen an:
Selbstmord in Paris.
Lost and dead in Paris.
Am Spätnachmittag hob Sebastian
eine bescheidene Summe Geldes von seinem Konto ab, die gerade zur Deckung der
Reisekosten ausreichte. Nach der Arbeit ging zum Bahnhof und löste eine
Fahrkarte nach Paris. Diese Stadt war ihm ja noch bekannt.
For ever lost in Paris.
Den Eiffelturm hatte er während
seines ersten Besuches nicht besichtigt. Er kehrte an jenem Abend, im Herbst,
nicht mehr in dieses schöne Tal, an der holländischen Grenze, zurück, sondern
saß im Zug in die französische Metropole. Das Ziel hieß: La Tour Eiffel.
Morgens, gegen fünf Uhr, kam er, ohne jedes Gepäck, am Nordbahnhof an. Über die
Rue du Faubourg St-Denis und den Boulevard de Sébastopol gelangte er im
Morgengrauen an die Ufer der Seine. Er folgte diesem Fluss stromabwärts,
Richtung Eiffelturm. Feucht und kalt war jener Tag im November und er wusste,
dass es sein letzter Fußmarsch sein würde. Gegen neun Uhr fuhr er hoch, bis
ganz oben. Dort wollte er springen, und würde von allem befreit sein. Dieser
Gedanke der absoluten Freiheit beflügelte ihn. Die Angst fiel von ihm ab. Eine
große Ruhe und ungeheure Leere breitete sich in ihm aus. Er schritt auf das
Geländer zu, damit sein sehnlichster Wunsch sich erfülle. Festentschlossen
ergriff er diesen letzten Halt und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen.
Sebastian sah Paris, wie es sich
den Schwalben darbot. Dieses wunderschöne Panorama machte einen so großen
Eindruck auf ihn, dass er wieder neue Hoffnung schöpfte. Er hatte zwar kein
Geld mehr, aber er wollte nur noch hinunter. Er war verloren in Paris. Jetzt
hatte es sich buchstäblich bewahrheitet. Sebastian stand, ohne einen Pfennig,
mitten in der französischen Hauptstadt, aber er hatte eine Läuterung erfahren.
In Aachen würden jetzt die ersten
Suchaktionen anlaufen und die Kunde von seinen homosexuellen Handlungen bekannt
werden. Sebastian ließ dies kalt, denn er dachte jetzt nur noch an das nackte
Überleben in Paris. Zur Mittagszeit knurrte ihm der Magen. Kein Geld, kein
Essen! Sebastian versuchte die beschwerliche Rückreise per Anhalter zu
bewältigen, aber das erwies sich als ein schwieriges Unterfangen. Er kam nur
äußerst langsam voran. Bis zu den sieben Quellen des Wildbaches dauerte es
achtundvierzig Stunden: ohne Essen, ohne Trinken und ohne jeglichen Schlaf. Sebastian
war völlig gebrochen. Als er zu Hause ankam, machte seine Mutter ihm den
schwerwiegenden Vorwurf, dass er mit Männern geschlafen habe. Für Sebastian war
es, wie ein scharfer Stich mitten ins Herz. Wie konnte eine Mutter es wagen,
einem heimgekehrten Sohn, diese vernichtenden Worte, die wie vergiftete Pfeile
wirkten, als Begrüßung entgegenzuschleudern? Sebastian wünschte sich seine
Großmutter, die Unersetzbare, zurück, damit sie ihn, einer aufgebrachten Löwin
gleich, die auf Leben und Tod um ihre Jungen kämpfte, verteidigen könne.
Der Engel sah all dies und war
zufrieden, denn es war unabdingbar, dass es geschehe, weil die Vorsehung es so
gebot.
Fiat voluntas tua, Domine!
5. Kapitel
Sebastian legte sich erst einmal
ins Bett und wollte mit niemandem mehr etwas zu tun haben. Vor allen und allem
verschloss er sich. Die Mutter bat ihn zu essen, aber er weigerte sich, etwas
zu sich zu nehmen. Der Vater sah den verzweifelten Sohn, aber unternahm nichts.
Die Brüder von Sebastian griffen nicht ein. Nur der Engel hielt die Wacht und
sah Sebastian, den Leidenden, den Märtyrer und den aller Hoffnungen Beraubten.
Er griff noch nicht ein, weil Sebastian erst zu sich selbst finden müsse. Nur
noch die Zeit konnte die Wunden heilen.
Die Lehre war dahin. Niemals mehr
wollte er zu dieser Bank zurück, die ihn so abrupt ins Unglück gestürzt hatte.
Alleine der Gedanke daran, war für ihn schon wahrer Horror. In seinen
hasserfüllten Vorstellungen hätte diese doppelzüngige Verräterin auf dem
Schafott enden müssen, genauso wie damals Marie Antoinette. Sein unbändiger
Zorn und seine beinahe unstillbaren Rachegelüste gingen sogar noch weiter.
Selbst die Guillotine wäre eine noch zu milde Strafe für diese tückische,
niederträchtige Schlange gewesen. Er hätte sie am liebsten steinigen lassen,
wie es in solchen Fällen, bei abtrünnigen Verräterinnen und
Vertrauensbrecherinnen, früher, im alten Arabien, Usus war. Nur diese
grausamste aller Strafen hätte ihm Genugtuung verschafft, da sie Vertrauliches
so schamlos verraten hatte.
Ideo precor beatam Mariam semper
Virginem, beatum Michaelem Archangelum, beatum Joannem Baptistam, sanctos
Apostolos Petrum et Paulum, omnes Sanctos et te, pater, orare pro me ad
Dominum, Deum nostrum.
Aus diesem verdammt schönen Tal
wollte er weg. Der Umgang mit den Eltern fiel ihm schwer, die jeden Abend um
sieben Uhr die Nachrichten hörten und darüber diskutierten, ob die Preise für
Rindfleisch gestiegen oder gesunken waren. Das Leben wurde ihm zu einer
unerträglichen Last. Diese Männergeschichte empfand er jetzt als etwas, dessen
er sich schämen müsste. Er konnte nicht mehr in diesem Dorf leben, wo alles so
standardmäßig ablief. An diesen sieben Quellen des Wildbaches, wo Männerliebe
ein unüberwindliches Tabu war, geistig Zurückgebliebene als billige Arbeitskräfte
eingesetzt wurden und Mägde wie Freiwild gejagt werden konnten, wollte er nicht
mehr bleiben. Diesem schönen Tal, wo die katholische Kirche, diese heilige und
apostolische, ihre Tentakel ausstreckte und jeden gnadenlos erdrückte, der
aufmüpfig wurde, wollte er entfliehen. Sebastian hasste die Kirche, das
Gebetbuch mit den lateinischen Texten und den Rosenkranz, sowohl den
glorreichen als auch den schmerzhaften. Alles das hasste er, was er früher
einmal so geliebt hatte. Er wollte nach London, New York oder Australien. Weit
weg sollte es sein. In ihm war das Chaos ausgebrochen. In äußerster Bedrängnis
und großer Not war Sebastian und wusste nicht, dass er einen Engel hatte,
dessen einzige Aufgabe es war, ihn zu beobachten und zu beschützen. Sebastian war
am Ende seiner Kräfte. Das Leben war für ihn ausgelebt. Er flüchtete sich in
sich selbst und ließ keinen an sich heran. Gefühle tiefen Hasses, großer
Verzweiflung und krankmachender Ohnmacht wechselten einander in hohem Tempo ab.
Seine Gedanken drehten sich in einem Teufelskreis. Dieses gefährliche Fieber
höhlte ihn aus. Es schwächte seinen Geist und seinen Körper. Der Lehrvertrag
mit der Bank wurde aufgelöst, denn für Sebastian war dieser Weg nicht mehr
relevant. Seine Mutter schaltete in dieser fast aussichtslosen Situation ihren
zweitältesten Sohn ein. Er war zehn Jahre älter als Sebastian und zum damaligen
Zeitpunkt schon verheiratet. Früher hatte er ihm immer diese herrlichen
Nusseckchen mitgebracht. Zum Arbeitsamt musste dieser Sohn, der Bruder, Sebastian
schleppen, damit er in einem anderen Betrieb seine Lehre beenden könne. Dieser
Versuch zur Wiedereingliederung kam Sebastian vor wie ein viel zu kleines
Nadelöhr, wo er sich mit aller Gewalt hindurchzwängen musste. Ganz allmählich
versöhnte er sich mit dem Gedanken, dass er die Lehre beenden müsste. Man
suchte für ihn eine Stelle bei einer internationalen Speditionsfirma. Sebastian
nahm seine Arbeit wieder auf, obwohl sie ihm keinen Spaß machte. Diese zweite
Lehre sollte nur dreißig Monate dauern. Die Gewissheit, dass es nur von kurzer
Dauer sei, bewog ihn dazu, die Ausbildung anzutreten. Stundenlang musste er
Frachtbriefe ausfüllen und unzählige Rechnungen kontrollieren. Eine
furchtbarere und uninteressantere Tätigkeit war für ihn kaum vorstellbar. Ab und
zu musste er, über das Gericht, eine Zwangsvollstreckung bei Kunden durchführen
lassen. Im Grunde ödete diese Arbeit ihn an. Er überdachte seine Lage und kam
zu dem einsichtigen Entschluss, dass er erst einmal die Lehre zu einem guten
Ende bringen müsste. Eine Schule würde er danach wieder besuchen, das Abitur
machen und anschließend an einer Universität studieren. Die Fächer waren ihm
auch schon klar. Am liebsten würde er sich mit Englisch und Französisch
beschäftigen, denn diese Sprachen liebte er. Als Endziel schwebte ihm der
Lehrerberuf vor. Durch diese neue Zielsetzung wurde ihm die Arbeit bei der
Speditionsfirma erträglicher und manchmal ging er auch ganz in ihr auf.
Der Engel sah, dass Sebastian guten
Willens war und gewährte ihm, um sein Leben etwas zu versüßen, ein kleines
Intermezzo mit einem fast gleichaltrigen Mädchen.
In jener Zeit geschah es, dass
Sebastian die schöne Veronika traf. Sie stand bereits im Ruf, sich mit jedem
einzulassen. Sebastian dachte, dass er bei ihr leichtes Spiel haben würde. Er
überlegte, wie und wann er sie ansprechen könnte. Eines Tages sah er sie dann
wieder im Bus. Da er wusste, wo sie diesen verlassen würde, blieb er einfach
bis zu dieser Haltestelle sitzen. Sie stieg aus und er folgte ihr. Die pralle
Veronika war noch Schülerin. Sebastian wusste nicht, ob sie selbst überhaupt
Französisch auf der Schule lernte, die sie besuchte. Dessen ungeachtet aber
sprach er sie einfach an und bat sie, ihm Französischstunden zu geben, da er so
schlecht in diesem Fach sei, was aber nicht stimmte. Die junge Abiturientin
reagierte wohlwollend. Sie sagte, dass Französisch eines ihrer Lieblingsfächer
sei und dass sie es gut beherrsche. Man machte eine erste Verabredung in der
Stadt, in einer ruhigen Gastwirtschaft und übte sowohl Vokabeln als auch
Satzkonstruktionen. Diese Kneipe, in der sie sich zu Unterrichtszwecken
aufhielten, lag in der Nähe der Antoniusstraße. In jenen Tagen reihte sich dort
ein Bordell an das andere. Veronika störte das wenig und Sebastian überhaupt
nicht. Die Wirtin, eine überaus freundliche Frau mittleren Alters, der man noch
ansah, dass sie früher einmal im Milieu ihr Geld hatte verdienen müssen, ließ
die beiden ruhig gewähren. Sebastian hatte zuweilen sogar den Eindruck, dass es
ihr eine willkommene Abwechslung war, auch einmal Gäste zu haben, die zwar
nicht viel verzehrten, aber dafür eine gewisse Unschuld mitbrachten, wodurch
sich das Ambiente in ihrem Lokal angenehm veränderte. Von den leichten Mädchen,
die diese Wirtschaft frequentierten, wurden die beiden Lernenden unbehelligt
gelassen. Stündlich bestellte man ein Getränk, damit die Kosten sich in Grenzen
hielten. Mitunter machte Sebastian absichtlich Fehler, damit Veronika ihr
Können als Lehrerin unter Beweis stellen konnte. Bereits schnell merkte
Sebastian, dass dieses talentierte Mädchen anders war als ihr Ruf. Einen
ernsthaften Charakter hatte sie und über alles mögliche konnte man mit ihr
reden. Die liebenswürdige Veronika stimulierte Sebastian sogar zu seinem
Vorhaben, den Lehrerberuf zu ergreifen.
Die Nachhilfestunden in Französisch
wurden bereits schnell von zwei auf vier je Woche erhöht. Jeweils am Dienstag‑
und Freitagabend fanden sie statt. Nach kurzer Zeit schon merkte Veronika, dass
falsch gespielt wurde. Dies sagte sie auch, leicht verärgert zwar, aber dennoch
mit einem Schmunzeln, Sebastian. Diesem war der zu erwartende Zwischenfall ein
wenig peinlich. Ab jetzt unterhielt man sich über wichtigere Sachen. Sebastian
erzählte ihr seine Geschichte und auch, warum er sie angesprochen hatte. Das
Sexuelle wies sie direkt kategorisch zurück. Die wertvolle Freundschaft aber,
die mittlerweile entstanden war, pflegte man weiter, obwohl Sebastian
fortwährend das Gefühl hatte, dass von seiner Seite mehr investiert werden
müsse als von der ihrigen. Diese kluge Veronika war im Grunde ein guter Mensch,
aber sehr theoretisch. Sie wollte immer, dass man ihr lange Briefe schrieb und
darin irgendein Problem analysierte und ausführlich eine These, Antithese und
Synthese formulierte. Wie in den Aufsätzen sollte es sein. Er tat ihr den
Gefallen, weil ihm ihr Wohlwollen und ihre Zuneigung sehr wichtig waren. Die
liebenswürdige, zuweilen philosophierende Veronika hatte großen Einfluss auf
Sebastian. Klar war ihm aber nicht, ob sie sich dessen bewusst war. Zwischen
ihnen ist es nie zu sexuellen Handlungen gekommen, obwohl das anfänglich sicher
Sebastians Absicht war.
Der Engel schaltete sich wieder ein
und lenkte Sebastians Schritte in eine andere Richtung. Er wusste noch von
seinem vorigen Schützling, zu welch einer verfahrenen Situation die Störung
einer gleichgewichtigen seelischen und körperlichen Entwicklung führen könne.
Frustration, Verklemmtheit und Menschenscheu waren dabei noch die geringsten
Übel.
Damals im April zu Nürnberg, vor
fünfhundertsechsunddreißig Jahren, hatte der Engel ein einziges Mal nur den
Versuch unternommen, den schürzenjagenden Albrecht die süßen Früchte der Amour
bleu kosten zu lassen. Zu jener Zeit war dieser achtzehn Jahre und seine ersten
Kriegserfahrungen in Böhmen hatte bereits gesammelt. Das gleiche Alter hatte
auch Sebastian, als der Bote Gottes ihn an die kurze Liebe heranführte, für die
er so schwer büßen sollte. Aber das lag jetzt schon fast ein Jahr zurück und
die geschlagenen Wunden waren geheilt.
Im Falle des manchmal zur Zote
neigenden Albrechts gebot die Vorsehung damals, dass ein kräftiger Stallknecht
von neunzehn Jahren sich ihm, dem noch ein bisschen Pummeligen, eines Abends
näherte, um ihn zu bitten, beim Zäumen der Pferde behilflich zu sein. Während
dieser Tätigkeit gerieten ihre jungen Körper ungewollt aneinander. Der Engel
war der Ansicht, dass es jetzt der rechte Augenblick sei, den unbändigen
Albrecht den Liebesakt ausführen zu lassen, auf dass die unliebsamen
Zwischenfälle mit den nymphomanen Mägden, die sich drei Jahre zuvor bis ins
Exzessive hinein gesteigert hatten, einigermaßen kompensiert würden. Ein
unbeschreibliches Fiasko wurde es, da der schöne Knecht und der etwas rundliche
Albrecht völlig ratlos waren. Sie hätten zwar gerne ihr Bedürfnis befriedigt,
aber sie waren beide etwas zu zögerlich. Der athletische Knecht war
zurückhaltend, weil es sein sozialer Status so erforderte und Albrecht hatte
keine einschlägigen Erfahrungen mit Stallknechten, da die üppigen Mägde ihm zu
Dienste waren. Der Engel hatte aus diesem unglücklichen Vorfall seine Lehre
gezogen. Sebastian hatte er deswegen im Laufe von achtzehn Jahren peu à peu in
alle Bereiche der Sexualität eingeführt. Er war sich daher sicher, dass seinem
jetzigen Schützling nicht das gleiche widerfahren würde wie dem ratlosen Albrecht
vor mehr als fünfhundert Jahren.
Der Bote Gottes war der Auffassung,
dass Sebastian jetzt für den folgenden sexuellen Kontakt reif wäre, denn seit
dem letzten Liebesabenteuer waren schon mehr als zehn Monate vergangen. Zu
diesem Zwecke suchte er sich einen jungen Mann aus, der fünf Jahre älter war
als Sebastian. Ein Holländer sollte es sein.
Neunzehn war Sebastian nun und ein
frischer Bursche. Er hatte seine festen Zukunftspläne und strahlte wieder einen
leichten Optimismus aus.
Eines Abends, gegen Ende des
Frühlings, ging er zum ersten Mal wieder in eine Bar. Der Weg führte ihn nach
Maastricht. Von einem Arbeitskollegen hatte er erfahren, dass es dort, an den
Ufern der Maas, einen Klub gäbe, in dem hauptsächlich Schwule verkehrten. Die
Begriffe homo‑, bi‑, hetero‑ und asexuell waren Sebastian
mittlerweile geläufig. Die Wörter Schwuler, Hundertfünfundsiebziger und warmer
Bruder waren fester Bestandteil seines Vokabulars geworden, obwohl er sie noch
immer mehr oder weniger als Schimpfwörter empfand. Er machte sich also an einem
Samstagabend auf den Weg nach Vaals. Dort nahm er den Bus. Gegen zehn Uhr
betrat er, unter Herzklopfen, diesen Klub in Maastricht. An jenes "La
Boutique" dachte er wieder, wo seine Misere angefangen hatte, wo er aber
auch diesem wunderbaren Tanzpartner begegnet war. Er nahm an der Theke Platz
und bestellte ein Bier. Die Bedienung sprach, wenn man das wünschte, auch mehr
oder weniger gut Deutsch. Im Laufe des Abends kam ein junger Holländer und
forderte Sebastian zum Tanze auf. Die Sinnlichkeit erwachte wieder und die
Hoffnung auf das, was kommen sollte, erfüllte Sebastian. Er hieß Paul und
stellte sich dermaßen beschützend auf, dass Sebastian sich nur in diese
Sicherheit fallen zu lassen brauchte. Für ihn begann jetzt eine Zeit voller
Hingabe und Liebe. Sie gab ihm all das, wonach er sich so lange gesehnt hatte.
Auf der Arbeitsstelle verlief alles ohne nennenswerte Zwischenfälle. Zuhause
gab es keine Unstimmigkeiten mehr. Der Vater und die Mutter diskutierten weiter
über die sinkenden oder steigenden Fleischpreise. Sebastian genoss sein Leben.
Paul und er unternahmen jetzt viele Reisen. In Luxemburg sah er das tief
eingeschnittene Tal der Pétrusse mit den weitgespannten Bogen der alten Brücke
und in London, das er schon gut kannte, wieder das bunte Treiben am Piccadilly
Circus sowie die edlen Geschäfte in der Bond Street. Er bewunderte in Nîmes das
römische Amphitheater und den seltsam schönen Stadtpark. In Amsterdam bestaunte
er den königlichen Palast auf dem Dam und die Grachten mit den alten
Kaufmannshäusern.
Über die Grand' Place in Brüssel
schritt er an einem Samstag und ließ die reichverzierten Gebäude und kleinen
Paläste, die diesen Großen Markt umsäumten, auf sich einwirken. Am Eingang der
Maison du Roi sah er die kleine Gedenktafel zur Erinnerung an die Hinrichtung
des Grafen von Egmont vor mehr als vierhundert Jahren. Sebastian musste sich
schon arg bücken, um die Inschrift auf diesem schmucklosen Stein überhaupt
lesen zu können.
Am späten Vormittag des fünften
Juni Anno Domini MDLXVIII erblickte dieser Edelmann, im Alter von
fünfundvierzig Jahren, zum allerletzten Male diesen wunderschönen Platz, der
immer voller Schaulustiger war. Er wurde enthauptet, weil man glaubte, er sei
ein Verräter gewesen.
Hier in Brüssel griff der Engel
wieder ein, auf dass sein Schützling sich vollends von der Pariser Frustration
befreie. Er schickte Sebastian eine Vision und ließ ihn ein wenig in das
Geheimnis des Todes eintauchen.
Sebastian schaute wie gebannt auf
den Text und las noch einmal die ersten Worte: "Devant cet
édifice..." Er war aufnahmebereit. Touristen wurden zu spanischen
Soldaten, die, dem Ereignis angemessen, dunkle Uniformen trugen. Die großen,
schwarzen Tücher, die an dem Holzgestell der Hinrichtungsstätte herabhingen,
gaben diesem Schafott eine feierliche Würde. Die beiden brennenden Kerzen und
das aufgestellte Kruzifix sollten vermutlich darauf hinweisen, dass alle Schuld
schon im vorhinein getilgt worden sei. Etwas Friedvolles verliehen sie dieser
sich anbahnenden Tragödie. Gleichzeitig aber gaben sie diesem makabren
Geschehen auch etwas Unabwendbares.
Nur ein einziger kräftiger Schlag
mit scharfer Klinge und das Tor zum Paradies stünde offen. Bedeutete es für den
Verurteilten, der mit abgeschnittenem Hemdkragen und in Schwarz gehüllt dort
die Stufen erklomm, eine Erlösung, auf diesem Altar des Todes geopfert zu
werden? Hätte der Bischof von Ypern die Kraft, Lamoraal trösten zu können, oder
besaß der Graf selbst genug Stärke, diese letzten Minuten zu durchstehen?
Vermutlich war ihm klar, dass es eine Umkehr nicht geben würde. Mit einem Male
sah Sebastian sich selbst, dort oben, auf der freiwillig auserwählten
Opferstätte des Eiffelturms und spürte wieder diese Befreiung, die er auf
dieser Plattform erfahren hatte. Jetzt wusste er, dass Lamoraal auch dieses
Gefühl der absoluten Freiheit gespürt haben musste, bevor ihm die Augen mit
einem schwarzen Lappen abgedeckt wurden. Als er dann seine Knie zum letzten Mal
beugte und den entblößten Nacken dem Henker darbot, damit ihm der Kopf vom
Rumpf getrennt werde, war er bereits dermaßen entrückt, dass Irdisches ihn
nicht mehr berührte.
In manus tuas Domine, commendo
spiritum meum.
Wie lange sein eigener
Dämmerzustand angehalten hatte, wusste Sebastian nicht. Dadurch, dass Paul zu
ihm sagte, man habe jetzt aber genug Zeit an der Gedenktafel zugebracht, kehrte
Sebastian wieder in die Gegenwart zurück. Die spanischen Söldner waren wieder
friedliche Touristen. Erst jetzt sah er auch noch den Namen eines zweiten
Hingerichteten auf der Gedenktafel, aber das sollte Sebastian nicht weiter
beschäftigen, denn es war nicht von Wichtigkeit. Ausschließlich Lamoraals
tragisches Schicksal barg die ungeheure Kraft in sich, derer es bedurfte,
Sebastian in diesen tranceartigen Zustand zu versetzen. Der Tod des Grafen war
unausweichlich, auf dass sich die Vorsehung und der Wille des Königs von
Spanien erfülle.
Durch dieses Egmontsche Drama, das
Goethe schon inspiriert hatte, erhielt dieser Marktplatz zusätzlich etwas
Erhabenes. Hier in der belgischen Hauptstadt musste Sebastian auch an seinen
eigenen Namenspatron denken, der, mehr als tausend Jahre früher als der Graf,
auf grausame Weise, auch sein noch junges Leben lassen musste. Erst wurde er
von spitzen Pfeilen durchbohrt und anschließend mit schweren Keulen erschlagen.
Sowohl Lamoraal von Egmont als auch der heilige Sebastian waren zu ihren
Lebzeiten Militärs gewesen. Vermutlich hatten sie selbst als Soldaten auch
getötet und die Rache Gottes hatte sie eingeholt.
Das "Mannecken-Pis", das
Pissmännchen, wie die Großmutter zu sagen pflegte, diese barocke, flügellose
Putte, die immerwährend pissende, die an einer unscheinbaren Straßenecke, auf
einem Sockel stand, munterte Sebastian wieder auf.
An der Côte d'Azur erblickte er das
blaue Meer und sah die kleinen Städte mit den Namen fast aller Heiligen.
Traumhaft schön war es.
Die Sexualität konnte sich zwischen
ihnen frei entfalten. Sebastian machte alles, wozu er Lust hatte und was Paul
gefiel. Ihre Körper lernten sie in allen Einzelheiten kennen. Die Freude und
Lust aneinander nahmen kein Ende. Eine Zeit des unaufhörlichen Rausches war es.
Die Arbeit wurde zur Nebensache. Alles drehte sich um Paul, seine Zuneigung und
seine Gegenwart. Seine braunen Augen waren leuchtende Sterne. Seine wundervoll
geschwungene Nase wurde zum Vorboten und sein Schwanz zum Gipfel der Wollust.
Sebastian wurde dies alles dargeboten und geschenkt. Im siebenten Himmel wähnte
er sich. Es war die Zeit der ersten großen Liebe. Fast vollkommen schien es,
bis auf den einen Punkt, der die Euphorie manchmal störte. Dies waren die
Zukunftspläne von Sebastian.
Die Zeit floss wie ein Strom ohne
Unterlass dahin. Der Winter kam und einige Monate später kündeten die ersten
Schwalben wieder den Frühling an. Sie nahmen ihre alten, angestammten Nester in
Besitz, zogen ihre Jungen auf, wirbelten beim Insektenfang durch die Lüfte und
zogen im Herbst wieder nach Afrika. Manchmal noch dachte Sebastian an jene
Schwalbe, die er damals, vor elf Jahren, tot in den Händen gehalten hatte. Paul
hatte er die Geschichte von der kleinen Schwalbe und dem geheimnisvollen Knecht
nie erzählt. Es war schon zu lange her. Was mit der glitzernden Mundharmonika,
auf der er niemals gespielt und die er in irgendeinem Kleiderschrank versteckt
hatte, geschehen war, wusste er nicht. Vielleicht lag sie noch dort, in der
Erwartung, gefunden und bespielt zu werden. Möge sie, genauso wie die Schwalbe,
in Frieden ruhen, so dachte Sebastian.
Et lux perpetua luceat eis.
Beide, das Instrument und der
Vogel, hatten nicht das ausführen können, wozu sie geschaffen worden waren.
Es wurde Frühling und die Schwalben
kamen wieder. Sebastian war gerade einundzwanzig geworden und beendete seine
Lehre als Speditionskaufmann. Etwas Neues musste her. Er hatte noch immer den
Lehrerberuf im Kopf und wollte dieses Ziel auch unbedingt verwirklichen. Paul
berichtete er von seinem Vorhaben. Auch sagte Sebastian, dass man sich dann
trennen müsse, weil er diese Vorbereitung auf die Hochschulreife nicht in
Aachen, sondern in Neuss oder Bielefeld machen würde. Paul wohnte in
Maastricht. Weit würde die Entfernung sein, aber nicht unüberwindbar.
Für das katholische Kolleg in Neuss
hatte Sebastian sich entschieden. Ab und zu kam Paul noch, aber die Liebe ging
unter unsagbaren Schmerzen zu Ende. Trauer und Verzweiflung hatte Sebastian
glücklicherweise schon kennen gelernt und konnte deswegen, jetzt schon etwas
besser, damit umgehen. Er hatte gelernt, sie sinnvoll zu kanalisieren.
6. Kapitel
Im August kam Sebastian nach Neuss.
Dort, an den Ufern des Rheines, die Brentano schon so überschwänglich gelobt
hatte, schrieb er sich als Studierender am Friedrich‑Spee‑Kolleg
ein. Der Name der Schule ließ Schlimmes erahnen. Der fromme Jesuit Friedrich,
dieser einfühlsame Beichtvater der Hexen, der vor dreihundertsechsunddreißig
Jahren an der Pest gestorben war, hatte dieser Lehranstalt seinen Namen
gegeben. Fünf Semester sollte die Studiendauer betragen.
Der Engel war der Meinung, dass
sein Schützling jetzt eine kleine Reise machen müsse. Die ehemalige deutsche
Reichshauptstadt solle das Ziel sein, auf dass Sebastian sich von einer
hinderlichen Frustration aus seiner Kindheit befreie.
In den Herbstferien schon begab er
sich denn auch auf einen kurzen Ausflug nach Berlin. Er sah diese geteilte
Stadt, die unüberwindliche Mauer und die beiden sehr unterschiedlichen
Gesellschaftssysteme. Der kommunistisch gefärbte Sozialismus und der amerikanisch
geprägte Kapitalismus prallten hier schonungslos aufeinander. In West‑Berlin,
das dem westdeutschen Standard vergleichbar war, betrachtete er, vor den Toren
des barocken Schlosses Charlottenburg, die einäugige, unendlich kühl wirkende
Nofretete, diesen wertvollen ägyptischen Gipskopf mit nur noch einem intakten
Ohr.
In Ost‑Berlin besichtigte er
den architektonisch sehr hässlichen Alexanderplatz. Das sozialistische Grau in
Grau der Gebäude machte Sebastian leicht depressiv. Gleichzeitig aber hatte er
den Eindruck, dass das tägliche Leben hier etwas menschlicher als im Westen
sei. Es schien, als ob die Zeit in diesem Ostteil der Stadt etwas gemächlicher
dahinflösse. Unwillkürlich kam ihm hier, auf diesem traurigen Alexanderplatz
der starke und gefährliche Knecht wieder in den Sinn. Er musste diese Stadt
noch ungeteilt, aber dafür in Schutt und Asche erlebt haben. Für diesen
geheimnisvollen Kinderfreund empfand Sebastian jetzt einen Hauch von Mitleid.
Vermutlich war er sogar ein Opfer der russischen Soldaten geworden, wodurch
sich seine Tat von dereinst erklären ließe. Damals, bei der Eroberung Berlins
musste er vierzehn gewesen sein. Welches schwere Kreuz musste er getragen
haben, da er unentwegt auf der Hut sein musste, auf das sein Vergehen nicht
entdeckt werde. Sebastian sah wieder dieses Gewehr, hörte den Schuss und
blickte in die funkelnden, schwarzen Augen des Knechtes und stellte sich jetzt
vor, wie es gewesen wäre, wenn dieser raffinierte Icke ihm in jenen fernen
Kindertagen, vor zwölf Jahren, nicht das Handtuch über die Augen gebreitet
hätte. Er kam jetzt allmählich zu der Überzeugung, dass der schöne Knecht
dieses Abdecken der Augen nur vorgenommen hatte, um ihn zu schützen. Es hatte
etwas Liebevolles und sehr Behutsames in der Art und Weise gelegen, wie dieser
heimatlose Landarbeiter mit dem weichen Frotteetuch Sebastian das Augenlicht
für eine kurze Zeit genommen hatte. Er konnte ihm jetzt die große Schuld, die
er einst auf sich geladen hatte, vergeben. Sebastian versuchte sich nun sogar
vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn er den mysteriösen Vorgang von damals
hätte sehen und bewusst miterleben können. Vielleicht wäre dann die Angst, die
er in jenen Tagen dem athletischen Knecht gegenüber empfunden hatte, erst gar
nicht aufgekommen.
Die beginnende Depressivität war
verschwunden. Sebastian begab sich frohgemut zum Checkpoint Charlie und
überschritt die innerdeutsche Grenze. Am Bahnhof Zoo stieg er in den Eilzug,
der ihn von der Spree wieder an den Rhein zurückbringen sollte. Berlin war
tatsächlich eine Reise wert! Dieser Werbespruch, den Sebastian schon sooft auf
Plakaten an Litfass-Säulen gesehen hatte, entsprach tatsächlich der Wahrheit.
Die Millionen, die der bundesrepublikanische Staat in diese Kampagne gepumpt
hatte, waren demnach sinnvoll investiert worden. Was Sebastian aber mitunter
als eine ungeheure Anmaßung empfand, war die Tatsache, dass die Bundesrepublik
sich ex cathedra als alleinige Repräsentantin des gesamtdeutschen Volkes
bezeichnete. Dieser Westteil von Berlin, diese Insel des übermäßigen Konsums,
war schon längst von der Geschichte überholt worden. Aber immer noch diente
dieses anachronistische Überbleibsel inmitten der DDR den Bonner Politikern als
Paradepferd und Aushängeschild, das täglich die Wonnen der vermeintlich freien
Welt verkündete.
In Neuss lernte Sebastian sehr viel
Neues. In den Philosophiestunden interessierte ihn die Stoa ganz besonders.
Diese Lehre besagte, dass es erstrebenswert sei, mit der Natur und folglich mit
sich selbst in Einklang zu leben. Versuchen solle man, so weit das möglich sei,
seine Neigungen und Affekte der rationalen Einsicht unterzuordnen, damit das
Emotionale zurückgedrängt oder ganz ausgeschaltet werde. Diese geistige
Haltung, seine Gefühle in Zaum zu halten, könne man üben und sich auf diese
Weise, gegen etwaige Krisen, besser schützen. Sebastian saugte, wie ein
ausgetrockneter Schwamm, die theoretischen Abhandlungen des Lehrers in sich
hinein. An seine eigenen Erfahrungen dachte er, die ihm manchmal soviel Leid
gebracht hatten. Das Emotionale hatte er jetzt schon etwas besser unter
Kontrolle. Wenn er jedoch, zielgerichtet, seinen Geist dermaßen trainieren
könnte, dass ihn der seelische Schmerz, aber auch die Freude, nicht mehr so
berührte, hätte er vielleicht die Chance, ein zufriedeneres Dasein führen zu
können. Diese Vorstellung der geistigen Unverwundbarkeit faszinierte Sebastian.
Das Auf und Ab der Gefühle würde durch eine rationalere Einstellung zwar
abgeflacht, aber das Leben würde dadurch ruhiger und ausgeglichener sein. Sich
nicht an etwas oder jemanden zu binden würde auch bedeuten, nicht jedes Mal
wieder die Pein des Abschieds und des Verlustes ertragen zu müssen. Diese
stoische Philosophie, auch wenn sie nur teilweise zu verwirklichen wäre, schien
Sebastian wie ein Meilenstein auf dem Wege seiner Erkenntnis.
Viel Wissenswertes wurde auch im
Fach Religion unterrichtet. Das Projekt: "Wer war Jesus?" empfand er
als ganz besonders interessant. Ein Jahr lang fast behandelte der
Religionslehrer, der einsichtige, meisterhaft dieses spektakuläre Thema. Unumstritten
war er ein Kenner der Exegetik. Über die Entstehungsgeschichte des Neuen
Testaments und dessen sehr unterschiedliche Autoren diskutierte man, wobei sich
manchmal unter einem Namen verschiedene Personen verbargen. Erörtert wurde die
Rolle der Propheten. Die Bibel rückte man in ihren historischen Kontext. Die
päpstlichen Dogmen und Enzykliken las und interpretierte man.
Nun, da der Schleier des Mystischen
etwas gelüftet war, konnte Sebastian klarer sehen. Jetzt war er in der Lage,
die katholische Kirche besser einzuschätzen und ihre sexualfeindliche Haltung
wurde ihm verständlicher.
Vor allem aber zu den Evangelien,
die er früher einmal auswendig lernen musste, hatte er nun einen leichteren
Zugang. In ihnen gab es gewisse Wahrheiten, die konnte er gutheißen.
Mit den Augen eines Historikers
betrachtete er jetzt die Entwicklung des Glaubens. An seinen Gemeindepfarrer
und an die Großmutter dachte er und hoffte im nachhinein, dass die beiden an
diesem lehrreichen Projekt teilgenommen hätten. Vermutlich wäre ihnen die
Theologie dadurch nähergebracht worden und hätten sie besser damit umgehen
können.
Alles wurde relativiert. Hell
erstrahlte das Licht der Erleuchtung. Der kindliche Glaube, der Sebastian in
Aachen gepredigt worden war, gehörte jetzt der Vergangenheit an. Offener und
weniger dogmatisch wurde alles. Es blieben sogar Punkte übrig, die unvereinbar
waren, aber deswegen nicht negiert wurden.
Oritur in tenebris ut lumen rectis,
clemens et misericors et justus.
Sebastian lernte Latein, Griechisch
und Hebräisch. In der Bibelauslegung übte er sich. Außerdem beschäftigte er
sich mit römischen Schriftstellern. Aus der "Germania" von Tacitus
und aus den "Amores" von Ovid wurde zitiert.
Der Geschichtsschreiber Publius
Cornelius Tacitus, so lautete vermutlich sein Name in voller Länge, hatte das,
was er über die Vorfahren der Deutschen wusste oder zu wissen glaubte, in einem
Buche zum besten gegeben. Der Nachwelt hat er dadurch eine bunte Mischung aus
Historie und Phantasie hinterlassen. Er berichtete von den vielen Stämmen, die
in Germanien ihr Unwesen treiben würden. Unter ihnen seien solche, die
größtenteils aus Faulenzern und Trinkern bestünden. Nur dann würden sie aus
ihrem Dauerrausch erwachen, wenn es kriegerische Auseinandersetzungen
auszutragen gelte. Daneben gebe es aber auch einen Stamm, dessen Mitglieder
entsetzlich arm seien. Ihnen sei aber gerade auf Grund dessen das Schwerste und
Herrlichste gelungen: nämlich wunschlos glücklich zu sein.
Von heiligen Hainen, in denen
Götter verehrt würden und von jungen Kriegern, die zu feierlichen Anlässen
nackt zwischen aufgepflanzten Schwertern anmutig umhertänzelten, erzählte er.
Abschließend tat er noch kund, dass sich hinter Germanien vermutlich das Ende
der Welt befinde, denn dort gehe die Sonne überhaupt nicht mehr unter.
Der Dichter Publius Ovidius Naso,
so hieß er offiziell, hatte jahrhundertelang anonym das Himmlische der freien
Liebe gepriesen. Er fasste die höchsten Wonnen des Menschen in Reime. Von
nackten Mädchen, festen Brüsten, vollen Hüften und strammen Schenkeln dichtete
er in überschwänglichen Worten. Über begehrende Blicke und buhlende Männer, die
ihr Ziel zur Mittagszeit bei halboffenen Fensterläden erreichten, schrieb er.
Sowohl bei Tacitus als auch bei
Ovid ging es zwar um Profanes, aber trotzdem trug auch dies dazu bei, dass sich
Sebastians Einstellung zur Religion änderte.
Man klärte Sebastian über den
Buddhismus und die damit verknüpfte Reinkarnation auf. Diese
Wiederverleiblichung faszinierte ihn, da den Gläubigen dadurch die Angst vor
dem Tod größtenteils genommen wurde.
Auch vermittelte man ihm
Wissenswertes von Allah und den einhundertvierzehn Suren des Korans. Diese
göttlichen Offenbarungen, die der Prophet Mohammed zu Anfang des siebten
Jahrhunderts in Mekka und Medina verkündet hatte, deckten sich teilweise mit
dem Inhalt der Bibel. Nicht auf einen Zufall beruhte diese Ähnlichkeit, sondern
sie war zwangsläufig, da das heilige Buch des Islams aus der Heiligen Schrift
hervorgegangen war.
Die Universalität der Religionen
brachte man ihm bei. Der tiefe Graben der Intoleranz, der sich zwischen den
verschiedenen Glaubensrichtungen im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hatte,
stieß bei Sebastian zuweilen auf Unverständnis. Des ungeachtet aber versuchte
er, die unterschiedlichen Standpunkte zu verstehen. Das Wissen um die
geschichtlichen Hintergründe konnte er sich dabei zunutze machen, wodurch
vieles erträglicher wurde. Eine neue, verständlichere Welt tat sich Sebastian
auf. Auch die scheinbare Notwendigkeit der Religionskriege konnte er
nachvollziehen, obwohl sie ihm absurd erschienen. Selbst er hatte aus eigener
Erfahrung lernen müssen, dass bewaffnete Auseinandersetzungen mitunter unausweichlich
waren. Es lag im Wesen aller lebender Kreatur, bei tatsächlicher oder
vermeintlicher Gefahr aggressives Verhalten zu zeigen oder zu flüchten, auf
dass man überlebe.
Feindbilder waren genauso wichtig
wie Ikonen und Weltanschauungen. Durch sie war man imstande, sich voneinander
abzugrenzen, auf dass der Streit zwischen den Verblendeten und Uneinsichtigen
immer wieder neu entbrenne.
Zum Abschluss des Jesus‑Projektes,
im Herbst, machte man eine Reise nach Israel, um die heiligen Stätten zu
besuchen. Sebastian kam nach Jerusalem, Bethlehem, Jericho und an den See
Genezareth.
Auf dem Weg nach Jericho, dieser
uralten Stadt, wo der Herr einst den kleinen Oberzöllner Zachäus auf einem
Maulbeerbaum antraf, sah Sebastian den Jordan und dachte an Johannes den
Täufer.
Im See Genezareth, wo die Fischer,
auf Geheiß des Herrn, fast vor lauter Meeresfrüchten mit ihren Booten
untergegangen wären, so schwer waren die Netze, schwamm Sebastian, ohne auch
nur einen Fisch gesehen zu haben.
Seiner Mutter schickte er einmal
eine Ansichtskarte mit der Geburtskirche des Herrn aus Bethlehem und eine
weitere aus Jerusalem, auf der die Klagemauer der Juden zu sehen war, da er
wusste, dass die Mutter sich darüber freuen würde. Sie war auch katholisch und
mit diesen Städtenamen nebst deren Geschichte aufgewachsen. Beim Schreiben
dieser Karten dachte er, dass es schon ein Glück sei, dass die Mutter
Jerusalem, aber vor allem Bethlehem nie sehen würde, weil es dann hätte
geschehen können, dass sie ihren Glauben verloren hätte. Es war gänzlich
anders, als man es sich in seinem kindlichen Glauben ausmalte. Besonders in
Bethlehem konnte Sebastian feststellen, dass seine romantischen Vorstellungen
sehr weit von der Wirklichkeit entfernt waren. Dieser Geburtsort des Herrn war
kein katholisches Dorf, wie er sich das während der Christmetten beim Singen
des Liedes "Zu Bethlehem geboren" immer vorgestellt hatte, sondern
eine arabische Kleinstadt. In unzähligen, kleinen Andenkenläden verkauften
moslemische Händler die begehrten Devotionalien. Kreuze, Dornenkronen und
Rosenkränze gab es im Überfluss und in allen Größen und Farben. Zuweilen sah
Sebastian auch, dass Touristen und Pilger um diesen religiösen Plunder
feilschten. Wer ein frommer Wallfahrer oder nur ein Reisender war, blieb dabei
unklar. Beides floss ineinander. Aber vom Glauben fiel Sebastian deswegen nicht
ab, denn er hatte an diesem aufschlussreichen Projekt des Religionslehrers
teilgenommen. Er konnte alles richtig einordnen und einigermaßen relativieren.
Bei weitem die interessanteste
Stadt in Israel war für Sebastian Jerusalem. Dort musste er, in den Hängen der
Knesseth, Unkraut jäten. Nicht aus heller Begeisterung an der Verschönerung des
Parks oder zur körperlichen Ertüchtigung geschah das, sondern es war eine
fünftägige Pflichtübung, weil die Reise unter der Aktion Sühnezeichen
stattfand. Sie wurde auf Grund dessen, finanziell sehr großzügig, von der
Bundesrepublik, unterstützt.
Auch den Ölberg besuchte Sebastian,
wo die Himmelfahrt des Herrn stattgefunden haben soll. Er sah den Garten
Gethsemani, in dem die Jünger des Herrn, vor lauter Erschöpfung eingeschlafen
waren, obwohl sie hätten wachen müssen und die Via Dolorosa, über die der Herr
einst sein schweres Kreuz nach Golgatha hatte tragen müssen. Natürlich waren
dies alles touristische Attraktionen, aber des ungeachtet beeindruckend.
Obwohl Sebastian in Jerusalem fast
einen Kulturschock erlitt, genoss er doch diese Stadt, die er schon so gut aus
seiner Kindheit kannte, vom Hörensagen und von der Frohen Botschaft Christi,
die er immer auswendig lernen musste.
Den holländischen Paul hatte
Sebastian schon beinahe vergessen, obwohl er manchmal noch wehmütig an ihn
denken musste.
Zweiundzwanzig Jahre war er jetzt
und mit seinem Leben zufrieden. Hier, im Heiligen Land, wo der Herr üblen
Verrat, schweres Leiden und schließlich den Tod erfahren musste, war alle
Unbill des Lebens etwas erträglicher.
Das Kolleg in Neuss inspirierte
Sebastian sehr. Aufgrund dieses Theologie‑Projektes konnte er sein
eigenes Geschlechtsleben intensiver erfahren. Dieses Paradox hatte sich
unbeabsichtigterweise als Nebenprodukt der Religionsstunden ergeben.
Der Engel fand es an der Zeit, dass
Sebastian wiederum etwas näher an die Sexualität herangeführt werden müsse.
Hier, in Jerusalem, war es fast ein Heimspiel für den Boten Gottes.
Fünfhundertsiebenunddreißig Jahre waren schon vergangen, seitdem er zum letzten
Mal in der Stadt des Heiligen Grabes verweilt hatte. Damals hatte er Albrecht,
seinen vorigen Schützling, dorthin begleitet. Dieser war zu jener Zeit ein Jüngling
von zwanzig Jahren und der Aufenthalt sollte nicht der sexuellen
Weiterentwicklung Albrechts dienen, sondern dessen Frömmigkeit fördern. Nicht
als Krieger sondern als Pilger sollte er an die heiligen Stätten geführt
werden, hatte er sich doch schon unzähligen Ausschweifungen hingegeben. Der
Bote Gottes war sich seiner Verantwortung bewusst und führte ihn deshalb nur an
jene Orte, an denen Albrecht dem Herrn näher käme.
An die Stelle geleitete ihn der
Engel, an der Christus unter der Last des Kreuzes zusammengebrochen war.
Albrecht kniete in Demut nieder und küsste inbrünstig den Boden. Des weiteren
besuchte er die Schule, wo die Muttergottes Latein gelernt hatte.
Ehrfurchtsvoll und fromm schritt er weiter und kam an den Ort, an dem die
Jungfrau Maria einst die Windeln des Jesuskindleins gewaschen hatte. Stumm
stand er davor und bekreuzigte sich. Der Bote des Allmächtigen konnte an
Albrechts Augen ablesen, dass dessen Reue für begangene Untaten aufrichtig war.
Um die Religiosität noch weiter zu vertiefen und ihm gleichzeitig etwas Furcht
einzuflössen, führte der Engel ihn auch noch an den Baum, an dem sich Judas,
der Verräter, vor langer Zeit erhängt hatte. Albrecht, noch so jung und
lebensfroh, wurde immer betrübter. Dem Engel war seine Haltung aber nicht
reumütig genug, und deswegen führte er ihn schließlich noch an die Stelle, wo
Abraham vor undenklichen Zeiten seinen Sohn Isaak dem Herrn opfern wollte.
Nach all diesen unauslöschlichen
Eindrücken war Albrecht geläutert und gewillt, dem Herrn wieder voller Hingabe
zu dienen. Aus Dankbarkeit über seinen jetzt gefestigten Glauben nahm er an
einer Prozession nach Zion teil und empfing dort den Leib und das Blut des
Erlösers. Der Bote Gottes konnte feststellen, dass die Gesinnung Albrechts sich
gewandelt hatte. Mit frommen Übungen verbrachte dieser nun die wenigen Tage in
Jerusalem, die ihm bis zur Abreise in die Heimat noch blieben.
Nun, nach so vielen Jahren, befand
der Engel sich erneut am gleichen Ort, aber diesmal mit Sebastian. Der Zweck
des Besuches jedoch war ein ganz anderer. Was seinem vorigen Schützling auf dem
Gebiet des Geschlechtlichen vorenthalten wurde, sollte seinem jetzigen um so
reichlicher gegeben werden. Was damals noch unvereinbar schien, würde jetzt in
Eintracht verbunden werden.
Der Engel suchte sich einen Araber
von zwanzig Jahren aus. Die Vorsehung gebot, dass es sich im Stadtpark von
Jerusalem zutragen sollte.
Zu jener Zeit geschah es, dass
Sebastian in sich den starken Drang verspürte, in der israelischen Hauptstadt
auf Abenteuer auszugehen. Dieses Kribbeln fühlte er im Bauch. Er machte sich
auf den Weg in den Stadtpark. Dunkel war es bereits, obwohl es erst acht Uhr
war. Sebastian schlenderte über die Pfade. An Bänken kam er vorbei, auf denen
sich Leute niedergelassen hatten, deren einziges Begehren es scheinbar war,
sich ihren bunten Träumen und der heilsamen Ruhe der blauen Stunde hinzugeben.
Manchmal waren es Pärchen und ab und zu traf er auch Menschen an, die alleine
auf einer Parkbank saßen, die warme Nacht genossen und ihre unerfüllten Wünsche
möglicherweise den Sternen anvertrauten. Bei einer solchen Sitzgelegenheit, auf
der ein junger Araber sich aufhielt, blieb er stehen und setzte sich einfach
daneben. Der schöne Palästinenser schaute ihn an und lächelte verheißungsvoll. Sebastian
nutzte die Gunst dieses Augenblicks und ergriff jetzt zum ersten Mal die
Initiative. An all die Vorfälle aus seiner Jugendzeit und an Paul dachte er.
Innerlich war er fest davon überzeugt, dass alles so verlaufen würde, wie er
sich das vorstellte. Linde war der Abend und ein junger Sarazene,
schätzungsweise zwanzig, saß neben ihm. Dem Ganzen gab die Stadt Jerusalem noch
eine religiös‑romantische Dimension.
Die innere Aufwühlung begann. In
seinen Lenden fühlte Sebastian die Erregung. Spüren wollte er diesen
palästinensischen Jüngling und seine braune Haut berühren. Keinen Weg mehr gab
es zurück, denn ein zügelloses Verlangen übermannte ihn. Einen einzigen Fixpunkt
nur noch gab es, und das war dieser junge, feurige Araber in Jerusalem.
Sebastian verlor fast seine Beherrschung. Sanft, fast andeutungsweise nur,
berührte er den Arm des Arabers. Überwunden war die erste und schwierigste
Barriere. Diese Geste erwiderte der prächtige Muselman und legte seine Hand auf
den Arm Sebastians. Voller unbestimmter Sehnsucht waren seine dunklen,
leuchtenden Augen. Sebastian fragte ihn, ob er aus Jerusalem sei, aber dieser
Sohn Allahs verstand kein Englisch und Sebastian sprach kein Arabisch.
Blitzschnell stellten sich beide auf die neue Situation ein, denn die Konversation
spielte in ihrem Falle, an diesem Abend in Jerusalem, nur eine untergeordnete
Rolle.
Das Kommando übernahm Sebastian,
denn er war sich sicher, dass der Palästinenser sich ihm unterwerfen würde.
Dieses unausgesprochene Machtgefühl brachte das heiße Blut Sebastians in
Wallung. Die Erregung erhöhte sich dermaßen, dass Sebastian alles um sich herum
vergaß. In den Arm nahm er diesen Araber und führte ihn ins schützende
Dickicht, auf dass sich die Vorsehung erfülle.
Diese blitzenden Augen, in denen
Sekunden nur der Knecht aus längst vergangener Zeit sich spiegelte, blickten
Sebastian begierig an. Er stellte sich hinter den stolzen Sarazenen, öffnete
die Knöpfe und den Gürtel dessen Hose und ließ sie hinabgleiten. Das feste
Fleisch dieses jungen, strammen, arabischen Arsches fühlte er. Das
Sensationelle dieser Handlung trieb die Erregung von Sebastian in schwindelnde
Höhen. Der junge Moslem war äußerst willig. Ab und zu drehte er leicht den
Kopf, und Sebastian sah den schwellenden Mund, dessen Lippen ein Lächeln
erahnen ließen. Die wieder sanft gewordenen Augen, aus denen nun helles
Wohlwollen strahlte, bekundeten sein Einverständnis.
Zwei junge Körper schmiegten sich
im Sinnesrausch aneinander und erbebten vor Wollust. Ihre Seelen verschmolzen.
In anschwellendem Rhythmus pochten ihre Herzen. Wie afrikanische Tänzer, die
durch das immer schneller werdende Tempo der Handtrommeln in Ekstase gerieten,
taumelten sie liebestrunken ihrer Erfüllung entgegen.
Die Welt, die die beiden sich
Begehrenden umgab, versank im Schatten der Nacht. Nur noch Blätter, Äste und
die Unendlichkeit des Sternenhimmels waren über ihnen. Der Duft der Geschichte
umflutete sie. In diesem Land der Juden vereinigten sich der Islam und das
Christentum. Beide hatten ihre Wurzel im Alten Testament und obwohl sie Abraham
und Ibrahim, die schon seit Anbeginn eins waren, zum gemeinsamen Erzvater
hatten, war es ihnen unmöglich, miteinander zu sprechen.
Wie eine Ureruption kam der Klimax.
Völlig unmöglich und ausgeschlossen war eine Willenssteuerung.
Fiat voluntas tua, Domine!
Sebastian führte den arabischen
Jüngling aus dem wilden Grün hinaus, das sie wie eine schützende Mauer umgeben
hatte, und Arm in Arm schritten sie dem Ausgang zu. Wehmut lag in ihren
Blicken, denn sie wussten, dass die Stunde des Abschieds gekommen war. Sebastian
wurde es schwer ums Herz.
Dieser Unabhängigkeitspark von
Jerusalem war ihnen, für kurze Zeit nur, der Garten Eden gewesen. Eine
sprachliche Verständigung war unmöglich, denn Sebastian war des Arabischen
nicht mächtig.
Der Engel, der seinen Schützling
immerfort beobachtete und in dessen Hand sein Los lag, hatte den Beschluss
gefasst, dass Sebastian in Israel nur einmal zur Ejakulation kommen solle. Aber
dieses eine Mal müsse das Nonplusultra sein.
Einige Tage später flog Sebastian
mit seiner Gruppe wieder von Tel Aviv über Frankfurt nach Düsseldorf zurück.
Als er vom Flughafen Lod aufstieg, dachte er voller Melancholie an Jerusalem.
Zwei Extreme hatte er in dieser geschichtsträchtigen Stadt so nahe beieinander
erlebt: die Via Dolorosa, auf der Jesus, der Sohn Gottes, mit dem Kreuz, unter
unsäglichen Schmerzen, nach Golgatha gegangen war und den jungen Araber, der
Sebastian das Paradies erahnen ließ.
Lauda, Jerusalem, Dominum.
7. Kapitel
Nachdem Sebastian ins Kolleg
zurückgekehrt war, widmete er sich wieder voller Hingabe seinem Studium.
Der Engel ließ sieben Monate
verstreichen, damit sein Schützling in Ruhe seinen schulischen Pflichten
nachkommen könne. Nach dieser Zeit der Besinnlichkeit beschloss er, dass eine
große und eine kleine Reise stattfinden solle, auf dass Sebastian Deutschland
besser kennen lerne und sich in der Welt weiter orientiere. Der Bote Gottes war
der Auffassung, dass eine Konfrontation mit unbekannten Städten und fernen
Ländern Sebastian zu einem einfühlsameren Menschen mache.
Nach München fuhr Sebastian im
Frühling. Die bayrische Hauptstadt wollte er unbedingt einmal sehen. War es
wirklich so, wie man sagte, dass es die schönste Großstadt Deutschlands war?
Mit dem Zug machte er sich auf den Weg an die Ufer der Isar. Das neogotische
Rathaus mit all den Türmchen und die dicken, spargelähnlichen Zwillingstürme
der Liebfrauenkirche sah er. Den Englischen Garten und das Stadtviertel
Schwabing mit den vielen Studenten besuchte er. Aber er registrierte diese Sehenswürdigkeiten
nur, als ob sie zu einem Pflichtprogramm gehörten, das man so schnell wie
möglich hinter sich bringen müsse. Diese Baudenkmäler und Gartenanlagen
brachten Sebastian nicht in Verzückung. Der Zugang zu dieser süddeutschen Stadt
blieb ihm verschlossen. Vielleicht waren die Bayern anders als die Rheinländer.
Man sagte zwar, dass es so wäre, aber ob das auch stimmte, konnte Sebastian
nicht feststellen. Waren die Leute dennoch der Grund oder lag es an ihm selbst?
Hatte er möglicherweise seine Erwartungen zu hoch geschraubt, so dass es
zwangsläufig zu einer herben Enttäuschung kommen musste? München war zwar
schön, aber wirkte auf ihn beklemmend. Er wurde depressiv. Es erinnerte ihn an
die ausdruckslosen Augen der bedauernswerten Erika, deren trauriges Los ihn
manchmal noch ergriff. Innerhalb von achtundvierzig Stunden fuhr er wieder an
den Rhein zurück.
Im Sommer plante Sebastian seine
erste große Reise, die ihn nach Amerika führen sollte. Dieses Land, von dem er
schon so vieles gehört hatte, wollte er kennen lernen. Er entschloss sich, in
den Vereinigten Staaten als Freiwilliger zu arbeiten. Mit einer Organisation in
Bonn, die sich mit dem internationalen Jugendaustausch beschäftigte, nahm er zu
diesem Zwecke Kontakt auf. Nach kurzer Zeit schon war das Touristenvisum, das
man zur Einreise in die USA benötigte, besorgt und das Ticket für den Hin‑
und Rückflug von Amsterdam nach New York bei einem Studentenreisebüro gekauft.
An einem Projekt der Quäker-Church sollte er mitarbeiten. Unterbringung und
Verpflegung waren frei. Die Transportkosten musste Sebastian selbst aufbringen.
Sechs Wochen sollte die ganze Reise dauern. Die ersten vier Wochen würde er im
Quäker-Church-Projekt arbeiten, in der Kleinstadt Virginia Beach, im
Bundesstaat Virginia. Anschließend hätte er vierzehn Tage zur freien Verfügung.
Mitte Juli reiste Sebastian von
Neuss an die sieben Quellen des Wildbaches. Einige Tage blieb er dort. Dann
fuhr er mit dem Bus über die Grenze nach Maastricht und anschließend mit dem
Intercity‑Zug nach Amsterdam. Dort begab er sich an Bord einer KLM‑Maschine,
die ihn nach New York bringen sollte. Die erste transatlantische Überquerung
war es für ihn. Der Flug war nicht besonders interessant. Als eher langweilig
empfand er ihn. Während der gesamten Reise war der Himmel wolkenlos. Außer
England und Irland sah er stundenlang nur den blauen Ozean. Ermüdend war das
schon. Das Flugzeug, eine Boeing kleineren Typs, war bis auf den letzten Platz
besetzt. Bewegungsfreiheit gab es daher kaum. Es war eine einzige Strapaze.
Für Sebastian war die erste
Kurzstrecke, damals vor sechs Jahren, von Heathrow nach Le Bourget, eine
außergewöhnlich sensationelle Erfahrung. Aber eher monoton war diese
Atlantiküberquerung, weil es sich so endlos lang, über sieben Stunden,
dahinzog. Gegen Ende des Fluges wurde es dann doch ein wenig interessanter.
Labradors zahllose Seen und die unendlichen Wälder von Maine konnte er aus der
Vogelperspektive bewundern. Vom Flughafen fuhr er mit dem Zugbringerbus zum
Airterminal. Früher Nachmittag war es und der Koloss Manhattan lag im
Sonnenschein. Während der Fahrt vom internationalen Airport an der Jamaica Bay
nach Manhattan, dem einstigen Neu‑Amsterdam, sah Sebastian die
beeindruckenden, aber kalt wirkenden Stadtautobahnen und die enormen Wolkenkratzer,
die das Panorama vollständig beherrschten. Winzig klein kam er sich in dieser
riesigen Stadt vor. Glücklicherweise war er von der langen Reise so erschöpft,
dass er New York nur noch bruchstückhaft in sich aufnehmen konnte. Nachdem er
am Greyhound-Busbahnhof seine Fahrkarte gekauft hatte, stieg er in den Nachtbus
nach Norfolk. Am frühen Morgen erreichte er diese mittelgroße, langweilige,
amerikanische Hafenstadt. Geradeso wie in Manhattan, gab es auch hier
schnurgerade, nummerierte Straßen. Die Stadt machte einen unpersönlichen,
uninteressanten Eindruck auf Sebastian. Mit dem Regionalbus fuhr er nach
Virginia Beach. Kurz vor Mittag kam er dort an. Was er bisher, seit seiner
Landung in New York, von den USA gesehen hatte, war ziemlich wenig. Trostlos und
so anders als er sich das vorgestellt hatte, bot sich ihm diese Ostküste dar.
Fast am Ende seiner Kräfte war er von dieser langen Reise. Er begab sich zu dem
von der Jugendaustausch‑Organisation angegebenen Haus in der
sechsundzwanzigsten Straße. Noch schlafende Menschen traf er dort an, zu dieser
Tageszeit! Sebastian musste erst einmal gehörig Radau machen, bevor die Leute
wach wurden. Begrüßt wurde er und den zukünftigen Mitarbeitern des Quäker‑Projektes
vorgestellt. Eine Gruppe von acht Leuten war anwesend: zwei Engländer und sechs
Amerikaner, die aus den verschiedensten Bundesstaaten kamen. Zwischen zwanzig
und fünfundvierzig schwankte ihr Alter. Sehr alternativ sahen sie alle aus,
obwohl die Hippiezeit eigentlich schon vorbei war. In Virginia lag die Flower‑Power-Zeit
noch in ihren letzten Zügen. Blumenkränze hatten sie zwar nicht mehr im Haar,
aber die Kleidung war doch, in den Augen von Sebastian, eher unkonventionell.
Jimi Hendrix war schon fast drei Jahre tot. Das virtuose Gitarrenspiel dieses
schwarzen Sängers hatte Sebastian sehr fasziniert. Für ihn war der wilde,
zügellose und stirnbandtragende Jimi, genauso wie Scott McKenzie mit seinem
Song "San Francisco" die personifizierte Flower‑Power‑Zeit.
Bis zu diesem Zeitpunkt wusste
Sebastian noch immer nicht, was sein Arbeitsbereich sein würde. Am Abend fuhr
man in das Stadtviertel, wo das vierwöchige Projekt durchgeführt werden sollte.
Das Community Center, eine Art Begegnungsstätte, wo man auch die Mahlzeiten zu
sich nahm, diente als Unterkunft. Für die neun Volontäre war ein großer Raum
zum Schlafsaal umfunktioniert worden. Vom Kirchenvorstand war ein Vertreter
gekommen und erklärte, was das Projekt beinhaltete. Letztlich ging es darum,
Einfamilienhäuser von innen neu anzustreichen. Erst einige Jahre alt waren die
Häuser und gehörten der Quäker-Church. Fast nur alleinstehende, schwarze Frauen
mit sehr vielen Kindern waren ihre Bewohner. Um ein soziales Wohnprojekt der
Quäker handelte es sich. Mit seiner Kolonne begab Sebastian sich am frühen
Morgen des nächsten Tages zu den Gebäuden, an denen die Arbeiten durchgeführt
werden sollten. Nach einigen Vorbereitungen fing man mit dem Anstreichen an.
Eher eintönig und langweilig war diese Tätigkeit, aber Sebastian war fest
entschlossen, die ihm aufgetragenen Aufgaben zu erledigen. Manchmal kam ihm das
ganze kirchliche Projekt so sinnlos vor, weil er keinen Ausweg für die armen
Menschen in diesem Quäker‑Ghetto sah. Von der Sozialhilfe lebten alle
Bewohner und aufgrund der vielen Kinder hätte auch keine dieser Mütter einer
regulären Arbeit nachgehen können. Eine Ausbildung hatten sie wahrscheinlich
auch nicht und wenn doch, dann hätten sie, wegen ihrer sozialen Herkunft und
ihrer Hautfarbe, dennoch keinen Job gefunden. Zum ersten Mal sah Sebastian,
hier in diesem Stadtviertel von Virginia Beach, ein amerikanisches Negerghetto.
So furchtbar öde und ohne jegliche Zuversicht war alles. Man spürte, dass es
sich in absehbarer Zeit nicht ändern würde. Männern begegnete man kaum in jenem
Ghetto. Außer diesen Müttern, die schon seit Generationen die Hoffnung auf ein
besseres Leben aufgegeben hatten, sah man nur Kinder und heranwachsende Neger,
die lustlos herumstreunten und in deren Augen man schon die bereits verlorene
Zukunft erblicken konnte. Die Väter hatten anscheinend nur die eine Aufgabe,
ihren Samen zu spenden. Danach zogen sie weiter durch dieses weite Land der
unbegrenzten Möglichkeiten und zurück blieben diese geschwängerten Negerinnen.
Weiß und Schwarz waren fein
säuberlich getrennt, nicht aus Rassenhass, sondern aus finanziellen Gründen. Da
Virginia Beach, wie der Name schon sagt, einen Strand besaß, der kilometerlang
war und aus feinem Sand bestand, sah man die Trennung zwischen Negern und
Weißen noch deutlicher. Wenn Sebastian abends am Meer spazierte, begegnete er
kaum einem Schwarzen. Die Hotels und der Strand waren den finanzkräftigeren
Amerikanern vorbehalten und die waren weiß. Aber dieses Schwarz‑Weiß‑Phänomen
bereitete ihm kein großes Kopfzerbrechen, da er wusste, dass er nur vier Wochen
in Virginia Beach bleiben würde. Tagsüber führte er seine Anstreicherarbeiten
aus. Abends schlenderte er über den Strandboulevard und gab sich seinen Träumen
hin. Manchmal sah er Delphine in Gruppen vorüberziehen. Sie machten immer
wieder diese Sprünge aus dem Wasser. Warum sie springend schwammen, war
Sebastian ein Rätsel.
Auch Repräsentanten vom Quäker‑Kirchenkomitee
kamen ab und zu und kontrollierten den Fortgang der Arbeiten an den Häusern.
Bei einem solchen Besuch war auch einmal ein Bauer dabei, der in den Blue Ridge
Mountains einen sehr großen Hof besaß. Fast an der Grenze zu North Carolina, in
unmittelbarer Nähe von Cedar Springs, lagen seine Ländereien. Dort organisierte
er Veranstaltungen über Traumdeutung, Astrologie und anderweitige Esoterik.
Finanzielle Sorgen hatte dieser liebenswürdige Philanthrop mittleren Alters
wahrscheinlich nicht, denn diese Nächstenliebe konnte er sich leisten. Im
Gespräch mit ihm wurden Sebastian, die zwei Engländer und vier der sechs
Amerikaner auf den Gutshof in den Blue Ridge Mountains, an der Grenze zu North
Carolina, eingeladen. Die restlichen zwei Amerikaner hatten andere
Verpflichtungen. Kostenlos durfte dieses siebenköpfige Team der uneigennützigen
Helfer auf seiner Farm einige Zeit verbringen.
Nach den vier Wochen in Virginia
Beach zog also der größte Teil der Quäker-Volontäre westwärts. Mit einem alten
Straßenkreuzer, der einem der Amerikaner aus der Gruppe gehörte, machte man
sich auf den Weg in die Appalachen. Obwohl die Entfernung lediglich
sechshundert Kilometer betrug, dauerte die Fahrt fast zwölf Stunden. Anfänglich
führte die Reise an nicht enden wollenden Maisfeldern vorüber. Soweit das Auge
reichte, sah man dieses Übermaß an langblättrigem Grün. Nur zum Essen in Fast‑Food-Restaurants,
von denen es in den Vereinigten Staaten unzählige gab, legte man eine Pause
ein. Was die Dauer des Trips so in die Länge zog, war die immer wieder kochende
Wasserkühlung des Motors des alten Autos. Endlich erreichten sie den Hof in der
Nähe von Cedar Springs. Früher Morgen war es mittlerweile. Einige Kilometer
außerhalb des Dorfes, an einem Bach, lag das Anwesen. Öffentliche
Verkehrsmittel gab es keine. Noch viel einsamer, als in jenem Tal, an den
sieben Quellen des Wildbaches war es, wo Sebastian einmal zu Hause war.
Traumhaft schön aber war die Landschaft. Wiesen und Wälder, Kühe, Kälber,
Pferde, Fohlen und Katzen gab es. Alles das, was Sebastian aus seiner Kindheit
kannte, wurde ihm hier wieder dargeboten, nur noch bezaubernder. Der Quäker‑Gruppe
wurde ein riesiges hölzernes Haus, mit mehr als zehn Zimmern und einer immensen
Veranda, zugewiesen, das unbewohnt, aber möbliert war. Neben einer geräumigen
Küche befand sich auch das Wohn‑ und Esszimmer im Erdgeschoss. Alle
übrigen Räumlichkeiten befanden sich in den beiden Geschossen darüber.
Jeder bekam seinen eigenen Raum.
Sebastians Schlafgemach befand sich im zweiten Stock. Die Gruppe musste sich
selbst verpflegen. Für die benötigten Lebensmittel musste man mit dem Auto in
das einige Kilometer entfernte Dorf fahren. Dem freigiebigen Bauern, deren
Gäste sie waren, gehörte auch dieser Country Store. Am Ort war es übrigens das
einzige Geschäft. Die Ex‑Anstreicher‑Gruppe brauchte nicht zu
bezahlen, denn der Bauer erwies sich als ein außergewöhnlich guter Gastgeber.
Haschisch rauchte man abends manchmal
und hörte Musik. Über die verschiedensten Themen diskutierte man, aber alles
war stark theoretisiert. Einige Jahre zuvor hatte die liebenswürdige Veronika
schon damit begonnen, Sebastian in die Anfänge der rhetorisierten
Auseinandersetzung zu verwickeln. Ganz vorsichtig und behutsam hatte sie ihn
damals in die diffizile Kunst der fruchtbringenden Diskussion eingeführt. Eine
wundervolle Zeit war es, auf jenem Hof, in den Blue Ridge Mountains. Von der
Traumdeuterei und der Astrologie bekam Sebastian nicht allzu viel mit, da er
diesen Themen etwas skeptischer als die Amerikaner und Engländer
gegenüberstand. Darüber hinaus war alles für ihn neu. Sebastian wusste nur,
dass es Horoskope gab, die er aber fast nie las. Weiterhin war ihm bekannt,
dass sein Sternzeichen die Fische waren. Manchmal merkte er, dass ihn dieses
leicht metaphysisch Angehauchte doch interessierte, aber dennoch kam es nicht
zum Funkenübersprung. Für Sebastian war auch die Tatsache ein Novum, dass man
sich stundenlang über theoretische Probleme unterhalten konnte, ohne zu einem
Ergebnis zu kommen. Dass man dabei die Diskussionszeit nicht als eine verlorene
empfand, sondern als persönliche Bereicherung, konnte etwas Beglückendes sein.
Bei derartigen Gesprächen spürte man manchmal einen Zipfel der Unendlichkeit.
Viele Wege gab es und keiner war besser oder schlechter als der andere. In
seiner amerikanischen Zeit hatte Sebastian vor allem gelernt, dass
Dogmatisches, Konventionelles und Revolutionäres nebeneinander stehen konnten,
ohne sich gegenseitig auszuschließen. Nicht alles musste schlüssig sein. Es gab
Wege und Möglichkeiten, die einfach offen blieben. Was ihn auch sehr tief
beeindruckte, war die Tatsache, dass man reisen konnte, ohne dies nur auf die
Ferien zu beschränken. Eine Zeitlang konnte man das Reisen sogar zum Lebensziel
erklären. Hin und wieder einmal wurde ein wenig gearbeitet, aber Leute
kennenzulernen und deren Ideen zu hören war das Wichtigste. Eine kleine
Revolution war diese Lebenseinstellung für Sebastian. Voyager pour voyager!
Reisen um des Reisens willen!
Der Engel fand, dass es an der Zeit
sei, dass Sebastian wieder kurz an seine Sexualität erinnert werden müsse,
damit ihm auf diesem Gebiet auch nicht das geringste vorenthalten werde. Der
Bote Gottes wusste nur allzu gut, dass schon die kleinste Unachtsamkeit
seinerseits, unliebsame Störungen und größte Probleme bei Sebastian auslösen
könne, wodurch sich später möglicherweise ein Fehlverhalten entwickle. Die
Folgen für seinen Schützling wären unabsehbar. Fingerspitzengefühl war
erforderlich und dies beherrschte der Engel inzwischen meisterhaft. Seit
Jahrtausenden schon hatte er sich darin geübt. Auf dass auch kein Ausrutscher
geschehe, erwählte er einen jungen Amerikaner aus dem Virginia-Beach-Team, den
Sebastian schon bestens kannte. Fünfundzwanzig war dieser und ein ehemaliger
Vietnam‑Soldat. Bedingt durch den Vietnamkrieg hatte er eine leicht
negative Lebenseinstellung. Am Quäker‑Projekt hatte er teilgenommen, weil
er der Ansicht war, er müsse Sühne leisten. Für seine unterprivilegierten
Landsleute wollte er etwas tun. Schlank und stark war er und manchmal konnte
man an seinen braunen Augen sehen, dass er noch die Hoffnung hatte, dass das
Leben einmal, auch für ihn, besser werde. Dieser ehemalige Krieger bewohnte ein
Zimmer, das unter dem von Sebastian lag. Mehrmals täglich musste dieser daran
vorbei, um auf sein Kämmerlein zu gelangen, das ihm ausschließlich als
Schlafstätte diente.
Eines Abends, wie so oft schon
zuvor, ging Sebastian, vom Esszimmer her kommend, die Treppe zu seinem Stübchen
hinauf. Als er die erste Etage erreichte, sah er, dass des Ex‑Soldaten
Zimmertür offen stand. Er schaute hinein und erblickte den ehemaligen Kämpfer
völlig nackt. Dieser hatte gerade geduscht. Fast fertig war er schon mit dem
Abtrocknen. Sebastian bemerkte er direkt und schaute ihn mit einem
entwaffnenden Lächeln an. "Hi!", sagte er nur und kramte seine
Kleider zusammen. Sebastian stockte der Atem. Fast genierte er sich, diesen
weißen, muskulösen, nackten Körper zu betrachten. Diesen mächtigen Schwanz sah
er, die schmalen Hüften und die außergewöhnlich selbstsicheren, alles
dominierenden Augen. Der ehemalige GI drehte sich um und ging mit dem
Kleiderbündel zum Schrank. Nur ganz kurz erblickte Sebastian diese geballte
Kraft, die der geschmeidige Körper ausstrahlte. Einzigartig war diese wilde,
ungezähmte, natürliche Nacktheit. Eine gewisse Grazie lag in seinen stolzen,
federnden Bewegungen. In Verzückung erstarrte Sebastian und geriet in eine
ungewollte Erregung. Als er sich wieder einigermaßen gefasst hatte, stieg er,
schweren Schrittes, weiter die Treppe hinauf und erreichte, innerlich völlig
aufgewühlt, sein Zimmer. Was geschehen wäre, wenn die Augen dieses jungen
Amerikaners nicht so selbstsicher gewesen wären, denn sie hatten ihn dazu gezwungen,
die Gelegenheit nicht zu nutzen, malte er sich in Gedanken aus. Würde der
schöne GI sich ihm hingegeben haben? Hätte er das Kommando übernommen oder wäre
er willig gewesen wie der Sarazene aus Jerusalem? Würde er überhaupt die
honigsüßen Früchte der Amour bleu jemals gekostet haben? Aber alle diese
Phantasien waren illusorisch, denn für Sebastian hatte in diesem Blick eine
unüberwindbare Barriere gelegen. Eine unruhige Nacht voller Träume erlebte er.
Am nächsten Tage, frühmorgens,
verließ Sebastian dieses schöne, große Holzhaus am rauschenden Bach, in den
Blue Ridge Mountains, in der Nähe von Cedar Springs. Nach New York zurück
musste er wieder, denn in fünf Tagen würde der große Silbervogel mit den gewaltigen
Düsenschwingen an der Jamaica Bay bereitstehen, ihn wieder in sich aufzunehmen,
um ihn, den immerzu Suchenden, vom einstigen Amsterdam der Neuen Welt über den
großen Teich in die holländische Hauptstadt zu bringen.
Zwei Amerikaner der Gruppe fuhren
zu einem Campingplatz nach Cap Hatteras und Sebastian durfte mitfahren. Am
Abend kam man dort an. Eine sehr lange, schmale Halbinsel war es. Rechts und
links gab es breite Sandstrände und Häuser auf Pfählen. Was die Natur und die
Landschaft anbetraf, war dieses Gebiet langweilig und uninteressant. In einem
Wohnwagen von Freunden der beiden Amerikaner übernachtete Sebastian. Per
Anhalter nach Norfolk trampte er am nächsten Tag. Den Nachtbus nach New York
nahm er und kam in Manhattan am darauffolgenden Morgen an. Im YMCA mietete er
sich ein Zimmer. Noch einige Tage blieben ihm jetzt, New York zu besichtigen.
Im riesigen Central Park spazierte er umher und sah ein Stück vom Broadway, mit
seinen Theatern. Abschließend besuchte er noch kurz das swingende Greenwich
Village und den Stadtteil der Schwarzen, Harlem, wo er wieder diese
Hoffnungslosigkeit wie im Quäker‑Ghetto von Virginia Beach, vorfand.
Durch die halbverfallenen Häuser wurde die Aussichtslosigkeit noch verstärkt.
Obwohl er es versucht hatte, konnte er doch nicht wirklich New York genießen.
Alleine und heimatlos fühlte er sich. Die Quäker‑Gruppe und der schöne
Hof am Bach, in den Blue Ridge Mountains, fehlten ihm in Manhattan. Die heißen
Diskussionen, die er so lieben gelernt hatte, vermisste er. An den Heimflug nur
noch dachte er. Im Laufe des folgenden Vormittags machte er sich mit dem Taxi
auf den Weg zum Flughafen. Am Morgen des nächsten Tages landete er in
Amsterdam. Auf schnellstem Wege fuhr er nach Hause, in jenes Tal an den Ufern
des Wildbaches.
Ins Kolleg nach Neuss fuhr er
wieder Mitte September zurück. Drei Monate später war das fünfte und letzte
Semester zu Ende und Sebastian erhielt jetzt sein Abiturzeugnis. Amtlich wurde
ihm also das Reifsein bescheinigt. Eine merkwürdige Bezeichnung war es. Auf
einmal sollte er ausgereift sein. Er war reif für das Universitätsstudium. Die
reifen Früchte der Liebe hatte er schon gepflückt. Er war reif für die Ehe.
Vielleicht war er schon überreif nach dieser amerikanischen Reise.
In das Tal seiner Heimat kehrte
Sebastian also wieder zurück, wo sich doch in der Zwischenzeit so allerlei
verändert hatte, ohne dass er es gemerkt hätte.
Ein Teil des Gemüsegartens seines
Vaters war sein Blumengarten wieder geworden. Alles war schon umgepflügt. Wo
jetzt noch ein wenig Schnee den fruchtbaren Boden bedeckte, und wo einst
blutrote Dahlien und rosafarbene Schmuckkörbchen erblühten, würden in einigen
Monaten schon pralle Salatköpfe wachsen und dicke, krumme, giftgrüne Gurken
heranreifen.
Seine Katzen beachteten ihn nicht
mehr. Verschwunden waren seine Kaninchen, denn es gab niemanden, der sie hätte
füttern wollen. Mittlerweile waren sie alle geschlachtet und zu Markte getragen
worden.
Sein zweitältester Bruder hatte
schon Kinder und lebte nicht mehr im Dorfe.
Einen reichen Bauern hatte Maria
zum Traualtar geführt und war inzwischen auch schon Mutter einer Tochter. Auf
einem großen Gutshof, irgendwo zwischen Aachen und Köln, wohnte sie jetzt und
nannte mehr als hundert Kühe ihr eigen. Berauscht vom jungen Eheglück und
gesättigt mit Milch und Fleisch im Überfluss genoss sie das Leben. Der Herr
möge ihr dieses Glück erhalten und sie immerfort schützen, denn sie war
Sebastian nicht nur jahrelang eine treue Begleiterin, sondern hatte auch immer
tapfer an seiner Seite gekämpft. Der jüngere Bruder von Maria, der damals, vor vielen
Jahren, sozusagen aus dem Fenster des königlichen Palastes, den es einst in
ihrer beider Vorstellung gab, in den ausgetrockneten Wassergraben gefallen war,
hatte bereits seine eigene Wohnung in der Stadt. Frührentner waren die Eltern
von Maria geworden. Die Bewirtschaftung ihres Hofes hatten sie aufgegeben und
dafür einen ansehnlichen finanziellen Ausgleich aus Brüssel erhalten, denn die
europäische Landwirtschaft hatte mit einer riesigen Überproduktion zu kämpfen.
Jeder bäuerliche Betrieb, der nicht mehr produzierte, half mit, diesen
Überschuss zu verringern und wurde dafür reichlich belohnt. Außerdem wollte
keines der Kinder den Hof übernehmen. Alleine wohnten sie jetzt dort, an den
sieben Quellen des Wildbaches und hielten sich als Hobby ein paar Hühner und
ein Schwein, das jetzt täglich vom Stall in die Wiese ausgeführt wurde. Das Tal
der Kindheit hatte sich verändert und Sebastian merkte es erst jetzt.
8. Kapitel
Voller Zuversicht ließ sich
Sebastian im April an der Aachener Hochschule immatrikulieren. Als Hauptfach
wählte er Anglistik und als Nebenfach Romanistik. Der Berufswunsch blieb auch
weiterhin das Lehramt an Gymnasien. Er kam also mit seiner Planung diesem Ziel
schon etwas näher. Ein Vorlesungsverzeichnis wurde Sebastian in die Hand gedrückt
und er konnte sich die Kurse aussuchen, die er belegen wollte. Auf einem
Computerformular musste er diese angeben und die Unterlagen bei der
Hochschulverwaltung einreichen. Nach einigen Tagen bekam er sie abgesegnet
zurück und musste dies, als Nachweis für die zukünftigen Zwischenprüfungen, in
sein Studienbuch abheften. Er begab sich zu den Hörsälen in die Vorlesungen.
Jetzt war Chaos und Überfüllung angesagt. Manchmal gab es weit über fünfhundert
Studenten in einem Saal, der höchstenfalls der Hälfte dieser Anzahl Platz bot.
Auf Treppen und Fensterbänken ließ man sich nieder. Fast hätte man ein Fernglas
gebraucht, um überhaupt den Hochschullehrer noch sehen zu können. Die
Unterrichtsräume lagen über die gesamten westlichen Stadtbezirke verstreut. Es erwies
sich als äußerst schwierig, zur rechten Zeit im richtigen Raum zu sein.
Außerdem fanden immer wieder kurzfristige Veränderungen statt, die zu spät oder
überhaupt nicht bekannt gegeben wurden. Manchmal hatte Sebastian den Eindruck,
dass es das Hauptziel dieses Studiums war, das Improvisationsvermögen der
Wissbegierigen zu steigern. Diese riesige Lehrfabrik, die eigentlich dazu
bestimmt war, die Studenten zu stimulieren, war aus den Fugen geraten. Man
hatte versäumt, sich rechtzeitig mit dem Problem der Überfüllung
auseinanderzusetzen. Die geburtenstarken Jahrgänge stürmten jetzt die Pforten
der Universitäten. Die Zahl der Immatrikulierten und derer, die sich mit dem
Gedanken trugen, in naher Zukunft ein Studium aufzunehmen, stieg unaufhörlich
weiter. Eine zufriedenstellende Lösung schien in absehbarer Zeit nicht in
Sicht. Für Sebastian begann eine unglückliche Zeit. Von Gott und der Welt
verlassen fühlte er sich und irrte ziellos durch die Hörsäle und Seminare.
Der Engel war der Überzeugung, dass
er eingreifen müsse. Es sollte für Sebastian ein schwerer Schock sein, denn nur
ein solcher würde bewirken, dass er sich neu orientierte.
Um seine Enttäuschung über das
Studium erträglicher zu machen und seine Frustration, die er tagsüber erlebte,
etwas abzubauen, stürzte Sebastian sich ins nächtliche Vergnügen. Eines Abends,
in jenem April, kam er sehr spät nach Hause. Er schloss die Haustür auf und
oben im Treppenhaus, auf der letzten Stufe, stand sein ältester Bruder. Am
Geländer hielt er sich krampfhaft fest. Mittlerweile war er schon
fünfunddreißig und noch immer unverheiratet. Zu einem eingefleischten
Junggesellen hatte er sich entwickelt. Er fragte Sebastian, ob er auch all die
ihn bedrohenden Soldaten und die schwerbewaffneten Polizisten vor dem Haus
gesehen habe. Sebastian war, aufgrund dieser unerwarteten Frage, völlig
überrascht. Er glaubte, der Bruder erlaube sich einen Scherz und wolle ihn auf
seine Nüchternheit hin überprüfen. Dass er niemanden gesehen habe, antwortete
ihm Sebastian. Dann gingen beide auf ihr Zimmer.
Am nächsten Tag begab sich
Sebastian wieder in das Chaos der Hochschule, in der Hoffnung, er könnte in
einem der Hörsäle doch noch einen freien Platz ergattern. Als er am Nachmittag
nach Hause kam, erfuhr er von seiner Mutter, dass der älteste Bruder sich
strikt weigere, irgendwelche Nahrung zu sich zu nehmen, da doch alles vergiftet
sei. Er wolle ausschließlich noch Milch trinken, und zwar frisch von den Kühen.
Für Sebastian stand jetzt fest, dass mit dem Bruder etwas geschehen war. Das
Chaos war in seinem Gehirn ausgebrochen. Dies bestätigte sich dann auch abends,
als er meinte, alle im Hause seien Spione, die nur das eine im Sinn hätten,
ihn, so schnell wie möglich, zu verraten, um ihn anschließend der Polizei und
den Soldaten auszuliefern. Instinktiv wusste jetzt jedes Familienmitglied, dass
man den anscheinend unter Verfolgungswahn leidenden Bruder vor sich selbst
schützen müsse. Ihn in ein Krankenhaus einliefern zu lassen, wäre für alle
Beteiligten die beste Lösung. Am nächsten Tag versuchten sie, ihn dazu zu
überreden, sich freiwillig behandeln zu lassen. Das sah er jedoch nicht ein und
ergriff daraufhin mit dem Traktor die Flucht. Aus freien Stücken wollte er sich
nicht einsperren oder untersuchen lassen. Dazu war er die Freiheit zu sehr
gewöhnt. Über die neuentstandene Lage, mit dem Bruder zu sprechen, war
unmöglich. Schon zu weit hatte er sich von der Wirklichkeit entfernt. Er hatte
jeglichen Realitätssinn verloren. Nur noch Belagerer sah er in seiner
Phantasiewelt. Zwar glänzten seine Augen noch, aber sie verrieten auch schon
dieses Chaos, das sich in seiner Vorstellung abspielte und mit dem er zu
kämpfen hatte. Diese Veränderung, die so plötzlich und unerwartet bei dem
geliebten Bruder auftrat, war fast unerträglich. Gerne hätte man eingegriffen
und ihm geholfen, sich von seinem Wahn zu befreien, aber es gab keinerlei
Kontakt mehr. Alles, was einmal war, gab es nicht mehr. Alle Brücken zu ihm
waren schon zerstört. Ein Zugang war nicht mehr möglich.
Von der Polizei wurde er dann
einige Stunden später wie ein tollwütiges Tier eingefangen. Er war ja so
muskulös, aufgrund seiner schweren, körperlichen Arbeit. Eine ganze Gruppe von
Polizisten war dazu nötig, ihn zu überwältigen. In Handschellen wurde er zum
Polizeiarzt geführt. Eine Beruhigungsspritze verabreichte ihm dieser. Durch das
Betäubungsmittel erschlaffte seine gesamte Muskulatur. Schwach und zerbrechlich
wurde dieser einst so stolze Körper. Das Strahlen seiner Augen erlosch. Zu
einem Stück Fleisch, ohne Willen und Widerstand, wurde er. In so kurzer Zeit
war er gebrochen worden. Ins Krankenhaus lieferte man ihn ein und am
darauffolgenden Tag gab er den Geist auf.
Die Mutter und der Vater von
Sebastian sahen die Hoffnung für den Hof entschwinden. In Schutt und Asche
versanken all ihre Träume.
Irreversibel. Exitus.
Die Mutter, die sich schon vor
langer Zeit in die Passivität zurückgezogen hatte, wurde jetzt völlig
apathisch. Ganz in Schwarz kleidete sie sich von nun an und gab sich der
immerwährenden Trauer hin. Der Vater versuchte noch zuweilen, ihr neuen
Lebensmut einzuflößen, aber dafür war es bereits zu spät. Den Schmerz des
Verlustes fühlte Sebastian auch und musste an seine Großmutter denken. Mehr als
dreizehn Jahre war dies jetzt schon her, aber er stellte sich schon wieder
diesen Gang hinter dem Sarg vor.
Nach drei Tagen fand das Begräbnis
statt. Viele der Dorfbewohner begleiteten den schweren Eichensarg mit dem
Leichnam des Bruders. Jener Frühlingstag im April war ein schwerer für
Sebastian. Wieder hörte er, genauso wie damals bei der Beisetzung seiner
Großmutter, die Worte des Priesters: "Von der Erde bist du genommen, und
zur Erde kehrst du zurück. Der Herr aber wird dich auferwecken." Die
Nuance in der Wortwahl des Geistlichen drang kaum an Sebastians Ohr. Die Trauer
um den verstorbenen Bruder erfüllte ihn zu sehr, als dass er diese kleine
Veränderung wahrgenommen hätte. Der "Staub" von einst war jetzt zur
"Erde" geworden und bei der Verheißung von der Auferstehung ließ der
Seelenhirte den "Jüngsten Tag" unerwähnt. Für Sebastian jedoch hatten
derartige Überlegungen keinerlei Bedeutung, da ihm diese Details völlig
entgangen waren.
Im Mai und Juni versuchte Sebastian
mehrfach noch, sich einen Weg im Chaos der Hochschule zu bahnen, aber er hatte
die Lust am Studium verloren. Depressiv wurde er und dachte über sein Leben und
dessen Sinn nach. Manchmal noch erinnerte er sich an jenen warmen Sommertag vor
neunzehn Jahren, als die fleischlichen Wölbungen seines toten Bruders für ihn
einen Zipfel des Paradieses offenbart hatten. Eine Wiederkehr gab es nicht.
Geschichte war es geworden. Wo würde der Bruder jetzt sein? Eine unsterbliche
Seele, so wie die Kirche lehrte, gab es die überhaupt? Für Sebastian musste
Hilfe kommen. In die Hochschulbibliothek begab er sich Ende Juni. Auf der Suche
nach Büchern war er, die ihn vielleicht etwas aufmuntern könnten. Nach
stundenlangem Nachschlagen in den Katalogen, die nach Stichwörtern, Themen und
Schriftstellern geordnet waren, nahm er drei Bücher mit: "Women in
Love" von D.H. Lawrence, "Notre-Dame-des-Fleurs" von Jean Genet
und "L'Histoire de l'oeil" von Georges Bataille. Zufallstreffer waren
es allesamt.
Bei D.H. Lawrence musste Sebastian
manchmal weinen vor Wehmut, Sehnsucht und Glück. Vor allem die Ringerszene war
sehr ergreifend. Der Monolog am Bett des toten Freundes rührte Sebastian zu
Tränen.
Jean Genet war eine Sensation.
Einen Großteil seines Lebens hatte er in Gefängnissen zugebracht. Über Tod und
Sex schrieb er. Diese beiden Extreme verband er aufs genialste, indem er fast
alle moralischen Werte umkehrte. An seine Großmutter erinnerte es Sebastian.
Bataille unternahm ebenfalls einen
atemberaubenden Versuch, eine Versöhnung zwischen dem knabenhaft‑schönen
Eros und dem grausamen Apokalyptischen Reiter herbeizuführen. Sebastian war
zutiefst beeindruckt. Die Depressionen verließen ihn. Er fasste den Entschluss,
seinen Studienort radikal zu wechseln. Zu eng wurde ihm sein Heimattal. Es
hatte sich zuviel verändert. Voller Wehmut dachte er noch einmal an die Tage
mit Maria zurück. An seine Erlebnisse mit Paul und an den Tanzpartner auf jener
Baustelle erinnerte er sich. Jerusalem, der Araber und die Blue Ridge Mountains
mit dem Vietnam‑Soldaten kamen ihm noch einmal in den Sinn. Stimuliert
hatten ihn die drei Bücher. Die französisch-britische Belletristen‑Dreifaltigkeit
hatte Sebastian wieder handlungsfähig gemacht. Die schöpferische Kraft dieser
drei begnadeten Schriftsteller war Labsal für seine Seele. Er spürte bei
Lawrence das Verlangen nach Liebe und Freundschaft. Bei Genet las er über
Verbrechen und Verrat. Bataille führte ihn an die Abgründe der Wollust.
Sein Entschluss, wegzugehen, stand
jetzt endgültig fest. Sein Ziel aber blieb der Lehrerberuf. Vierundzwanzig war
er bereits und dachte ans Ausland. Gute Erfahrungen hatte er ja immer dort
gemacht. Die Stadt Dijon erwählte er zu seinem neuen Studienort. Es sollte die
dortige Universität werden.
Nachdem er alles geregelt hatte,
packte er seine Koffer. Anfang Oktober kaufte er die Fahrkarte. In voller
Trauer war die Mutter von Sebastian und weinte. Er nahm ein Taxi zum Aachener
Hauptbahnhof und anschließend den Nachtzug nach Paris. Morgens kam er dort an.
Mit der Metro ging es dann zum Gare de Lyon. Den Schnellzug in Richtung Genf
nahm er dort. Je weiter er sich von den sieben Quellen des Wildbaches entfernte,
desto schneller fielen die drückenden Sorgen von ihm ab. In Dijon stieg
Sebastian aus. In jenem Oktober sah er diese burgundische Stadt zum ersten Mal.
Vom Bahnhof fuhr er mit dem Bus zum Foyer International des Etudiants, dem
Studentenwohnheim für Ausländer, in der Rue Maréchal Leclerc. Dort war ihm
bereits ein Zimmer zugesagt worden. Am vierzehnten Oktober schrieb er sich als
Student an der Universität ein. Im Gegensatz zur Aachener Hochschule war hier
alles geordnet und geregelt. Die neuen Gebäude dieser traditionsreichen,
französischen Universität, deren Architektur einigermaßen monumental aussah,
erinnerten Sebastian aus unerklärlichen Gründen an Russland, obwohl er selbst
noch nie dort gewesen war. Es gab einen Campus, auf dem alle Hörsäle und übrigen
Einrichtungen konzentriert waren. Diese Cité Universitaire lag am Stadtrand.
Das Zentrum war innerhalb einer Viertelstunde zu Fuß bequem erreichbar. Dijon
war eine kleine, gemütliche Stadt. Als Student wurde man nicht abgelenkt. Für
sein Studium hatte Sebastian also genug Zeit. Malerisch war auch die hügelige
Landschaft der Umgebung. Seine Wahl war ein Volltreffer. Schon schnell konnte
er sich von seinem toten Bruder befreien. In die Vorlesungen und Seminare eilte
er und genoss sie ebenso wie den köstlichen burgundischen Rebensaft. Lange
Wanderungen am Kanal entlang machte er in seiner Freizeit. Es war herrlich:
diese Natur, die Côte-d’Or, das Studium und die Kommilitonen. Bereits nach
kurzer Zeit sprach er fließend Französisch. Sehr stolz war er darauf. Schon
immer hatte ihn diese melodische Sprache, deren Klang, wie Musik in seinen
Ohren war, sehr fasziniert. Manchmal ging er ins Musée des Beaux-Arts, um das
wunderschöne Marmorgrabmal des burgundischen Herzogs Johann ohne Furcht und
seiner Gemahlin zu bewundern.
Sebastian nahm auch am
Kunstunterricht teil. Die Dozenten, die ausschließlich dem weiblichen
Geschlecht angehörten, waren hervorragende Lehrer. Hauptsächlich wurden
französische Maler aus dem achtzehnten Jahrhundert behandelt. Der Schwerpunkt
lag auf Watteau, Boucher und dessen Schüler Fragonard. Diese drei Rokoko-Maler
mit ihren bunten, kurvenreichen Werken wurden von der Dozentin voller
Begeisterung analysiert. Anscheinend hatten diese drei Künstler sie bezirzt.
Bei Watteau und Fragonard waren es vor allem die romantischen
Gartenlandschaften, die ihr als Anschauungsmaterial dienten. Die weißen
Statuen, steinernen Bogen und Säulen wurden vom üppigen Grün der Bäume umsäumt.
Die reichgekleideten Menschen, die sich in diesen paradiesischen Parks aufhielten,
gehörten offensichtlich der begüterten Klasse an. Die Kompositionen waren so
schwungvoll und farbenprächtig, dass Sebastian sich gewünscht hätte, an einem
solchen Ort zu lustwandeln.
Das wohlgeformte, rosafarbene
Fleisch des "ruhenden Mädchens" von Boucher war geradezu eine
Herausforderung. Mit leicht gespreizten Beinen lag das Mägdelein völlig nackt
auf einem Diwan. Die kostbaren Tücher, auf denen sich die Begehrenswerte
ausstreckte und der kindlich-unschuldige Blick, den sie zur Schau trug, erweckten
beim Betrachter den Anschein, als wäre sie im Begriffe, etwas Verbotenes zu
tun. Den Zipfel des violetten Tüchleins, das sie in der linken Hand hielt und
die einladende Bauchlage aber, ließen darauf schließen, dass die schöne Nackte
schon ein wenig ihrer Unschuld eingebüßt hatte.
Im Literaturunterricht wurde immer
wieder über den berühmten Roman von Flaubert gesprochen. Manchmal geschah es
dann, dass die Lehrerin fast in Ekstase geriet, wenn sie wieder einmal in
überschwänglichen Worten von den Träumen der unglücklichen Madame Bovary
sprach. Dabei konnte man ihren Augen ansehen, dass sie die Weiten des Indischen
Ozeans und Mauritius mit den schlanken, hohen Palmen buchstäblich vor sich sah.
Starke Sklaven, wilde Bergbäche und ein treuer Hund namens Fidèle ergänzten das
Bild. Sie erzählte, Emma Bovary habe sich schon kurz nach ihrer Hochzeit in
Träumereien geflüchtet, da die Wirklichkeit des ehelichen Alltags ihr keine
Befriedigung geschenkt habe. Durch die Scheinwelt, die sie allmählich aufgebaut
habe, sei es ihr möglich gewesen, noch eine Zeitlang zu überleben. Anfänglich
habe sie sich in die Jugendzeit zurückgeträumt. Den Schriftsteller Bernardin de
Saint‑Pierre habe sie ganz besonders gemocht. In "Paul et
Virginie" habe sie sich gut hineinversetzen können, da deren
Liebesbeziehung so leidenschaftlich gewesen sei. Madame Bovary habe ihr eigenes
Eheleben als unendlich langweilig empfunden. Das Zusammenleben mit ihrem Gatten
habe sie letztlich dermaßen angeödet, dass ihr nichts anderes übrig geblieben sei,
als sich mit untreuen Liebhabern einzulassen. Schließlich sei ihr der Bezug zur
Wirklichkeit fast völlig abhanden gekommen und sie habe sich immer mehr in
Lügereien verstrickt. Mit rasendem Tempo sei sie ihrem unvermeidlichen
Untergang entgegengeeilt. Dessen ungeachtet habe sie aber in den schönsten
Farben geträumt. Wundervolle Städte mit Kuppeln, Brücken und Schiffen seien an
ihr vorbeigezogen. Kathedralen aus weißem Marmor und Springbrunnen mit
plätscherndem Wasser hätten sich ihr dargeboten. Hütten, Meeresbuchten und
Gondeln habe sie im Traum gesehen. Sebastian lauschte den leidenschaftlich
vorgetragenen Worten der Dozentin. Obwohl er wusste, wie Emmas tragisches
Schicksal enden würde, berührte es ihn jedes Mal wieder.
Neben dem alles überherrschenden Flaubert
kamen mitunter der streng katholische Claudel sowie der Komödiendichter Molière
und sein "Malade imaginaire" kurz zur Sprache. Diese Ballettkomödie
vom eingebildeten Kranken war zwar lustig, aber machte keinen großen Eindruck
auf Sebastian.
Noch uninteressanter war die
"Annonce faite à Marie" von Claudel. Dieses geistliche Spiel, in dem
die Dogmen der Kirche noch nachdrücklicher verkündet wurden als dies bereits
geschah, konnte Sebastian nicht begeistern. Die Träume aber von Madame Bovary
und ihr Untergang übten eine gewisse Faszination auf ihn aus. Unendlich oft
wurden Emmas Leiden im Literaturunterricht wiederholt. Sebastian hätte sich
gewünscht, dass man Bataille oder Genet behandelt hätte, aber er war doch
zufrieden, in dieser französischen Provinzstadt; fern aller Schwermut. Auch das
Mensaessen liebte er. Im Vergleich zum faden, durchgekochten Brei der Aachener
Hochschule war es ein Festmahl. Vier Gänge gab es immer. Darüber hinaus wurde
einem noch vorzüglicher Wein eingeschenkt und frischgebackenes, knuspriges
Stockbrot gereicht. Unvergleichbar war es mit dem, was Sebastian bis dahin auf
kulinarischem Gebiet kannte. Zu einem Höhepunkt des Tages wurde das Dinieren.
Es schmeckte ausgezeichnet. In Frankreich genoss Sebastian das Leben in vollen
Zügen.
Der Engel fand es an der Zeit, dass
Sebastian wieder etwas Erotik erleben sollte, damit sich die Entwicklung seines
Schützlings nicht zu sehr auf das Schöngeistige verlagere. Zu diesem Zweck
entschied er sich für einen Gleichaltrigen, der in Dijon irgend etwas
Technisches studierte.
In jener Zeit geschah es, dass
Sebastian in der Mensa einen französischen Studenten kenner lernte. Während des
Essens saßen sie am selben Tisch. Sebastian wünschte ihm einen guten Appetit.
Sie kamen ins Gespräch und die gegenseitige Zuneigung spürten beide auf Anhieb.
In den darauffolgenden Wochen machten sie viele gemeinsame Spaziergänge und man
lud sich gegenseitig ein. Um die Weihnachtszeit, unmittelbar vor den Ferien,
lud François, so hieß der Studiosus, Sebastian auf ein Ski‑Wochenende zu
sich nach Hause ein. An einem Freitagabend nahmen sie den Zug nach Macon und
begaben sich zum Elternhaus von François. Ein altes Gebäude im Stadtzentrum war
es. Sebastian und François bekamen zusammen ein Zimmer mit getrennten Betten
zugewiesen. Ein gebürtiger Hamburger war der Vater von François, der im Krieg
in Frankreich als Soldat gekämpft hatte und dort hängen geblieben war. Die
Mutter war eine liebenswerte Französin, die nur das Kochen im Kopfe hatte. Vor
allem, wenn ein Gast anwesend war, verbrachte sie Stunden in der Küche. Während
der ersten Nacht im gemeinsamen Zimmer geschah nichts Aufregendes, denn weder
Sebastian noch François trauten sich zu irgendwelchen körperlichen
Annäherungsversuchen. Über eventuelle sexuelle Kontakte wurde schon gar nicht
gesprochen. Am nächsten Morgen machte man sich auf den Weg in den Jura. Aufs
Dach des elterlichen Autos wurden die Skier montiert und man fuhr los. Nachdem
sie einige Kilometer oberhalb von St. Claude angekommen waren, widmeten sie sich
einen ganzen Nachmittag dem Langlaufen. Zuweilen ließen sie sich auch von
kleineren Hügeln hinabgleiten. Ski fahren konnte Sebastian, obwohl er nur
äußerst selten diesem Sport frönte. Er hatte es als Knabe in jenem Tal an der
holländischen Grenze gelernt. Bei diesem Sport war es genau wie bei allem
anderen Erlernten: Wenn man es als Kind einmal beherrschte, dann konnte man es
für alle Zeit. Das Langlaufen durch die Wälder des Jura beeindruckte Sebastian
sehr. Eine unsagbare Stille strahlte die Landschaft aus. Diese Ruhe spürte er
auch nach einiger Zeit bei sich selbst. An den schneebedeckten Ästen glitt er
vorbei und hätte am liebsten gewollt, dass es unendlich lange so weiterginge.
Ab und zu dachte Sebastian an die Nacht, die vor ihm lag. Vielleicht würde
François am Abend oder während der Nacht, im gemeinsamen Zimmer, eine
Anspielung machen und die Sehnsucht nach körperlicher Zuneigung könnte sich
erfüllen. Am späten Samstagabend war man wieder zurück in Macon. Die sportliche
Betätigung hatte alle müde und zufrieden gemacht. Sebastian und François
begaben sich, nach dem herrlichen Abendessen, in das ihnen zugewiesene
Schlafgemach. Als sie sich auszogen, hoffte Sebastian, dass der schöne Franzose
noch irgend etwas machen würde, was eventuell dazu hätte führen können,
Sebastians Sehnsucht zu stillen. Bis auf ein neutrales, freundlich geflüstertes
"Bonne Nuit!" geschah nichts. Glücklicherweise hatte der Ausflug in
die verschneiten Berge die beiden so ermüdet, dass sie direkt einschliefen. Am
folgenden Tag, es war ein Sonntag, mussten sie nachmittags wieder die Heimreise
nach Dijon antreten. Ein wundervolles Wochenende war es, aber das gewisse
Etwas, die Amour bleu, hatte gefehlt. Das spürte Sebastian. Dass irgendwann in
der Nacht, dort in dem Zimmer in Macon, etwas geschehen wäre, hätte er sich
gewünscht. François wäre in sein Bett gekommen und man hätte in inniger
Umarmung die Nacht verbracht. Der Gedanke, dass er François körperlich genießen
wollte, ließ ihn nicht los.
Während der Weihnachtsferien fuhr
Sebastian zu seinen Eltern, an die Quellen des Wildbaches, zurück. Noch
hoffnungsloser war dort alles geworden. Scheinbar litt der Vater jetzt auch,
denn er sagte fast überhaupt nichts mehr. Jeden Sonntag ging die Mutter wieder
in die Kirche, und wenn die Zeit es zuließ, auch noch während der Woche. Über
allem schwebte der Geist des toten Bruders. Durch diese intensive Anwesenheit
des Verstorbenen, der mittlerweile schon länger als ein halbes Jahr im Grabe
ruhte und aufgrund der Tatsache, dass man jetzt keinen Christbaum mehr gekauft
und geschmückt hatte, wurde Sebastian wieder etwas trauriger. Für ihn war der
Christbaum Weihnachten. Die Niedergeschlagenheit der Eltern war aber so groß,
dass sie mit dieser Tradition gebrochen hatten.
Nach Dijon fuhr Sebastian wieder
Anfang Januar zurück und freute sich schon auf das Wiedersehen mit François.
Fest entschlossen war er nun, seine Sehnsucht nach körperlichem Kontakt mit
François zu stillen. Da dieser freiwillig nicht wollte, entwarf er einen Plan,
der todsicher zum Erfolg führen würde. Ein Rendezvous organisierte er mit
François. Zum Essen traf man sich in der Mensa und anschließend sollte auf dem
Zimmer von Sebastian Alkohol getrunken werden. Zu diesem Zwecke hatte er schon
einige Tage zuvor, von seinem wenigen Geld, einige Flaschen billigen Weines
gekauft. Er hoffte, dass François unter übermäßigem Alkoholeinfluss ein
gewilliger Liebhaber sein würde. Man machte sich also gemeinsam, nach dem
verräterischen Abendmahl, auf den Weg ins Foyer International des Etudiants. Oben
im zweiten Stock, auf Sebastians Zimmer, wurde die erste Flasche Wein entkorkt
und zügig getrunken. Schon glaubte Sebastian, eine Willigkeit in den Augen von
François zu erblicken. Die zweite Flasche wurde geleert und man trank beflügelt
weiter. In seinen Phantasien war Sebastian schon so weit, dass er den
Zechgenossen, nackt im Bett, vor sich liegen sah. Auf den Bauch würde er ihn
drehen und ihm die muskulösen Arschbacken extrem spreizen und dann langsam in
diese warme, enge Öffnung hineingleiten. Zu einer fürchterlichen Explosion
würde es kommen.
Die beiden Trunkenbolde bekamen
glasige Augen und tranken weiter. Völlig unerwartet stand François auf, begab
sich zum Waschbecken, und das Mensaessen und der Rotwein verließen, in einigen
kräftigen Schüben, den Magen. François würgte noch eine Weile. Sebastian kehrte
wieder in die Wirklichkeit zurück. Nur noch daraus bestand der Abend, dass er
den bleichen François bis zu dessen Zimmer im Studentenwohnheim auf dem
Universitätsgelände begleitete. Seit diesem Tag hatte François seine erotische
Ausstrahlung verloren. Sebastian unternahm keine sexuellen Annäherungsversuche
mehr. Man redete und aß zusammen. Gebrochen war die Spannung. Sie hatten jetzt
einen rein freundschaftlichen Umgang miteinander.
Im Februar ging das Semester als
Austauschstudent langsam zu Ende. Sebastian war zu jener Zeit schon wieder
damit beschäftigt, einen neuen Studienort zu suchen, denn er dachte mit Angst
und Schrecken an jenes schöne Tal, wo noch immer der Geist des toten Bruders
sein Unwesen trieb.
In der Vorhalle der Mensa, am
Schwarzen Brett, sah er zufälligerweise ein Informationsblatt der Oxford
University. Es wurde mitgeteilt, dass man sich schon jetzt für einen Sommerkurs
an dieser altehrwürdigen, englischen Universität einschreiben könnte. Um einen
dreiwöchigen Kurs über englische Literatur am Somerville College handelte es
sich. Direkt meldete Sebastian sich an, weil es etwas mit seinem
Anglistikstudium zu tun hatte. Außerdem könnte er sich in Oxford darüber klar
werden, wie er sein Studium weiter gestalten wollte. Auf jeden Fall wäre er für
drei Wochen aus Aachen, vom toten Bruder und den leidenden Eltern, weg.
Ende Februar verließ er, schweren
Herzens, Dijon und kehrte wieder an die sieben Quellen des Wildbaches zurück.
9. Kapitel
Auf dass sich die sexuelle Praxis
Sebastians nicht zu einseitig entwickle, war der Engel zu dem Entschluss
gekommen, ihn abwechslungshalber wieder einmal an eine heterosexuelle Beziehung
heranzuführen. Damit sein Schützling gleichzeitig auch noch etwas mehr über
asiatische Sensibilität erfahre, erwählte der Bote des Allwissenden eine
fünfundzwanzigjährige Japanerin.
Bevor es aber zu dieser
schicksalhaften Begegnung kam, sollten noch einige Monate vergehen, damit
Sebastian hinreichend Zeit bleibe, sich auf das exotische Ereignis
einzustimmen. Wie die Blütenblätter einer Lotosblume sich entfalteten, um das
Licht aufzunehmen, so musste auch Sebastian sich öffnen, damit ihm das, was er
selbst nicht einmal erahnte, in einigen Monaten zuteil werde.
Zunächst verbrachte er den Frühling
in jenem Tal, an den sieben Quellen des Wildbaches, in der Nähe der
holländischen Grenze. Ab und zu ging er noch in die Hochschule zu Vorlesungen
und Seminaren. In den Augen von Sebastian war das Chaos noch größer geworden.
Der Gedanke aber an Oxford wirkte fast wie eine Befreiung. Im Juli sollte er ja
zu Studienzwecken, drei Wochen lang, dorthin fahren. Das war ihm aber nicht
genug. Für immer wollte er weg aus jenem Tal. Die Fächer Anglistik und
Romanistik sagten ihm auch nicht mehr zu. Deswegen entschloss er sich, ab
September in Holland zu studieren. Bereits im Mai bemühte er sich um einen
Studienplatz an der Universität von Utrecht. Hier wollte er sich der
Germanistik widmen. Auch versprach er sich Vorteile von diesem Fach‑ und
Ortswechsel, glaubte er doch, dieses Studium in den Niederlanden spielend
bewältigen zu können, denn Deutsch sei schließlich seine Muttersprache. Der
Lehrerberuf war immer noch sein Ziel.
Als erstes aber stand Oxford auf
seinem Programm. Anfang Juli machte er sich auf den Weg. Er nahm den Expresszug
von Aachen über Brüssel nach Ostende. Dann ging es mit der Fähre nach Dover und
weiter mit dem Eilzug nach London. Diese Strecke war Sebastian schon bestens
bekannt, da er seit seiner ersten Englandreise, damals vor acht Jahren, den
Ärmelkanal bereits mehrere Male überquert hatte. Vom Victoria‑Bahnhof
nahm er die U‑Bahn nach Paddington Station. Dort stieg er in den Zug, der
ihn in die alte Studentenstadt bringen sollte. Der Bahnhof in Oxford befand
sich etwas außerhalb des Zentrums. Die Stadt machte auf Sebastian den Eindruck
eines riesigen Klosterkomplexes. All diese alten Türme und kirchenähnlichen
Gebäude, die aus längst vergangenen Jahrhunderten stammten, ließen ihn eine
wohltuende Ruhe erahnen. Das Somerville College war jüngeren Datums, aber doch
auch schon beinahe hundert Jahre alt. Wie damals bei seiner Gründung war es
immer noch ein Frauen‑College. Nur im Sommer, wenn die weiblichen
Studierenden Ferien hatten, stand es auch Männern offen.
Dieser Sommerkurs in Oxford war nur
ausländischen Englischlehrern und Anglistikstudenten beiderlei Geschlechts
vorbehalten. Aus aller Herren Länder waren sie angereist, die Lernbegierigen.
Eine bunte Mischung von Individuen hatte sich in der Woodstock Road
eingefunden, deren Weltanschauungen genauso unterschiedlich waren wie die
Anzahl ihrer Lebensjahre. Vom Christentum über den Islam bis zum Buddhismus
reichte das Spektrum ihrer Religionen und ihre Altersstufen überbrückten drei
Generationen. Sie alle waren in der alten Universitätsstadt nur mit dem einen
Ziel zusammengekommen, sich der britischen Kultur zu widmen und sich ihr noch
mehr zu öffnen. Ihr größtes Verlangen war es, sich von der Historie dieses
längst vergangenen Imperiums einfach treiben zu lassen. Sie hofften, dass sich
ihr Wunsch erfülle, wenigstens einen letzten Zipfel noch dieser
traditionsreichen Vergangenheit zu erhaschen, die seit vielen Jahrzehnten schon
mitsamt ihrer "Splendid isolation" zu einer Fata Morgana geworden
war.
Die Monarchie gab es noch, aber das
"Empire", das einst unter Victoria die Welt umspannte, war lange
schon entschwunden; zerplatzt wie ein Ballon, der zu sehr aufgepumpt wurde.
Das einzige, was selbst
Jahrtausende noch ohne größere Schäden überleben würde, war die Literatur und
deren Kreatoren. Lawrence und Shakespeare würden auch weiterhin den Briten und
Anglophilen dasjenige geben, wonach sie sich so sehnten: Glückseligkeit, Muße
und reichliche Labsal für die Seele.
Sebastian war dem Charme des alten
Oxford erlegen und sich dessen bewusst.
Jetzt aber ging er wieder zur
Tagesordnung über. Ihm und allen übrigen Kursteilnehmern wurde ein eigenes
Zimmer zugewiesen.
Etwas Internatsähnliches hatte
dieses College schon. Sowohl die Gebäude, in denen die Unterrichtsräume
untergebracht waren, als auch die Wohntrakte der Studentinnen bildeten einen
großen, fast rechteckigen Komplex. Im geräumigen Innenhof gab es neben einem
Tennisplatz weitläufige Rasenflächen, in deren Mitte eine alte Zeder mit
mächtiger Krone stand. Dieser immergrüne Nadelbaum befand sich bereits seit
hundertfünfzig Jahren an diesem Platze. Es schien fast so, als hätte man das
College um ihn herum gebaut, auf dass die zukünftigen Akademikerinnen sich an
ihm erfreuen und in seinem Schatten Kühlung finden könnten. Diese Zeder mit
ihren wundersam gebogenen Ästen und Zweigen war Sebastian ein Zeichen dafür,
dass der Lebensweg mitunter einen bizarren Verlauf nehmen konnte. Des
ungeachtet aber barg diese scheinbare Verschlungenheit und Abwegigkeit einen
Sinn in sich, der oftmals erst im nachhinein verständlich wurde.
Als man die Zeder als zartes
Bäumchen pflanzte, sollte es noch mehr als fünfzig Jahre dauern, bevor sie die
zentrale Lage einnehmen würde, die ihr angemessen war.
Durch diesen gewaltigen Baum wurde
Sebastians Phantasie angeregt. Er hatte sich ein wenig seinen Tagträumereien
hingegeben, denn Bäume und Sträucher hatten ihn schon seit seiner Kinderzeit
fasziniert.
Bereits sechs Monate später sollte
dieser friedliche Riese einem verheerenden Sturm anheimfallen, der ihn völlig
entwurzelte. Von diesem traurigen Ereignis aber würde Sebastian nie etwas
erfahren.
Jetzt wandte er sich wieder den
Bauwerken zu und stellte mit Zufriedenheit fest, dass sie in einem guten
Zustand verkehrten. Vor allem der große Speisesaal war beeindruckend. Er hatte
eine rechteckige Form und nur an seiner Längsseite, die zum Innenhof lag, gab
es Fenster. Ihnen gegenüber war die Tür.
An den Wänden hingen die Portraits
der Rektorinnen, mehr oder weniger in chronologischer Reihenfolge. Dem Raum
verliehen sie eine strenge Würde, gleichzeitig strahlten aber diese ehrwürdigen
Häupter auch eine große Ruhe aus.
Sebastian sah diese langen,
schweren Holztische, an denen jeweils sechzehn Personen Platz hatten.
Wenn man den Saal betrat, sprang
sofort die "high table" ins Auge. Sie erstreckte sich über die
gesamte rechte Breitseite des Raumes und stand quer zu den übrigen Esstischen.
Ihren Namen verdankte sie dem Umstand, dass sie sich auf einer Erhöhung befand,
die einer Bühne glich. Der theatralische Effekt, der dadurch zustande kam,
faszinierte Sebastian ganz besonders. Dieser majestätische Tisch war einem
riesigen, langgestreckten Altar vergleichbar, der nur darauf wartete, dass auf
ihm irgend etwas geopfert werde. Einundzwanzig Stühle umgaben ihn. Wie sich
später herausstellen sollte, war er ausschließlich den Dozenten und einigen
auserwählten Kursisten vorbehalten, wobei die letzteren täglich wechselten, auf
dass jeder einmal informell mit seinem Lehrer sprechen könne.
Am Rande des Stadtzentrums lag
dieses College wie eine feste Burg, die ihre Kraft aus sich selbst schöpfte. In
der näheren Umgebung gab es viel Sehenswertes. Ganz besonders mochte Sebastian
die Parks der Universität am Ufer des kleinen Flusses, dem man den Namen
"Cherwell" gegeben hatte. Oft hielt er sich dort auf, denn das ruhig
dahinströmende Wasser inspirierte ihn. Es erfrischte seinen Geist und gab ihm
neue Kraft.
Traumhaft schön war die Landschaft
um Oxford herum. Bäume, Hecken und Sträucher wechselten einander, in einer
leicht hügeligen Landschaft, immer wieder ab. In einer solchen Umgebung musste
es Sebastian gefallen. Im College wurden die Mahlzeiten mit den Kursteilnehmern
und den Lehrern gemeinsam eingenommen. Es war wie in einer großen Familie.
Sogar der Tee wurde jeden Tag pünktlich um vier Uhr serviert. Für den Sebastian
war es der ideale Studienort. Die Welt war draußen, unendlich weit weg. Hier
konnte er sich der englischen Literatur vollkommen hingeben, ohne dass ihn
irgend etwas störte. Hauptsächlich behandelte man die Theaterstücke von
Shakespeare.
In dieser beschaulichen Atmosphäre,
in der man das Gefühl hatte, einen leichten Hauch des Geistes der "Old
Fellows" von Oxford zu verspüren, traf Sebastian die schlitzäugige Kiyoko
aus der alten Kaiserstadt Kioto. Sie war Japanerin und so alt wie er. Auch sie
nahm an diesem Literaturkurs teil. Beim ersten Zusammentreffen schon sprang der
Funke über. Langsam, aber intensiv entwickelte sich diese neue Liebe. Ihr
Anglistikstudium hatte Kiyoko schon abgeschlossen und war jetzt Lehrerin in
Kioto. Jeden Tag sah Sebastian sie. Allabendlich schlenderte man durch Oxford
und besuchte die gemütlichen, wohnzimmerähnlichen Pubs. Unzertrennlich wurden
sie. Kiyoko hatte eine merkwürdige Lebenseinstellung. Fast allen Dingen stand
sie sehr negativ gegenüber. Immer sprach sie von dem fast unerträglichen Druck,
den ihre Familie stetig auf sie ausübte. Sie solle doch, in ihrem Alter, so
schnell wie möglich, heiraten, sonst würde sie alleine bleiben. Schon mehrmals
waren ihr potentielle Freier von der Familie angeboten worden. Kiyoko wollte
dies aber nicht. Alles das faszinierte Sebastian über alle Maßen. Weiterhin
konnte man mit ihr über sehr viele Themen reden, denn die Grundeinstellung von
Sebastian und die der zierlichen Kiyoko war die gleiche. Sie wollten sich beide
keinerlei gesellschaftlichen Zwängen unterwerfen.
Über Shakespeare unterhielt man
sich und machte nächtliche Spaziergänge am Fluss entlang. Auch Lawrence, Genet
und Bataille, diese begnadete Schriftsteller‑Trinität, wurde ausführlich
besprochen. Besonders die "Histoire de l'oeil" von Bataille übte auf
Kiyoko eine magische Anziehungskraft aus. Sie kannte diesen genialen
französischen Autor noch nicht. Den Inhalt dieser "“Augen-Geschichte”
musste Sebastian der aufmerksam zuhörenden Kiyoko erzählen. Anschließend
diskutierten sie über die Philosophie, die möglicherweise dahinter stecken
könnte.
Die Zeit in Oxford war für
Sebastian und Kiyoko so ruhevoll und doch so aufregend.
Am Wochenende machte man kleinere
Ausflüge. Einer davon führte sie nach Stratford, zum Shakespeare‑Gedächtnistheater,
wo sie einer Aufführung der "Merry Wives of Windsor" beiwohnten.
Danach pilgerten sie noch kurz zum Geburtshaus dieses talentierten Dichters. In
einer der nahegelegenen Kneipen konnte man dann über die lustigen Weiber von
Windsor ausführlich weiterdiskutieren. Bei diesen schon vergebenen
Frauenzimmern versuchte sich der tölpelhafte John als Gigolo einzuschmeicheln.
Erwartungsgemäß war das Glück nicht auf seiner Seite, denn wo bliebe sonst das
Erlebnis der Schadenfreude, das den Zuschauern so teuer war.
Der gute alte William kannte die
Wünsche seines Publikums. Er wusste es meisterhaft zu bespielen und in seinen
Bann zu ziehen, auf dass es sich sowohl am schönen Schein als auch an den
klingenden Worten ergötze.
Um sich vor den eifersüchtigen
Ehemännern in Sicherheit zu bringen, musste Falstaff allerlei Ungemach über
sich ergehen lassen. Schließlich lockte man ihn zu einem vermeintlichen
Schäferstündchen in den Park von Windsor. Dort wurde er entlarvt, malträtiert
und von der Bürgerschaft verspottet. Eindeutig und simpel war die Moral der
Geschichte. Vermutlich wären die "Merry Wives of Windsor" in
Vergessenheit geraten, hätte es nicht den genialen Verdi gegeben. Dieser
italienische Maestro hatte dem tollpatschigen John mit seiner Oper
"Falstaff" postum zu großem Ruhm verholfen.
Sebastian und Kiyoko erlebten eine
unbeschwerte Zeit; so weit entfernt vom Alltag. Kioto und Aachen waren fast nur
noch auf geographische Namen reduziert. Aber dennoch unterhielt man sich
zuweilen über den toten Bruder und die eventuellen Ursachen seines mysteriösen
Ablebens. Während dieser ganzen Zeit kam es aber nie zu einer körperlichen
Begegnung zwischen Sebastian und Kiyoko. Mit anderen Sachen war man viel zu
beschäftigt, als dass man an Körperlichkeiten gedacht hätte. Diese Tage in
England waren für Sebastian eine ungeheure Bereicherung und von großer
Wichtigkeit.
Nach drei Wochen musste man sich
trennen. Kiyoko machte noch einen anschließenden Europa‑Trip und
Sebastian fuhr wieder an die Quellen des Wildbaches zurück. Bereits während der
Heimreise war er fest davon überzeugt, dass er Kiyoko wiedersehen würde.
Als er Ende Juli Zuhause ankam, lag
dort schon der Brief der Utrechter Universität. Einen Studienplatz in der
Germanistik hatte man ihm eingeräumt. Sebastian fühlte sich erleichtert und
glücklich. Die Zeit, die ihm bis zur Abreise noch blieb, ließ er jetzt nutzlos
verstreichen. Ende August fuhr er nach Utrecht, um dort das Studium der
Germanistik aufzunehmen. Kurz zuvor schrieb er Kiyoko den ersten Brief, in dem
er ihr mitteilte, wie sehr er sie vermisste.
Das Studium gestaltete sich zu
Beginn, wegen der niederländischen Sprache, schwieriger als er erwartet hatte.
Diese Anfangsschwierigkeiten waren aber schon rasch beseitigt. Manche Fächer
wurden ausschließlich in Holländisch unterrichtet. Es betraf hier vor allem den
Themenbereich der allgemeinen Sprachwissenschaft. Noam Chomsky war die alles
beherrschende Autorität. Beinahe wie ein Heiliger wurde er verehrt. Seine
Theorie von einer neuen Sprachlehre, die er als generative
Transformationsgrammatik bezeichnete, war nicht nur den Dozenten, sondern auch
einer Vielzahl von Studenten sozusagen die Bibel. Stundenlang musste Sebastian
sich das anhören, was Chomsky erdacht und erprobt hatte, ohne dass auch nur der
kleinste Funke einer etwaigen Begeisterung übergesprungen wäre. Sebastian war
der Auffassung, dass die lateinischen Begriffe ausreichend seien, die Sprache
und deren Struktur zu beschreiben. Den Sinn einer Erneuerung sah er nicht ein.
Bereits nach einigen Wochen fing
Sebastian an, intensiv nach Japan zu schreiben. Kiyoko erwiderte die Briefe.
Immer stärker wurde die Sehnsucht nach der anmutigen Japanerin. Sebastian
bemühte sich sehr, Kiyoko davon zu überzeugen, dass es für ihn die höchste
Erfüllung bedeute, wenn sie sich zu dem Entschluss durchringen könne, nach
Europa zu kommen, auf dass man die Freuden des Lebens vereint genieße. Er
unterließ keine Anstrengung und setzte seine ganze Überzeugungskraft ein, auf
dass Kiyoko seinem Wunsch nachkomme. Die wunderschönen Tage von Oxford und
Shakespeare, dessen Werke Kiyoko so mochte, erweckte er in seinen langen
Briefen zu neuem Leben, damit sich das erfülle, was Sebastian so ersehnte.
Anfänglich hatte Kiyoko große
Bedenken und ersann vielerlei Gründe, die gegen eine solche Reise sprachen.
Einen Einwand, den sie immer wieder in den Vordergrund schob, hatte die
Finanzlage Sebastians zum Inhalt. Da er noch Student sei und infolgedessen noch
kein ausreichendes Einkommen habe, müsse sie davon ausgehen, dass eine
gemeinsame Haushaltsführung ein fast unüberwindbares Hindernis darstelle. Das
Risiko, das sich daraus ergebe, wolle sie nicht eingehen. Sebastian musste
seine ganze Überredungskunst aufbieten, um Kiyokos Zweifel aus dem Weg zu
räumen, was ihm schließlich auch gelang.
Gegen Ende des ersten holländischen
Semesters hatten Sebastian und Kiyoko schon Heiratspläne geschmiedet. Sebastian
fühlte jetzt, dass er reif für die Ehe sei. In der letzten Februarwoche bezog
er, nachdem er sechs Monate bei einem älteren, alleinstehenden Alkoholiker
gewohnt hatte, eine neue Bleibe. In einem riesigen Studentenhochhaus bekam er
ein Zimmer. Dort mussten sich jeweils acht Studenten und Studentinnen zwei
Duschen, eine Toilette und die Küche teilen. Im siebzehnten Stock landete
Sebastian. Von dort oben hatte er einen einzigartigen Panoramablick über die
Stadt. Er konnte wunderbar, tagein, tagaus, den Turm des Domes sehen. Die
Gruppe, mit der er zusammenwohnte, war sehr bunt gemischt. Für die Studiengänge
galt das gleiche. Eine schöne, vollbusige Buschnegerin aus Aruba gab es, die
Anglistik studierte. Einen wunderschön geschwungenen Mund mit dicken,
herausfordernden Lippen hatte sie. Großen Wert legte sie auf ihr Äußeres. Sie
wählte täglich sehr sorgfältig ihre Kleidung aus, auf dass auch alles in
Harmonie mit ihrer jeweiligen Gemütsverfassung sei. Zuweilen erzählte sie von
jener kleinen Insel vor der venezolanischen Küste, wo ihr altes und
gebrechliches Mütterlein, von dem sie ausschließlich Liebesvolles berichtete,
noch immer wohnte. Was bei dieser Arubanerin noch so anziehend wirkte, war ihr
schöngeformter, knackiger Hintern, mit dem sie manchmal auch ganz gehörig
kokettierte. Im Grunde genommen verachtete sie die weißen Kommilitonen. Sie war
stolz auf ihre afrikanischen Wurzeln und das zeigte sich auch in ihren
graziösen Bewegungen.
Des weiteren gab es einen
schlanken, großgewachsenen Hindustani aus Niederländisch-Guyana in ihrer
Wohngemeinschaft. Dieser studierte Chemie. Er war liebenswürdig und
hilfsbereit, aber gleichzeitig ein großer Redner vor dem Herrn. Seinem Namen
tat er alle Ehre an, denn er hieß Elias wie der biblische Prophet. Stundenlang
konnte er über jedes willkürliche Thema schwadronieren. Eine bemerkenswerte
Eigenschaft besaß er: Über alle Normen und jegliche Etikette setzte er sich
elegant hinweg. Mitunter kam es deswegen zu kleineren Reibereien, die aber nie
zu offenen Auseinandersetzungen führten. Klug genug war er, seine Provokationen
nicht auf die Spitze zu treiben.
Der Rest der Gruppe bestand aus
Niederländern. Mit diesen Studenten kam Sebastian gut zurecht. Sein Holländisch
wurde auch immer perfekter, obwohl der starke, deutsche Akzent blieb.
Das zweite Semester hatte Sebastian
zu seiner vollen Zufriedenheit abgeschlossen. Zu Beginn der Ferien fuhr er
zunächst an die sieben Quellen des Wildbaches, um sich einige Tage zu erholen.
Die trauernde und in Schwarz gehüllte Mutter weihte er in seine Heiratspläne
ein. Nur abweisend reagierte sie darauf, was Sebastian aber nicht von seinem
Vorhaben abbringen konnte.
Nach Paris fuhr er und begab sich
zum Flughafen Charles-de-Gaulle, um Kiyoko abzuholen. In Kobe hatte sie sich
vom niederländischen Generalkonsulat ein Touristenvisum für die Dauer von drei
Monaten ausstellen lassen. Auf diesen Tag hatte sich Sebastian sehr gefreut,
denn ein ganzes Jahr hatte er darauf wachten müssen. In ihrem Briefwechsel
hatten sie sich schon alles in üppigen Farben ausgemalt, auch ihre gemeinsame
Zukunft. Aber des ungeachtet war Kiyokos Misstrauen noch nicht ganz zerstreut.
Am Flughafen in Roissy traf Sebastian
rechtzeitig ein und das Wiedersehen fand statt. Kiyoko wirkte etwas müde und
ermattet. Solche hohen Erwartungen hatte Sebastian an dieses lang ersehnte
Rendezvous geknüpft, dass er darüber fast die Realität vergaß. Er hatte noch
immer das Bild von Kiyoko aus Oxford vor sich. Völlig anders jedoch als er sich
das vorgestellt hatte, war diese erste Begegnung in Roissy. Diese Enttäuschung
war aber ein hilfreicher, kleiner Schock, da sie Sebastian wieder in die
Wirklichkeit zurückholte.
Gemeinsam fuhren sie in die Stadt,
wo Kiyoko ein Doppelzimmer in einem Hotel, in der Nähe des Triumphbogens, hatte
reservieren lassen. Beide waren völlig erschöpft. Bei Kiyoko lag es am langen
Flug und bei Sebastian an der Aufregung des Wiedersehens. Trotzdem hatte er
gehofft, dass diese erste gemeinsame Nacht in Paris mit etwas mehr
Körperlichkeit verbunden gewesen wäre. Ein wenig enttäuscht war er schon,
konnte aber dennoch gut schlafen in jener ersten Nacht. Am nächsten Morgen
besichtigten sie, nach dem Frühstück, den Eiffelturm, aber nur von unten. Man
ging ins Louvre. Hier sah Sebastian zum ersten Mal die schmunzelnde Mona Lisa
von Leonardo da Vinci im Original. Seit nahezu fünfhundert Jahren schon zeigte
"La Giocconda" dieses unergründliche Lächeln. Böse Zungen behaupteten
zuweilen, dass diese dunkelhaarige Mona Lisa ein Jüngling sei, dem Leonardo
eine weibliche Frisur verpasst hätte. Das Geheimnis ihres Lächelns hatte
Sebastian schon immer gefallen. An eine Interpretation wagte er sich aber
nicht. Eigentlich hatte er sich dieses Bild viel größer vorgestellt.
Hinaus, in den Bois de Boulogne,
fuhr man am zweiten Tag, weil es in Paris so unerträglich heiß war. Der Kontakt
mit Kiyoko baute sich langsam auf und man verstand sich wieder. Die
fleischlichen Gelüste aber ließen weiterhin auf sich warten. Auch in der zweiten
Nacht geschah nichts in dieser Hinsicht. Kiyoko bettete sich abends, fast
ritualisiert, und lag dort dann wie eine aus Stein gemeißelte griechische
Göttin unter Laken. In seinem Innern begann Sebastian eine leise Unruhe zu
verspüren, denn der Zweck von Kiyokos Reise sollte ja letztendlich die Ehe
sein. Jedes Mal beruhigte er sich wieder mit dem Gedanken, dass es noch genug
Zeit geben würde.
Am Abend des letzten Tages in
Frankreich nahmen Sebastian und Kiyoko den Nachtzug nach Aachen, wo sie am
folgenden Morgen eintrafen. Sie begaben sich an die Ufer des Wildbaches und
kehrten in Sebastians Elternhaus ein. Leerstehende Zimmer gab es dort ja genug.
Um die Ankunft von Kiyoko wussten die Eltern. Freundlich und einladend war der
Vater. Genau das entgegengesetzte Verhalten legte die Mutter an den Tag. Da
Kiyoko aber kein Deutsch verstand, war es weiter nicht hinderlich. Sie konnte
die Ablehnung der Mutter, ihr gegenüber, nur in deren Augen ablesen. Beide
bekamen ein eigenes Zimmer zugewiesen. Man blieb einige Tage, aber sexuell
geschah noch immer nichts. Abends ging Sebastian in sein Zimmer und Kiyoko in
ihres, ohne dass sie auch nur den geringsten Versuch unternommen hätte, sich
nachts in Sebastians Bett zu schleichen, um sich dem Beischlaf hinzugeben.
Sebastian seinerseits enthielt sich aller nächtlichen Besuche in Kiyokos
Zimmer, da sie ein Gast im Hause seiner Eltern war und es sich nicht schickte,
das Recht des Besuchers auf Unversehrtheit zu schänden. Noch immer tröstete er
sich mit der Vorstellung, dass es vermutlich doch genügend Zeit geben würde,
das Erhoffte nachzuholen.
Kiyoko, ihrerseits, signalisierte
Sebastian auch nicht, dass ihr der Geschlechtsverkehr fehlen würde. Die
sexuelle Spontaneität, wie er sie als Kind mit der wilden Maria und später, als
Heranwachsender, in Jerusalem mit dem stolzen Araber oder dem schönen
Tanzpartner erlebt hatte, war nicht vorhanden. Die langen Gespräche und
tiefschürfenden Diskussionen mit Kiyoko aber, verliefen zur vollen Zufriedenheit
beider. Dem hoffenden Sebastian schenkte dieser Umstand ein wenig Trost.
Nach einigen Tagen verließ man das
Tal des Wildbaches, wo noch immer unentwegt der Geist des toten Bruders
umherschwebte. Mit dem Traktor, der von Sebastians Vater gesteuert wurde, begab
man sich nach Vaals. Dieser war mächtig stolz darauf, eine echte Japanerin über
die Grenze kutschieren zu können. Kiyoko hatte lediglich einen großen Koffer
und eine Handtasche als Gepäck. Nur eine kleinere Wochenendtasche führte
Sebastian mit sich. In Vaals nahm man den Bus nach Maastricht. Weiter ging es
mit dem Intercity nach Utrecht. Sie begaben sich zu dem Studentenhochhaus. Dort
oben, im siebzehnten Stock, wurde Kiyoko dann etwas zutraulicher. Sie
stimulierte jetzt Sebastian geradezu zum Körperkontakt. Abends kam es zur
ersten Kopulation. Ein wenig mechanisch ging alles vor sich. In ihren
Schlafanzug gehüllt, lag Kiyoko auf einer Matratze, die sich auf dem Fußboden
befand. Sebastian war nackt und legte sich zu ihr. Er drehte sie auf den Bauch
und zog ihr die Hose aus. Während er ihre Beine und Schamlippen spreizte,
schaute er sich jede aufreizende Einzelheit an. Er führte den Finger ein und
spürte diese feuchten, warmen Schleimhäute. Kiyoko erhob ihren kleinen,
knackigen Arsch und wölbte ihn jetzt extrem in die Höhe, so dass alles sich
öffnete. Sebastian konnte nun den vollkommen erigierten Schwanz tief in sie
eindringen lassen. Dieses herrliche Gefühl, grenzenlose Macht über sie zu
besitzen, kam über ihn. Jetzt fing Kiyoko auch an, sich rhythmisch zu bewegen
und stöhnte leise vor sich hin. Es kam zur Ejakulation. Kurze Zeit noch blieb
Sebastian neben ihr liegen. Kiyoko drehte sich auf den Rücken. Nun sah
Sebastian zum ersten Mal die kleinen, festen, japanischen Brüste und diese
langen, glatten, schwarzen, asiatischen Schamhaare. Kiyoko zog die Hose ihres
Schlafanzugs wieder an und bettete sich, ihrem Pariser Ritual ähnlich, wie eine
griechische Statue unter Laken. Sebastian legte sich in sein eigenes Bett und
schlief fast direkt ein. Während des Geschlechtsaktes wurde kein Wort
gewechselt.
Von nun an blieb Kiyoko nachts auf
der Matratze auf dem Fußboden und Sebastian ruhte in seinem Bett. Diese
sexuelle Praxis wiederholte sich täglich nach dem gleichen, ritualisierten
Muster. Die Spontaneität vermisste Sebastian, sagte Kiyoko aber nichts davon.
Nach sieben Tagen kaufte Sebastian
der liebenswert‑unschuldigen Kiyoko ein gebrauchtes Fahrrad, so dass man
gemeinsame Ausflüge machen konnte, um die Semesterferien sinnvoll und sportlich
zu nutzen. Vorerst sollte Kiyoko bis Mitte September bleiben. Mit den anderen
Studenten bekam sie schnell Kontakt, weil sie alle, mehr oder weniger gut,
Englisch und einige sogar auch noch Französisch sprachen. Oft war Sebastian mit
Kiyoko unterwegs. An manchen Aktivitäten jedoch beteiligte sich Kiyoko nur
teilweise oder überhaupt nicht. So ging sie nie mit ins Freibad und auch das
Sonnenbaden lag ihr nicht sonderlich. Ein merkwürdiges Ritual hatte sich bei
diesem Sonnen herausgebildet. Sebastian radelte, zusammen mit ihr, zu einer
Waldlichtung, in der Nähe des Hochhauses. Dort dann zog Sebastian die Badehose
an, breitete die mitgebrachte Decke auf dem Gras aus und Kiyoko fing an, seinen
ganzen Körper mit Sonnencreme einzureiben. Sie behielt dabei immer alle Kleider
an. Sehr sorgfältig und intensiv wurde die Handlung des Einschmierens
vorgenommen. Ungefähr dreißig Minuten dauerte diese japanische Prozedur. Bei
Sebastian aber gab es keinerlei sexuelle Erregung während der Massage. Nach
dieser Behandlung schwang Kiyoko sich aufs Rad und fuhr wieder heim. Immer erst
am Spätnachmittag kam Sebastian nach Hause.
Nach sieben Wochen klagte Kiyoko,
zuweilen, über Kopfschmerzen. Auch bekam sie einen unangenehmen Heuschnupfen
und litt zeitweise unter schweren Depressionen. Manchmal sogar suchte sie auch
Streit. Aber das Einreibe‑ und Beischlafritual wurden weiterhin
regelmäßig ausgeführt. Sebastian fühlte, dass sich sein Selbstvertrauen von Tag
zu Tag steigerte, da Kiyoko so vollkommen abhängig von ihm war. Es hatte nie in
seiner Absicht gelegen, dass dies geschehen sollte. Aus der Beziehung der
beiden ergab es sich einfach von selbst. Je abhängiger Kiyoko wurde, desto
selbstsicherer wurde Sebastian. Ab und zu ging er jetzt abends alleine weg, um
Freunde zu besuchen. Anfangs fragte Kiyoko ihn dann oft, worüber sie gesprochen
hätten. Diesen Fragen wich Sebastian aus und spürte, dass er sich emotional von
Kiyoko entfernte. Gedanken über die versprochene Eheschließung machte er sich
jetzt auch. Er zweifelte daran, ob sie wohl die richtige Partnerin für ihn
wäre. Über Kiyoko und ihrer beider Beziehung dachte er nach. In Japan hatte sie
ihre Stelle als Englischlehrerin aufgegeben. Die gesamten Reisekosten hatte sie
bezahlt. Auf das Versprechen zur Ehe hin war sie nach Europa gekommen. Aufgrund
aller dieser Überlegungen kam es Ende August zur Aussprache. Schwer enttäuscht
war Kiyoko. Verzweifelt versuchte sie noch, Gründe zu finden, die die Lage
hätten entschärfen können. Obwohl Sebastian Mitleid mit Kiyoko hatte, blieb er
doch bei seinem Entschluss, vorerst nicht zu heiraten.
Nach einigen Tagen hatte Kiyoko
sich an die neue Situation gewöhnt. Die "Histoire de l'oeil" von
Georges Bataille besorgte sie sich. Seit Oxford ließ ihr diese Geschichte über
Tod und Erotik keine Ruhe. Sie rief die Fluggesellschaft an, um sich ihre
Rückreise für Mitte September bestätigen zu lassen. Für beide fing jetzt noch
einmal eine beglückende Zeit an. Man machte wieder viele gemeinsame Ausflüge.
Die furchtbaren Kopfschmerzattacken von Kiyoko verringerten sich. Die schweren
Depressionen blieben, waren aber weniger heftig. Sebastian fühlte eine gewisse
Erleichterung, diesem Ehegelöbnis entronnen zu sein, obwohl er auch oft daran
denken musste, wie es Kiyoko ergehen würde, wenn sie, so unverrichteter Dinge,
wieder in Kioto auftauchen würde. Sie wohnte noch bei ihren Eltern. Vorerst
hätte sie ja noch ein Dach über dem Kopf. Wie sie sagte, wollte sie wieder nach
Kioto zurückkehren und nicht, etwa aus Scham, wegen der misslungenen
europäischen Expedition, ein neues, anonymes Leben in Tokio beginnen. Diese
Dinge wurden aber als Gesprächsthema zwischen Sebastian und ihr so viel wie
möglich vermieden, da es für beide äußerst unangenehm war.
10. Kapitel
Der Engel wusste um Sebastians
schwierige Situation und schaffte Abhilfe. Er hatte eine Maßnahme vorgesehen,
die für den sexuellen Reifungsprozess seines Schützlings von äußerster
Wichtigkeit sein sollte. Auf Grund dessen erwählte er einen gleichaltrigen
Pianisten in spe, auf dass Sebastian nicht abgleite. Außerdem war der Bote Gottes
der Auffassung, dass ein fast professioneller Klavierspieler imstande sei,
seinen Schützling dazu anzuhalten, das Spielen eines Instruments zu erlernen,
auf dass er eigenhändig musiziere, anstatt sich nur Vorproduziertes anzuhören.
Offensichtlich hatte die Muse der Musik Sebastian noch nicht in ihren Bann
gezogen.
Just einen Tag bevor Kiyoko, die
schon ihre Reisevorbereitungen traf, nach Japan zurückfliegen sollte, besuchte
Sebastian eine Studentenkneipe, um sich etwas zu zerstreuen. Er hoffte, dass
dadurch der herannahende Abschied, den er zwar selbst herbeigeführt hatte, der
aber deswegen nicht weniger schmerzlich war, etwas erträglicher werde.
Die Dämmerung war bereits
angebrochen, als Sebastian sich unter die Gäste mischte. Trotz seiner leichten
Bedrücktheit, die sich aus der bevorstehenden Trennung ergab, machte er einen
selbstsicheren Eindruck.
An der Theke lehnte ein Junge in
seinem Alter und schaute ihn fortwährend an. Er ging auf ihn zu und fragte den
Burschen, ob man denn irgendwann schon einmal das Vergnügen gehabt habe. Der
Angesprochene verneinte dies, aber meinte, dass Sebastian einem gleiche, den er
kenne. Noch einige Zeit führte man diese seichte Konversation weiter und
Sebastian ließ sich von diesem Burschen, an jenem Abend, nach Hause einladen.
Wie sich später herausstellte, hieß er Max und besuchte das Konservatorium, um
später einmal Pianist zu werden. Der Abend bei ihm verlief sehr ruhig und
Sebastian fing an, von der kleinen Japanerin und deren bevorstehender Abreise
zu erzählen. Gegen Mitternacht fuhr er heimwärts, denn dort wartete Kiyoko. Als
er ins Zimmer kam, lag sie schon, in der üblichen Pose, auf ihrer Matratze.
Großes Mitleid empfand er für sie, aber begab sich dennoch gleich zu Bett, da
man am folgenden Morgen, um fünf Uhr, aufstehen musste.
Die Sonne ging auf, und der Wecker
klingelte für Sebastian und Kiyoko. Die beiden standen auf und wussten, dass es
der Tag der Trennung sein würde. Eine Dusche nahm man und frühstückte. Im Radio
wurde "Kiss and say goodbye" von den Manhattans gespielt. Zutreffend
war dieser Song zwar, aber es machte den Abschied um so schwerer. Um sieben Uhr
waren sie so weit und traten hinaus auf den Flur. Am Ende dieses langen
Korridors sah Sebastian einen weißen Briefumschlag auf der Türmatte liegen.
Weit nach Mitternacht musste ihn jemand eingeworfen haben. Er hob ihn auf und
stellte fest, dass er an ihn adressiert war. Auf seinen Schreibtisch legte er
ihn noch schnell und man begab sich mit dem Bus zum Flughafen Schiphol. Während
dieser Fahrt kam der ganze Trennungsschmerz über die beiden. An Oxford und an
den einjährigen Briefwechsel dachte Sebastian. Neben ihm saß diese kleine
Japanerin, die so zerbrechlich wirkte. Sie hatte die ganze Strapaze dieser
Flugreise nach Europa, mit dem Ziel der Eheschließung, auf sich genommen. Jetzt
war sie auf dem Weg zum Airport und flog wieder, unverrichteter Dinge, nach
Japan zurück. Welches Los sie dort erwartete, konnte Sebastian nur erahnen.
Beide sprachen sehr wenig während dieser letzten gemeinsamen Fahrt. Am Flughafen
umarmte man sich ein allerletztes Mal und Kiyoko ging durch die Zollsperre.
Einmal noch drehte sie sich um und Sebastian sah, wie diese kleine, tapfere
Frau von der Menschenmenge aufgenommen und fortgetragen wurde. Ein schwerer
Abschied war es. Über Paris, Moskau und Tokio würde sie nach Kioto fliegen. Da
es in all diesen Städten jeweils einen mehrstündigen Aufenthalt gab, würde sie
erst nach sechsunddreißig Stunden in ihrer Heimatstadt ankommen. Der bloße
Gedanke schon an diese extrem lange Reisedauer, war für Sebastian eine fast
unerträgliche Vorstellung. Er begab sich auf die Zuschauerterrasse und sah, wie
die Maschine aufstieg und mit ihr entschwebte Kiyoko, die Liebe aus Oxford und
die "Histoire de l'oeil" langsam in den wolkenlosen Himmel. Zurück blieb
eine grauenvolle Leere. So unwirklich und offen war wieder alles, dass einem,
vor lauter Freiheit, schwindlig werden konnte. Niemand war zur Stelle, an den
man sich hätte festhalten können. Mit diesem Silbervogel war die ganze Hoffnung
auf Ehe und Kinder, für alle Zeit, in unendliche Fernen entschwunden. Blau
strahlte das Firmament, frisch und rein war die Luft an jenem Vormittag im
Spätsommer, aber Sebastian konnte das nicht trösten. Missmutig und einsam
fühlte er sich. Ein Experiment, das all seine Erwartungen erfüllen sollte, war
misslungen: aufgegangen in Schall und Rauch.
Er machte sich wieder auf den Weg
nach Hause. Dort, auf seinem Schreibtisch, sah er jenes weiße Couvert. Er
öffnete es und war völlig überrascht. Ein Brief von Max, dem angehenden
Pianisten, war es. Er bat Sebastian, ihn noch am selben Abend zu besuchen, es
sei dringend. Vollkommen erschöpft war Sebastian und legte sich erst einmal
aufs Bett. Nach einigen Minuten schon fiel er in einen tiefen Schlaf. Kiyoko
erschien ihm im Traum, aber weder als fernöstliches Sexualobjekt, in das er
unzählige Male eingedrungen war noch als griechische Statue, sondern als
gefährliche Rachegöttin, die voller Zorn auf ihn herniedersah und mit
furchtbarer Vergeltung drohte. Nicht mehr den japanischen Fächer, sondern ein
flammendes Schwert hielt sie in der Hand, den wehrlosen Sebastian, wegen seiner
auf sich geladenen übergroßen Schuld, zu durchbohren. Schweißgebadet erwachte
Sebastian und wusste, dass es nur ein Traum war.
Gegen Abend begab er sich mit dem
Fahrrad zu Max. Mit einer Freundin, mit der er eine platonische Beziehung
unterhielt, teilte dieser sich eine Zweizimmerwohnung. Sebastian klingelte und
trat ein. In bester Verfassung traf er Max an. Dieser entschuldigte sich
zunächst für seinen spontanen Brief. Vielleicht sei er doch mit diesem
Schreiben etwas zu aufdringlich gewesen, meinte er. Schließlich kenne man sich
noch keine vierundzwanzig Stunden. Sebastian war noch so unter dem Eindruck von
Kiyokos Abreise und seinem Traum, dass er Fetzen nur von dem auffing, was Max
erzählte. Im Laufe des Abends spielte Max noch irgendeine Etüde von Chopin auf
seinem Piano. Etwas Kurzes, Romantisches war es. Dies aber erreichte Sebastian
kaum noch.
Gegen vierundzwanzig Uhr entschied
man sich, die Nacht gemeinsam zu verbringen, entkleidete sich und legte sich
aufs Bett. Die Haut des anderen berührte man und die Flammen der Liebe loderten
auf. Für Sebastian existierte nur noch dieser eine Körper, dieses eine
leuchtende Augenpaar und sie verschmolzen ineinander. Max drehte sich um und
spreizte den nackten Hintern Sebastian wollüstig entgegen. Diese ihm so
unvermittelt dargebotenen weißen Wölbungen ließen Sebastian vor lauter
Vorfreude erschaudern. Voller Begierde berührte er sie. Dieses verlangende Loch
würde seine Sehnsucht stillen! Erst einen, dann zwei und schließlich drei
Finger steckte er hinein. Die Erregung steigerte sich. Auf Drängen von Max hin,
stieß er den Schwanz in die manuell vorbereitete Öffnung. Mit ungeheurer Wucht
spritzte er seinen Samen in Max hinein.
Regelmäßig sah man sich jetzt. In
ihrer Beziehung wurde der Beischlaf zum Mittelpunkt des Geschehens. Auch die
Hämorrhoiden am Arsch von Max betrachtete Sebastian im Laufe der Zeit eher
wohlwollend, als eine Bereicherung der Wollust. Sie störten ihn keineswegs.
Eigentlich bewirkten diese knotenartigen Venenausstülpungen geradezu eine
Steigerung des Wunsches, durch dieses, manchmal blutige, fleischliche Gestrüpp
hindurch, doch eindringen zu wollen. Max hatte die außergewöhnliche Gabe und
das große Talent, den schönen, festen Arsch so zu präsentieren, dass die
Erektion und der Klimax von selbst kamen. Eine herrliche Zeit erlebte
Sebastian.
Das Studium begann Ende September
wieder. Für Sebastian war das nicht mit großen Schwierigkeiten verbunden. Das
Wichtigste für ihn war Max und dessen strammer Arsch. Darauf freute er sich
jedes Mal aufs neue.
Wie im Fluge vergingen die Monate.
Im Sommer, als Sebastian gerade das vierte Semester beendet hatte, machten sie
eine gemeinsame Italienreise. Florenz war ihre erste Station. Entzückt war
Sebastian. Vor allem die Piazza della Signoria beeindruckte ihn tief. Einen
solch harmonischen Platz hatte er niemals vorher gesehen. Diese
architektonische Ausgewogenheit war einzigartig. Den grandiosen David von
Michelangelo bewunderte er, dort, am Eingang zum Palazzo Vecchio. Dieser
wohlgeformte Körper und diese nackte Kraft, eingefangen in fast weißem Marmor,
waren atemberaubend.
Zum Schwimmen und Zelten fuhr man
weiter nach Bolsena, an den See. Hier, wo dieses Wunder von der blutenden
Hostie, vor mehr als sieben Jahrhunderten, geschehen war, fingen alle Probleme
an. Über Lappalien, die früher nicht einmal der Rede wert gewesen wären, wurde
jetzt heftig gestritten. Zu einer qualvollen Hölle wurde das Leben dieser
beiden Liebenden, ohne dass sie in der Lage gewesen wären, der Situation eine
positive Wendung zu geben. Unaufhaltsam wuchs die gegenseitige Abneigung. Der
körperliche Kontakt fiel ganz weg. Es gab keine Rettung mehr. Max litt genauso
wie Sebastian und man entschloss sich, die Italienreise abzubrechen. Sie fuhren
gemeinsam im Auto nach Holland zurück. Es war eine fast übermenschliche Tortur.
Die Trennung ging mit unsäglichen Schmerzen einher.
Im September fing Sebastian mit dem
fünften Semester an. Den Stoff saugte er förmlich in sich hinein. Daneben
meldete er sich zu vielen sportlichen Aktivitäten an. Zur Ertüchtigung des
Körpers und Entlastung des Geistes sollten sie beitragen. Frühmorgens, noch
bevor die Seminare und Vorlesungen begannen, spielte er, mehrmals wöchentlich,
Tennis. Spätabends ging er, fast täglich, zum Schwimmen und schließlich nahm er
jeden Freitagabend an der Gymnastikstunde teil. Außerdem besuchte er die
Volkshochschule und lernte Neugriechisch. Einerseits litt er unter dem Bruch
mit Max, andererseits aber hatte er jetzt wieder viel mehr Zeit für sein
Studium. Gegen Ende des fünften Semesters nahm er wieder Kontakt zu Max auf.
Sebastian äußerte den Wunsch, den Beziehungsbruch von einem Psychologen
untersuchen zu lassen. Max war damit einverstanden und sie begaben sich zur
psychologischen Beratungsstelle der Universität und meldeten sich zu einem
Vorgespräch an. Max zeigte sich kooperativ. Wöchentlich fanden die Sitzungen
statt. Dabei waren zwei Psychologen anwesend. Man grub in ihrer Vergangenheit
und suchte Ursachen, die eventuell zu dem Bruch geführt haben könnten. Die
Therapie hatte nur das eine Ziel, die Gründe der Trennung aufzudecken und
nicht, die Beziehung wieder zu leimen. Max zog sich nach einigen Monaten schon
aus der Behandlung zurück, weil er sie nicht mehr als sinnvoll empfand. Aber
Sebastian war fest entschlossen weiterzumachen und kam deswegen in eine
Gruppentherapie. Zehn Studenten, die allesamt abgebrochene Beziehungen hinter
sich hatten, nahmen daran teil. Das therapeutische Ziel bestand darin, diese
Menschen wieder funktionsfähig zu machen. Lernen sollten sie, die gescheiterten
Beziehungen zu verarbeiten, um sich wieder neuen Partnerschaften öffnen zu
können. Diese wöchentlichen Zusammenkünfte genoss Sebastian, da er dann alles
erzählen konnte, was er in den vorhergehenden Tagen als störend oder unangenehm
empfunden hatte. Sein Herz konnte er erleichtern. Die Probleme konnten in der
Gruppe deponiert werden, ohne dass einer Anstoß daran genommen hätte. Nur die
Beichte aus Sebastians Kinderzeit war schöner. Seine Seele schüttete man aus
und war von aller Schuld befreit. Der Unterschied zum Beichten aber bestand
darin, dass man in den Gesprächsgruppen über seine Unzulänglichkeiten reden
konnte und eine Stellungnahme erhielt. Dahingegen gab es bei der regulären
Beichte nur die Absolution und die einem auferlegten Sühnegebete, aber das
Zwiegespräch fehlte.
Im siebten Semester war Sebastian
jetzt schon. Alles verlief nach Wunsch. Die Therapie war ihm eine große Hilfe
und gab ihm viel Kraft. In jenem Winter heiratete der drittälteste Bruder von
Sebastian. Er war bereits dreiunddreißig und seine Frau hatte es schwer, denn
sie wurde von Sebastians Familie nicht akzeptiert, weil sie schon einmal
geschieden war. Allem anpassen wollte sie sich, aber es half nichts.
Gleichgültig ließ es Sebastian, da er mit anderen Dingen beschäftigt war. Um
die Therapie und das Studium drehte sich sein Leben.
Der Engel war der Auffassung, dass
sein Schützling jetzt erneut mit der Sexualität konfrontiert werden müsse,
damit ihn das Debakel, das sich aus der Beziehung zu Max ergeben hatte, nicht
unnötig noch länger belaste.
Den Versuch, Sebastian an die
Instrumente heranzuführen, auf dass er selbst musiziere, betrachtete der Bote
Gottes vorerst als gescheitert. Er war zu der Einsicht gelangt, dass Maxens
Klaviermusik wohl nicht der richtige Einstieg gewesen sei. Möglicherweise könne
ein neuer Anlauf, in einigen Jahren vielleicht, zu einem besseren Ergebnis
führen. Der Engel konnte indes wohl feststellen, dass Sebastian die ihm
dargebotene Musik und den Gesang in zunehmendem Maße genoss. Konzerte, Opern
und Liederabende besuchte er sooft es nur ging. Den lieblichen Klängen
zuzuhören und sich von ihnen forttragen zu lassen, bereitete ihm großes
Vergnügen. Er fand darin angenehme Erholung, wohltuende Zerstreuung und
erfrischende Inspiration. Dies stimmte den Engel zufrieden. Zunächst aber
kümmerte er sich wieder um die Kontinuität der geschlechtlichen Entwicklung
seines Schützlings, auf dass er in dieser Hinsicht keine Schäden davontrage. Um
sein Vorhaben zu verwirklichen, suchte er sich einen fünfundzwanzigjährigen
Kommilitonen und einen dreißigjährigen Südländer aus.
Zunächst beendete Sebastian das
achte Semester. Bisher war das Studium so verlaufen, wie er sich das
vorgestellt und erhofft hatte.
Zu Beginn der Semesterferien trug
er sich mit dem Gedanken, erneut nach Italien zu reisen, um sich dadurch völlig
von Max zu befreien. Alleine wollte er aber nicht dorthin fahren.
Sebastian machte sich also auf die
Suche nach einem passenden Reisegefährten. Als erstes versuchte er sich nun
vorzustellen, welcher seiner Kommilitonen als Begleiter für eine solche Tour in
den Süden in Frage kommen könnte. Bereits schnell hatte er sich für den blonden
Alexander entschieden. Mit ihm verstand er sich gut. Zur Zeit hatte dieser
keine feste Partnerin und stünde daher zur Verfügung. Er war sportlich und
spontan. Mit ihm hatte Sebastian häufig Kontakt. Auch besuchte man sich
regelmäßig. Alexander stammte aus Maastricht und war zweisprachig. Seine Mutter
war Holländerin und sein Vater gebürtiger Deutscher. Mit Alexander sprach
Sebastian ausschließlich Deutsch. Auch die gleiche Sprache war es, die sie
verband. Beide wohnten sie in jenem riesigen Studentenkomplex. Eines Abends
begab sich Sebastian von der siebzehnten zur fünften Etage, wo Alexander
wohnte. Er klingelte und ihm wurde Einlass gewährt. Alexander bat ihn auf sein
Zimmer und Sebastian kam schnell zur Sache. Seinen Reisevorschlag legte er ihm
vor und dieser war sofort damit einverstanden. Das Zelt sollte Alexander
mitnehmen und Sebastian die Reiseroute festlegen. Die beiden einigten sich
innerhalb kürzester Zeit. Eine dreiwöchige Bahnreise nach Sizilien sollte es
werden. Sebastian plante die Route über Heidelberg, Luzern, Como, Florenz,
Sorrent, Taormina und Agrigent. Zurück sollte die Reise über Venedig, Peschiera
und Mailand führen. In den ersten Tagen des Augusts machten die beiden
Studenten sich auf den Weg. Für Italien hatte man sich, um allzu hohe Kosten zu
vermeiden, eine Bahnnetzkarte für vierzehn Tage gekauft. Bis Heidelberg kamen
sie am ersten Tag. Auf einem Campingplatz, am Ufer des Neckars, schlugen sie
ihr Zelt auf. Das alte Schloss, das jetzt schon seit fast dreihundert Jahren
als mächtige Ruine den Fluss bewachte, sahen sie. Über den Philosophenweg, am
Fuße des Heiligenbergs, der schon so manchen Poeten inspiriert hatte, wanderten
sie ein Stück. Die bewaldeten Hügel von Heidelberg waren bezaubernd romantisch.
An das Lied der Großmutter: "Ich hab' mein Herz in Heidelberg verloren, in
einer lauen Sommernacht", erinnerte sich Sebastian. In ihren letzten
Lebensjahren sang sie aber häufiger dieses wehmütige und sehnsuchtsvolle Lied
von der holden Gärtnersfrau, dessen Melodie genauso melancholisch war wie der
Text. Überhöhte Preise und unzählige Touristen gab es in dieser
traditionsreichen Studentenstadt.
Nach drei Tagen zog man weiter nach
Luzern. Hier, am Ufer des Vierwaldstätter Sees, fiel Sebastian die Geschichte
von Wilhelm Tell wieder ein. Am anderen Ufer lag Küssnacht und dort würde sich
auch diese hohle Gasse befinden, wo der legendäre Wilhelm sich hinter einem
Holunderstrauch, damals, vor vielen, vielen Jahren, versteckt hatte, um den
tyrannischen Landvogt aus dem Hinterhalt mit einem spitzen Pfeil zu
durchbohren.
In die alte Stadt Como, an den
gleichnamigen See, ging die Reise weiter. Etwas außerhalb der Stadt, am
Gebirgsrand, lag der Bahnhof. Alexander stieß einen stummen Seufzer aus. Mit
einer leichten Ironie in der Stimme meinte er, man wäre jetzt ‑ endlich ‑
in dem Land, wo die Zitronen blühten und die Gold‑Orangen glühten. Von
Marmorbildern und Maultieren faselte er etwas. Mignon und Goethe wären ihm
schon immer das Liebste gewesen. Gleichzeitig fügte er aber geschwind hinzu,
dass er es vorgezogen hätte, in den herrlichen Bergen der Schweiz geblieben zu
sein. Aber da er sich mit der Reiseroute von Sebastian einverstanden erklärt
hatte und dieser ihn noch einmal kurz daran erinnerte, verschwand seine leichte
Missstimmung nach wenigen Minuten schon. Auf dem Weg bereits, hinunter an das
Ufer des Sees, hatte er das Land der Eidgenossen schon fast vergessen, da es
auch hier tannenbedeckte Berge gab.
Am nächsten Tag reisten sie nach
Florenz. Diesen wunderschönen Platz mit dem kräftigen, nackten David aus Marmor
sah Sebastian wieder. In der Nähe des Piazzale Michelangelo, auf einem
Campingplatz, schlugen die beiden ihr Zelt auf. Das Gelände lag auf einer
Anhöhe und man hatte einen herrlichen Blick auf diese toskanische Stadt. Die
mit roten Dachziegeln bedeckte, imposante Wölbung der Domkuppel und den
gemächlich dahinfließenden Arno verliehen dieser Aussicht eine große Ruhe und
einen Zipfel der Unendlichkeit. Zweiundsiebzig Stunden später bereits eilten
sie über Rom weiter nach Neapel. Dort nahmen sie die Circumvesuviana nach
Sorrent. Neapel wollte Alexander nicht besichtigen. Er war, vor vielen Jahren,
mit seinen Eltern einmal dort gewesen und für ihn war es seitdem immer noch
eine schmutzige Stadt. In Sorrent blieben die beiden einige Tage. Eine
herrliche Touristenstadt war es, mit all den Berghängen. In der Ferne sahen sie
das vielbesungene Capri und die kleinen Schiffe, die, unten vom Hafen aus, zu
dieser kleinen Insel hin und her pendelten. Auch die mächtigen Flanken des
Vesuv bewunderten sie. Auf dem Stückchen Erde befanden sich die beiden
Reisenden, das so vielen schon Tod und Verderb gebracht hatte. Vor fast
zweitausend Jahren hatte der mächtige Vesuv fürchterlich getobt. Damals,
neunundsiebzig Jahre nach der Geburt des Herrn, hatte dieser feuerspeiende
Riese eine blühende Stadt völlig ausgelöscht. Sebastian kam ein wenig ins
Grübeln, obwohl er nicht in den Ruinen von Pompeji stand, sondern auf einem
Berg in Sorrent, aber doch hatte dieser Vulkan seine Phantasie angeregt. Auch
kam ihm diese schöne, dunkelhaarige Bauernmagd aus seiner Kinderzeit in den
Sinn. Er erinnerte sich an dieses Liedlein vom schönen Neapel und an die Worte,
die sie sprach: Napoli wäre eine Stadt in Kampanien an einem feuerspeienden
Berg.
Mit einigen Umwegen ging es nach
Kalabrien, zum Hafen von Villa San Giovanni. Das weiße Schiff, das die beiden
Freunde über die Meeresstraße zu dieser großen, heißen Insel bringen sollte,
von der man sagte, sie sei die Brutstätte der Mafia, war schon fast
abfahrbereit. Der Zug fuhr, ohne dass man sein Abteil hätte verlassen müssen,
auf die Fähre. Für Sebastian war es eine sensationelle Erfahrung. Auf Sizilien
ratterte er wieder in den Bahnhof von Messina ein. Fast unerträglich hässlich
war diese Stadt. Dadurch, dass sie einmal durch ein Erdbeben zerstört worden
war, gab es fast nur Neubau. Bauwerke ohne Stil waren es. In dieser Stadt
herrschte eine kalte Atmosphäre. Dieses negative Gefühl konnten auch die
angenehmen Temperaturen nicht wegnehmen.
Weiter reisten sie und jetzt
versehentlich nach Catania. Dort stieg man nur kurz aus und schon ging es mit
dem nächsten Zug wieder nach Messina zurück. Mittlerweile war die
Morgendämmerung über Sizilien hereingebrochen und Sebastian konnte, vom Zug
aus, sehr schön den langsam aufsteigenden Rauch des Ätna sehen.
Von Messina fuhren die beiden nach
Agrigent.
Agrigento, du Stadt der Städte!
In Agrigento war soviel schon
geschehen. Die Griechen waren dort gewesen und hatten diese wunderbaren Tempel
gebaut, von denen einer nur, unbeschadet fast, die Jahrtausende überstanden
hatte. Die Stadt an sich war ein Touristenort. Aber dieser Tempel von Agrigento
ließ das Herz von Sebastian höher schlagen. Auch Alexander, ohne es jemals
gewusst zu haben, brachte Sebastian, in Agrigento, das Paradies ein Stückchen
näher. Abends kamen Sebastian und Alexander in Agrigento an. Sie suchten keinen
Campingplatz mehr, sondern nahmen ein Hotel im Zentrum der Stadt. Ihnen wurde
ein sehr geräumiges Zimmer mit komfortablem Doppelbett, eigener Toilette und
großem Bad zugewiesen. Es war sehr heiß, an jenem Abend, in Sizilien. Sebastian
und Alexander legten ihre Rucksäcke ab und schauten sich in der luxuriösen
Bleibe um. Der Zimmertür gegenüber befand sich ein großes Doppelfenster. Von
dort aus hatte man einen wunderschönen Blick auf den Piazzale Roma. Sebastian
öffnete einen Flügel und eine schwache Brise drang in den Raum. Das Lüftchen
bewegte die Gardinen, die bis zum Fußboden reichten, leicht.
Sebastian erbat sich die Seite des
Doppelbettes, die dem Fenster am nächsten war, auf dass er ab und zu ein wenig
frische Luft schnuppern könne. Alexander machte keine Einwände. Des weiteren
einigte man sich dahingehend, dass Alexander als erster ein Bad nehmen würde.
Er hatte viel geschwitzt, denn er musste immer den schwereren Rucksack tragen,
weil das Zelt sich darin befand. Seiner Kleider, bis auf die Unterhose,
entledigte sich Alexander und begab sich ins Bad. Sebastian hörte das
Plätschern des wohltuenden Wassers und wie Alexander, voller Übermut, ein
Liedchen pfiff. Als er nach einer Weile wieder aus dem Badezimmer kam, war er
völlig nackt. Sebastian saß auf dem Bett und konnte seinen Augen kaum glauben.
Ihn faszinierte dieser schlaffe Schwanz. Alexander lächelte ihn an und begab
sich zu seinem Rucksack. Göttlich war dieser nackte Alexander. Am liebsten wäre
Sebastian aufgesprungen und hätte sich vor ihm, voller Ehrfurcht,
niedergekniet, den Schwanz berührt, der soviel Kraft und fruchtbaren Samen
erahnen ließ und ihm in die Unendlichkeit seiner blauen Augen geschaut. Der
marmorne David von Florenz war Fleisch geworden. Unwillkürlich musste Sebastian
an Lawrence, Genet und Bataille denken, denn diese begnadete Dreifaltigkeit
imponierte ihm noch immer. Die weithin leuchtende Kraft ihrer Werke begleitete
ihn jetzt schon seit mehr als fünf Jahren.
Die Sehnsucht nach dem Unmöglichen,
das Erregende der Erotik, der unwiderstehliche Wunsch nach Sex und die
todbringende Eruption wurden eins. Alexander kramte seine Kleider aus dem
Rucksack und begann, sich anzuziehen. Hätte er doch das starke Verlangen von
Sebastian gespürt! Jetzt nahm Sebastian sein Bad und war noch völlig benommen
von dem Anblick des entblößten Alexanders. Diese geballte Kraft in äußerster
Unschuld war fast unerträglich.
Nach dem Baden ging man hinaus in
die Stadt, um noch etwas zu essen. Agrigento, diese ehemals griechische Stadt
auf Sizilien, machte Sebastian zum Sklaven seiner Lust. Er dachte an die wilde
Maria seiner Kindheit und an die zierliche Kiyoko aus dem Land der Tennos. An
den liebevollen Paul und an den willigen Araber aus Jerusalem erinnerte er
sich. Der pianospielende Max, dessen fast undurchdringliches
Hämorrhoidengestrüpp ihn immer wieder aufstachelte und der starke amerikanische
Soldat aus den Blue Ridge Mountains kamen ihm in den Sinn. Die Welt fing an,
sich zu drehen und alles war voll der schönsten Farben. Die fleischgewordene
Sehnsucht war der blauäugige Alexander, den es unbedingt zu unterwerfen galt.
Kaum noch einen klaren Gedanken konnte Sebastian fassen. Das Geringste hätte
gereicht, ihn explodieren zu lassen.
Fiat voluntas tua, Domine!
Gegen Mitternacht kehrte man ins
Hotel zurück. Sebastian und Alexander entkleideten sich und begaben sich zu
Bett. Die Hitze machte beiden schwer zu schaffen. Da lagen sie nun, in
Agrigento, im großen Doppelbett; einmal mit und einmal ohne Laken wegen der
Wärme. Von einer Seite auf die andere wälzte sich Alexander. Sebastian
versuchte, Schlaf zu finden, aber aufgrund der hohen Temperaturen war das fast
unmöglich.
Im Laufe der Nacht lag Sebastian
zum wiederholten Male auf seiner rechten Seite, mit dem Rücken zum Fenster.
Alexander, in seiner Verzweiflung, in Orpheus' Armen Ruhe zu finden, drehte
sich wieder um und lag nun mit dem Gesicht zur Tür. Schon lange bedeckte das
weiße Bettuch nicht mehr seinen athletischen Körper. Die breiten Schultern, den
Rücken, die schneeweißen, muskulösen Arschbacken und die kräftigen Beine sah
Sebastian. Diesen durchtrainierten Körper von Alexander betrachtete er, ohne
ihn berühren zu können. Neben ihm lag er, so nah, aber ohne Möglichkeit, ihn
jemals zu erreichen. An den florentinischen David aus hartem, fast weißem
Marmor musste Sebastian denken. Neben ihm lag das fleischgewordene Verlangen,
das seit ewigen Zeiten die sehnsuchtsvollen Herzen der Menschen zu unsagbaren
Taten beflügelte. Alexander verkörperte, hier in Agrigento, alle Sehnsüchte der
ganzen Menschheit. Die Erinnerung an jenen Ex-Soldaten aus den Blue Ridge
Mountains drängte sich Sebastian immer mehr auf. Ihm kam es vor, als wären es
die gleichen Körper: der eine war Student und Holländer und der andere
ehemaliger Kämpfer in Vietnam und Amerikaner. Was würden ihre Wünsche sein? In
ihren Träumen würden gewiss unterschiedliche Bilder und Geschichten vorkommen.
An die Augen des Ex‑Kriegers dachte Sebastian, die für ihn eine
unüberwindbare Barriere darstellten. Er sah jetzt diesen göttlichen Adonis an
seiner Seite, ohne dessen Augen sehen zu können. Die Erregung stieg. Wenn
Sebastian seinen Arm ausgestreckt hätte, wäre er genau da gelandet, wo er
glaubte, seine Sehnsucht stillen zu können. So greifbar nah neben ihm lag
dieser makellose Körper. Die aufreizende Spalte, von der er wusste, dass sie
die Verheißung, die sie suggerierte, auch erfüllen könnte, betrachtete er.
Friedlich und ruhig schlief der schöne Alexander. Fast unhörbar war sein Atmen.
Er zog ein Knie etwas, in Richtung auf die Brust, an. Die Ritze öffnete sich
ein wenig und Sebastian war völlig erregt. Er nahm seinen Schwanz in die Hand
und es kam zur Explosion. Große Mühe kostete es ihn, diese Erregung, so lautlos
wie möglich, zu einem guten Ende zu bringen. Der kraftvolle Alexander schlief
weiter, ohne je auch nur geahnt zu haben, dass er in jener Nacht, in Agrigento,
das Paradies Sebastian fast offengelegt hätte. Erschöpft und mit einigen
Schuldgefühlen schlief Sebastian ein.
Am nächsten Morgen packten die
beiden ihre Rucksäcke, nahmen den Bus hinunter nach San Leone, zum Campingplatz
am Strand und bauten ihr Zelt auf. Den Tempel von Agrigento hatten sie schon
während der Busfahrt gesehen. Er befand sich auf halbem Wege.
Sie schwammen im blauen Meer und
freuten sich des Lebens. Am Strand wurde Sebastian von einem Italiener aus
Mailand angesprochen, der in Agrigento, bei seiner Mutter, die Ferien
verbrachte. Um die dreißig war dieser gebürtige Sizilianer und sehr charmant.
Sebastian lud er ein, den Tempel am Abend zu besichtigen. Sebastian sagte, dass
sein Freund, Alexander, dann auch mitkomme, aber dem Italiener aus Mailand
machte das nichts aus. Man badete noch weiter bis zum Spätnachmittag. Im Wasser
kam es bereits zu ersten Intimitäten mit diesem Südländer. Was ihn im griechischen
Tempel von Agrigento erwartete, wusste Sebastian also schon. Von dem Rendezvous
und den Liebesbezeugungen im lauen Meereswasser mit diesem sizilianischen
Italiener hatte Sebastian dem verständnisvollen Alexander ausführlich
berichtet. Für Alexander war das kein Hindernis, wenn er nur in Ruhe den
"Tempio della Concordia" besichtigen könne. Dieser lateinische Name
sei übrigens nicht der ursprüngliche. Deswegen komme es gelegentlich auch vor,
dass man diese einstige Kultstätte schlicht und einfach Tempel "F" nenne.
Dieser Buchstabe habe aber keine weitere Bedeutung. Hiermit werde nur eine
alphabetische Reihenfolge angedeutet, in die man diesen Tempel und die übrigen
antiken Ruinen hineingepresst hätte, um ihrer habhaft zu werden. Alexander hob
hervor, dass er unbedingt die vierunddreißig dorischen Außensäulen nachzählen
wolle, denn diese seien noch vollständig erhalten. Sebastian fragte ihn noch
kurz, was "Außensäulen" eigentlich seien. Etwas entrüstet erwiderte
Alexander, dass es sich dabei natürlich um die Kolonnade an der Außenseite
handle. Offensichtlich hatte er bereits den bunten Hochglanz‑Prospekt des
Verkehrsvereins aufmerksam gelesen. Vollständigkeitshalber fügte er noch
schmunzelnd hinzu, dass "dorisch" von den "Doriern"
abgeleitet sei. Dies wiederum sei ein Stamm, der im alten Griechenland
beheimatet gewesen sei. Sebastian hörte sich Alexanders kleinen Diskurs an,
ohne sich anmerken zu lassen, dass ihn die Geschichte der antiken Baukunst zum
jetzigen Zeitpunkt nicht sonderlich interessierte. Seine Gedanken waren schon
ein wenig berauscht von dem, was im Tempel, hinter den Säulen, geschehen würde.
Mit dem Auto kam dann abends der
Italiener und holte die beiden ab. Man fuhr die kurze Strecke vom Strand hinauf
zum Tempel von Agrigento. Alexander besichtigte das ehemalige griechische
Heiligtum der Eintracht und Sebastian begab sich mit seinem Sizilianer,
seitlich der mächtigen Säulen, ins Gebüsch. Direkt ließ der Italiener seine
Hose herunter und Sebastian musste sich seines Schwanzes erbarmen, sowohl oral
als auch manuell. Schon nach kürzester Zeit spritzte der Italiener und
Sebastian ging leer aus. Seinen gespreizten, sizilianischen Arsch streckte er
Sebastian zwar noch entgegen, aber es half nichts. Sie gingen in den Tempel zu
Alexander. Er berichtete, dass die Anzahl von vierunddreißig stimme.
Gleichzeitig fügte er aber hinzu, dass das Zählen ihn gelangweilt habe, da jede
Säule der anderen gleiche. Nach seiner Berechnung müsse sich die Gesamtzahl der
Säulen einst auf achtundsiebzig belaufen haben, wenn man davon ausgehe, dass
der ganze Raum mit Säulen gefüllt gewesen sei.
Man fuhr zurück zum Campingplatz.
Anschließend machte sich der heißblütige Mailänder, im wahrsten Sinne des
Wortes, aus dem Staub. Er gab Vollgas und die Räder seines Autos verursachten
eine derartige Sandwolke, dass man fast ein Taschentuch benötigt hätte, um sich
vor den aufwirbelnden feinen Körnchen zu schützen.
Nach einigen Tagen verließen
Sebastian und Alexander Agrigento. In dieser Stadt hatte Sebastian die ganze
Welt in ihrer unaussprechlichen Pracht und Vielfalt erlebt. Alle Gefühle und
Neigungen hatte er gespürt. Die ganze Menschheit war an ihm vorbeigezogen.
Manches von dem, was er sich vorstellte, glaubte er, tatsächlich erlebt zu
haben. Im Louvre würde die mysteriöse Mona Lisa weiter schmunzeln. In Agrigento
ist sie vielleicht einmal gewesen, vor vielen, vielen Jahren und ihr Lächeln
barg möglicherweise das wundervolle Geheimnis von Agrigento.
Man begab sich nach Taormina. Diese
Stadt lag auf steilen Klippen. Einen wunderschönen Blick hatte man auf das
bläulich schimmernde Mittelmeer. Während des Spaghetti‑Essens in Taormina
fand eine Rückblende statt. Es war zur Mittagszeit, in einem Gartenrestaurant,
im Zentrum. Unter den Blättern der Weinstöcke saß man, wegen des kühlenden
Schattens. Tief unten hörte man das unaufhörliche Rauschen des Meeres.
Sebastian träumte beim Essen schon wieder von Agrigento. Was war bei diesem
Burschen aus Milano so anders gewesen? Warum hatte es nicht geklappt? Diese
Fragen blieben für Sebastian unbeantwortet. Von Taormina ging es wieder nach
Messina, in diese furchtbare Stadt, die Sebastian so unendlich hasste. Mit dem
Fährboot begab man sich zum Festland und dann setzte man, fast ohne
Unterbrechung, die Zugreise über Ancona nach Venedig fort. Dort, in Venezia,
der vielbesungenen Lagunenstadt, besuchten Sebastian und Alexander den Markus‑Dom.
Als sie durch diese byzantinische Kathedrale schritten, hatten sie das Gefühl,
auf einem Schiff zu sein, denn der Fußboden war so furchtbar uneben und schief.
Es waren eigentlich unregelmäßige Wölbungen, über die man fortwährend
stolperte.
Von Venedig ging es dann nach
Peschiera. Dort, am Gardasee, schlugen sie ihr Zelt auf. Einmal machten sie
einen kurzen Ausflug nach Verona, zu einer Opernvorstellung in der dortigen
Arena. Man sah "La Traviata", eine Oper von Giuseppe Verdi, der auch
schon "Falstaff" unsterblich gemacht hatte.
Die Geschichte "La Dame aux
Camelias" von Alexandre Dumas wurde ihnen arienmäßig dargeboten.
Letztendlich starb die mitleiderregende Kameliendame Violetta an Schwindsucht.
Bevor diese Lebedame aber die Gelegenheit bekam, das Diesseitige mit dem
Jenseits zu vertauschen, fing es in Verona an zu regnen. In diesem riesigen
römischen Amphitheater war die Stimmung außergewöhnlich beeindruckend. Irgendwo,
aus der Ferne, hörte man die Musik und den Gesang. Fast war es den Hörsälen in
Aachen vergleichbar, nur dass man hier, in der Stadt von Romeo und Julia,
wirklich ein Fernglas benötigte. Bei Sebastian kamen aus unerklärlichen Gründen
weihnachtliche Gefühle hoch. Diese Massenhysterie und das
Zusammenhörigkeitsgefühl, von dem die Großmutter während der Bombennächte
erzählte, konnte man ganz deutlich spüren.
Von Peschiera reiste man nach
Mailand. Einige Stunden nur blieb man in dieser stolzen lombardischen Stadt.
Das Wunder von Milano war die Kathedrale. Die beiden Studenten begaben sich
dorthin, und Sebastian musste sich, vor lauter Faszination, an einem Laternenpfahl
festhalten. Dieses prachtvolle Gebäude mit den unzähligen, fast weißen
Marmortürmchen, überwältigte ihn dermaßen, dass er gewünscht hätte, eine
längere Zeit dort, vor dem Dom, zu verweilen. Aber der Fahrplan ließ es nicht
zu. Noch schnell schaute man sich das Hauptportal mit diesen zig in Stein
gemeißelten Figürchen an. Sebastian strich mit den Fingerkuppen über deren
Relief. Er spürte die Liebe, die von den Handwerkern beim Einmeißeln und
Eingravieren, damals vor mehr als fünfhundert Jahren, dort hineingelegt worden
war. Schnell begab man sich wieder zu diesem bombastischen, mussolinischen Hauptbahnhof
und reiste ohne Unterlas, über die Alpen nach Holland. Eine Höllenfahrt war es.
Ende August kamen Sebastian und Alexander, völlig erschöpft, in Utrecht an. Für
Sebastian hatte sich die Reise gelohnt, denn jene eine Nacht in Agrigento war
so honigsüß. Von alledem aber ahnte Alexander nicht das geringste.
11. Kapitel
Im neunten Semester war Sebastian
bereits. Die zweite italienische Reise hatte ihm gut getan. Sie hatte sowohl
seinen Körper als auch seinen Geist erfrischt.
Voller Energie widmete er sich dem
Studium. Mit seinen Mitbewohnern unterhielt er einen freundschaftlichen
Kontakt, dort oben auf der siebzehnten Etage. Die Buschnegerin und der
Hindustani wohnten noch immer dort. Zuweilen kam es vor, dass einer auszog,
weil er sein Studium beendet hatte. Bei einem solchen Bewohnerwechsel stieß ein
noch junger Jurastudent zu ihnen. Er hieß Anton und wurde der direkte
Zimmernachbar von Sebastian. Neunzehn Lenze zählte er und befand sich erst im
dritten Semester. Er war der Benjamin der Gruppe. Manchmal geschah es auch,
dass das achtköpfige Kommilitonen‑Team ein gemeinsames Abendessen
organisierte. Bei diesen Diners, die sich über einige Stunden hinzogen, wurde
über das Studium, die Dozenten und allerlei Sonstiges gesprochen. Einer der
besten Erzähler war der Hindustani aus dem fernen Surinam, das jetzt schon seit
vier Jahren von Holland unabhängig war. Er berichtete von den wildesten
Abenteuern und der schönen Natur, die es in diesem südamerikanischen Land gäbe.
In den Flüssen kämen noch Krokodile vor. Bei solchen Gastmählern kam man sich
näher.
Zunächst rundete Sebastian seine
Nebenfächer, Italienisch und Spanisch, so weit dies schon möglich war, ab. Er
musste mit seiner literaturwissenschaftlichen Untersuchung anfangen, denn im
zehnten Semester würde ihm dafür nur noch wenig Zeit zur Verfügung stehen, da
er dann, als Hospitant an einem Gymnasium, unterrichten würde. Mittlerweile war
er neunundzwanzig Jahre. Gut entwickelt hatte er sich und schaute der Zukunft
voller Zuversicht entgegen.
In sexueller Hinsicht war der Engel
mit ihm zufrieden und auch sonst gab es, bis auf das Musizieren, nichts, was zu
bemängeln gewesen wäre. Er hatte sich damit abgefunden, dass sein Schützling
nicht dazu zu bewegen war, ein Instrument zu erlernen. Sebastians pazifistische
Einstellung erfreute ihn dahingegen um so mehr.
Was dem Boten Gottes bei Albrecht,
trotz vieler Versuche, nicht gelungen war, sah er jetzt bei Sebastian erfüllt.
Bisher hatte dieser noch nie eine Schusswaffe oder anderweitiges Kriegsmaterial
in der Hand gehabt. Bei Albrecht, als dieser in Sebastians Alter war, vor mehr
als fünfhundert Jahren, war das anders. Diesen Schwerenöter musste der Engel
immerfort vom Töten abhalten. Das gleiche galt für seine sexuellen
Ausschreitungen. Neunzehn Kinder hatte er ja bei zwei verschiedenen Frauen
gezeugt. Diese zahlreiche Nachkommenschaft sollte Sebastian erspart bleiben.
Der Engel war der Ansicht, sein Schützling müsse kinderlos bleiben, damit ihm
die große Verantwortung der Erziehung des Nachwuchses erst gar nicht aufgebürdet
werde.
Obwohl der Engel nur Gutes über
Sebastian berichten konnte, wenn er denn jemals danach gefragt worden wäre,
hatte er sich trotzdem dazu entschlossen, ihm wieder ein Leid zu schicken. Im
steten Auf und Ab von Freude und Schmerz sollte sein Schützling lernen, das
Leben in seiner Wechselhaftigkeit zu meistern. Die stoische Lehre, die besagte,
dass der Mensch von seinen Affekten befreit werden müsse, damit ihm ein
zufriedeneres Dasein beschieden sei, hatte sich als zu utopisch erwiesen. Der
Engel war der Auffassung, es komme nur darauf an, die Dosierung von Glück und
Leid so zu verabreichen, dass Sebastian nie sein seelisches Gleichgewicht
verliere.
Als der Sommer zur Neige ging, war
die Zeit gekommen, dass sich die Vorsehung erfülle.
Ende September erhielt Sebastian
ein Telegramm. Ihm wurde mitgeteilt, dass die Mutter ins Krankenhaus
eingeliefert worden sei. Am folgenden Tag begab er sich zu ihr. Dort lag sie
nun, erschöpft und kraftlos. Sebastian bemerkte die eingefallenen Augen, aus
denen die Lebensfreude schon vor neunundzwanzig Jahren gewichen war. Zu einer
alten, hilflosen Frau war die Mutter geworden. Seit dem Tode des ältesten
Sohnes hatte sie nur noch Schwarz getragen und sich der Trauer hingegeben.
Jetzt war sie selbst dem Tode so nahe. Die Ärzte hatten Gebärmutterkrebs
festgestellt und benachbarte Organe waren auch schon angetastet. Es gab keine
wirkliche Hilfe mehr. Chemotherapie wurde empfohlen. Die Lebensdauer schätzten
die Mediziner auf höchstens zwei Jahre. Sebastian betrachtete die Schwerkranke
und versuchte sich vorzustellen, welches Übermaß an Schmerzen sie noch zu
erleiden habe, bis sie erlöst sein würde. Eine Verkürzung oder gar ein
gänzliches Vermeiden dieses Martyriums lehnte sie strickt ab, da sie der
Meinung war, sie müsse dieses harte Los geduldig ertragen, da es der Wille des
Schöpfers sei.
Sebastian empfand lediglich ein
leichtes Gefühl von Mitleid der Mutter gegenüber, eine aufrichtige Trauer
stellte sich aber, trotz der aussichtlosen Lage, in der sie sich befand, nicht
ein.
Die Mutter und der Sohn redeten
etwas miteinander. Aber nur über Belangloses sprachen sie. Gerne hätte
Sebastian gewollt, dass sie aus ihrem Leben erzählt hätte. Was hatte sie
geliebt? War ihr etwas verhasst? Hatte sie ihre Jugendträume verwirklichen können?
Was hatte sie beim Heranwachsen ihrer fünf Söhne empfunden? Hatte sie ein
Erziehungsideal? Warum verabscheute sie die Amour bleu? Aus welchem Grunde
hatte sie die kleine, sanfte Kiyoko so negiert? Alle diese Fragen, die niemals
gestellt worden waren, blieben offen.
Auf diesem Krankenbett lag die
Mutter nur so da und schaute Sebastian an. Unterdessen war dieser schon dabei,
sich innerlich von ihr zu verabschieden. Dieser Beginn des Todes, der sich über
vierundzwanzig Monate, schmerzvoll und voller Hoffnungslosigkeit, dahin ziehen
sollte, ergriff Sebastian nicht. Er wunderte sich selbst etwas über seine
Einstellung. War der Tod einer Mutter nicht das Schlimmste, was einem Sohn
widerfahren könnte? Eigentlich hatte Sebastian sich schon einige Wochen nach der
Geburt von der Mutter getrennt, aber damals noch ungewollt. Er fuhr wieder nach
Holland zurück, um seine Studien fortzusetzen. Der Tod der Großmutter und des
ältesten Bruders hatte damals dramatisch auf ihn gewirkt. Aber dieser lange
Sterbensweg der Mutter war kein Drama, keine Tragödie. Er vollzog sich leise,
lange und schmerzhaft. Die Mutter litt, aber öffnete sich nicht. Ein in sich
selbst gekehrtes Leben hatte sie geführt. Sie war immer in der Abhängigkeit
ihrer Umgebung steckengeblieben. Damals, als Sebastian heranwuchs, hatte sie
ihn nicht stimuliert und nicht gelobt. Seine Geschichten hatte sie sich nicht
angehört und darauf reagiert. Tagein, tagaus war sie mit der täglichen
Hausarbeit beschäftigt. In diese Alltäglichkeiten hatte sie sich geflüchtet.
Gab es in ihr eine unüberwindliche Barriere? Sie hätte Zeit genug dazu gehabt,
sich davon zu befreien. Intime Freunde und Freundinnen besaß sie nicht.
Der Engel, der jetzt bereits seit
mehr als neunundzwanzig Jahren sorgsam über seinen Schützling wachte, konnte
beobachten, dass dieser den beginnenden Tod der Mutter nicht schwer aufnahm. Er
stellte voller Wohlbehagen fest, dass Sebastian nun in der Lage war, mit Hilfe
des Erlernten, auch schwierige Situationen selbständig zu meistern. Um ihm
dennoch zusätzlich eine kleine Hilfestellung zu geben, auf dass ein mögliches
Versinken in Trauer und Schmerz unter allen Umständen vermieden werde, sorgte
der Bote des Allwissenden für neues Liebesglück. Dazu suchte er sich einen
älteren Studenten von einunddreißig Jahren aus. Der Engel hatte diesmal ganz
besonders auf die Reife des Auserkorenen geachtet. Sowohl die
Relativitätstheorie von Einstein als auch die Maxwell’sche Theorie des Lichtes
sollten zu dessen geistigem Gepäck gehören.
An einem lauen Septemberabend war
die Zeit gekommen, dass sich das vollziehen sollte, was der Bote des
Allmächtigen vorherbestimmt hatte. Sebastian verspürte den unwiderstehlichen
Drang auszugehen. Er besuchte eine der unzähligen Studentenkneipen, die es in
Utrecht gab. Diese Treffpunkte der jungen und schönen Müßiggänger, in deren
Köpfen der Samen der Weisheit schon keimte, den die Alma mater dort
hineingestreut hatte, wirkten mitunter wie eine Droge auf Sebastian. Sooft
schon hatten sie die Rolle eines Mittlers erfüllt, damit sich seine Wünsche
erfüllten. Dort traf er einige Bekannte und unterhielt sich animiert mit ihnen.
Da er sehr intensiv mit seinem Studium beschäftigt war und alles so verlief,
wie er es geplant hatte, war er guter Laune und strahlte eine große
Selbstsicherheit aus. Unter den Gästen gab es einen, den er an jenem Abend zum
ersten Mal sah. Im Vorbeigehen sprach er diesen Jungen an und fragte ihn, ob er
am Ende des Abends mit ihm nach Hause gehen wollte. Der Angesprochene sagte
einfach ja. Verblüfft über diese kurze Affirmation war Sebastian und begab sich
wieder zu seinen Gesprächspartnern. Am späten Abend dann, ging er zu jenem
Burschen und bat ihn, sein Versprechen einzulösen. Man ging hinaus, schwang
sich aufs Fahrrad und begab sich zur siebzehnten Etage des Studentenhochhauses.
Direkt zur Sache ging es dort.
Am nächsten Morgen erfuhr
Sebastian, dass sein Bettgeselle Maurits hieß und ein Student der Mathematik
war, und zwar im zwölften Semester. Fortan traf man sich regelmäßig. In der
Freizeit wurden unzählige Fahrradtouren in die nähere Umgebung unternommen.
Einmal kamen sie sogar bis nach Doorn. Zu seiner Überraschung musste Sebastian
feststellen, dass im geräumigen Garten des dortigen Schlösschens der letzte
deutsche Kaiser die immerwährende Ruhe gefunden hatte. Er lag in einem winzigen
Mausoleum, in dem nur dieser eine Sarg Platz hatte. Durch die kleinen Fenster
konnte man hineinschauen. Still und friedlich stand der schwere Sarkophag dort,
in dem der einstige deutsche Herrscher dem Jüngsten Tag entgegenschlummerte.
Vor dieser schlichten Ruhestätte gab es fünf kleine Grabsteine. Dort waren die
fünf Lieblingshunde des Kaisers begraben. Ein Schäferhund, von vier Dackeln
flankiert, bewachte das unscheinbare, aber imperiale Mini‑Mausoleum.
Würden doch Engel herbeieilen und ihn heimtragen! Würde jemals der Tag kommen,
an dem er an die Spree zurückkehren könnte, um in Charlottenburg zu seinen
Ahnen, unter dem wohlwollenden Blick der einäugigen Königin des Nils, gebettet
zu werden? Sebastian hatte den Eindruck, dass diese Grabstätte für einen Kaiser
zu klein sei, machte sich aber weiter keine größeren Gedanken darüber. Er
wandte sich wieder Maurits zu und man radelte weiter in den frühherbstlichen
Sonnenschein hinein.
Der ausgeglichene Maurits erinnerte
Sebastian irgendwie an die fernöstliche Kiyoko. Nur redete Kiyoko mehr. Auch
war es so, dass Kiyoko bei der Kopulation leise vor sich hinstöhnte, was
Maurits aber auch nicht machte. Maurits tat alles, was von ihm verlangt wurde
und sagte wenig oder schwieg. Noch immer, einmal wöchentlich, war Sebastian in
der Therapie. Er erzählte Maurits davon. Aber niemals fand ein ernsthaftes
Gespräch darüber statt. Maurits hörte sich alles an und enthielt sich jeglichen
Kommentars. Was er liebte, war sein Fahrrad, seine Mutter und eine Gruppe von
Kommilitonen, mit denen er einen engen Kontakt unterhielt. Streitereien
zwischen Sebastian und Maurits gab es deswegen nur selten. Der Vergleich zu
Kiyoko drängte sich immer mehr auf, jedoch mit dem Unterschied, dass Kiyoko
abhängig von Sebastian war und Maurits seine eigenen Wege ging. Das Sexuelle in
der Beziehung zu Maurits war weniger leidenschaftlich, dafür aber beständiger
als in den vorherigen Partnerschaften. Ohne größere Probleme, konnte Sebastian
sein Studium in vollem Umfange durchführen. Maurits verlangte nicht übermäßig
viel Zeit. Ende Oktober beendete Sebastian seine Therapie, weil es nichts mehr,
nach seiner Überzeugung, zu therapieren gab. Sie hatte ja auch fast drei Jahre
gedauert. Der Nutzen dieser Langzeittherapie lag darin, dass Sebastian genug
Zeit hatte, den Beziehungsbruch mit Max sinnvoll zu verarbeiten und über neu
hinzugekommene Probleme zu diskutieren und akzeptable Lösungen für sie zu
finden. Von vielen Psychosen war er befreit. Bequem und effektiv war diese
professionelle Hilfe, wenn man sich ihr nur öffnete.
Ende Januar schloss Sebastian seine
beiden Nebenfächer Italienisch und Spanisch endgültig ab. Er hätte sich jetzt
schon ein wenig in diesen Sprachen unterhalten können. Seine germanistische
Diplomarbeit hatte er auch zu einem passablen Ende gebracht. Analysiert hatte
er das Gedicht "Auf den Mund" von Christian Hofman von Hofmannswaldau
und dies dann in Beziehung zum Manierismus gesetzt. Ein Gedicht von zehn Zeilen
wurde zu einer literaturwissenschaftlichen Arbeit von hundert Seiten. In die
Untersuchung wurde sogar die geheimnisvoll vor sich hin lächelnde Mona Lisa mit
einbezogen. Die Arbeit war zwar nicht so glanzvoll geworden, wie er sich das
gewünscht hätte, aber der Professor war ihm wohlgesonnen. Fast ausschließlich seiner
Arbeit als Hospitant an einem Gymnasium in Leiden, widmete sich Sebastian im
zehnten Semester. Er unterrichtete Deutsch. In greifbare Nähe war der
Lehrerberuf gerückt. Mit Maurits ergaben sich keine größeren Schwierigkeiten.
Wöchentlich einmal besuchte dieser sein betagtes Mütterchen in Hilversum. Ab
und zu machte er seine Fahrradtouren mit seinen Kommilitonen, auch längere nach
Frankreich und Deutschland. Bis zum Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald
schafften sie es. Diesem stolzen, kriegerischen und verräterischen Cherusker
Arminius zu Ehren hatten seine Nachfahren ein Denkmal mitten im Wald errichtet.
Maurits berichtete, dass es Touristen in hellen Scharen gegeben hätte. Sie alle
wären gekommen, diesen überlebensgroßen Hermann zu sehen, der schon mehr als
hundert Jahre trotzig wie ein Fels seinen längst vergangenen Sieg feierte.
Andächtig hätten sie zu diesem teutonischen Krieger hinaufgeschaut und in ihren
Augen hätte Ehrfurcht gelegen. Wenn man von Westen käme, könnte man diesen
Koloss schon aus weiter Ferne sehen. Aber auch ihn hatte die Rache Gottes
eingeholt, da er selbst auch getötet hatte. Zu der Zeit, als der Herr in der
Blüte seines kurzen, irdischen Lebens im einstigen Palästina umherschritt,
wurde dieser Cheruskerfürst, noch bevor er vierzig war, von seinem eigenen Clan
hinterhältig umgebracht. Ihm war das gleiche Schicksal beschieden, wie dem
Herrn, dem schwergeprüften, dem schuldlosen, ein Dutzend Jahre später. Dieser
musste damals geopfert werden, weil er es selbst so vorbestimmt hatte und auf
dass sich der Wille Gottes erfülle. Dem heiligen Sebastian sollte dasselbe
einige Jahrhunderte später widerfahren und Lamoraal traf das gleiche Los viele
Jahrhunderte danach, mitten in Brüssel. Sie alle mussten in jungen Jahren
sterben, weil die Vorsehung es so bestimmt hatte. Ein Entrinnen gab es nicht.
Die Mutter von Sebastian litt
weiter und machte ihre Chemotherapie. Dann und wann schrieb Kiyoko. Immer noch
wohnte sie in Kioto und hatte sich vollkommen dort eingerichtet. Die Probleme,
die man erwartet hatte, waren ausgeblieben.
Mit dem Ende des zehnten Semesters
schloss Sebastian sein Germanistik‑ und Lehrerstudium an der Utrechter
Universität ab. Zu seiner vollsten Zufriedenheit war alles verlaufen. Er war
jetzt Germanist, Deutschlehrer, dreißig Jahre und freute sich schon auf das
Ende des Monats August, denn dann würde er seine Unterrichtstätigkeit
aufnehmen.
Der Engel war der Ansicht, dass
sein Schützling erneut eine erotische Sensation erleben sollte, auf dass sich
seine Sexualität kontinuierlich entwickle. Aus diesem Grunde schickte er
Sebastian auf die Pityusen.
Damit sich der Wille des Boten
Gottes erfülle, flogen Sebastian und Maurits Anfang August nach Spanien. Zwei
Wochen lang wollte man sich an den Fluten des Mittelmeeres erfreuen. Als Reiseziel
hatte man die Insel Ibiza auserkoren und ließ sich in Ibiza-Stadt, im Viertel
Figueretas, nieder. Man wohnte nicht in einem Hotel, sondern in einem großen
Appartement mit drei geräumigen Zimmern. Luxuriös war die Einrichtung.
Sebastian und Maurits hatten genau das gefunden, was sie suchten. Das
Mittelmeerklima war angenehm und abends ging man ins Stadtzentrum und spazierte
am Hafen entlang, wo die schönen, weißen Schiffe vor Anker lagen. Ibiza‑Stadt
war ein einziges Touristen‑Eldorado. Kneipen und Restaurants gab es im
Überfluss. Die Altstadt, die auf einem Hügel lag, war paradiesisch schön. Man
musste durch jahrhundertealte Stadttore schreiten, um dorthin zu gelangen. Die
kleine Kirche war sehr beeindruckend. Die trügerische Ruhe dieses idyllisch
gelegenen Gotteshauses jedoch wurde zeitweilig empfindlich gestört, weil es in
der Einflugschneise der Jets lag. Manchmal hatte man das Gefühl, dass die
Flugzeuge seine Turmspitze fast berührten. Was aber auf Sebastian den größten
Eindruck machte, war der wunderschöne, mit dunkelgrünen Pinien umgebene,
breite, feinsandige Strand, wo man nackt baden und schwimmen konnte. In Las
Salinas konnte man die schönsten, männlichen Ärsche und Schwänze Europas sehen.
Nur anfassen durfte man sie nicht. Diese herausfordernden Hinterteile waren
ganz klar ein Wunderwerk des Schöpfers. Sebastian war zwar nicht erregt, aber
doch bewunderte er diese schönen, weißen, jungen und elastischen Ärsche am
Strand von Ibiza. Beruhigend wirkten sie auf ihn und in seinen Träumen konnte
er diese maskulinen Hinterteile besteigen und sich an diesen Arschlöchern
ergötzen. Tagsüber in der ibizenkischen Sonne zu liegen und sich abends in die
Diskotheken zu begeben, machte ihn ein wenig übermütig. Er genoss auf dieser
ehemals mondänen Balearen‑Insel, die einst den europäischen Bohemiens als
angenehmer Zufluchtsort diente, das Leben in vollen Zügen.
Als die beiden von dieser
iberischen Insel zurückgekehrt waren, bezogen sie ihre erste gemeinsame
Wohnung: zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad und Balkon. Man hatte sich häuslich
niedergelassen. Die wilden Jahre schienen vorbei zu sein. Ende August fing
Sebastian als Deutschlehrer an einem Gymnasium in Rotterdam an. Mit dem Zug von
Utrecht nach Rotterdam fuhr er jeden Morgen und nachmittags wieder zurück. Die
Intrigen der lieben Kollegen und der Ärger mit den pubertierenden Schülern
kamen noch hinzu. Die letzteren hatten offensichtlich ganz andere Dinge als
Vokabeln in ihren jungen Köpfen. Anstatt sich auf den Unterricht zu
konzentrieren, überlegten sie sich, wie sie dem Lehrer das Leben schwer machen
könnten und welche Streiche sie am Nachmittag aushecken würden. Des weiteren
waren sie ausführlich mit ihrem äußeren Erscheinungsbild beschäftigt. Sie
dachten darüber nach, ob sie in bezug auf das andere Geschlecht an
Attraktivität einbüßen würden, wenn sich in ihrem Gesicht ein Pickel befände.
Sebastian war enttäuscht über diesen Job, machte aber trotzdem weiter, denn er
musste ja ein Einkommen haben.
Im zweiten Jahr seiner
Lehrertätigkeit, im Herbst, starb dann seine Mutter. Zum Friedhof musste er
wieder und abermals hörte er die Worte des Priesters: "Von der Erde bist
du genommen, und zur Erde kehrst du zurück. Der Herr aber wird dich
auferwecken." An die Großmutter und an seinen ältesten Bruder dachte Sebastian.
Die Mutter wurde zu ihnen gebettet und hatte nun den immerwährenden Frieden und
das ewige Licht leuchte ihr! Sebastian empfand noch immer keine Trauer.
Im fünfzehnten Semester war sein
Gefährte, Maurits, der gloriose Radler, jetzt und entwickelte alle Anzeichen
eines sogenannten ewigen Studenten. Fahrrad fuhr er in jeder freien Minute,
besuchte samstags immer sein altes, gebrechliches Mütterlein und seine,
mittlerweile zu Ex‑Kommilitonen gewordenen, Freunde. Eines Tages
entschloss sich Maurits, der schon so viele mathematische Formeln in seinem
klugen Kopf gespeichert hatte, sein Studium an den berühmten Nagel zu hängen.
Einen Job bei einer Bank hatte er gefunden. Nicht unerwartet kam dieser
Entschluss und war deswegen auch nicht spektakulär.
Sebastian schlug sich weiter mit
den pubertierenden Schülern herum. Geld gab es im Überfluss und die beiden
hatten keine Sorgen. Ab und zu besuchte Sebastian noch jenes Tal an der
holländischen Grenze, wo jetzt sein Vater als unglücklicher Witwer lebte und
Tag und Nacht über sein Alleinsein klagte. Die unakzeptierte Schwiegertochter,
die schon zwei Kinder hatte und der drittälteste Sohn, der mit ihr verheiratet
war, zogen zum Vater ins Haus, damit dieser nicht so einsam sei. Von Tag zu Tag
nahmen die Hassgefühle des Vaters, der Schwiegertochter gegenüber, zu.
12. Kapitel
Sebastians Engel war zu dem
Entschluss gekommen, dass sein Schützling ein weiteres Mal zu einem sexuellen
Höhepunkt gelange, damit sein Leben wieder einen neuen Impuls erhalte. Zu
diesem Zwecke suchte er sich, kurz hintereinander, zwei Männer aus. Ein Spanier
von dreißig und einen Holländer von achtundzwanzig Jahren waren die
auserkorenen. Der Engel wachte unaufhörlich über Sebastian und sorgte, ohne
Unterlas, dafür, dass er immer zur rechten Zeit das Richtige bekomme. Es war
seine einzige Aufgabe.
Zunächst beschloss Sebastian, in
den Osterferien nach Las Palmas zu fliegen, da er von seinen Schülern so
erschöpft war. Er glaubte, dass ein solcher Trip ihm die Zerstreuung bringen
würde, nach der er verlangte. Er bat Maurits, mit dem er jetzt sein Leben in
einer eheähnlichen Beziehung teilte, ohne dass es dabei zu persönlichen
Einschränkungen gekommen wäre, ihn in den Süden zu begleiten. Voller
Begeisterung hörte dieser sich Sebastians Vorschlag an und war direkt damit
einverstanden. Maurits fügte noch hinzu, dass er seit langem schon den Wunsch
hege, eine dieser spanischen Inseln vor der westafrikanischen Küste zu
besuchen. Von Bekannten habe er gehört, dass es dort unendlich lange
feinsandige Strände gebe.
Eine Woche nur sollte die Reise
dauern. Man mietete sich in einem Hotel im Zentrum von Las Palmas, dieser
größten kanarischen Stadt, ein. Die Insel Gran Canaria hatte in der Tat
wunderschöne Sandstrände. Im Süden dieses atlantischen Eilandes lag die Playa
del Inglés. Ein wüstenartiges Sandgebiet war es. Sebastian und Maurits begaben
sich also dorthin, da es das Touristenzentrum der Insel war. Durch die Dünen
wanderten sie und suchten sich ein Plätzchen zum Sonnenbaden. Nachdem man sich
niedergelassen hatte, machte Maurits sich schon wieder auf und verschwand in
diesen teilweise mit Bäumen und Sträuchern bewachsenen Dünen. Ein herrlicher
Sonnentag war es. Durch die leichte Brise herrschte eine angenehme Temperatur.
Auf seinem Handtuch lag Sebastian und träumte vor sich hin. Ab und zu kamen
Leute vorbei, bepackt mit den üblichen Strandutensilien. Sebastian schenkte den
Vorübergehenden keine große Aufmerksamkeit. Einer von ihnen aber, der
offensichtlich ziellos durch diese karge Gegend streifte, fiel Sebastian auf. Nachdem
er diesen Burschen eine Zeitlang beobachtet hatte, bemerkte er, dass dieser
sich auf einen in der Nähe gelegenen Hügel zurückzog, der von Sträuchern
umgeben war. Eine innere Unruhe erfasste Sebastian. Seine Erregung stieg; durch
die Sonne und die exotische Umgebung sicherlich noch verstärkt. Zielgerichtet
ging er auf jenen Hügel zu, auf dem der junge Mann, vermutlich ein Spanier,
entschwunden war. Dem Drang, dort hinaufzusteigen, konnte er sich nicht
widersetzen. Seines freien Willens beraubt war er. Dort, auf der Sanderhebung,
lag der schöne Jüngling und schaute Sebastian an, als ob er ihn schon erwartet
hätte. In den Augen dieses Spaniers konnte Sebastian dessen Verlangen, den
Wunsch nach sexueller Befriedigung, bereits sehen. Er trat auf ihn zu, berührte
ihn und die ganze Sehnsucht, die er in sich trug, erfüllte sich. Am Ende war
wieder diese glückselige Erschlaffung der Muskulatur und das herrliche Gefühl,
dass ein schöner Traum in Erfüllung gegangen war, ohne dass auch nur ein
einziges Wort gewechselt worden wäre. Dieser urmenschliche Drang war es, der
wieder einmal gestillt worden war, an jenem Tag, in den Dünen von Playa del
Inglés.
Sebastian ging wieder zu seinem
Handtuch hinunter. Maurits war schon da und ahnte, was geschehen war. Sanft
lächelte er. Gemeinsam ging man zum aufschäumenden Meer und tauchte in die
kühlenden Fluten, die alle Schuld mit sich nehmen würden, um sie im unendlichen
Ozean versinken zu lassen. Man machte Ausflüge und verbrachte einen angenehmen
Urlaub.
Nach einer Woche flogen die beiden
wieder nach Amsterdam zurück. Nachdem sie Zuhause angekommen waren, schaute
Sebastian seine Post durch und fand einen Brief mit einem ihm nicht bekannten
Absender. In gespannter Erwartung öffnete er das Couvert und las, dass jemand
ihn besuchen wollte, an den er sich beim besten Willen nicht erinnern konnte,
wie sehr er sich auch bemühte. Es wurde mitgeteilt, dass man sich von einer
Geburtstagsfete im Studentenhochhaus kännte. Den Vornamen Erik hatte der
Briefschreiber und wohnte in Utrecht. Seine Telefonnummer war auch angegeben,
so dass Sebastian anrufen konnte. Den Kopf zerbrach er sich darüber, wer es
wohl sein könnte. Er erzählte Maurits davon und dieser empfahl ihm, doch
einfach den Hörer in die Hand zu nehmen und die Nummer zu wählen. Dies tat er
dann auch. Am anderen Ende war eine Frauenstimme. Sebastian nannte seinen Namen
und verlangte, Erik zu sprechen. Die ominöse Dame, die, wie sich später
herausstellen sollte, früher einmal Nonne gewesen war, aber aus Unzufriedenheit
den Orden wieder verlassen hatte, verband weiter. Erik meldete sich und fragte,
ob Sebastian ihn kenne. Dies verneinte er und sagte, dass der Brief für ihn
völlig unerwartet gewesen sei und dass er nichts mit dem Namen Erik anfangen
könne. Für den folgenden Abend, zwischen sechs und acht Uhr machte man eine
Verabredung bei Sebastian. Zu dieser Zeit war Maurits nicht in der Wohnung, da
er immer von siebzehn bis zweiundzwanzig Uhr im Computerzentrum der Bank
arbeitete. Um zwanzig Uhr klingelte es. Sebastian öffnete die Wohnungstür und
dort stand ein gutgebauter, junger Mann mit strahlenden Augen und schwarzem
Haar. Sebastian bat ihn herein. Der schöne Unbekannte stellte sich vor.
Achtundzwanzig war er und studierte Spanisch. Er sagte, dass er Sebastian auf
der bereits erwähnten Geburtstagsfete bei einer Kommilitonin auf der
siebzehnten Etage in jenem Studentenhochhaus gesehen habe. An die betreffende
Fete konnte Sebastian sich wohl erinnern, aber nicht an diesen Studenten, der
jetzt vor ihm stand. Nach dem Grund seines Besuches, fragte Sebastian den
charmanten Erik, da es im Brief und am Telefon nicht klar geworden war. Verbal
schlich der schöne Erik ein bisschen wie die Katze um den heißen Brei und
meinte schließlich, dass die Freundin von der siebzehnten Etage ihm geraten habe,
sich in sexueller Not am besten an Sebastian zu wenden, denn der hätte schon
allerlei auf diesem Gebiet mitgemacht. Er habe nämlich der homo‑, hetero‑
und bisexuellen Erfahrungen in seinem Leben schon so viele gesammelt.
Ob der schlaue Erik es nur als
billigen Vorwand benutzte oder ob wirklich ein sexuelles Problem vorlag, war
Sebastian einerlei.
Um die Ambiance etwas gemütlicher
zu machen, zündete er eine Kerze an. Ganz auf den erotisch wirkenden Erik
stellte er sich ein und erklärte diesem alles Wissenswerte über die
verschiedenen Formen der Sexualität. Sowohl die Triebe und Neigungen zum
eigenen als auch die zum anderen Geschlecht und die Mischung aus beiden wurden
besprochen. Eine bunte Palette der Möglichkeiten gäbe es. Gleichzeitig fügte
Sebastian hinzu, dass man sich unbedingt von sämtlichen gesellschaftlichen
Zwängen befreien müsse und nur das machen solle, von dem man glaube, dass es
das Richtige sei. Man müsse sich von vorgelebten Mustern trennen, wenn man der
Meinung wäre, sie seien für einen selbst nicht das Optimale. Viele Theorien
wurden behandelt. Aufmerksam hörte Erik zu und stellte interessiert einige
Fragen. Unterschwellig musste Sebastian dabei manchmal an die Nachhilfestunden
in Französisch denken, die Veronika ihm einst erteilt hatte. Damals war es
Sebastian, der interessiert Fragen stellte, obwohl er die Antworten schon
vorher wusste. Aber trotzdem, wie auch Veronika damals, ging Sebastian
vollkommen in die Unterhaltung auf und letztendlich machte er dem abwartenden
Erik den sinnvollen Vorschlag, dass man ja direkt die Probe aufs Exempel machen
könne. Anfänglich stellte sich Erik noch etwas reserviert auf. Kurzerhand zog
Sebastian sich ganz aus. Diese völlige Nacktheit brachte Erik dazu, sich peu à
peu bis auf die Unterhose zu entkleiden. Von dieser Hülle befreite ihn dann
Sebastian, indem er ihm den weißen Slip mit einigen elegant‑gekonnten
Bewegungen abstreifte. In die Ecke des Zimmers, wo eine Matratze lag, führte er
den charmanten Erik. Er bat den völlig Entblößten nun, eine derartige Position
einzunehmen, dass dieser, auf Ellenbogen und Knien sich abstützend, seinen
knackigen, wohlgeformten Hintern dem begierigen Sebastian einladend
entgegenstrecken konnte. Der verführerische Sebastian, schon voller Vorfreude
der Dinge, die da kommen würden, kniete sich dahinter. Manuell stimulierte er
das verheißungsvoll‑warme, elastische Loch und die, wie Knicker in einem
Säckchen hängenden Hoden und den bereits anschwellenden Schwanz, der sich noch
wie das Perpendikel einer Standuhr zwischen den muskulösen Schenkeln hin und
her bewegen ließ. Diese herrlichen Arschbacken spreizte der erregte Erik jedes
Mal ein wenig mehr, bis Sebastian dann alles in voller Bereitschaft prächtig
vor sich fand. Dieses Wunder der Natur, willig sich ihm darbietend, brachte das
Blut von Sebastian in Wallung. Dieses weiße Fleisch, so herausfordernd gewölbt
und aufreizend, peitschte ihn auf. Nichts ließ sich mehr aufhalten und das
Erhoffte geschah. Langsam drehte sich der geschmeidige Erik um, und Sebastian
sah den Glanz seiner dunklen Augen im Kerzenschein.
Sie diskutierten weiter über
allerlei Formen der Sexualität und über die Erfüllung, die der Mensch in ihr
finden könne. Man war der Meinung, dass sie sowohl Stress abbaue als auch
befreiend und inspirierend wirke. Ihre positiven Auswirkungen auf Körper und
Geist seien sogar imstande, Depressionen und Migräne zu vertreiben.
Völlig entspannt war Erik.
Sebastian war stolz auf diese Meisterleistung. Große Befriedigung schenkte sie
ihm und die notwendige Kraft, seinen Schülern wieder voller Energie
entgegentreten zu können.
In einem solchen Zustand der
Begeisterung fiel es Sebastian leicht, sie zu manipulieren. Dann konnte er
ihnen, außer der obligatorischen Grammatik, die diesen Gymnasiasten so verhasst
war, auch etwas über Goethe, Schiller und Böll zu erzählen. "Die Leiden
des jungen Werther", "Wilhelm Tell" und "Die verlorene Ehre
der Katharina Blum" gehörten zu den Werken, die den Schülern dargeboten
wurden.
Bölls "Katharina Blum"
gefiel ihnen am besten, da es sich in der Jetztzeit abspielte und der Stoff
übersichtlich und klar strukturiert war. Diese Einfachheit liebten sie. Für
Katharina Blum, die Hauptperson der Erzählung, empfanden sie Mitleid, weil ihr
Leben größtenteils zerstört wurde, ohne dass sie Einfluss darauf hätte nehmen
können.
Werthers Liebesschmerz, den Goethe
so eindringlich beschrieben hatte, drang schon nicht mehr bis zu den Schülern
durch, da sie die Art der Formulierungen als zu umständlich empfanden. Darüber
hinaus missfiel ihnen die Weitschweifigkeit dieses Briefromans.
Bei "Wilhelm Tell" war es
bereits unmöglich, ihr Interesse auch nur andeutungsweise zu wecken. Sebastian
konnte das verstehen, da dieses Schiller’sche Schauspiel ihn damals auch nicht
besonders ansprach, als er selbst noch Schüler war. Dennoch unternahm er ab und
zu den fast aussichtslosen Versuch, seinen Schülern diese Prosa über die
Entstehung der Schweiz näherzubringen, was aber meistens nur geringen Erfolg
hatte. Die Macht der Gewohnheit war es, die ihn manchmal dazu verleitete, auf
Geßler, diesen mächtigen Landvogt, und dessen Widersacher, den tapferen
Wilhelm, dessen Mut auf eine harte Probe gestellt wurde, zurückzugreifen. Vom
Kopfe des Knaben, seines Sohnes, musste er mit Pfeil und Bogen den Apfel
schießen. Aber auch eine kühne Tat wie diese, ließ die Schüler unberührt.
Sebastian berichtete dem besonnenen
Maurits in groben Zügen das, was mit Erik, dem schönen Liebhaber, vorgefallen
war. Wohlwollend hörte dieser zu, aber gleichzeitig konnte Sebastian an dessen
Augen sehen, dass er sich noch etwas daran gewöhnen musste. Wöchentlich kam der
leidenschaftliche Erik jetzt zu einer Art Sex‑Therapie und Sebastian war
in einer euphorischen Stimmung. Mit Maurits einigte er sich dahingehend, dass
Erik in den Stand einer "Maîtresse en Titre" erhoben würde. Dies in
Anlehnung an die Tradition der französischen Könige, wo das ja sozusagen zu
einer öffentlichen Institution gemacht worden war. Geradezu ein Paradebeispiel
war damals Madame de Pompadour, die es als "Mätresse im Amt" am Hofe
Ludwig XV. zu großem Ruhm gebracht hatte. Ein Schloss nach dem anderen wurde
ihr geschenkt und ihr Reichtum stieg ins Unermessliche. Aber auch sie, "La
Favorite du Roi", musste ihre irdischen Güter bereits früh, im Alter von
dreiundvierzig Jahren, andern überlassen. Als man ihren Leichnam am siebzehnten
April Anno Domini MDCCLXIV, zwei Tage nach ihrem Ableben, zur Kirche Notre‑Dame
de Versailles überführte, besaß sie einen Namen, der bereits aus mehr als einem
Dutzend Wörtern bestand: "Madame Jeanne‑Antoinette de Poisson,
duchesse-marquise de Pompadour et de Ménars, dame de Saint‑Ouen près de
Paris, et autres lieux." In den ersten Stunden des darauffolgenden Tages
wurde La Pompadour in der Kirche des Kapuzinerklosters an der Place Vendôme in
Paris an der Seite ihrer Tochter Alexandrine beigesetzt.
Weder Schlösser noch Titel, die mit
Geld verbunden gewesen wären, konnte Sebastian seinem Erik bieten, nur eben den
Kern der Geschichte: den Beischlaf und den Genuss, der sich daraus für beide
Seiten ergab.
Man versuchte, sich mit der
neuentstandenen Situation zu arrangieren. Maurits ging jetzt oft aus und fand
sein Vergnügen mit den unterschiedlichsten Verehrern. Sebastian hatte seinen
"Favori en Titre". Darüber hinaus kam man auch noch seinen sexuellen
Verpflichtungen innerhalb der Partnerschaft nach. Alles ging reibungslos von
statten und jeder war zufrieden. Die Arbeit als Deutschlehrer bereitete
Sebastian, im Gegensatz zu den amourösen Aktivitäten, aber immer weniger
Freude. Während der zwei Jahre, die er jetzt im Schuldienst tätig war, hatte er
erfahren müssen, dass das Unterrichten ihm doch nicht die Befriedigung
schenkte, die er sich davon erhofft hatte. Im Juli gab er seine Arbeitsstelle
voller Enttäuschung auf und richtete seine ganze Kraft auf die Liebe. Nach
einem Jahr der gelebten Lust besann er sich wieder. Erik hatte genug gelernt
und inzwischen so große Fortschritte erzielt, dass er dem Meister ebenbürtig
war. Er besaß jetzt genug Reifheit und Geschick, was ihn dazu befähigte, in
freier Wildbahn überleben zu können.
Ab September nahm Sebastian eine
ehrenamtliche Tätigkeit in einer Schülerberatungsstelle an. Ihm gefiel diese
Arbeit sehr. Aber jetzt merkte er, dass sein deutscher Akzent eher ein
Hindernis als ein Vorteil war. Bei der Arbeit als Dozent war das kein Problem.
Er fing an, das Leben in Holland als eine Beeinträchtigung in seiner
Entwicklung zu sehen. Immer wieder musste Maurits ihn trösten. Manchmal
verlangte Sebastian wieder nach jenem Tal zurück, wo er seine Jugend verbracht
hatte. Die wilde Maria und die geliebte Großmutter kamen ihm in den Sinn. An
die Mutter dachte er, die jetzt schon zwei Jahre auf dem Friedhof ruhte und für
die er keine Trauer empfinden konnte. Trotz der intensiven Bemühungen von
Maurits, Sebastian etwas aufzumuntern, empfand dieser jetzt das Leben in den
Niederlanden als eine große Bürde und schwere Last. Die Depressionen häuften
sich. Zu dieser Niedergeschlagenheit trugen nicht zuletzt auch die
holländischen Tageszeitungen bei. Die Berichterstattung über alles, was deutsch
war, hatte häufig einen negativen Beigeschmack. Sebastian litt jetzt unter
diesen Anspielungen, da er empfänglich für sie war.
Seit Jahrzehnten schon gab es eine
seltsame Hassliebe zwischen beiden Ländern. Während die Zuneigung eine
wechselseitige war, die hauptsächlich aus dem gleichen kulturellen Erbe
herrührte, wurden die Gefühle der Feindseligkeit nur einseitig geschürt. Hier
waren die Untertanen ihrer Majestät im kleinen Königreich hinter den Deichen
unerbittlich in ihrer Auffassung. Da konnte sie auch der Export unzähliger
Blumen sowie tausender Tonnen von Tomaten und Käse, den sie gewinnbringend nach
Deutschland tätigten, nicht auf andere Gedanken bringen.
Die sonst so friedliebenden
Holländer machten aus verständlichen, aber längst überholten Gründen, ihrem
Unbehagen Luft, indem sie die deutsche Besatzung und den Entzug der Freiheit,
der damit einherging, stets wieder als Gesprächsthema aufgriffen. Immer noch
spukte der Krieg in ihren Köpfen, von dem sie sich anscheinend nur schwer zu
lösen vermochten. Dann schlossen sie einträchtig die Reihen und ließen ihren
patriotischen Gefühlen den freien Lauf. Einhellig waren sie der Ansicht, dass
die Deutschen zu überheblich seien. Außerdem hätten sie den rasanten
wirtschaftlichen Aufschwung, der ihnen nach ihrer Kapitulation zuteil wurde,
nicht verdient.
Könnte er doch in jenes Tal, an die
sieben Quellen des Wildbaches zurück! Groß war die Sehnsucht nach der
unwiederbringlichen Vergangenheit. Sie konnte nicht gestillt werden. Dennoch
war Maurits stark genug, Sebastian in jenen freudlosen Tagen ein wenig Trost zu
spenden.
Der Engel war sich Sebastians
misslicher Lage sehr wohl bewusst und griff erneut ein, damit sein Schützling
nicht noch mehr leide. Dazu suchte er sich diesmal ein Novum aus. Er zeigte
Sebastian das Summum der Wollust: Sex pur und im Übermaß. Der Bote Gottes war
der Überzeugung, dass es für den Reifungsprozess Sebastians unabdingbar sei.
Dreiunddreißig war dieser jetzt und reif genug dazu. Der Herr wurde im Alter
von dreiunddreißig an das Kreuz auf Golgatha genagelt und hatte für alle
Missetaten der ganzen Menschheit Sühne getan. Sebastian stand daher dieser Weg
zu den Früchten des Paradieses offen. Für ihn gab es deswegen keine Kreuzigung,
sondern Sex pur.
In jenen trüben Tagen geschah es,
dass Maurits sich Sebastian in Sorge und mit großem Mitgefühl zuwandte. Schon
seit einigen Monaten hatte er mit ansehen müssen, wie das Leiden Sebastians
immer schlimmere Formen annahm. Manchmal starrte dieser stundenlang vor sich
hin, ohne auch nur den geringsten Versuch zu unternehmen, sich aktiv an
Gesprächen zu beteiligen. Die Schwermut hatte ihn fest im Griff und es schien,
als wolle er sich gar nicht mehr daraus befreien.
Maurits fasste sich ein Herz und
versuchte mit all seiner Kraft, zu Sebastian vorzudringen. Er machte ihm den
Vorschlag, zu Silvester gemeinsam nach Amsterdam zu fahren, denn dort gebe es
diese berühmten Sex‑Parties in einem alten Lagerhaus an der
Lijnbaansgracht. Sebastian sagte zu.
Am einunddreißigsten Dezember
begaben sich Maurits und Sebastian an die Ufer der Amstel. Gegen elf Uhr
betraten sie das ehemalige Depot, wo einst die kostbaren Spezereien aus dem
fernen Ambon und Bandalontar eingelagert wurden. Es war ein eisig kalter Abend,
jener Silvester. Die warme Luft voller Verheißungen strömte ihnen entgegen, als
sie die Tür zum ehemaligen Lagerschuppen öffneten. Sie entrichteten den
geforderten Obolus und gaben ihre Winterkleidung an der Garderobe ab. Es
duftete nach frischgebackenen Karpfen. Der aufpeitschende Rhythmus der Musik
drang an ihr Ohr. Sie betraten einen großen, doppelstöckigen Raum. Sowohl im
oberen als auch im unteren Stockwerk befand sich eine Anzahl von Theken, an
denen hauptsächlich Bier und das gleich flaschenweise, verkauft wurde. Über
hölzerne Stiegen konnte man sich von einer Ebene auf die andere begeben. Über
allem aber lag etwas Bedrohend‑Unwirkliches.
Im Obergeschoss wurden die
perversesten, amerikanischen Pornofilme gezeigt. In alle möglichen
Körperöffnungen wurden die unmöglichsten Gegenstände hineingesteckt, ‑gepresst
und ‑gedrückt. Es schien, als ob die Öffnungen immer etwas zu eng für die
Plastikutensilien waren, die darin versenkt werden sollten.
In diesen Räumen, in denen
Sebastian glaubte, bisweilen noch den Geruch fremdländischer Gewürze
wahrzunehmen, hatten sich ausschließlich Männer eingefunden. Sie würden in
dieser einen Nacht in Amsterdam zu allem bereit, damit sich ihre Träume ohne
Einschränkung erfüllten. Vertreten waren alle Altersgruppen, Hautfarben und
Größen. Manche waren bekleidet, andere nur teilweise und einige hatten sich
völlig entblößt. Splitternackte Ärsche und Schwänze jeder Kategorie sah
Sebastian. Seine Erregung stieg. Spärlich beleuchtete und fast dunkle Zonen gab
es. Vor ihm lag der geballte Sex pur. Eine Arena der Lust in ihrer äußersten
Konsequenz war es. An das Bild von dem Raubtier dachte Sebastian, das sich,
aufgrund der großen Masse, nur schwer entscheiden konnte, welches Opfer es
zuerst reißen sollte. Aber in diesem Tempel der absoluten Wollust war jeder
Opfer und Täter zugleich.
Wundervolle, knackige Ärsche und
kühn geschwungene Schwänze, auf die man, unter normalen Umständen, Jahre hätte
warten müssen, gaben sich hier gleich zu Dutzenden ein Stelldichein. Kleine,
große, dünne, dicke, schlaffe, steife, gerade und krumme wurden Sebastian
dargeboten.
Schon lange war Maurits in dem
Getümmel der warmen, dampfenden Fleischmassen verschwunden. Sebastian brauchte
noch eine gewisse Zeit, um sich an all das, was feilgeboten wurde, zu gewöhnen.
An die Blue Ridge Mountains und an
den Ex‑Vietnam‑Soldaten, den er, wegen der Barriere seiner Augen,
nicht überwältigen konnte, dachte er. Der schlafende Alexander im Doppelbett
von Agrigento, den er nicht berührte, weil er fürchtete, abgewiesen zu werden,
kam ihm in den Sinn. An diese, ihm verwehrten süßen Früchte von Ibiza,
erinnerte sich Sebastian. Jetzt streckten sich ihm all diese Köstlichkeiten
gleich zigfach entgegen. Dieses anonyme, feste Fleisch, parfümiert, gewaschen,
naturell oder eingeschmiert, bot sich ihm dar, ohne dass er je erfahren würde,
wer es offerierte. Diese sich bewegenden, strammen Körper en masse waren nur
dazu geboren worden, Sebastian zu willen zu sein.
Wie dumpfe Trommelschläge, deren
Rufen man sich nicht entziehen konnte, dröhnten die tiefen Klänge unaufhörlich
aus den Lautsprecherboxen. Der Alkohol, der seine Sinne schon berauschte, und
die Vorahnung von dem, was geschehen würde, ließen Sebastians Körper erzittern.
Die besonderen Lichteffekte gaben
diesem in sich verschlungenen, überdimensionalen Klumpen aus heftig
pulsierenden, angeschwollenen Adern eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Die
aufputschende Wirkung, die dieses verlockende Halbdunkel hervorrief und der
Schutz, den es gleichzeitig bot, trugen dazu bei, dass die Begierde sich fast
ins Unendliche steigerte. Es gab Augenblicke, in denen Sebastian glaubte, dem
Irdischen völlig entrückt zu sein.
Paradies und Hölle verschmolzen.
Konturen verschwammen und lösten sich auf. Grenzen wurden gesprengt. Chaos und
Ordnung waren zu Synonymen geworden.
Hier offenbarte sich ihm die mit
unsäglichem Schmerz zugepflasterte Via Dolorosa nicht als Leidensweg nach
Golgatha, sondern als Straße der Wollust, die zu den Ausschweifungen von
Gomorrha führte.
Sebastian war willenlos. Er ließ
sich in die Menge gleiten und wurde eins mit dem Universum.
Am frühen Morgen war er vollkommen
erschöpft. Sein Schwanz schmerzte. Einen gewaltigen Kater hatte er und sein
Arschloch brannte fürchterlich. In jener Silvesternacht in Amsterdam hatte er
das Summum des Möglichen erlebt und daran teilgenommen, mit all seiner Kraft. Er
war dreiunddreißig und hatte erfahren müssen, dass die Grenzen zwischen Lust
und Qual ineinander flossen. Es war eine äußerst gefährliche Gradwanderung
allergrößter Bedrohung und himmlischster Glückseligkeit.
Man holte an der Garderobe seine
Winterkleidung wieder ab und verließ diesen Ort der Extreme. Draußen war die
Luft eisig. Maurits und Sebastian nahmen den ersten Zug wieder nach Hause. Man
redete nicht. Benebelt noch vom Alkohol und vom Sex war man. Die beiden Lover
befanden sich in einem Zustand völliger Apathie. Man war in Ekstase gewesen,
jenseits von Gut und Böse.
13. Kapitel
Allmählich hatte sich Sebastian von
der Amsterdamer Nacht der Exzesse erholt.
Im Frühling fing er mit der
Jobsuche an. Als Lehrer wollte er wieder arbeiten, vorzugsweise an einer
Fachhochschule. Nach kurzem Suchen in der Rubrik der Stellenanzeigen fand er
einen Job als Deutschlehrer an einer Fachhochschule in Den Haag. Seinen Bewerbungsbrief
schrieb er und wurde daraufhin zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Im
April fand dieses statt. Sebastian bekam die Stelle und sollte im August
anfangen. Nur einige Monate der Freiheit blieben ihm noch. Seine Tätigkeit als
ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Schülerberatung gab er auf und bereitete
sich auf seinen neuen Wirkungskreis vor. Die geeigneten Lehrbücher suchte er
aus und erstellte einen Lehrplan. Bei dieser Fachhochschule lag der Schwerpunkt
auf Tourismus. Für Sebastian war das kein Problem, da er selbst viele Reisen
machte. Die deutsche Literatur brauchte nicht mehr unterrichtet zu werden, denn
es kam hauptsächlich auf die praktische Anwendbarkeit der Sprache an. Die
Studiendauer betrug fünf Semester und anschließend konnte man als Reiseleiter
im In‑ und Ausland arbeiten. Mindestens siebzehn Jahre waren die
Studenten und hatten entweder die Realschule oder das Gymnasium abgeschlossen.
Ihm bereitete die Arbeit viel Vergnügen, denn die Studierenden waren schon fast
erwachsen. Räsonabel waren sie schon, im Gegensatz zu den Kindern, die
Sebastian früher unterrichten musste, denn diese befanden sich noch mitten in
der Pubertät. Es gab keine Elternsprechtage mehr. Dieser ganze Firlefanz fiel
weg. Eine ungeheure Erleichterung war es.
Die Tage wurden wieder kürzer und
schon bald stand Weihnachten vor der Tür. Sebastian musste so intensiv
arbeiten, dass er kaum noch wahrnahm, wie schnell die Monate verflossen.
Die ersten Schwalben waren bereits
zurückgekehrt. Aber ohne ihrer gewahr zu werden, drohte Sebastian immer weiter
in seinen Lehrbüchern und einen Berg von Papieren, den er selbst aufgetürmt
hatte, zu versinken. Die vielen Unterrichtsstunden und Unmengen von Korrekturen
sorgten dafür, dass er immerfort beschäftigt war. Ungewollt hatte er sich von
seinem Beruf dermaßen vereinnahmen lassen, dass ihm für außerschulische Dinge
nur wenig Zeit blieb.
Als der Sommer kam, den er nur
beiläufig registrierte, beanspruchten ihn die Examen so sehr, dass er selbst
von der jährlichen Ferienreise absah, die er gewöhnlich mit Maurits zusammen
unternahm. Diesen störte das nur wenig. In einer mehrtägigen Fahrradtour mit
einigen seiner ehemaligen Kommilitonen sah er eine gleichwertige Alternative.
Er wisse auch schon, wohin man radeln würde. Waterloo, das in der Nähe von
Brüssel liege, solle das Ziel sein. Dieses Schlachtfeld, das Napoleon einst zum
Verhängnis wurde, wolle er einmal sehen. Es gebe in Waterloo einen künstlich
aufgeworfenen Hügel, den man über Treppen besteigen könne. Von dort oben habe
man einen schönen Ausblick über das Terrain, auf dem das Schicksal des Kaisers,
dieses stolzen Korsen, endgültig besiegelt worden sei. Abschließend meinte
Maurits noch, dass die lebenslängliche Verbannung nach St. Helena als Folge
dieser Entscheidungsschlacht ein hartes Los für ihn gewesen sein müsse.
Der Engel bemerkte, dass Sebastian
auf dem besten Wege war, sich zu einem Workaholic zu entwickeln und griff
behutsam ein, auf dass der Arbeitseifer seines Schützlings rechtzeitig
gebändigt werde.
Einige Wochen nach Semesterbeginn,
der Herbst hatte schon wieder seinen Einzug gehalten, erhielt Sebastian den
Anruf, dass dem Vater ein Bein amputiert worden sei. An einem Wochenende reiste
er an die sieben Quellen des Wildbaches und traf den Vater im Rollstuhl an. Ein
trauriger Anblick bot sich ihm dar, aber der Vater lächelte nur und
entschuldigte sich sogar noch für das verlorene Bein. Bis Sonntagabend blieb
Sebastian bei ihm. Zu dieser Zeit war der Vater noch guten Mutes, weigerte sich
aber, das Holzbein anzuschnallen und wieder gehen zu lernen. Etwas konfus
kehrte Sebastian nach Holland zurück und stürzte sich in die Arbeit.
Zu Weihnachten besuchte er nochmals
den Vater. Jetzt merkte er, dass dieser schon etwas an Lebensmut eingebüßt
hatte. Endlos lang klagte er über seine Behinderung.
Im Sommer fuhr Sebastian wiederum
zu seinem Vater. In ein seelisches Wrack hatte er sich mittlerweile verwandelt.
Er wollte überhaupt nicht mehr aufstehen. Über seine Schwiegertochter, die bei
ihm im Hause wohnte, klagte er ununterbrochen. Inzwischen hatte sie schon vier
Kinder. Aber auch diese Enkel interessierten den Vater nicht mehr. Alle
Hoffnung hatte er aufgegeben. Nur noch sterben wollte er. Stundenlang redete
Sebastian mit dem Vater. Während eines dieser Gespräche vereinbarten sie, dass
er nicht am Begräbnis des Vaters teilnehmen würde. Der Vater zeigte noch einmal
ein letztes, schwaches Lächeln. Mit dem Vorschlag des Sohnes war er vollkommen
einverstanden. Dass es der letzte Besuch und die allerletzte Unterredung sein
würden, wussten beide. Sie schauten sich in die Augen und verabschiedeten sich.
Sebastian fuhr nach Utrecht zurück. Eine gewisse Erleichterung machte sich in
ihm breit.
Einige Monate später erhielt er das
Telefonat, dass der Vater gestorben sei. Den größten Teil der Trauerarbeit
hatte Sebastian schon bewältigt, weil der Sterbensprozess des Vaters mit diesem
selbst bereits besprochen und abgeschlossen worden war. Zur Beerdigung ging er
also nicht. Ab und zu litt er noch darunter, dass jetzt beide Elternteile im
kühlen Grabe ruhten, dort, auf dem Waldfriedhof, wo schon seine Großmutter, die
heißgeliebte Freibeuterin, der älteste Bruder und die Mutter lagen.
Requiem aeternam dona eis, Domine.
Et lux perpetua luceat eis. Amen.
Einige Wochen später, kurz vor
Weihnachten, kam es zur Verteilung der Erbschaft. Sebastian kehrte wieder in
seine Heimatstadt zurück. Jetzt waren die Brüder unter sich: Sebastian, sein
Zwillingsbruder, der dritt‑ und der zweitälteste. Nicht mehr dabei waren
die Eltern. Eine völlig neue Situation war entstanden. Merkwürdig und
beängstigend war es jetzt ohne Eltern, die doch immer der Mittelpunkt der Familie
gewesen waren. Alle Erbschaftspapiere unterschrieb Sebastian und begab sich
wieder nach Holland zurück. In Den Haag, an dieser Fachhochschule, arbeitete er
weiter als Lehrer, aber er konnte jetzt seine Arbeit effizienter verrichten, so
dass ihm genügend Freizeit blieb. Über die neue Situation mit seinen Brüdern
dachte er nach. Irgendwie musste der Kontakt aufrechterhalten werden.
Nächtelang überlegte er und kam zu der Einsicht, dass man sich, auf jeden Fall,
einmal jährlich, sehen müsse, und zwar auf mehr oder weniger neutralem Boden.
Seinen Brüdern schlug er dies vor. Die verblüffend einfache Lösung war
unerwarteterweise schnell gefunden. Der ideale Treffpunkt war die Gartenlaube,
die dem zweitältesten Bruder, dem hilfreichen Hermann, gehörte. Ausschließlich
die vier, jetzt verwaisten, Brüder sollten dort unter sich sein, ohne
Schwägerinnen und ohne Kinder. Durchgeführt wurde dieses Projekt zum ersten Mal
im Mai, sieben Monate nach dem Tode des Vaters. Wunderbar funktionierte es. Als
außergewöhnlich liebevoller Gastgeber erwies sich Hermann. Damals, vor vielen
Jahren, hatte er Sebastian immer die honigsüßen Nusseckchen mitgebracht und
jetzt stellte er seinen liebevoll gepflegten Garten, in dem die schönsten
Blumen standen, zur Verfügung. Blutrote Dahlien und rosafarbene Schmuckkörbchen
teilten sich mit prallen Salatköpfen und heranwachsenden Gurken das Terrain.
Dermaßen zufrieden waren alle, dass man es jedes Jahr wiederholen wollte.
Sebastian und Maurits erfreuten
sich noch immer aneinander. Nur fand man, dass die Maisonnette, die nur aus
zwei großen Zimmern bestand, zu klein würde. Eine andere Behausung suchte man
sich also. Im September bezog man eine Vierzimmerwohnung mit Dachterrasse. Ab
jetzt hatten Sebastian und Maurits ihre eigenen Arbeitsräume und jeder war
zufrieden. Immer noch arbeitete Maurits bei der Bank von fünf Uhr nachmittags
bis zehn Uhr abends. Sebastian unterrichtete weiter. Die Tage und Monate
verstrichen störungsfrei. Finanzielle Probleme gab es nicht. Alles hätte so
weitergehen können, bis ans Ende der Zeit. Angenehm und ohne Sorgen war das
Leben. Zu Besuch bei Freunden und Bekannten ging man. Kleinere Ausflüge wurden
gemacht und manchmal begaben die beiden sich auch in die Oper oder zu einem
Konzert. Der Himmel hing buchstäblich voller Geigen für sie.
Gratias agamus Domino!
Der Engel beobachtete Sebastian
immerzu, auf dass auch die geringste Fehlentwicklung sofort entdeckt und
behoben werden könne. Da er feststellen musste, dass bei seinem Schützling eine
gewisse Sättigung eingetreten war, sorgte er dafür, dass dieser erneut um eine
sexuelle Erfahrung bereichert werde. Aus diesem Grunde suchte er sich einen
langjährigen Bekannten seines Schützlings aus, damit er auch einmal das
Außergewöhnliche eines solchen Ereignisses erfahre. Den fleischlichen Gelüsten
erstmals mit einem ihm schon seit Jahren Vertrauten zu frönen, war Sebastian
bis dahin völlig unbekannt.
Zuweilen kam Anton, der noch immer
Jura studiert, zu Besuch. Er gehörte auch zu der Gruppe von ehemaligen
Kommilitonen, die einst in dem Studentenhochhaus gewohnt hatten und mit denen
Sebastian noch immer regelmäßige Kontakte unterhielt.
Seit einigen Jahren schon hatte
Anton eine feste Freundin, die in ihrer Üppigkeit einer Rubens’schen Gestalt
ähnelte. Sie zu malen, wäre für den flämischen Meister gewiss eine Lust
gewesen.
Anton, inzwischen Student der
Rechtswissenschaften im x‑ten Semester, der eher dünn und lang war und
seine füllige Gefährtin, die seit Jahren schon Pädagogik studierte, wohnten
mittlerweile in einem kleinen Appartement. Da Antons Partnerin eine Schwäche
für Tiere hatte, hielt sie in dieser Einzimmerwohnung ein schwarzes Kaninchen,
zwei schwarzweiß gefleckte Meerschweinchen und drei weiße Mäuse. Zuweilen
kriselte es in ihrer Beziehung, bis es dann zum endgültigen Bruch kam. Mit
ihrem Kleinvieh verließ sie Anton von einem Tag auf den anderen und entschwand
nach Frankreich. Einige Monate nach dieser abrupten Abreise, im Spätherbst, kam
Anton, der ehemalige Zimmernachbar und einstige Benjamin, wieder zu Besuch.
Sebastian und Maurits wohnten erst einige Wochen im neuen Heim.
Er litte noch immer unter dem
Trennungsschmerz, sagte Anton. Außerdem müsse er jetzt aus finanziellen Gründen
als Busfahrer arbeiten. Er mache diesen Job an drei Abenden in der Woche und es
reiche gerade aus, den Kopf über Wasser zu halten. Sein Studium wolle er aber
unbedingt fortsetzen, und er habe vor, es in absehbarer Zeit auch zu einem
guten Ende zu bringen. Sebastian hörte die Worte seines Gastes, ging aber
weiter nicht darauf ein, da es ihm zwecklos und wenig hilfreich erschien, Anton
mit Vorwürfen wegen der Studiendauer zu überhäufen. Schon zu oft war das
geschehen, als dass es noch Sinn gehabt hätte.
Wie gewöhnlich bereitete Sebastian
das Essen zu. Als Student schon hatte er die Kochkunst gründlich erlernt. Er
liebte es, in den Töpfen herumzurühren und dabei daran zu denken, wie herrlich
dem Gast die Köstlichkeiten schmecken würden. Wenn es briet und brutzelte war
er in seinem Element. Der aromatische Duft der Gewürze breitete sich dann in
der Wohnküche aus und in Sebastian stieg die Vorfreude auf das, was seinen
Gaumen erwartete.
Jedes Mal ein großes Vergnügen war
Sebastian das Zusammensein mit Anton, da dieser andächtig zuhören konnte. Sehr
offenherzig war er Anton gegenüber. Im Laufe der Jahre hatte dieser schon
vieles aus dem Leben von Sebastian erfahren. Von seiner Großmutter, von
Jerusalem, von den Blue Ridge Mountains und von der Nacht in Amsterdam hatte
Sebastian ihm erzählt. Immer interessiert hatte Anton zugehört und über dieses
und jenes Fragen gestellt. An jenem kalten Herbstabend wurde wieder aus
Sebastians Leben erzählt. Nach dem opulenten Mahl hatte Anton sich auf der
Couch niedergelassen und lauschte diesen Geschichten. Nach einer Weile streckte
er sich ganz auf dem Sofa aus. Während der Unterhaltung sagte er ganz
unvermittelt, dass Sebastian ihm die Hose öffnen könne, wenn er Lust dazu
verspüre. Unbekannt sei Männerliebe ihm nicht. Sebastian war dermaßen verblüfft
aufgrund dieser völlig unerwarteten Aufforderung, dass er zunächst davon
ausging, Anton erlaube sich einen deplacierten Scherz. Aufrichtig aber meinte
er es. Das vermittelten seine Augen. Die körperliche Erregung begann
schlagartig bei Sebastian, weil Antons Vorschlag, ohne jegliche Vorwarnung, so
plötzlich kam. Völlig überrumpelt war Sebastian. Er erhob sich aus seinem
Sessel und setzte sich neben die Couch auf den Fußboden. Auf dem Rücken lag
Anton und schaute ihn herausfordernd an. Den Hosenschlitz von Antons Hose
knöpfte Sebastian mit leicht zitternden Fingern auf und holte den angenehm
warmen Schwanz hervor. So aufregend war diese Handlung, dass es ihm fast den
Atem verschlug. Nun lag dieser wohlgeformte Schwanz so ganz nackt da. Anton
schaute jetzt den innerlich aufgewühlten Sebastian milde und wohlwollend an.
Wie ein unverdientes Geschenk kam Sebastian dieser entblößte Körperteil vor,
den er zwar voller Vorfreude ausgepackt hatte, bei dem er aber noch leicht
zögerte, ihn in Besitz zu nehmen. Irgendwie fühlte er sich schuldig, dieses
jetzt ungeschützte Ding von seiner Umhüllung befreit zu haben. Die Jeans und
den Slip, die noch in den Kniekehlen hingen, zog er Anton jetzt ganz aus. Den
nicht erregten, aber wunderschönen, Schwanz betrachtete er, fasste ihn behutsam
an, hob ihn nach vorne, in Richtung auf den Nabel, den dieser Samenspender
mühelos erreichte. Jetzt konnte er die von einem rosafarbenen, prallen Säckchen
verhüllten Hoden erahnen und einen Teil der Spalte und den Ansatz der
vielversprechenden Arschbacken sehen. Zwischen die einladenden Schenkel ließ er
die Hand gleiten und fühlte die angenehme Wärme. Seine Fingerkuppen spürten die
sanft auffedernden Konturen dieser elastischen Öffnung, die geradewegs in das
unendliche Land der schönsten Träume führte. Das Hauptportal der Kathedrale von
Mailand! Würde ihm Einlass gewährt? Sebastian merkte wieder dieses
Sensationelle, das er schon so oft empfunden hatte und das jedes Mal aufs neue
so aufputschend war. In der Spontaneität dieser Aufforderung lag das
Faszinierende.
Sebastian bat den schmunzelnden
Anton auf sein Zimmer, da Maurits zwischen zehn und elf von der Arbeit
heimkommen würde. Ein Problem würde es zwar nicht sein, aber dennoch peinlich.
Anton stand auf und ging zu dem angewiesenen Zimmer. Erstmals konnte Sebastian
jetzt die volle Pracht dieses schöngeformten Arsches bewundern. Fest war das
Fleisch, weiß und unbehaart. Beim Gehen machte es leicht vibrierende
Bewegungen. So verheißungsvoll war diese Spalte. Jerusalem und Agrigento
rückten wieder in greifbare Nähe. In Sebastian stieg die Wollust unaufhörlich.
Die honigsüßen Früchte des paradiesischen Baumes hatten ihre volle Reifheit
erreicht. Der hemmungslose Sebastian drehte Anton auf den Bauch, spreizte ihm
die prallen Arschbacken und sah dieses wundervolle Loch. Seinen Finger wollte
er ein wenig hineinstecken, aber dieses Tor zum Garten Eden öffnete sich nicht.
Es hätte erst eingefettet werden müssen. Während dieses Versuches des
Eindringens merkte Sebastian bereits, dass es Anton äußerst unangenehm war. Ein
anderes Indiz für die Peinlichkeit des Penetrierens war auch die Tatsache, dass
Anton seinen Arsch nicht in die Höhe streckte, denn alleine dadurch schon wäre,
fast automatisch, eine Spreizstellung erreicht worden. Ein weiterer Beweis für
diese unerwünschte Situation lag eindeutig im leichtverärgerten Tonfall, der in
Antons Bemerkung mitschwang. Vorwurfsvoll murmelte er, ob dies jetzt unbedingt
nötig sei. Sebastian erregte dies nur noch mehr, aber er hörte doch mit dem
Eindringen auf, weil er Anton, den einstigen Benjamin des Kommilitonen‑Teams,
schon so lange kannte und ihn schonen wollte. Seine Freundschaft war Sebastian
schon sehr wichtig. Auf den Rücken drehte sich Anton wieder und sein Schwanz
war noch schlaffer als zuvor geworden. Zur Ejakulation kam Sebastian dann doch
noch irgendwie, während Anton ganz deutlich angab, dass es ihm lieber sei, wenn
es, so schnell wie möglich, vorbei wäre. Abschließend sagte er noch, dass er
eigentlich froh darüber gewesen wäre, nicht zum Orgasmus gekommen zu sein. Dies
alles störte Sebastian nicht so sehr. Er verzieh Anton diese Bemerkung. An
diesem Sexualakt war das Aufregendste, das Unerwartete der Aufforderung zu
Beginn. Sebastian und Anton besuchten einander weiter, aber jetzt, so wie
früher, ohne Sex, obwohl noch immer etwas Erotik von Sebastians Seite zu spüren
war.
Der Alltag begann wieder, und die
Arbeit als Lehrer ging weiter. Allmählich wurde es kälter und dann geschah es
wieder, dass der nächtliche Glockenklang, wie seit uralten Zeiten schon, die
Geburt des Herrn verkündete. Kurz darauf feierte man Silvester, mit allen guten
Vorsätzen, die mit einem Jahreswechsel verbunden waren. Einige Wochen danach
luckten schon die ersten Schneeglöckchen aus dem noch leicht befrorenen Boden
hervor.
Der Frühling ließ sein blaues Band
wieder flattern und ein wenig später wirbelten abermals die prächtigen
Schwalben durch die Lüfte, auf der Suche nach Futter für ihre neue Brut.
Sebastian musste die Abschlussprüfungen für seine Studenten zusammenstellen.
Ein paar Monate vergingen und
Sebastian korrigierte die Examen. Im September begann wieder das neue Semester.
Die Jahre zogen ins Land und
Sebastian genoss seinen Beruf. Das Interesse, das die jungen Leute ihm und
seinem Fach entgegenbrachten, tat ihm gut. Allerdings achtete er jetzt darauf,
dass ihm genügend Freizeit blieb. Inzwischen war es ihm durch eine effizientere
Einteilung der Zeit gelungen, sich des Berges von Papieren zu entledigen, die
sich unmerklich, aber stetig angehäuft hatten. Sein Schreibtisch war jetzt
aufgeräumt und lud zur Muße ein.
Im Deutschunterricht wurde von den
Studenten erwartet, dass sie Referate schrieben und Vorträge hielten, in denen
eine deutschsprachige Stadt behandelt werden musste.
Von Luzern und dem Provisorium Bonn
erzählten sie. Über das geteilte Berlin referierten sie. Bewundernswert war es,
wie sie sich mit diesen und anderen Städten des deutschen Sprachgebietes
beschäftigten. Zur Zufriedenheit Sebastians hatten sie anscheinend gelernt,
historische, kulturelle und touristische Aspekte so geschickt und folgerichtig
miteinander zu verknüpfen, dass daraus ein harmonisches Ganzes wurde. Einige
geistreiche Einlagen, an den richtigen Stellen platziert, verliehen dem
Gesamten die notwendige Auflockerung.
In dieser Zeit der Ruhe und
Beschaulichkeit, fing es dann im Osten plötzlich, aber nicht unerwartet, an zu
brodeln. Der Eiserne Vorhang zerriss. Die Betonmauern der Spaltung stürzten
ein. Das Getöse war so gewaltig, dass selbst die Fundamente erschüttert wurden
und auseinanderbrachen. Vieles von dem, was einst teuer und unverzichtbar
erschien, wurde mit in den Abgrund gerissen. Nur ein Scherbenhaufen von
zertrümmerten marxistischen Dogmen blieb übrig.
Der gesamte östliche Teil Europas
befreite sich von dem Joch der Unterdrückung. Zu lange hatte man sich in
Duldsamkeit geübt, als dass es noch länger zu ertragen gewesen wäre. Die Mauer
in Berlin, die in fast dreißig Jahren zum Symbol gegensätzlicher Weltanschauungen
geworden war, brach in sich zusammen. Dieser ungezügelten Kraft der Erneuerung
hatte sie nicht standhalten können. Die Menschen taumelten freudetrunken einer
unbekannten Freiheit entgegen, die ihnen noch so viel Leid und Tränen bringen
sollte.
Sebastian konnte alles nur aus der
Ferne miterleben. Seine Studenten fragten ihn, wie er sich diese abrupte
Veränderung erkläre. Er, der Lehrer, wusste keine Antwort. Schneller als er es
je hätte erahnen können, ging der Umbruch vor sich. Berlin, die Stadt, in der
er vor achtzehn Jahren den realen Sozialismus, wenige Stunden nur, erlebt
hatte, war im Begriffe, sich neuzuorientieren. Sebastians Überlegungen von
damals in bezug auf den Status dieser Stadt, hatten sich als falsch und
unausgereift erwiesen. Spätestens jetzt stand fest, dass der kommunistisch
geprägte Sozialismus eine Fehlentwicklung war. Auch Sebastian musste das
einsehen, obwohl es ihm schwer fiel, denn er hatte insgeheim immer mit der
Marxschen Theorie sympathisiert, deren Umsetzung in die Praxis solche großen
Schwierigkeiten bereitete. Dieser schöne Traum von der klassenlosen
Gesellschaft war nun endgültig zerronnen. Die angestrebte Gleichheit war erneut
zu einer Utopie geworden.
Die DDR war erloschen und Berlin
war wieder zur gesamtdeutschen Hauptstadt aufgestiegen. Wie ein Phönix aus der
Asche schwang sie sich empor, um erneut in dem Glanze zu erstrahlen, den sie
einst besessen und den der Bombenhagel ihr fünfundvierzig Jahre zuvor so
unvorbereitet genommen hatte.
Sebastian ahnte, dass auch einmal
der Tag kommen würde, an dem der letzte deutsche Kaiser, von dem kleinen,
verträumten Doorn aus, wieder nach Charlottenburg zurückkehrte. Genauso wie
Napoleon, der letztendlich von St. Helena nach Paris überführt wurde, um im
Dôme des Invalides beigesetzt zu werden, würde auch er, der Kaiser, an die
Spree heimkehren, um zu seinen Ahnen gebettet zu werden. Nofretete, die Königin
des Nils, würde dort über ihn wachen.
Diese hektischen Monate des
Umbruchs gingen wie im Fluge dahin.
Im Frühling, Sebastian war gerade
einundvierzig geworden, wurde seinem Gefährten, dem klugen Maurits, der sich im
Laufe der Jahre zu einem prächtigen Bürohengst und einem einfühlsamen Liebhaber
entwickelt hatte, ein neues Arbeitsfeld bei der Bank zugewiesen. Nachdem zum
wiederholten Male reorganisiert und rationalisiert worden war, landete Maurits
im EDV‑Bereich. Zum Einsatz kam er dann, wenn einer der vielen Computer
verrückt spielte. Manchmal berichtete Maurits von Vorfällen an seinem neuen
Arbeitsplatz. Nicht die Hard‑ oder Software seien die Bösewichte, die
zuweilen Störungen verursachten, sondern die Mitarbeiter, die sich ihrer
bedienten. Die Kenntnisse der elektronischen Datenverarbeitung seien mitunter
erschreckend gering. Sie pumpten mit Hilfe der Programme die Festplatten so
voll, dass es unweigerlich zum völligen Kollaps des Systems kommen müsse. Wenn
wieder einmal etwas aus unerklärlichen Gründen von der Festplatte oder Diskette
verschwunden sei, komme es gelegentlich zu hysterischen Wutanfällen, wobei
ganze Tastaturen zu Bruch gingen. Diese Anzeichen der Ohnmacht konnten Maurits
nicht erschüttern, denn er besaß ein heiteres Gemüt. Zudem profitierte er noch
von der günstigeren gleitenden Arbeitszeit. Nicht mehr vom Spätnachmittag bis
in die Nacht, sondern tagsüber konnte er jetzt seinem Job nachgehen. Maurits
gewöhnte sich rasch an sein neues Umfeld und bereits schnell stieg er auf der
Karriere‑Leiter. Zum Koordinator wurde er befördert und genoss die neue
Position. Die Betreuung der Computer‑Ohnmächtigen überließ er jetzt
anderen. Diese Verzweifelten blieben zurück und suchten weiter nach gelöschten
Speichern, ohne begreifen zu wollen, dass der elektrische Impuls, der durch nur
einen einzigen falschen Knopfdruck ausgelöst wurde, schon längst die Mühen
vieler Stunden und Tage zunichte gemacht hatte.
Ein Jahr später begann es an jener
Fachhochschule in Den Haag, an der Sebastian unterrichtete, zu kriseln. Mit
einem Male gingen die Studentenzahlen im Fach Deutsch drastisch zurück. Einige
Monate später, im September, zu Anfang des Wintersemesters, hatte Sebastian nur
noch zehn Unterrichtsstunden je Woche; Tendenz sinkend! Er sah sich schon als
Arbeitsloser durchs Leben gehen. Der Gedanke daran war ihm unerträglich. In
Holland gab es, wie in fast allen europäischen Ländern, einen gewaltigen
Lehrerüberschuss. Das Schwert von Damokles schwebte über ihm.
14. Kapitel
Der Engel war sich Sebastians
miserabler Lage bewusst und schickte ihn deswegen auf eine Pilgerreise nach
Südfrankreich, damit er dort die Verhältnismäßigkeit so mancher Dinge einsehe.
Darüber hinaus sollte er in seinem Glauben gestärkt und seiner Frömmigkeit
gefestigt werden.
Zunächst plante Sebastian, der
jetzt wöchentlich nur noch zehn Stunden als Dozent arbeitete, eine Wallfahrt,
um seine Religiosität neu zu beleben. Außerdem war er der Meinung, dass ihm
eine solche Reise Erleichterung bringe, damit er seine schlechten beruflichen
Aussichten besser ertrage. Ihm und Maurits, der ihn begleiten sollte, standen
zehn Tage zur Verfügung und der Zielort war Lourdes, am Rande der Pyrenäen.
Eine Pilgerfahrt neuen Stils sollte es werden. Man ging also nicht mehr zu Fuß,
dazu hätte die Zeit nicht gereicht, sondern bediente sich der modernen
öffentlichen Verkehrsmittel. Ab und zu hörte man, dass es immer noch Menschen
gäbe, die per pedes apostolorum nach Rom oder Santiago de Compostella
pilgerten. Aber schon der Gedanke an eine solche Wanderung, die sich über
Monate hinziehen würde, stimmte Sebastian missmutig. Außerdem hätte er dann
alleine ziehen müssen, denn Maurits liebte seinen Job bei der Bank und dort gab
es nur eine begrenzte Anzahl von Urlaubstagen. Die Pilgerfahrt sollte über
Paris, Bordeaux und Biarritz nach Lourdes, dem Wallfahrtsziel, führen. Zurück
hatte Sebastian die Route über Carcassonne und Avignon gewählt.
Im Herbst brachen sie dann
tatsächlich auf, um in diesen Ort zu reisen, wo Anno Domini MDCCCLVIII, zum
ersten Mal, die Mutter Maria diesem Bauernmädchen in einer Grotte erschienen
war. Sebastian war auch ein Bauernkind gewesen und konnte sich sehr wohl vorstellen,
dass auf so einem Hof, zwischen duftendem Heu und knisterndem Stroh, im
dornigen Gebüsch oder auf den Wiesen mit den wilden Blumen in den schönsten
Farben, eine Erscheinung stattgefunden haben könnte. Schließlich hatten
Sebastian und Maria in jenen fernen Tagen, in den fünfziger Jahren, auch ihren
König und ihre Offenbarungen gehabt, die vom Engel vorbestimmt waren.
Die beiden nahmen den Zug nach
Amsterdam und dort das Flugzeug nach Roissy‑en‑France. Sebastian
erinnerte sich wieder an Kiyoko, deren Charakterzüge die des bedachtsamen
Maurits' so ähnlich waren. In Paris blieben sie zwei Tage. Den Eiffelturm
betrachtete Sebastian aus der Ferne nur. Seit jenem denkwürdigen Tag im Herbst,
vor fast vierundzwanzig Jahren, hatte er diesen stählernen Giganten nie wieder
bestiegen. Den Parisern war er Wahrzeichen und Sebastian überdimensionales
Mahnmal.
Erneut stattete er dem Louvre einen
Besuch ab und wieder stand er vor der ihm so vertrauten, schon fast fünfhundert
Jahre lang geheimnisvoll vor sich hin lächelnden Mona Lisa. Des weiteren
besichtigten Sebastian und Maurits diesmal auch die Basilika Notre‑Dame.
Diese beeindruckende Kathedrale auf der Ile de la Cité, die schon seit beinahe
tausend Jahren, wie ein Fels in der Brandung, Paris beschützte und seinen
Bewohnern immer wieder neue Hoffnung gab. Die Erwartung stieg in Sebastian. Vom
Gare de Montparnasse nahm man den TGV nach Bordeaux. Zum ersten Mal saß
Sebastian in solch einem modernen Zug. Äußerst komfortabel war die Reise. In
etwa drei Stunden erreichten sie Bordeaux, diese rötliche Stadt, bei der man
immerfort nur an Wein denken musste. Die mächtigen Brücken über die Garonne
bewunderten sie. Die Stadt wirkte ruhig und behäbig, genauso wie der Fluss, an
dem sie lag. Von Bordeaux ging die Reise weiter nach Biarritz, dem alten
Touristenzentrum am Atlantik. Dort sahen sie die stürmisch-aufgewühlte See.
Dieses aufschäumende Wasser und die salzige Luft ließen Sebastian erschaudern.
Dermaßen hügelig war die Stadt, dass man fortwährend das Gefühl hatte, einen
Berg zu erklimmen. Außerdem hatte sie etwas Aufpeitschendes, das durch die
wilde Kraft des Meeres noch unterstützt und verstärkt wurde.
Von Biarritz ging es weiter nach
Lourdes, dem Ziel dieser Pilgerreise. Am späten Vormittag des sechsten
Reisetages erreichte der Zug die Stadt Lourdes, am Fuße der Pyrenäen. Der
Wallfahrtsort selbst lag im Tal, an einem Fluss. Am Berghang befand sich der
Bahnhof. Vom Zug aus konnte man schon, inmitten der Wiesen und Wälder, den
spitzen Turm der Basilika sehen. Ganz schwindlig, vor lauter Aufregung, wurde
dem sich nach Mystischem sehnenden Sebastian. An dem Ort war er jetzt, wo die
Muttergottes, vor über hundert Jahren, diesem Bauernmädchen mehr als ein
Dutzend Mal in einer Grotte in der Nähe des Baches, den man Gave de Pau nannte,
erschienen war.
Sebastian und Maurits gaben ihre
Rucksäcke in der Gepäckaufbewahrung ab und schritten hinunter ins Tal. Es war
kurz vor Mittag und schon sehr viele Pilger waren in der Stadt. Auf dem Weg zur
Grotte sahen sie eine große Anzahl von Andenkenläden mit allerlei religiösem
Kitsch. In allen Formaten gab es die Heilige Jungfrau. Für Sebastian war dies
aber nicht abschreckend, denn er hatte schließlich auch Bethlehem gesehen. Man
kam zum Eingang des großen Parks, in dessen Mitte die dreifach
übereinandergebauten Kirchen das Zentrum bildeten. Jetzt erst konnte er in
vollem Umfange die riesige Anzahl der Pilger wahrnehmen. Viele von ihnen waren
ältere Frauen und körperlich Behinderte. Die Sensation steigerte sich, als er
mit Maurits durch den Park schritt. Als er dann die Treppen zur Oberkirche
hinaufging, musste er vor lauter Erregung seine Tränen unterdrücken. Am Ziel
seiner Pilgerreise war er, umgeben von einer großen Menschenmenge, aus deren
Augen die Verklärtheit strahlte. Das Gefühl, endlich angekommen zu sein, war
überwältigend. Alles um ihn herum versank. Einen Klimax der Glückseligkeit,
einen religiösen Rausch, erlebte er, dort in Frankreich, am Rande der Pyrenäen.
Nachdem Sebastian sich wieder etwas
gefasst hatte, besuchte man noch schnell diese Grotte von Massabielle, die eher
wie ein Stück überhängender Fels aussah. Sebastian und Maurits machten sich
wieder auf den Rückweg. In der Ferne hörten sie noch den Anfang des Ave‑Maria.
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen,
da Sebastian wieder etwas wohlwollender an seine Mutter zurückdenken konnte.
Dies alles geschah am sechsten Tag der Pilgerreise. Erschöpft war Sebastian.
Völlig ausgelaugt kam er sich vor. Jetzt konnte er sich besser in die
bäuerliche Jungfrau Bernadette hineinversetzen, die ja, achtzehnmal
hintereinander, in vollkommene Ekstase geraten war. Dass sie so früh gestorben
war, konnte Sebastian gut verstehen. An die Nacht seiner eigenen Ekstase, in
Amsterdam, dachte er zurück. Welche Kraft solch eine Trance erforderte, wusste
er nur allzu genau.
Mater intemerata, Sancta Virgo
virginum, ora pro nobis.
Man begab sich wieder langsamen
Schrittes hinauf zum Bahnhof von Lourdes. Unterwegs schaute Sebastian noch
einmal zurück in dieses grüne Tal, das so vielen Entrechteten, Leidenden,
Beladenen und Verzweifelten die verlorene Hoffnung wiedergegeben hatte. Einmal
würde auch Sebastian vielleicht nach Nevers, an die Ufer der Loire, in jenes
Kloster der Schwestern der Charité, reisen. Dort ruhte die arme, kleine,
heilige, schwindsüchtige und zigmal in Ekstase geratene Bernadette seit nunmehr
einhundertdreizehn Jahren; davon die letzten siebenundsiebzig in einem
gläsernen Sarg, wie das scheintote Schneewittchen im Märchen. Der heilige
Gildas erbarme sich ihrer.
Die beiden Freunde reisten weiter
nach Carcassonne. Die Altstadt auf dem Hügel, die das Aussehen einer stark
befestigten Burg hatte, wurde besichtigt. Am nächsten Tag fuhren sie nach
Avignon. Dort bewunderten sie den mächtigen Palast der Päpste, den diese vor
Jahrhunderten schon verlassen hatten. Vom Obergeschoss aus sah man die
gemächlich dahinfließende Rhône mit der verstümmelten Brücke, die nichts mehr
miteinander zu verbinden hatte. Seit dreihundertvierundzwanzig Jahren schon
fristete sie ihr unnützes Dasein als romantische Ruine, um den Touristen zu
verkünden, dass sie einmal die beiden Ufer verbunden hatte. Am darauffolgenden
Tag ging es im Eiltempo nach Paris und am zehnten Tag, mit dem Flieger, zurück
nach Amsterdam.
Sebastian musste wieder arbeiten
und pendelte zweimal wöchentlich zwischen Utrecht und Den Haag hin und her. Die
zehn Unterrichtsstunden lasteten ihn nicht aus.
Der Engel, der die fast ausweglose
Situation seines Schützlings ganz genau beobachtete, war inzwischen zu dem
weisen Entschluss gekommen, eine eingreifende Veränderung herbeizuführen. Auf
Grund dessen schickte er Sebastian auf eine Weltreise, damit dieser auf andere
Gedanken komme. Wenigstens einmal nur solle es ihm vergönnt sein, diesen blauen
Planeten in seiner vollen Pracht an sich vorüberziehen zu sehen. Dies solle ihm
zuteil werden, auf dass die drohende Arbeitslosigkeit, die sein Schützling
selbst schon schwach erahnte, etwas erträglicher werde.
In jenen Tagen grübelte Sebastian
immer häufiger über seine verzwickte Lage. Beruflich war er weit unterfordert
und er dachte darüber nach, wie er seine Freizeit sinnvoll gestalten könne.
Manchmal stellte er sich vor, wie es wäre, wenn man auf einer Südsee‑Insel
leben würde. Die abenteuerlichen Geschichten von James Cook kannte er. Vor mehr
als zweihundert Jahren hatte dieser berühmte englische Kapitän schon Tahiti,
Neuseeland und Ostaustralien bereist, bis er dann, im Februar Anno Domini
MDCCLXXIX, auf der Insel Hawaii von Einheimischen erschlagen wurde.
Ende November stand Sebastians
Entschluss fest. Eine Weltrundreise sollte es sein. Immerfort nach Osten zu
reisen, um dann aus dem Westen her kommend wieder den Ausgangspunkt zu
erreichen, schien ihm eine grandiose Idee. Das Ende würde der Anfang sein; ein
fast utopischer Gedanke. Schon die bloße Vorstellung an diese Erdumrundung
machte ihn schwindlig.
Sebastian unterrichtete seinen
Gefährten Maurits über sein Vorhaben. Überrascht war dieser, stimmte aber, nach
anfänglichem Zögern, zu. Sebastian war bei den Vorbereitungen freie Hand
gelassen. In Sachen Reiseplanung hatte er ja schon relevante Erfahrungen
gesammelt. Nur Einschränkungen bei der Dauer und den Kosten der Reise machte
Maurits. Außerdem wollte er nicht nach Afrika, Japan, Russland und Indonesien.
Er war der Auffassung, dass es auf dem schwarzen Kontinent zu viele Bettler
gäbe. Das fernöstliche Nippon wollte er, wegen der Sprache, nicht besuchen. Das
ehemalige Zarenreich käme nicht in Betracht, weil dieses Land sich noch immer
im Umbruch befände. Die smaragdgrünen Sundainseln schließlich fielen weg, weil
die Mutter von Maurits dort während des Zweiten Weltkrieges mehr als drei Jahre
in einem japanischen Konzentrationslager auf Java interniert war. Die
Reisedauer sollte vier Wochen und die Gesamtkosten den Betrag von
vierzehntausendvierhundert Gulden nicht überschreiten. Voller Vorfreude machte
sich Sebastian an die Arbeit. Die drohende Arbeitslosigkeit vergaß er. Nach
vielen Briefen und Telefonaten war dann im Frühling, Sebastian war just
dreiundvierzig geworden, alles geregelt. Die Hotels und YMCAs hatte Sebastian
selbst gebucht. Ein Londoner Reisebüro hatte er für die Flugtickets
eingeschaltet, weil es dort billiger als in Holland war. Kalendermäßig betrug
die Reisedauer dreiundzwanzig und tatsächlich vierundzwanzig Tage. Auf
zwölftausendsechshundert Gulden beliefen sich letztlich die Gesamtkosten.
Maurits war einverstanden. Für den neunundzwanzigsten Juni war der Reiseanfang
geplant. Einige Wochen zuvor wurde Sebastian arbeitslos, was er eigentlich
schon erahnt hatte. Trotzdem traf es ihn hart. Dreiundvierzig war er jetzt und
ohne Job. Maurits tröstete den verzweifelten Sebastian.
Der Engel schaute zu und wusste,
dass die Weltreise seinen Schützling ablenken würde.
In das Heer der Arbeitslosen, das
Europa schon seit Jahren überflutete, reihte sich Sebastian also ein. Die
Perspektivlosigkeit, die durch die stetig steigende Quote der Erwerbslosen nur
noch verstärkt wurde, machte ihn depressiv. Aber der Gedanke an die bereits
fertig geplante Weltreise richtete ihn wieder auf.
Am Morgen des neunundzwanzigsten
Juni begaben sich Sebastian und Maurits, der verträgliche und so
verständnisvolle, mit ihren Rucksäcken bepackt zum Flughafen Schiphol. Jetzt,
auf dem Weg in die Ferne, zu diesen exotischen Orten, von denen er als Kind
immer schon geträumt hatte, überkam Sebastian der Wunsch, seinem Gefährten
Maurits ewige Treue zu schwören. Aber er tat es nicht, wusste der doch um den
leeren Wahn dieser Worte. Es war ein zu schönes Klischee, als dass es jemals
Wahrheit werden könnte. Nur im Rausch oder in Märchen und Liedern hatte es
seine Daseinsberechtigung. Dann durfte man sich an diesen Schwüren der
immerwährenden Treue ergötzen, genauso wie das vertrauensselige Ännchen aus
Tharau es getan hatte, von dem Sebastians Mutter einst sang.
In einer euphorischen Stimmung
verkehrte Sebastian. Ein Gefühl fast grenzenloser Freiheit bemächtigte sich
seiner. Über weite Ozeane und unbekannte Länder würde er schweben und die ganze
Welt in ihrer Schönheit sehen.
Mit einer BA‑Maschine ging es
nach Heathrow. Dort stieg man um. Am folgenden Morgen landete ihr Flugzeug,
nach dreizehnstündigem Flug, in Hongkong. Fürchterlich warm, feucht und schwül
war es in dieser brausenden Stadt am südchinesischen Meer. Hier, am Rande der Tropen,
lagen die Temperaturen bei dreißig Grad. Nach wenigen Minuten schon triefte
Sebastian der Schweiß von der Stirn. Ebenso erging es Maurits. Das Wasser drang
aus allen Poren. Sebastian empfand dieses Schwitzen als wohltuend und
reinigend. Dass es ihn befreite und erleichterte, spürte er. So manches, was
ihn in den letzten Wochen bedrückt hatte, wurde aus ihm herausgeschwemmt und
stieg als Dampf in den wolkenschwangeren asiatischen Himmel.
In Mongkok, einem Stadtviertel im
unmittelbaren Einzugsbereich der "Goldenen Meile", dieser Straße des
Überflusses, trafen beide am frühen Nachmittag ein. In diesem dichtbevölkerten
Stadtteil, der den Anschein erweckte, schon zu überfüllt zu sein, als dass er
auch nur einen einzigen Menschen zusätzlich aufnehmen könne, befand sich das
gebuchte Hotel. Ein kleines Zimmer mit Klimaanlage bekamen sie zugewiesen. Das
Thermostat, das man nicht selbst regeln konnte, war viel zu kalt eingestellt.
Aber als kleinen Luxus gab es ein winziges Badezimmer, was diese kleine
Unzulänglichkeit wieder wettmachte. Sebastian befand sich jetzt im Reich der
Mitte und eine nicht perfekt funktionierende Air-conditioning konnte seiner
Freude darüber keinen Abbruch tun. Schon der bloße Gedanke daran, so weit weg
von Holland zu sein, berauschte seine Sinne.
Englisch, obwohl auch eine
offizielle Landessprache, wurde von den meisten Hongkong‑Chinesen nur
mäßig gesprochen, wodurch es zuweilen zu Verständigungsschwierigkeiten kam. In
dieser Millionenstadt war immer alles überfüllt. Gehsteige dienten als
Vergrößerung der Werkstatt. Überall wurde geklopft und gehämmert oder irgend
etwas verkauft. Das Mobiltelefon, dieser netzunabhängige Funkfernsprecher
namens Handy, gehörte genauso zum Straßenbild wie die enormen Leuchtreklamen,
die diese Metropole abends in gleißendes Licht tauchten, auf dass sie wie ein
gigantischer Diamant in der fernöstlichen Nacht erstrahle.
Die öffentlichen Verkehrsmittel,
wie U‑Bahnen, Züge und Busse funktionierten sehr effizient. Ein Vergleich
mit London drängte sich unwillkürlich auf. Dort hatte Sebastian vor vielen
Jahren zum ersten Mal eine U‑Bahn gesehen und war davon begeistert. Hier
in Hongkong hatte er das Gefühl, dass dieses unterirdische Beförderungsmittel
fast eine Kopie der Londoner "Tube" war. Wegen der Masse der
Fahrgäste aber waren mehr Stehplätze vorhanden und gab es keine Trennwände
zwischen den einzelnen Wagen. Wie ein versilberter Lindwurm schlängelte sich
dieses schnelle Gefährt geräuschlos durch das Erdreich.
Am zweiten Tag ihres Aufenthaltes
fuhren die beiden von Mongkok mit dieser U‑Bahn zur Insel Hongkong. Dort
gab es vor allem die modernen und oft architektonisch sehr schönen Bankgebäude.
Mit der "Peak Tram" fuhr man hinauf auf den Victoria‑Gipfel.
Eine wunderschöne Aussicht auf Kaulun bot sich ihnen dar. Nachmittags begaben
sie sich mit dem Bus über die grünen Hügel zur Repulse Bay. Dort am Strand
zogen sie sich aus und schwammen im Meer. Die Abkühlung, die das Wasser ihnen
verschaffte, war zwar nur gering, aber doch sehr angenehm. Touristen gab es
fast überhaupt keine und schon gar keine Chinesen, denn die arbeiteten immer
und gönnten sich keine Freizeit. Vor der Küste lagen einige kleine bewaldete
Inseln.
Sie fuhren am dritten Tag mit dem
Zug nach Sha Tin. Auf einem Berg befand sich dort das Kloster der zehntausend
Buddhas. Über einen schmalen Pfad gelangte man, über Treppen, dorthin. In einem
großen, hallenartigen Steingebäude befanden sich an den fensterlosen Wänden
Dutzende von Regalen voller dickbäuchiger Buddhas in allen Formaten. Kleine,
mittlere und riesige Stein‑, Ton‑ und Porzellanfiguren konnte man
bewundern. Die meisten Figuren waren bunt bemalt. Manche aber waren auch
gänzlich weiß. Draußen, auf dem Vorplatz, gab es diese kolossalen Buddhas, die
mehr als vier Meter hoch waren. Eine Devise im buddhistischen Kult lautete: je
mehr, desto besser. Ob es wirklich zehntausend Statuen waren, konnte Sebastian
nicht feststellen. Das war eigentlich auch unwichtig, denn die Reinkarnation,
die mit dem Buddhismus untrennbar verbunden war und von der er einst im Kolleg
in Neuss soviel gehört hatte, war eine wunderbare Lehre, an die es sich zu
glauben lohnte. Man wurde fast unendlich oft wiedergeboren, bis man das
Nirwana, die vollkommene Übereinstimmung mit der Natur und die absolute Ruhe,
erreichte. Bei diesem Gedanken war die Vorstellung vom Tod einer Einzelperson
nicht mehr etwas Beängstigendes und Furchterregendes, sondern eine
ungeheuerliche Erleichterung und große Befreiung, da man noch unzählige Male
eine neue Chance bekommen würde, sein Leben derart zu gestalten, dass es im
Einklang mit einem selbst war. Wahrscheinlich deswegen gab es die vielen
figürlichen Abbildungen von Buddha, der den Menschen diese große Hoffnung gab.
Am Nachmittag machten Sebastian und
Maurits einen Trip mit der berühmten, doppelstöckigen Straßenbahn. Dieses
ratternde, liebenswerte, anachronistische Ungetüm überquerte die gesamte Insel
Hongkong innerhalb von sechzig Minuten. Mitunter fiel Sebastian in Schlaf, da
die Monotonie des Fahrens ihn ermüdete.
Am Abreisetag fuhren sie zum
Flughafen Kai‑Tak, der sich im Zentrum von Hongkong oder genauer gesagt
am Hafen von Kaulun befand, das eigentlich zum chinesischen Festland gehörte.
Sebastian dachte an die Zukunft von
Hongkong. In achtundvierzig Monaten würde diese fernöstliche Metropole wieder
an China fallen. Der Pachtvertrag der Briten wäre dann ausgelaufen. Hoffentlich
würde diese Kronkolonie der Engländer so bleiben, wie Sebastian und Maurits sie
erleben durften. Die beiden hatten diese wunderbare, leuchtende und glitzernde
Stadt mit ihrem Übermaß an Neonlichtern als eine Weltmetropole erfahren, in der
man sich sicher fühlte. Überaus diszipliniert waren die Menschen und wie
Chinesen eben sind sehr sachlich. Dass das höfliche, chinesische Lächeln in
keiner Weise mit demjenigen der Pariser Mona Lisa vergleichbar war, konnte
Sebastian jetzt ohne weiteres feststellen.
Über Bangkok, diese Stadt der
Engel, die ihnen lediglich als Ort des Umsteigens diente, flog man nach
Australien. Am frühen Morgen des vierten Juli kamen Sebastian und Maurits,
völlig erschöpft, auf dem Kingsford Smith Airport an.
In Sydney war es Winter. Das
Thermometer zeigte zehn Grad. Kahl waren die Laubbäume. Die Sonne schien blass
und es war unbewölkt. Dieser Temperaturumschwung war eine willkommene
Abwechslung.
Das Hotel, in dem sie abstiegen,
war eine Art Jugendherberge, aber anstelle der sonst üblichen kasernenmäßigen
Schlafsäle waren Einzel‑ und Doppelzimmer vorhanden. Die Atmosphäre in
Sydney, dieser größten und ältesten australischen Stadt, empfand Sebastian als
angenehm. Außergewöhnlich schöne Parks mit prächtigen, alten Bäumen sah er.
Tagsüber erwärmte sich die Luft doch noch auf fünfzehn Grad.
Sebastian und sein Begleiter waren
am anderen Ende der Welt. Schon der bloße Gedanke daran, war eine unglaubliche
Sensation!
An ihrem zweiten Tag in Sydney
gingen sie zu Fuß nach Darling Harbour zum Frühstücken. Dort gab es
Restaurants, Snackbars und Imbissstuben in Hülle und Fülle. Schier
unerschöpflich war die Auswahl an Essenswaren und die Bedienung die
Freundlichkeit selbst. Im Laufe des Nachmittags bedeckten jetzt graue Wolken
den ostaustralischen Himmel.
Mit dem Vorortzug fuhren sie, am
dritten Tag, nach Parramatta und der Regen setzte ein. In Parramatta wollten
Sebastian und Maurits noch soviel besichtigen, aber leider fiel alles
buchstäblich ins Wasser.
Am darauffolgenden Tag war es wieder trocken. Man besichtigte die Elisabeth‑Bai mit dem nostalgischen "Elizabeth Bay House". Als Museum diente es jetzt. Dieses bemerkenswerte Gebäude aus der britischen Kolonialzeit hatte eine ovale Form und war aus Stein. Von hier hatte man eine wunderschöne Aussicht über die Bucht. Abends schauten sie sich Lloyd Webbers Pop‑Oratorium "Joseph and the amazing technicolor dreamcoat" an. In diesem Musical, das vor über zwanzig entstanden war, wurde die biblische Geschichte von Joseph in Ägypten besungen. Das alte Testament wurde wieder zu neuem, strahlendem Leben erweckt. Joseph, der standhafte Sohn Jakobs, musste auf Grund seiner Träume viel Leid über sich ergehen lassen. Erst wurde er von seinen Brüdern verkauft und dann in Ägypten, wegen seines Sex‑Appeal, von Potiphars Frau falscher Beschuldigungen ausgesetzt und deswegen in den Kerker geworfen. Joseph aber begehrte nicht auf, sondern